„Es fehlt an Zeit, an Fachkräften, an Ressourcen“: 3.000 Lehrer und Schulleiter unterzeichnen Appell für die Grundschulen

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STUTTGART. Ein grassierender Lehrermangel auf der einen Seite – wachsende pädagogische Herausforderungen auf der anderen: Die GEW in Baden-Württemberg sieht die Grundschulen auf dem „Abstellgleis“. Mit einem offenen Brief, bislang unterzeichnet von rund 3.000 Grundschullehrer und -leitern, macht die Gewerkschaft im Südwesten nun Druck auf die Politik. Macht die Aktion Schule in anderen Bundesländern?

Es reicht! Öffentlich fordern Grundschullehrer und -leiter nun, die Grundschule so auszustatten, dass sie ihre Aufgaben auch erfüllen kann. Illustration: Shutterstock

Aus Sorge um die Grundschule haben rund 3.000 Lehrer und Schulleiter einen Appell an die Politik unterzeichnet. Sie fordern eine Besserstellung der Schulart und etwa zusätzliche Stellen für die Sprachförderung, für Vertretungen im Krankheitsfall und für die Einbeziehung behinderter Kinder in den Schulunterricht (Inklusion). Die Initiatoren und die Gewerkschaft GEW übergaben die Unterschriften am Montag in Stuttgart an die Bildungsexperten der Landtagsfraktionen von Grünen, CDU, SPD und FDP. Im März sollen sie auch an Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) überreicht werden.

„Sorgen um die Lehrergesundheit“

Eine der Initiatoren der Unterschriftenaktion, Schulleiter Dorothea Vollmer aus Salem-Neufrach, sagte: «Wir machen uns allergrößte Sorgen – sowohl um die schulische Qualität, als auch um die Lehrergesundheit.» Mitinitiatorin Sonja Fahlenbock, Schulleiterin in Salem-Beuren, sagte: «Wir wünschen uns, dass die Attraktivität des Berufes wieder steigt.» Sie finde es sehr schade, wenn sie erlebe, wie ihr Lehrerkollegium an seine Grenzen komme. Die GEW sieht die Grundschule bei der Ressourcenausstattung auf dem «Abstellgleis». Nach GEW-Angaben unterzeichneten etwa 30 Prozent der Schulleiter und etwa 15 Prozent der Lehrer an den Grundschulen den Appell.

Das Kultusministerium bezifferte die Zahl der nicht besetzten Stellen an den Grundschulen zum Schuljahresbeginn 2019/20 auf 340. Es führte die Lage auf Planungsfehler der Politik aus der Vergangenheit zurück. So seien die Ausbildungskapazitäten an den Pädagogischen Hochschulen massiv zurückgefahren und erst unter Ministerin Eisenmann wieder hochgefahren worden. Eisenmann versucht unter anderem, ausgebildete Gymnasiallehrer für einen befristeten Zeitraum für den Unterricht an den Grundschulen zu gewinnen. Denn Gymnasiallehrer gibt es zu viele.

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Kritik an den Lehrmethoden

Allerdings kritisieren die Grundschullehrkräfte nicht nur den Lehrermangel – sie fühlen sich und ihre Arbeit auch zu wenig wertgeschätzt. Das hat in Baden-Württemberg besondere Gründe: Nachdem die Viertklässler beim IQB-Vergleichstest 2017 in ihren Leistungen abgestürzt waren, hatte Eisenmann die Grundschulen massiv kritisiert. „Es nützt nichts, einfach mehr Geld in die Schulen zu stecken. Viel hilft nicht immer viel“, erklärte sie damals – und richtete den Blick auf die Lehrmethoden. „Welcher Lehrer unterrichtet wie? Und was? Und mit welchem Erfolg?“

Schon zuvor, nach ebenfalls schlechten Ergebnissen bei den Vergleichsarbeiten VERA, hatte sie Grundschullehrern die Methode „Lesen durch Schreiben“ verboten. Die ständige Kritik der Ministerin an den Grundschullehrkräften sei kontraproduktiv, meinte die GEW seinerzeit. Hilfreich wären bessere Arbeitsbedingungen.

