Abiturprüfungen mit 1,50 Meter Abstand – und viel Aufwand für Reinigung und Desinfektion

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BERLIN. In Deutschland war es schon lange nicht mehr so schwierig wie im Corona-Jahr 2020, das Abitur abzulegen. Dabei geht es gar nicht um die Aufgaben selbst, sondern die Rahmenbedingungen. Dennoch wurde es für die Abiturienten in Berlin und Brandenburg nun zum ersten Mal ernst: Die Auftaktklausuren standen an. Morgen startet der Prüfungsreigen in Hamburg.

Die Prüfungen fanden unter großem Druck statt. Foto: shutterstock

1,50 Meter Mindestabstand, maximal acht Schüler pro Raum, viel Aufwand für Reinigung und Desinfektion: Unter bislang nie dagewesenen Umständen wegen der Corona-Krise haben in Berlin am Montag die Abiturprüfungen begonnen. Den Anfang machten die Latein-Klausuren. Je nach Schule wurden teils aber auch schon andere Fächer geprüft. Die schriftlichen Tests dauern bis Mitte Mai, dann folgen die mündlichen Prüfungen.

Nach fünf Wochen Schließung waren die 14.600 Abiturienten die ersten Berliner Schüler, die in dieser Woche in ihre Schulen zurückkehrten. Die Abiturprüfungen werden in etwa 150 staatlichen Schulen und einigen weiteren Einrichtungen freier Träger abgehalten. Um eine Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus zu minimieren, müssen sich alle Beteiligten an zahlreiche Abstands- und Hygieneregeln halten. So gilt schon auf dem Weg in die Prüfungsräume wie auch in den Räumen selbst ein Mindestabstand von 1,50 Meter.

Schülerrat forderte Abitur ohne Abschlussprüfungen

Auf dem Schulhof des Rheingau-Gymnasiums in Friedenau etwa waren mit Farbspray in gebührendem Abstand Plätze für ankommende und wartende Schüler markiert. Am Eingang zum Gebäude wurde ein Spender für Desinfektionsmittel angebracht. Nach Beobachtungen eines dpa-Reporters verhielten sich die Schüler diszipliniert. Auch andere Schulen verteilen Gruppen von Prüflingen auf mehrere Zimmer und räumten dort Stühle und Tische um, um den Mindestabstand sicherzustellen. Manche Schulen wie das Eckener-Gymnasium in Tempelhof nutzen in den kommenden Tagen und Wochen auch Aula oder Turnhalle für die Abiturprüfungen. Türklinken und Garderobenhaken wollten die Schulen ebenso regelmäßig reinigen und desinfizieren wie Tische und Stühle.

Die Durchführung der Abi-Prüfungen in Berlin war zuletzt heftig umstritten. Der Landesschülerausschuss machte wochenlang Front und forderte ein Abi ohne Abschlusstests. Viele Schüler seien in der Corona-Krise verunsichert und hätten sich zu Hause nicht richtig vorbereiten können. Etliche hätten gesundheitliche Bedenken. «Vor diesem Hintergrund wollten sich einige Schüler für die Prüfungen krankmelden», sagte der Vorsitzende des Landesschülerrates, Miguel Gongora. Andere Schüler aus Risikogruppen, etwa solche mit Vorerkrankungen, hätten angekündigt, sich an ihre Schulleitung zu wenden, um Sondertermine für die Klausuren zu erbitten.

Gongora verwies zudem auf etwa 220 Schüler, die auf juristischem Wege gegen die Prüfungen vorgingen. Hier stünden noch Entscheidungen aus. Am vergangenen Freitag hatte das Verwaltungsgericht Berlin die Klage einer Schülerin abgewiesen und festgestellt, dass die Abiturprüfungen rechtens seien und mit den Abstands- und Hygieneauflagen auch durchgeführt werden könnten (News4teachers berichtete). Der Landeselternausschuss hatte sich ebenfalls kritisch zu den Prüfungen geäußert. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hatte dagegen wiederholt auf die Abstands- und Hygieneregeln verwiesen und unterstrichen, dass Berlin die Prüfungen nicht im Alleingang absagen könne. Im Sinne einer bundesweiten Anerkennung des Berliner Abiturs sei ein gemeinsames Vorgehen der Länder nötig, auf das sich die Kultusministerkonferenz verständigt hatte. Für Schüler aus Risikogruppen würden individuelle Lösungen gefunden.

