Wirtschaft: Lehrer müssen Schüler besser auf die digitale Revolution vorbereiten

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BERLIN. Spitzenverbände der Wirtschaft sehen die Arbeitswelt in Deutschland angesichts des digitalen Wandels in einem grundlegenden Umbruch. «Wir sind mitten in einer industriellen Revolution», sagte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer im Gespräch. «Das ist aber nicht die erste, die wir hatten. Und jede industrielle Revolution von der Erfindung der Dampfkraft bis zur Einführung der Computer hat hinterher mehr Arbeitsplätze geschaffen als vorher existierten.» Allerdings sieht die Wirtschaft die Schulen in der Pflicht, den Nachwuchs besser auf die Digitalisierung vorzubereiten.

Lernen am Computer? In Deutschlands Schulen immer noch ein seltenes Bild. Foto: shutterstock
Lernen am Computer? In Deutschlands Schulen immer noch ein seltenes Bild. Foto: shutterstock

Nicht jeder Arbeitsplatz werde identisch bleiben, so Kramer. «Auch das ist nichts Neues. Aber Berufe wandeln sich heute schneller als früher. Wir müssen Mitarbeiter dafür gezielt weiterbilden. Die Betriebe wissen sehr genau, welche Qualifikationen gebraucht werden und investieren auch massiv in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter.»

Nicht alle Schüler müssen programmieren lernen – aber…

Industriepräsident Dieter Kempf sagte im Gespräch, in Deutschland müsse endlich die digitale Bildung in Schulen vorangebracht werden. «Es ist aus meiner Sicht völlig unzureichend, dass es keine ausreichende digitale Bildung in den Sekundarstufen gibt. Das heißt nicht, dass alle programmieren können. Aber wir müssen die jungen Menschen zur digitalen Souveränität erziehen. Wir müssen die Lehrerinnen und Lehrer entsprechend qualifizieren.» Es könne nicht sein, dass das nur in jenen Schulen funktioniere, in denen es fähige und willige Physik- und Mathelehrer gebe.

Daneben gehe es ums Thema lebenslanges Lernen – also die Flexibilität, sich weiterzubilden. «Berufsbilder ändern sich. Wir müssen die Menschen in die Lage versetzen, diese Veränderungen mitmachen zu können», sagte Kempf. «Das ist eine politische, aber auch eine unternehmerische Aufgabe.»

Nur ein verschwindend geringer Anteil der Schüler in Deutschland kann richtig gut mit Computern umgehen, viele haben nur Grundkenntnisse. Dies hat die neue ICIL-Studie unlängst bestätigt (News4teachers berichtete). Für die Studie waren mehr als 3500 Schülerinnen und Schüler der achten Klassen in allen Bundesländern an Computern getestet worden. Zudem wurden fast 2500 Lehrer befragt, die Achtklässler unterrichten. Die Schüler mussten zum Beispiel Bilder bearbeiten, Präsentationen und Grafiken erstellen, simulierte Internetrecherchen durchführen oder sich in komplexeren Computersimulationen zurechtfinden, in denen es um die Steuerung einer Drohne oder eines Schulbusses ging.

Ein Drittel der Schüler scheiter an komplexeren digitalen Aufgaben

Deutlich wurde dabei, dass jeder dritte deutsche Schüler gerade mal über «rudimentäre» Computerkenntnisse verfügt. Das bedeutet, dass er zum Beispiel einen Link in einer E-Mail öffnen oder ein Wort in einem Textverarbeitungsprogramm einfügen oder korrigieren konnte, an komplexeren Aufgaben aber scheiterte. Die höchste Kompetenzstufe im Umgang mit Computern erreichten nur 1,9 Prozent der Achtklässler.

