Böhm: Normaler Unterrichtsbetrieb ist auch nach den Sommerferien nicht absehbar

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BERLIN. Die Kultusminister der Länder, dies war das Ergebnis einer Telefonkonferenz in der vergangenen Woche, wollen so schnell wie möglich zum regulären Schulbetrieb zurückkehren. Das Recht auf Bildung lasse sich am besten im Regelbetrieb verwirklichen, stellten die Teilnehmer fest. Kritik kommt dafür nun von Jürgen Böhm, dem Bundesvorsitzenden des Deutschen Realschullehrerverbandes (VDR). Er betont: „Solange Abstandsregeln im öffentlichen Raum eingehalten werden müssen und Gefahren existent sind, kann man auch nach den Sommerferien nicht zum normalen Unterrichtsbetrieb an den Schulen übergehen.“

Fordert ein realistisches Konzept für den Unterricht im kommenden Schuljahr: Jürgen Böhm, Bundesvorsitzender des VDR. Foto: Marco Urban / VDR

Die Pandemie sei noch längst nicht vorbei und könne jederzeit mit voller Wucht zurückkommen, sagt Böhm. Der VDR-Chef warnt vor einem Wunschdenken der Verantwortlichen und in der Gesellschaft: „Ein ‚Augen-zu-und-durch‘ kann das Virus zwar leugnen, wird es aber nicht beseitigen.“ Böhm betont, dass es kein einfaches Zurück zum ursprünglichen Normalzustand an den Schulen geben kann. „Mit Beginn des neuen Schuljahres müssen in allen Bundesländern verbindliche Konzepte für Arbeit im Normal- (Plan A) und Notbetrieb (Plan B) vorliegen“, sagt er. „Die permanente Uminterpretation und Veränderung der bestehenden Regeln hilft dabei niemandem.“ Etliche Bundesländer haben angekündigt, auf die Abstandsregel in den (Grund-)Schulen verzichten zu wollen (News4teachers berichtet darüber ausführlich – hier).

Schulen müssen im nächsten Schuljahr über einen Plan B verfügen

Solange es keine klaren medizinischen Gegenmaßnahmen zu diesem Virus gebe, müsse jede Schule in Deutschland zu Beginn auch des nächsten Schuljahres ein Notfallkonzept parat haben, betont Böhm. Wenn man die Abstandsregeln an den Schulen fallen lässt, müssen im Falle eines erhöhten Infektionsgeschehen sehr schnell und unkompliziert Maßnahmen für den Plan B klar kommuniziert sein, damit Unterricht trotz allem stattfinden kann. „Man muss die Erfahrungen der letzten Monate nutzen, um die Schüler im Wechsel regelmäßig und verlässlich im Präsenzunterricht zu beschulen“, so der VDR-Chef.

Allerdings könnten dabei die Lehrkräfte nicht über Gebühr belastet werden. Präsenz- und Fernunterricht müssten sich ergänzen und dürften auf Dauer zu keinen Mehrfachbelastungen führen. Schule könne nicht alle entstandenen Probleme der Pandemie kompensieren. Der Dreiklang von Präsenzunterricht, Fernbeschulung und Notbetreuung sei unter den bestehenden personellen und sächlichen Rahmenbedingungen an den Schulen auf Dauer nicht leistbar.

Keine „Entwertung von Abschlüssen“!

„Was die Schulen in Deutschland jetzt brauchen, ist ein Gesamtkonzept mit einem Plan A und einem Plan B, das klar und deutlich an die Eltern, Lehrkräfte und Schüler kommuniziert wird und das verschiedene Einzelmaßnahmen vor Ort in sich vereint“, fordert Böhm abschließend. Eine Abkehr von Leistungskriterien und eine Entwertung von Abschlüssen dürften dabei aber nicht zur Disposition gestellt werden.

Böhm bezieht sich dabei offenbar auf ein Konzept für das kommende Schuljahr, das ein Expertengremium im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung erarbeitet hat – und das beinhaltet, Anzahl und Umfang von Prüfungssituationen wie Klassenarbeiten oder Tests zu reduzieren (News4teachers berichtet ausführlich über die Forderungen der Fachleute, und zwar hier). News4teachers

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

 

Lehrer sollen sich für Fernunterricht arbeitsteilig organisieren – und Spuckschutz in Klassen: Wie das nächste Schuljahr laufen kann

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15 KOMMENTARE

  1. Ich persönlich, Oma von einer Schulpflichtigen Enkeltochter in der 3 Klasse, finde es nicht gut das die Schlule in SH diese Woche schon wieder normal unterrichtet. Ich gehöre zur Risikogruppe und wir wohnen in einem Haushalt. Die beiden Geschwisterkinder, davon eine auch jetzt wieder 2 x die Woche im Kindergarten, sind ebenso ein Ansteckungsrisiko für mich… Die Mutter, schwer Asthmakrank hat ebenfalls Sorge als Alleinerziehende.
    Was wenn einer von uns ausfällt…
    Hätte man nicht bis nach den Sommerferien warten können, bis man sieht was nun in Göttingen dabei rauskommt. Es gibt doch überhaupt keine Erfahrungswerte ob Kinder genauso gefährdet sind. Wie will man das wissen bei einem Lookdown…?
    Wir haben große Sorge damit. Mfg Ina Mohr

    • Ich bin Grundschullehrerin in NRW und gehöre zur Risikogruppe. Am Montag fallen in der Schule gegen alle Vernunft die Abstand regeln. Außerdem tanzen die Aerosole in den vollen Klassen ungehindert durch den Raum. Ich habe große Bedenken.

