Luftfilter: Ein Kultusminister schiebt die Verantwortung auf die Schulträger – einer anderen sind die Geräte schlicht zu teuer

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WIESBADEN. Die KMK lehnt den flächendeckenden Einsatz von Luftfiltern in Schulen ab, obwohl zwei Studien zum Ergebnis kommen: Damit ließe sich die Corona-Gefahr durch Aerosole in Klassenräumen weitgehend bannen. 3.000 Euro veranschlagen Experten für ein wirkungsvolles Gerät – zu viel, wie NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) in dieser Woche in bemerkenswerter Offenheit eingeräumt hat. Hessens Kultusminister Alexander Lorz schiebt die Verantwortung auf die Schulträger.

Aerosole – kleinste Teilchen in der Raumluft – können Coronaviren übertragen. Foto: Shutterstock

Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) sieht regelmäßiges Lüften von Klassenräumen in der kalten Jahreszeit als eine sehr wirksame Methode gegen die Verbreitung des Coronavirus. Experten beurteilten es ohnehin eher kritisch, wenn Kinder in stickigen, überhitzten Räumen säßen, sagte er in Wiesbaden mit Blick auf den Schulstart nach den Herbstferien am Montag. Nach Einschätzung von Hygienikern sei Lüften das beste Mittel, um Infektionen vorzubeugen. Beim empfohlenen Stoßlüften alle 20 Minuten sinke die Raumtemperatur kurzzeitig nur um zwei bis drei Grad ab. Kinder- und Jugendmediziner würden ganz klar sagen, dass dies unbedenklich sei. «Das kann man aushalten – und sobald die Fenster wieder zu sind, steigt die Temperatur auch wieder zügig an», erläuterte Lorz.

Das Bundesumweltamt hat in dieser Woche im Auftrag der KMK Empfehlungen fürs Lüften im Winter herausgegeben, die offene Fenster im Unterricht alle 20 Minuten vorsehen (News4teachers berichtet darüber – hier).

Lorz: Zu Luftfiltern in Klassenräumen gebe es in der Wissenschaft „keine abschließende Meinung“

Zu der Frage, ob spezielle Lüftungsgeräte für Klassenzimmer eingesetzt werden sollen, so Lorz, gebe es auch in der Wissenschaft noch keine abschließende Meinung. Erste Studien gäben Hinweise darauf, dass bestimmte Techniken unter bestimmten Umständen hilfreich sein könnten, so Lorz. «Experten sagen aber auch, das kann das Lüften nicht ersetzen, sondern lediglich ergänzen», betonte der Minister.

Richtig ist: Es gibt zwei Studien, die beide unabhängig voneinander zu dem Ergebnis kommen, dass der Einsatz von Luftfiltern in Klassenräumen höchst empfehlenswert ist. Atmosphärenforscher der Goethe-Universität Frankfurt hatten ermittelt, dass Luftreiniger der Filterklasse HEPA (H13) die Aerosolkonzentration in einem Klassenzimmer in einer halben Stunde um 90 Prozent senken können.

Zuvor hatten Wissenschaftler vom Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik an der Universität der Bundeswehr München einen Raumluftreiniger untersucht, mit dessen Filterkombination selbst sehr kleine Aerosol-Partikel zu 99,995 Prozent aus der Raumluft abgeschieden werden. In einem 80 Quadratmeter großen Raum könne die Aerosolkonzentration in sechs Minuten halbiert werden. Weil die Aerosole rausgefiltert werden, würden die Geräte auch nicht zur Virenschleuder, hielten die Forscher fest. Sie empfehlen Raumluftreiniger der Filterklasse HEPA (H14) ausdrücklich für Schulen – und sie  warnen ausdrücklich davor, dass Lüften allein die mögliche Schadstoffbelastung nicht zuverlässig senkt. „Die Möglichkeit, die Virenlast im Raum durch das regelmäßige freie Lüften zu reduzieren, wird überschätzt“, so heißt es in der Studie (News4teachers stellte die Ergebnisse ausführlich dar – hier geht es zum Beitrag.)

KMK stellte die Ergebnisse einer Anhörung zu Luftfiltern in Schulen falsch dar

Die Kultusministerkonferenz hatte den Münchner Studienleiter Prof. Dr. Christian J. Kähler zwar zu ihrer Expertenanhörung am 23. September eingeladen. Seine dort präsentierten Erkenntnisse wurden aber ignoriert, obwohl er der einzige in der Runde war, der zur Lüftung von Klassenräumen geforscht hat. In einer Pressemitteilung der KMK nach dem Treffen hieß es mit Blick auf die Luftfilter – erkennbar falsch: „Die Wissenschaftler kamen überein, dass der Einsatz solcher Geräte grundsätzlich nicht nötig sei.“ Kähler widersprach: „Ich teile die in der Pressemitteilung aufgeführte Meinung nicht.“ (News4teachers berichtete ausführlich darüber – hier geht es zu dem Beitrag.)