Anderen Ländern gelinge es besser, diese Kompetenzen schulisch zu fördern, sagte die Leiterin der Studie, Birgit Eickelmann von der Universität Paderborn. Sie nannte es besorgniserregend, dass auch in diesem Bereich die soziale Herkunft großen Einfluss auf den Kompetenzstand habe. «Dass der Geldbeutel der Eltern entscheidet, ob man in der digitalen Welt mithalten kann oder nicht, ob man merkt, was im Internet Propaganda ist und was nicht – da hat man Sorge, was die Stabilität der Gesellschaft angeht», sagte sie bei der Vorstellung der Ergebnisse.

Axel Plünnecke, Bildungsexperte am Institut der deutschen Wirtschaft (IW), nannte die Ergebnisse aus wirtschaftlicher Sicht besorgniserregend und forderte ein Pflichtfach Informatik in der Schule. Die Unternehmen bräuchten dringend IT-Fachkräfte. News4teachers / mit Material der dpa

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Eine Leserin kommentiert auf der Facebook-Seite von News4teachers:

Daddeln und chatten: gut! Arbeiten und informieren: mangelhaft! Deutsche Schüler zeigen sich erneut nur mäßig digital kompetent

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6 KOMMENTARE

  1. Die beste Vorbereitung ist ein anständiger Mathematik -, Physik- bzw. Technik- und Englischunterricht. Das ist aber vor lauter Kompetenzen nicht mehr gewollt.

  2. Es fehlen übrigens Ärzte, besonders auf dem Land. Da müsste es doch ein Schulfach geben.

    Die ganzen IT-Fachkräfte heute haben das doch auch alles nicht in der Schule gelernt. Wenn es so wichtig ist, können diese doch in jeder Stadt ein paar Vereine gründen, wo sie die PC-Interessierten mit neuester Technik in Programmiersprachen unterrichten. Ich habe schon fachfremd Informatik unterrichtet. Meine Schüler haben genau das gelernt, was oben als unzureichend beschrieben ist. Und das war schon eine Menge für Kinder, die zu Hause keinen PC haben. Man sollte vielleicht hin und wieder auch mal hinsehen, was der Ist-Stand ist und was mit den vorhandenen Mitteln (zu Hause kein PC, in der Schule 1x pro Woche 45 Minuten Zugang zu einem PC) erreichbar ist.
    Wenn die Industrie mehr will, muss sie liefern. Das tun alle Sportarten/Musikvereine schon immer. Keine Schule bringt einen Top-Fußballer/Pianisten hervor, es wird nur rudimentär mit allen Könnensstufen gegen einen Ball getreten/Lieder geträllert, meistens werden dabei zumindest die Basics erlernt. IT soll in einer Einzelstunde pro Woche + “wir gucken heute in Deutsch mal eine DVD, DVDs sind Medien, das können wir unter Technikeinsatz verbuchen” – unterrichtet werden und daraus sollen Top-Fachkräfte erwachsen?

  3. Zunächst sollte sich die Wirtschaft selbst mal auf die digitale Revolution vorbereiten und auch definieren, was sie darunter versteht.

  4. Ich fordere von der Wirtschaft, dass sie ihre Bewerber besser auf Tauglichkeit testen und nicht bloß anhand des Schulabschlusses viele Schüler ausschließen. Hauptschüler haben doch gerade wenn überhaupt nur eine Chance, weil die Wirtschaft so brummt, ansonsten ansonsten würden die Damen und Herren der HR Abteilungen doch freiwillig einfach niemanden davon nehmen.

    • Bei 100 Bewerbern muss man irgendwelche Ausschlusskriterien ansetzen. Die Wirtschaft wollte doch selbst hohe Schulabschlüsse haben. Jetzt haben sie sie und beschweren sich erneut, dass die Bewerber nichts können. Durchs Raster fallen die niedrigsten Schulabschlüsse. Im Übrigen reicht heutzutage in vielen Fällen schon Fleiß, Ehrgeiz und Durchhaltevermögen um den mittleren Schulabschluss (Realschulabschluss) zu schaffen.

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