Corona-Chaos an Schulen: Göring-Eckardt wirft Bundesregierung „Fahrlässigkeit“ vor

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BERLIN. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, hat der Bundesregierung schwere Versäumnisse bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie vorgeworfen. In einem am Sonntag veröffentlichten Schreiben an Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) beklagte Göring-Eckardt: «Auch ein halbes Jahr nach Beginn der Corona-Krise in Deutschland mit schmerzhaften Erfahrungen von Kita- und Schulschließungen und unkontrollierten Ausbrüchen in Corona-Hotspots fehlen klare, bundesweit einheitliche Regeln und ein verständliches Konzept.» Die Grünen-Politikerin fügte hinzu: «Das ist an Fahrlässigkeit kaum zu überbieten.» Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) sprach sich derweil für eine bundesweite Maskenpflicht an den Schulen aus.

Kritisiert die Schulpolitik der Länder: Grünen-Fraktionschefin Karin Göring-Eckardt. Foto: Harald Krichel / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Die Bundesregierung habe wichtige Zeit verloren und es nicht geschafft, die Bundesländer zusammenzuhalten und für einheitliche Regeln zu sorgen, so Göring-Eckardt.

Mit Blick auf den anstehenden Schulstart in mehreren Bundesländern warnte sie, für viele Eltern drohe eine neue, kaum noch tragbare Belastung, falls im Herbst Kitas und Schulen im schlimmsten Fall wieder geschlossen werden müssten. Es bestehe «akuter Handlungsbedarf». Göring-Eckardt forderte einen «Notfallplan» für eine Schul-Digitaloffensive. So sollten Geldern aus dem Digitalpakt unbürokratisch genutzt werden können. Lehrkräfte müssten Trainingsangebote erhalten sowie dienstliche Digitalgeräte, Kinder kostenlose Leihgeräte für den Fernunterricht. Der Bund sollte für Heimunterricht zudem eine Eltern-Lehrer-Hotline mit Digitalcoaches einrichten.

Bund soll verbindliche Pandemie-Schutzpläne vorlegen

Göring-Eckardt verlangte ferner einheitliche Regeln für den Umgang mit Corona-Hotspots. Derzeit gebe es im ganzen Land eine besorgniserregende Zunahme der Infektionszahlen, ohne dass die kritische Schwelle von 50 Infizierten auf 100.000 Einwohner überschritten werde. Die Bundesregierung müsse bis September zusammen mit den Ländern verbindliche Pandemieschutzpläne vorlegen, forderte die Grünen-Fraktionschefin. Nötig sei zu dem ein verbindliches Konzept für bundesweite Corona-Tests.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) hat sich unterdessen für eine Maskenpflicht in Schulgebäuden ausgesprochen. Es sei zwar nachvollziehbar, «wenn Länder auf Abstandsregeln in den Schulen verzichten wollen, weil die räumlichen Bedingungen ansonsten nur eingeschränkt Präsenzunterricht zulassen würden», sagte sie der «Welt am Sonntag». «Dennoch wird der Präsenzunterricht nur dann funktionieren können, wenn weitere Regelungen zur Hygiene, zum Tragen von Schutzmasken sowie zum Abstandhalten auf dem Schulhof und auf den Fluren strikt eingehalten werden.»

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Mehrere Bundesländer wie Berlin, Bayern, Niedersachsen und Baden-Württemberg haben bereits angekündigt, im Kampf gegen das Coronavirus eine Maskenpflicht in Schulgebäuden einzuführen. Sie soll allerdings nicht im Unterricht gelten. In anderen Ländern wie etwa Nordrhein-Westfalen ist von freiwilligen Maskengeboten die Rede, oder es liegt – wie in Hessen oder Sachsen – im Ermessen der Schulen.

An diesem Montag startet Mecklenburg-Vorpommern als erstes Bundesland ins neue Schuljahr. Hamburg folgt am Donnerstag. In der Woche darauf geht es in Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein los. Trotz der Corona-Pandemie sollen die Schulen nach den Ferien in den Regelbetrieb zurückkehren.