Auch in Brandenburg ist das Abitur angelaufen

Auch die Abiturprüfungen in Brandenburg haben begonnen – trotz Corona-Krise. Den Anfang machten am Montag fast 2700 Schüler an 98 Schulen, die bei mindestens 1,50 Meter Abstand und unter strengen Hygieneregeln Arbeiten in Geografie, Geschichte und Politische Bildung schreiben sollten. Prüfungstermine in Fächern wie Kunst oder Gestaltungs- und Medientechnik legen die Schulen selbst fest. Am 5. Mai, dem letzten Haupttermin für die schriftliche Prüfung, steht Mathematik an. Nachschreibetermine sind bis in den Juni geplant – wer sich psychisch belastet oder krank fühlt, soll darauf ausweichen. Rund 85 Prozent der Schulen haben sich bei einer Umfrage dafür entscheiden, bei den Hauptterminen mitzumachen.

Der Brandenburgische Pädagogen-Verband hält den Start für einen Test für die weitere Öffnung der Schulen. «Es ist zu schaffen», sagte Präsident Hartmut Stäker. «Die Bedingungen waren klar.» Das versuchten die Schulen umzusetzen. Er verwies auf Mindestabstand und Händewaschen. An seiner Schule, dem Oberstufenzentrum Lübben, geht die erste Prüfung erst am Freitag los. Stäker hält es für richtig, dass die Schüler kein Abitur auf der Grundlage von Durchschnittsnoten ohne Prüfungen machen. Die Schüler, die ein solches Durchschnittsabitur machten, hätten ihr Leben lang «damit zu tun, dass sie ein Notabitur gemacht haben».

Schülerrat in Brandenburg für Prüfungen

Der Landesschülerrat Brandenburg zeigte sich «relativ glücklich», dass die Abiturprüfungen stattfinden. «Wir (…) wollten schon immer eigentlich den Schülerinnen und Schülern die Chance geben, diese Prüfungen schreiben zu können», sagte Sprecherin Nele Dreizehner im Radio eins vom RBB. «Allerdings können wir vollkommen verstehen, wenn sich Schülerinnen und Schüler für ein Durchschnittsabitur entschieden haben, was jetzt natürlich nicht umgesetzt werden kann.» Sie betonte: «Wir konnten nicht garantieren, dass jede Uni diesen 2020er-Jahrgang einfach so akzeptiert wie ein ganz normales Abitur.» dpa

Prüfungen in Hamburg

Unter strikten Hygieneregeln beginnen am Dienstag die schriftlichen Abiturprüfungen an den Hamburger Gymnasien und Stadtteilschulen. Abstände und Desinfektionsmittel gehören zum Mindeststandard. Mutmaßlich infizierte Schüler dürfen nicht teilnehmen, auch wenn sie keine Covid-19-Symptome zeigen. Im Vergleich zu anderen Jahren werde es zusätzliche Termine geben, um die Klausuren nachzuschreiben, teilte die Schulbehörde mit.

Auch Lehrkräfte, die zu den Risikogruppen gehören und zum Beispiel Diabetiker oder älter als 60 Jahre sind, sollen nach Möglichkeit nicht eingesetzt werden, auch wenn sie grundsätzlich dienstfähig sind. Schüler mit Vorerkrankungen schreiben die Klausuren auf Antrag in einem eigenen Raum. In einem normalen Klassenraum dürfen höchstens zehn Schülerinnen und Schüler die Klausuren bearbeiten.

Am ersten Prüfungstag werden rund 2300 potenzielle Abiturienten ihre Klausuren im Fach PGW (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft) schreiben. Am Mittwoch geht es weiter mit Geschichte und dann folgen die verschiedenen Fächer bis zum geplanten Abschluss der Abiturprüfungen am 6. Mai.

Insgesamt gibt es in Hamburg nach Angaben der Behörde rund 9800 Abitur-Prüflinge, die in drei Fächern schriftlich und in einem Fach mündlich geprüft werden. Auch im Fach Sport kann das Abitur abgelegt werden; dies war zeitweise unklar. Wegen der Corona-Krise war der ursprünglich am 16. April geplante Beginn der Prüfungen verschoben worden.

Abiturprüfungen in Berlin finden statt – gegen den Willen der mitregierenden Linken

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