„Wir lernen jeden Tag dazu“: VBE-Chef Udo Beckmann zieht nach drei Wochen eine erste Bilanz aus den Schulschließungen

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BERLIN. Seit drei Wochen sind die Schulen in Deutschland geschlossen – heute beginnen in neun Bundesländern die Osterferien. Zeit für eine Zwischenbilanz. Wie hat der Fernunterricht aus Lehrersicht bislang geklappt? Und wie sind die Aussichten für die Zeit nach der Ferienpause? Können wir schon jetzt aus der Krise eine Lehre ziehen? Wir sprachen darüber mit dem Bundesvorsitzenden des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann. Der VBE vertritt die Interessen von 164.000 Pädagoginnen und Pädagogen in Deutschland. 

Sieht den Einsatz von zu vielen Seiteneinsteigern kritisch: VBE-Chef Udo Beckmann. Foto: VBE / Jean-Michel Lannier
„Unverhofft kommt oft“: VBE-Chef Udo Beckmann. Foto: VBE / Jean-Michel Lannier

News4teachers: Auf News4teachers wird intensiv die These des Hamburger Klinikdirektors Prof. Dr. Ansgar Lohse (60) diskutiert, die Schulen und Kitas schnell wieder zu öffnen, um in der Bevölkerung eine „Herdenimmunität“ gegen das Corona-Virus aufzubauen (News4teachers berichtete). Ist das für Sie als Bundesvorsitzender eines Lehrerverbands eine diskutable Position? 

Beckmann: Wir sind keine Experten für Virologie. Zum jetzigen Zeitpunkt hat sich an der Einschätzung des Bundesgesundheitsministeriums, weiten Teilen der Wissenschaft und dem Robert-Koch-Institut keine Änderung ergeben. Schulschließungen entfalten demnach eine „Bremswirkung“ bei der Ausbreitung des Virus, da Kontakte vermieden werden und sich der Bewegungsradius deutlich eindämmt. Bei all den Unwägbarkeiten und Gedankenspielen, müssen wir darauf vertrauen, dass die Politik unter Einbezug der Wissenschaft Entscheidungen trifft, die am besten für das Wohl der Gemeinschaft sorgen – und gleichermaßen gesamtgesellschaftlich vertretbar sind. Das ist keine leichte Position.

„Schulleitungen und Lehrkräfte arbeiten am Limit“

News4teachers: Apropos „Gedankenspiele“: Sie haben in der vergangenen Woche für Wirbel gesorgt, weil Sie eine Verkürzung der Sommerferien ins Gespräch gebracht haben. Ist das eine realistische Möglichkeit?

Beckmann: Lassen Sie mich eines klarstellen: Ich habe zu keiner Zeit eine Verkürzung der Sommerferien gefordert. Bei dem Interview in der Frankfurter Rundschau lag der Fokus klar auf Kinder in verschiedenen Notlagen und es ging darum, wie verhindert werden kann, dass es zu zusätzlichen Bildungsungerechtigkeiten kommt. Als eine mögliche Option habe ich dann auf die Frage, was nach mehrmonatigen Schulschließungen helfen könnte, ins Spiel gebracht, über die Verkürzung der Sommerferien nachzudenken. Das wurde schnell aufgebauscht zu einer Grundsatzforderung, die es so von mir und vom VBE nie gab.

News4teachers: Würden Sie die „Kürzung der Sommerferien“ als Option bestehen lassen?

Beckmann: Ganz klar: Nein. Die ausgelöste Diskussion – sowohl innerverbandlich als auch mit Bildungsbeteiligten außerhalb des Verbandes – haben mir gezeigt, dass dies aus vielerlei Gründen keine Option ist.

Lehrkräfte und Schulleitungen arbeiten in normalen Zeiten schon am Limit und sind gerade besonders gefordert. Außerdem war auch die Rückmeldung der Eltern, dass Kinder die Ferien brauchen, um sich in diesem Freiraum von der Situation des „zu-Hause-Lernens“ freizumachen, sich zu erholen und sich ein Stück weit auch psychisch zu befreien.

Der Punkt bleibt, dass es nachhaltige Lösungen braucht, um die unterschiedlichen Entwicklungen, welche die Schülerinnen und Schüler gerade machen, wieder zusammenzuführen. Der Schlüssel ist die individuelle Förderung. Wir kritisieren seit langem, dass die Möglichkeiten hierfür noch nicht ausreichend sind. In der „Nach-Corona-Zeit“ muss die Politik deutlich Anstrengungen unternehmen, damit das gelingt.

Wir brauchen aber auch konkrete Verbesserung im Ist-Zustand. Hier sehen wir, dass die Bildungspolitik sich in einer großen Dynamik befindet und vor allem versucht, Strukturen aufzubrechen, die digitalen Angebote zu erweitern und Prüfungstermine zu verschieben. Das begrüßen wir natürlich, erinnern aber auch daran, dass zumindest bei Prüfungen ein möglichst bundeseinheitliches Vorgehen erreicht werden sollte.