„Höchste Zeit, die Belange der Kinder nach vorne zu rücken“

Die Bildungsminister der Länder zeigten sich optimistisch, dass der Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen gelingen kann. «Tourismus, Restaurants und sogar Fitnessstudios sind längst wieder geöffnet, ohne große Probleme», sagt die mecklenburg-vorpommerische Bildungsministerin Bettina Martin (SPD) der «Welt am Sonntag». «Es ist höchste Zeit, die Belange der Kinder nach vorne zu rücken.»

Auch Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD) dringt auf Normalität. «Die Monate vor den Sommerferien waren noch zu verkraften, weitere Unterrichtsausfallzeiten sind es nicht», sagte er dem Blatt. Nordrhein-Westfalens Bildungsministerin Yvonne Gebauer (FDP) erklärte: «Der Präsenzunterricht ist und bleibt für unsere Schülerinnen und Schüler die beste Form des Lernens – und für unsere Lehrerinnen und Lehrer der beste Arbeitsplatz.»

Ähnlich äußerte sich ihre schleswig-holsteinische Kollegin Karin Prien (CDU): «Präsenzunterricht hat für uns Priorität, und wenn das Pandemiegeschehen Schulschließungen wieder notwendig machen sollte, dann regional und zeitlich begrenzt und nicht flächendeckend wie im vergangenen Schuljahr.» News4teachers / mit Material der dpa

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14 KOMMENTARE

  1. Oh mein Gott.
    G.-E. ist schon so lange in der Politik. Kann ihr mal jemand erklären, dass Bildung Ländersache ist. Ihre Äußerungen tragen überhaupt nichts zur Lösung bei.

    Die Zitate der Kultusminister sind an Hohn kaum zu übertreffen.

    War irgendjemand von denen mal in einem vollen Klassenzimmer? Das lässt sich doch nicht mit Restaurants und Fitnesstudios vergleichen. Da gilt Masken- und Abstandspflicht. Außerdem hat man da die Wahl zu kommen oder es eben bleiben zu lassen.

  2. Für mich politische Heuchelei!

    In Badem – Würtemberg stellen sie den Ministerpräsidenten, ich kann aber hinsichtlich Regelschulbetrieb keinen Unterschied erkennen.

    Also Frau Göring…an den Taten und nicht an den Worten werden Sie gemessen.
    In RLP sind sie auch mit in der Regierung, dort vernehme ich nur Stille von den Grünen zu den Maßnahmen von Frau Hubig.
    Unglaubwürdig.

  3. Noch krasser fand ich ja vor ein paar Wochen Laschets Äußerung über Biergärten, die wieder geöffnet hätten, und die Schlussfolgerung, dass dann auch Kitas wieder öffnen müssten.
    Genauso unpassend war auch Ramelows Vergleich von Covid-19 mit AIDS bzw. dem HP-Virus.

  4. „Tourismus, Restaurants und sogar Fitnessstudios sind längst wieder geöffnet, ohne große Probleme.“
    Ja nee, die steigenden Infektionszahlen haben garantiert andere Ursachen…
    Ich brech‘ zusammen…

    • Ja, die meisten Infektionen kommen aus dem privaten Bereich, Trauerfeier, Hochzeit, Geburtstag, an Platz 2 steht der Arbeitsplatz…. die Rückkehrer, die den Serbienvirus im Gepäck haben sind gar nicht so viele. Aber es muss ja Jemand verantwortlich sein für die steigenden Zahlen. Nun ja die Firmen sind für die Wertschöpfung verantwortlich, die Gastronomie braucht die Feiern und wenn die Menschen aus dem Urlaub zurückkommen ist das Geld an Tui oder Lufthansa schon bezahlt….Ideal.

      • Was haben Sie nicht verstanden? Es braucht erst einmal Kontakte zu anderen, von denen der eine oder die andere infiziert ist. Solche Infektionen können z.B. bei Ferienreisen, in Restaurants oder Fitnessstudios vorkommen. Das Virus geht von einer person auf eine andere über. Die so infizierte Person begibt sich im Anschluss auf eine Feier im privaten Umfeld mit größerer Personenzahl (super-spreading-event) und feiert dort mehre Stunden ggf. sogar in geschlossenen Räumen (weil z.B. aus Lärmschutzgründen die Fenster und Türen nach 22:00 h geschlossen sein müssen).
        Btw haben Lufthansa oder TUI die Menschen zum Reisen gezwungen?