  2. Bildung ist eben Ländersache. Bei uns in Sachsen-Anhalt sind ab heute (8.6.) wieder alle Grundschulen komplett offen. Es im Prinzip alles ist genauso wie vorher, nur mit ein bisschen mehr Händewaschen. Insgesamt zeigt sich während der Krise, dass der Bund sich stärker im Bildungsbereich beteiligen sollte. Diese Flickschusterei nervt nur noch. Das uneinheitliche Agieren ist einfach nur lächerlich, in einem vergleichsweise kleinen Land wie Deutschland.

  3. Alles einfach nur unüberlegt….Alles öffnet …was die Schule betrifft das geht garnicht das der normalbetrieb stattfindet!!
    Wer übernimmt dann die Verrantwortung für Risikopatienten???

  4. https://www.hessenschau.de/panorama/coronavirus–30-neuinfektionen-kein-weiterer-todesfall–alle-schueler-zurueck-testphase-in-planung–steuerzahlerbund-kritisiert-neuverschuldung–,corona-hessen-ticker-100.html

    In Hessen geht alles – immer schön kurzfristig. Man hat das gefühl, dass das HKM einen Sponsorenvertrag mit den großen hessischen Zeitungen hat, die die entwickeln sich trotz Versprechen des HKM auf Erstinformationen auf dem Dienstweg zunehmend als inoffizielles Amtsblatt.
    Es ist nur noch zum Schämen.

    • Kennen wir auch aus NRW. Da durften wir letzten Freitag morgens aus Zeitung und Radio erfahren, dass die Grundschulen wieder komplett öffnen. ( Von der Schließung im März haben wir übrigens auch an einem Freitag via Pressekonferenz erfahren). Das zeigt halt deutlich, wie „wichtig“ der Landesregierung ihre Lehrkräfte sind.

      • „Da durften wir letzten Freitag morgens aus Zeitung und Radio erfahren, dass die Grundschulen wieder komplett öffnen.“ So ging es den meisten Lehrern. Es ist einfach ganz schlechter Stil und ein fahrlässiger Umgang mit den ArbeitnehmerInnen.

  5. Wir brauchen endlich mehr Schulen und mehr Lehrer, damit wir Klassengrößen von maximal 15 Kindern haben können. So können die Abstandsregeln langfristig besser eingehalten werden. Das wäre eine Entlastung für die Lehrer und auch für die Kinder, da sie sich besser konzentrieren können. So könnte ein qualitativ besserer Vollzeit-Unterricht für alle Kinder stattfinden und wäre somit wiederum eine Entlastung für die Eltern. Mit 15 Kindern würden mit Sicherheit weniger Lehrer krank werden, womit auch der Lehrermangel geringer würde.

    • Das wäre die perfekte Lösung aus Kinder,- Lehrer und Elternsicht. Problem: Man will das Ganze nicht finanzieren und steckt Steuergeld lieber in andere Bereiche. Also nix mit besseren Bildungschancen, wie sie in schönen Sonntagsreden immer wieder betont werden.

  6. Ich finde es unverantwortlich, dass hier in NRW ab 15.6. die Grundschulkinder wieder jeden Tag in die Schule müssen. Was für einen Sinn soll dies haben? Die anderen Schulformen bleiben weiterhin bei der 1 tägigen Präsensbeschulung. Überall gelten Abstandsregeln und Mundschutzpflicht und in den Grundschulen sollen die Kinder Versuchskanninchen sein. Armes Deutschland! Da sieht man mal wieder, dass in Deutschland in Sachen Schule einiges im Argen liegt.

  7. Hier in RLP sind nun auch seit gestern alle Kinder wieder in der Schule. 1 Woche Schule und 1 Woche Zuhause im Wechsel. Tja das Ergebnis, bereits an 8 Schulen ist Corona. Aber sie werden nicht geschlossen. Ich habe nun auch noch mehr Angst, da wir auch zur Risikogruppe gehören. Warum wurden die Sommerferien nicht abgewartet? Es ging ja vielen nicht schnell genug.

  8. Ich stimme Ihnen in allen Punkten zu. Ich habe auch einen Sohn, der nächste Woche zur Schule gehen soll und ich habe Riesenangst davor! Ich frage mich nur, ob Frau Gebauer etwas von allen diesen Kommentaren hier mitbekommt. Sollten wir vielleicht nicht woanders schreiben, z.B. bei Twitter unter ihrem Tweet? Denn so könnte man vielleicht etwas bewirken.

  9. Besteht denn für Risikokinder mit Attest und deren Geschwister nach den Sommerferien weiterhin die Möglichkeit, von zuhause aus digital beschult zu werden? Ich kann das Leben meines Kindes doch nicht riskieren, weil die Schulen zu schnell öffnen müssen, damit überforderte Eltern Ruhe geben!

    • Ja, darüber liest man nirgends was. Es betrifft sicher viele Schüler, und auch ihre Geschwister, denn man kann die Kinder ja daheim nicht auseinander halten.
      Unsere Tochter ist zwar nicht mehr in der Schule, aber im Förderbereich einer Werkstatt. Bisher gab es Notbetreuung, dann eine Art erweiterte Notbetreuung, die aber kaum in Anspruch genommen wurde. Am Dienstag erfuhren wir, dass ab sofort wieder Öffnung für alle ist, wer nicht kommt, braucht ein Attest. Allerdings wird im Förderbereich mit strengen Hygieneregeln, Abstand und Mundschutz betreut. Die Gruppen dürfen sich nicht vermischen. Anders sieht es im Arbeitsbereich aus, da kann man sich schlechter schützen, und trotzdem müssen alle arbeiten. Es geht um Arbeits- bzw. Betreuungsplätze, Lohn, Personalkosten…
      Sie sollten sich an die Schulleitung wenden und auch dringend darauf hinweisen, dass sie Ihr Kind nicht schützen können, wenn keine Hygiene-und Abstandsregel für die Geschwister gelten.

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