Eisenmann kanzelte die GEW ab

Den Vorwurf, die Grundschule würden vernachlässigt, wies die Ministerin nun zurück. «In den vergangenen drei Jahren haben wir an den Grundschulen viel bewegt, auch um den jahrelangen Stillstand in der letzten Legislaturperiode wieder aufzuholen.» Die Zukunft der Grundschulen liege ihr sehr am Herzen. Eisenmann, die auch Spitzenkandidatin der CDU für die Landtagswahl 2021 ist, verwies zum Beispiel darauf, dass die Besoldung der Schulleiter schrittweise erhöht werde. Eine finanzielle Gleichstellung von Grundschullehrern mit ihren Kollegen am Gymnasium lehnt Eisenmann hingegen ab („Nicht gerechtfertigt“, News4teachers berichtete).

Noch im November hatte sie auch die damals schon laut werdende Kritk der Gewerkschaft abgetan. «Der GEW geht es nur darum, schlechte Stimmung zu verbreiten», sagte sie (News4teachers berichtete). News4teachers / mit Material der dpa

Der offene Brief im Wortlaut

„Sehr geehrte Frau Ministerin Dr. Eisenmann,

bei der Schulleitungstagung 2019 der GEW forderten Sie die Schulleitungen auf, sich mit ihren Anliegen an Sie zu wenden. Das greifen wir gerne auf.

Mit größter Sorge betrachten wir die aktuelle Situation der Grundschulen und die Maßnahmen des Kultusministeriums und der Landesregierung. Die Ausstattung der Grundschulen steht in allen Bereichen in klarem Widerspruch zu ihren Aufgaben – und das obwohl gerade die Grundschule die besten Chancen in der schulischen Laufbahn bietet, die Entwicklung jedes Kindes nachhaltig zu fördern. Wir wollen, dass die Grundschule ihren Beitrag zur Entkopplung der Bildungschancen von der sozialen Herkunft leisten kann.

In den vergangenen Jahren haben die Grundschulen die zunehmenden Belastungen und Arbeitsverdichtungen ausgehalten. Inzwischen hat sich die Stimmung an den Schulen massiv verschlechtert. Wir machen uns große Sorgen um die schulische Qualität und um die Lehrergesundheit.

  1. Die Herausforderungen sind gestiegen

Die gesellschaftlichen und politischen Erwartungen an die Grundschulen steigen, die Unterstützung nimmt ab. Die Kinder brauchen immer mehr Hilfe, Rückmeldung und Zuwendung. Notwendige Voraussetzungen, wie z.B. Konzentrationsfähigkeit, Arbeitshaltung und Selbstorganisation bringen Kinder vielfach nicht mehr mit. Die Zahl der Kinder mit auffälligem Verhalten, physischen und psychischen Erkrankungen, erhöhtem Förder- und Entwicklungsbedarf nimmt in allen Bereichen stetig zu.

Für alle diese Aufgaben fehlt es an Zeit, an Fachkräften, an entsprechender Weiterbildung sowie an den notwendigen Ressourcen. Lehrer/innen brauchen mehr Zeit. Die Grundschulen brauchen Schulsozialarbeit und weitere professionelle Unterstützung. Sprache ist der Schlüssel für Integration und Teilhabe. Die Zahl der Kinder ohne oder mit nur geringen Deutschkenntnissen ist enorm gestiegen – durch Zuwanderung, Flüchtlinge und auch hier aufgewachsene benachteiligte Kinder. Die 4. Klassen der Grundschulen Baden-Württembergs haben mit 44,3 Prozent den höchsten Anteil von Schüler/innen mit Zuwanderungshintergrund unter den Flächenländern. Die Stunden für Vorbereitungsklassen wurden 2017/18 von 18 auf 12 Stunden gekürzt. Beim Ausfall von Lehrkräften muss Sprachförderung leider nachrangig behandelt werden.