        • Anscheinend wollen sie es nicht wahr haben, dass die hauptsächlikchen Ausbruchsherde zu Beginn die Skiorte in Österreich waren, anschließend betraf es Alten- und Pflegeheime, später Betriebe in der Fleischindustrie.
          Es gab in Deutschland bisher keine größeren Ausbruchsherde in Schulen.
          Quelle RKI Täglicher Situationsbericht über SARS-CoV-2.

          • Je weniger Schulküchen es gibt desto weniger Herde gibt es in den Schulen. Ist wie mit dem testen.

            Und woher wissen Sie, dass die leute in dne Skigebieten sich nicht in Skischulen angesteckt haben könnten?

            Mit den Viren ist es wie mit den Suchtmitteln. Die Drogen werden nicht in der schule konsumiert, die schule ist aber ein prima Umschlagplatz – sowohl von Viren als auch von Drogen.

  5. Anschaffung von Endgeräten für Lehrer und Schüler…ds ich nicht lache, der Markt ist leergefegt. Selbst wenn es Geld dafür gäbe (ohne lange bürokratische Antragshürden) gäbe es trotzdem keine Geräte. Die Erfahrung an meiner Schule (ein bekannter Covid-19 Fall) zeigt, das offene Fenster und Masken eine Übertragung stark verhindern. Also bitte verordnet Maskenpflicht in Schulen, da sonst die Eltern es nicht ernst nehmen und lasst bitte auch diese lächerlichen ärztlichen Atteste dass man Maske nicht tragen kann (im Treppenhaus und in den Schulgebäuden) nicht gelten. Am Platz können die Kinder gerne die Maske ablegen. Das hat funktioniert. Abstand halten zu Grundschülern ist weiter schwer aber machbar. Mit vernünftigen, klaren, allgemeingültigen Regeln ist Schule machbar. Mit diesem lächerlichen Länderdünkeln und einem Regelflickenteppich verunsichert man die Bevölkerung und es führt zu Fehlverhalten. Habt endlich den Hintern in der Hose und nehmt den Ländern in diese Sache das Ding aus der Hand.

    • Von mir aus auch mit 30 SuS in einem Raum, wenn zwischen den Plätzen an den Doppelbänken „Spuckschutze“ (Acrylglasscheiben) aufgestellt werden. In der Justizverwaltung geht das nämlich zwischen den Plätzen auf der Richterbank sowie auf den Seiten der Parteien zwischen rechtsbeistand und jeweiligem Mandanten.

      Es ist das Messen mit zweierlei amß, das aufstößt.

  6. Ich verstehe diese ganze Diskussion bezüglich der Maskenpflicht in Schulen überhaupt nicht. Permanent wird von diversen Wissenschaftlern darauf hingewiesen, dass es außer der AHA- Regel keine echte Alternative gibt, um Infektionen zu vermeiden. Also müsste es klar sein, dass es in den Schulen, wo sehr viele Menschen sehr lange in schlecht zu lüftenden Räumlichkeiten zusammengesperrt sind, gar keine andere Lösung gibt. Und bitte auch im Unterricht, wenn nicht die Möglichkeit besteht, in kurzen Intervallen gründlich zu lüften. Und man sollte auch gleich dazusagen, dass es bitte Masken ohne Ventil sein sollen, damit andere geschützt werden. Ich beobachte zunehmend Leute, die Masken mit Ventil benutzen, aber so nichts zum Schutz der Allgemeinheit beitragen, da durch die Ventile die eigene, möglicherweise virenbelastete Luft ungefiltert in die Umgebung geblasen wird.

  7. Von welchen „Wissenschaftlern“ , die sicher Experten auf ihrem Gebiet, aber keine Experten der Virologie sind, wird die Politik, insbesondere die Bildungspolitik, eigentlich beraten? Für mich zählen nur die Expertisen namhafter Experten wie Herr Drosten und auch Herr Lauterbach. Will oder darf man diese nicht ernst nehmen? Wollen sich hier einige nur profilieren? Mittlerweile macht jeder irgendwo eine Forschung oder hat „gute“ Ratschläge parat. Mir ist klar, dass es eine breite und allumfassende Forschung geben muss, aber doch bitte mit wirklichen Experten auf diesem Gebiet. Scheinbar ein Lobby- und Interessenkonflikt. Leider fatal!!!

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