„Hygienestandards für Lehrkräfte und Schüler stets einhalten“

News4teachers: Laut des Beschlusses der Kultusministerkonferenz sollten für Abiturprüfungen auch sonst geschlossene Schulen öffnen. Was sagen Sie dazu?

Beckmann: Auch hier gilt, es muss von den Gesundheitsexperten als verantwortbar eingestuft werden. Sollten für die Prüfungen die Schulen vorzeitig geöffnet werden, muss bei der Durchführung unbedingt sichergestellt sein, dass die Hygienestandards und der Sicherheitsabstand für Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler stets eingehalten werden können. Um insbesondere den Abstand zu gewährleisten, bedarf es mehr Aufsichtspersonal als in den Vorjahren, da dann in unterschiedlichen Räumen geschrieben werden muss. Das führt dann aber gleich wieder zu unserer Kernforderung, älteren und chronisch vorerkrankten Lehrkräften die Möglichkeit zu geben, sich zu schützen und zu Hause zu bleiben. Zudem stehen wegen der Betreuung eigener Kinder auch ein Teil der Lehrkräfte nicht zur Verfügung. Jede Entscheidung löst gerade eine Kettenreaktion aus und muss daher sorgsam durchdacht werden.

News4teachers: Seit fast drei Wochen sind die Schulen und Kitas in Deutschland geschlossen. Unterricht läuft trotzdem – aus der Ferne. Wie ist Ihr Eindruck – klappt das Lernen zu Hause?

Beckmann: Insbesondere die Gespräche mit Lehrkräften haben mir nochmal Einblick in ihre tolle Arbeit gegeben – trotz oft schwierigster Rahmenbedingungen: Da draußen werden gerade sehr kreative Lösungen gefunden. Gleichzeitig sehen wir eine große Heterogenität, von Land zu Land, Ort zu Ort, aber auch von Schule zu Schule. Die Regelungen lassen große Interpretationsspielräume zu, was dazu führt, dass mancherorts sehr viele Aufgaben ausgegeben werden und anderswo eher wenige. Fakt ist: Die Lehrkräfte versuchen auch in dieser Situation für Schülerinnen und Schüler bestmögliche Unterstützung zu erreichen. Hilfreich ist, wenn das, was an Regelungen durch die Schulbehörden herausgegeben wird, möglichst konkret gefasst ist. Im Moment fahren wir auf Sicht. Das geht oft gar nicht anders. Trotzdem tut die Politik gut daran, nicht nur über ein „nach Corona“ nachzudenken, sondern den momentanen Zustand zu verbessern.

Wie schon gesagt, bricht sich eine große Kreativität Bahn: Das beginnt bei der Lehrerin, die auf einer Parkbank sitzend ihre Aufgaben an Eltern ausgibt bis hin zu den Lehrkräften, die sich jetzt auf den Weg machen, einzelne Unterrichtsstunden auch digital zu halten. Hier ist die Forderung ganz klar, dieses Engagement zu unterstützen, Serverkapazitäten der länderspezifischen Lernplattformen zu erweitern und dafür zu sorgen, dass auch wirklich alle Kinder, die solche Angebote wahrnehmen möchten, dafür ausgestattet sind.

News4teachers: …aber selbst viele Lehrkräfte sind noch nicht ausgestattet dafür.

Beckmann: Genau! Deshalb darf auch keineswegs von den Schulministerien erwartet werden, dass jetzt alle Lehrkräfte digital unterrichten. Das verkennt, dass es das Versäumnis der Politik war, die Digitalisierung im Bildungsbereich nicht rechtzeitig anzupacken. Der Digitalpakt wurde über 2,5 Jahre verschleppt. Ergebnis ist, dass unsere aktuelle forsa-Schulleiterbefragung ergab, dass es noch immer nur an jeder dritten Schule Klassensätze von digitalen Endgeräten gibt. Zudem haben bisher entsprechende Fortbildungsangebote gefehlt. Von daher haben Lehrkräfte zum Teil gar keine andere Möglichkeit als zum Telefon zu greifen und analoge Arbeitsmaterialien auszugeben.

„Gemeinsame Verantwortung von Lehrkräften und Eltern wird gestärkt“

News4teachers: Nur wird damit das Problem der Bildungsungerechtigkeit ja auch nicht gelöst, oder? 