Wir brauchen mehr Stunden für Vorbereitungsklassen und weitere Sprachfördermaßnahmen. Die inklusive Grundschule ist unter den derzeitigen Bedingungen nur unbefriedigend umsetzbar. Vielfach gibt es nur ein bis zwei Stunden sonderpädagogische Unterstützung je Schüler/in. Inklusive Bildungsangebote brauchen das Zwei-Pädagogen-Prinzip. In der Verlässlichen Grundschule soll möglichst kein Unterricht ausfallen. Das ist in Anbetracht des Lehrermangels kaum haltbar und führt zu einer erhöhten Belastung für Lehrkräfte und Schulleitungen. Unterrichtsqualität und der Schulbetrieb leiden. Wir brauchen eine feste Vertretungsreserve, die dem stattfindenden Ausfall entspricht. Grundschulen mit einem hohen Anteil benachteiligter Schüler/innen können die Anforderungen des Bildungsplans kaum umsetzen. Diese Schulen sind für Lehrkräfte unattraktiv.

Besondere Herausforderungen von Grundschulen sollen entsprechend berücksichtigt werden. Immer weniger Schüler/innen nehmen am konfessionellen Religionsunterricht teil. An Grundschulen muss Ethikunterricht zur Werteerziehung und -orientierung eingeführt werden. Schulgebäude und Lernumgebung müssen den pädagogischen Erfordernissen entsprechen. Die räumliche und sächliche Ausstattung muss verbessert werden.

  1. Unterrichtsversorgung und Lehrkräftebedarf sichern

Die Grundschule erhält als einzige Schulart keine Poolstunden über die Direktzuweisung (weiter-führende Schularten 10 bis 20 Stunden). Der Ergänzungsbereich für musisch-kulturelle Bildung, Dyskalkulie, LRS und Begabtenförderung ist weggeschrumpft. Es gibt keine Stunden für Kinder, die nicht in den Religionsunterricht gehen. Sie werden auf andere Klassen verteilt oder irgendwo beaufsichtigt. Auch die Grundschulen brauchen einen verlässlich festgelegten Stundenpool. Grundschulen brauchen qualifizierte und mehr Lehrkräfte.

3. Schulleitung stärken

Das Aufgabenfeld der Schulleitungen wird qualitativ und quantitativ immer umfangreicher. Dem wird weder durch erhöhte Leitungszeit noch durch eine klar festgelegte Ausstattung mit Sekretariatskapazität und auch nicht durch eine angemessene Besoldung Rechnung getragen. Einen Großteil der Zeit nehmen die Verwaltungsaufgaben in Anspruch. Darunter leidet die Personal- und Schulentwicklung. Viele Grundschulrektor/innen verdienen weniger als Lehrkräfte anderer Schularten ohne Führungspositionen. Grundschulrektor/innen brauchen mehr Leitungszeit und eine angemessene Besoldung.

  1. Attraktivität des Berufs steigern

Grundschullehrkräfte und ihre Arbeit müssen in der Politik und in der Gesellschaft mehr Wertschätzung und dadurch eine Aufwertung erfahren. Die Arbeit an Grundschulen ist nicht gleich, aber gleichwertig mit der Arbeit an anderen Schularten. Das Lehramtsstudium Primarstufe muss dem der Sekundarstufe gleichgestellt werden. Die Arbeit muss auch in der Besoldung mit der Sekundarstufe gleichgestellt werden. Die Deputate müssen gesenkt, die Klassen kleiner werden.

Grundschulrektorinnen und Grundschulrektoren erwarten von der Kultusministerin:

  • Vertrauen statt Verbote!
  • Unterstützung statt Kontrolle!
  • Entwicklung statt Regression!
  • Flexibilität statt enger Vorgaben!
  • Wertschätzung statt Vorwürfe!“

Hier lässt sich der offene Brief unterzeichnen. 

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