Beckmann: Nein, denn wir sehen, dass es Kinder gibt, die bei Problemen mit den Aufgaben allein sind und welche, die durch ihre Eltern unterstützt werden können oder bezahlten Nachhilfeunterricht bekommen. Hinzu kommen die Unterschiede bei der digitalen Infrastruktur mit Geräten und Internet. Sollten die Schulschließungen andauern, muss es im Fokus der Politik stehen, dies auszugleichen. Ein entscheidender Schritt wäre die Umsetzung der Überlegung des Hamburger Schulsenators Ties Rabe, Tablets aus dem Schulbestand auszugeben. Dort, wo es keine gibt, muss auch über die zeitnahe Anschaffung nachgedacht werden. Die Überlegung muss dann aber auch beinhalten, wo das Internet für eine Benutzung der Endgeräte herkommen soll und wer die Kosten dafür übernimmt. Positiv ist auch, wie sehr durch diese Krise die gemeinsame Verantwortung von Lehrkräften und Eltern für die Bildungsbiografie der Kinder gestärkt wird.

News4teachers: Wenn es mit dem Präsenzunterricht nach den Osterferien noch nicht wieder losgehen kann – was könnten Möglichkeiten sein, um das Schuljahr nicht vollends zu verlieren? 

Beckmann: Dazu muss man feststellen, dass dreiviertel des Schuljahres in den meisten Bundesländern vollzogen sind. Deshalb denken ja erste Bundesländer, wie Niedersachsen, auch darüber nach, nur die bisher erbrachten Leistungen zu bewerten.

Klar ist auch: Mehr als momentan bei allen unterschiedlichen Bedingungen seitens der Lehrkräfte geleistet wird, ist kaum vorstellbar. Ich würde vor allem den Blick darauf richten, wie den Lehrkräften weitere Möglichkeiten der digitalen Unterstützung eröffnet werden können und dann darauf fokussieren, was von dem, was in diesem Schuljahr noch an Lerninhalten aussteht, verzichtbar ist. Vielleicht können einzelne Inhalte zu einem späteren Zeitpunkt in einen neuen Kontext eingebunden werden. Zudem begrüßen wir die Entscheidung der Kultusministerkonferenz (KMK) sehr, die externen Vergleichstests nicht verpflichtend durchzuführen. Der IQB-Bildungstrend wurde verschoben und für VERA 3 und 8 gilt keine Teilnahmeverpflichtung (News4teachers berichtete, d. Red.). Das entlastet.

News4teachers: Was denken Sie: Wie kann ein Wiedereinstiegsszenario für die Schulen und Kitas aussehen? 

Beckmann: Die Ausarbeitung der verschiedenen Szenarien überlasse ich lieber den Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft. Der Vorschlag des Vorstandsvorsitzenden des Weltärzteverbands, Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, Schulen schrittweise zu öffnen, ist sicherlich ein möglicher Weg. Er bezieht das vor allem auf stark und eher schwach betroffene Gebiete. Die Kultusministerin aus Baden-Württemberg, Susanne Eisenmann, denkt gerade ebenfalls über eine schrittweise Öffnung nach, wobei ‚an den Grundschulen an einigen Tagen die Klassen eins und zwei kommen, an den anderen die Klassen drei und vier‘. (News4teachers berichtete)

Aber wir lernen ja jeden Tag dazu. Nicht ohne Grund wird die Entscheidung, wie es mit den Schulen weitergeht, durch die Politik erst nach Ostern getroffen. Priorität hat die Gesundhaltung der Bevölkerung. Dem nachgeordnet kann  mit Blick auf die positive Wirkung für das Gemeinwesen und der notwendigen wirtschaftlichen Aktivitäten unter Berücksichtigung des Schutzes der Beschäftigten der Kreis der anspruchsberechtigten Eltern bei der Betreuung ihrer Kinder in der Kita langsam ausgeweitet werden.

Für die Schulen gelten die gleichen Prämissen. Hier sollte man vor allem  die Schülerinnen und Schüler im Blick haben, die noch Prüfungsleistungen zu erbringen haben (10. und 12./13. Klasse) und die vor dem Übergang in die weiterführenden Schulen stehen (4. bzw. 6 Klasse).

Gerade weil der Virus uns noch einige Zeit beschäftigen wird, auch wenn wieder Lockerungen im Bereich der Schulen vorgenommen werden könnten, bleibt der Aspekt der Sicherstellung der Hygienemaßnahmen ein ganz wesentlicher.

News4teachers: Gibt es für Sie eine Lehre, die wir aus der Situation ziehen können?

Beckmann: Ganz lapidar ist es die Bewahrheitung des Sprichwortes „Unverhofft kommt oft.“ So unvorhersehbar diese Situation kam, die in der neueren Geschichte Deutschlands einzigartig ist, sehen wir doch, dass es anderen Ländern in der Bildungspolitik besser gelingt, damit umzugehen, weil sie u.a. bei der Digitalisierung weiter sind und das Bildungssystem schon vor Corona besser auf die Vermeidung von Bildungsungerechtigkeiten eingestellt war. Nur nützt uns der Vergleich jetzt auch nichts.

Nun heißt es: Nach vorne schauen, mit und in der Situation leben. Die Pädagoginnen und Pädagogen nehmen diese Herausforderung gerade allerorten mit großem Engagement an.

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