Trotzdem halten die Kultusminister daran fest. NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer erklärte in dieser Woche gegenüber dem WDR, alle Schulen mit Luftfiltern auszustatten, sei zu teuer. Umgerechnet rund 100 Euro pro Schüler veranschlagen Experten für die Anschaffung der Geräte. Zum Vergleich: Für den „Corona-Bonus“, der an Familien in Deutschland ausgeschüttet wurde, zahlte der Staat 300 Euro pro Kind.

«Die Diskussion ist jetzt seit ungefähr vier bis fünf Wochen im Gange. Seither werden wir mit Angeboten von entsprechenden Firmen überschwemmt», sagt nun Lorz (richtig ist: Die Studie der Universität der Bundeswehr wurde bereits Anfang August veröffentlicht – also vor mehr als zwei Monaten). Das müsse man sich sehr genau anschauen. «Wir brauchen valide Erkenntnisse, um dann gegebenenfalls sinnvoll investieren zu können.» Der Kultusminister weiß aber schon: «Im Endeffekt braucht auch nicht jeder Klassenraum ein Lüftungsgerät, sondern primär die Klassenräume, in denen Stoß- und Querlüften nicht gut funktionieren.» Die Anschaffung sei dann Sache der Schulträger. Ob und in welcher Form die Landesregierung sie in dieser Frage unterstütze, stehe noch nicht abschließend fest.

Bayern hat bereits ein Investitionsprogramm von 50 Millionen Euro aufgestellt, um die Anschaffung von Luftfiltern in Schulen und Kitas zu fördern. Lorz‘ Parteifreund, der rheinland-pfälzische CDU-Spitzenkandidat Christian Baldauf, wirft der dortigen Landesregierung – und damit auch Bildungsministerin und KMK-Präsidentin Stefanie Hubig (SPD) – vor, sie hätte längst entsprechende Vorbereitungen für den Schulbetrieb im Herbst und im Winter treffen können. „Lüften alleine reicht nicht überall aus“, sagte Baldauf. Er forderte „Planungssicherheit für die Schulen zu schaffen und unverzüglich die Eignung in Frage kommender Geräte zu testen.“

Richtig ist: Prof. Christian Drosten, Chef-Virologe der Berliner Charité hatte bereits im Mai auf die Gefahr von Ansteckungen über Corona-belastete Aerosole in Klassenräumen gewarnt. News4teachers / mit Material der dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Sicherer Unterricht für 100 Euro pro Schüler: Zu viel verlangt, Kultusminister?

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28 KOMMENTARE

  1. https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/coronavirus-warum-peter-altmaiers-foerderprogramm-fuer-luftfilter-nichts-bringt-a-786389ef-a190-4b2a-8bf2-4dc5b952ae78?sara_ecid=soci_upd_KsBF0AFjflf0DZCxpPYDCQgO1dEMph

    Bemerkenswert:
    „Raumluftfilter sind für den Wissenschaftler allemal effizienter als das Aufreißen der Fenster. Deshalb kann er auch über die Handreichung des Umweltbundesamtes zum Thema „Lüften in Schulen“ nur mit dem Kopf schütteln: „Da fehlt es einfach an strömungsmechanischer Kompetenz.“

    Weshalb sind diese mobilen Filteranlagen nicht schon längst bestellt worden?
    Weshalb werden aktuelle Untersuchungen einfach ignoriert?
    Weshalb ist für alles Mögliche Geld zur Unterstützung da, nur nicht für die Gesundheit der SchülerInnen und LehrerInnen?

  2. In einer integtativen Kita, wo vermutlich auch herzkranke Kinder mit vielen gesundheitlichen Problemen betreut werden, hat man schon gehandelt: https://www.rtl.de/cms/geniale-belueftungsidee-in-dieser-kita-ist-es-trotz-lueften-immer-schoen-warm-4633045.html 900 Euro Miete kostet die umfunktionierte Belüftungsanlage.
    Ob sie allerdings hält was man von ihr erwartet und ob sie pannensicher ist, darüber erfährt man im Video nichts.

    Schade finde ich auch, dass sich Kinderschutzverbände zwar für die Öffnung von Kitas und Schulen ausgesprochen haben, ansonsten aber zu den Problemen, die in Schulen und Kindergärten anstehen, (noch) diskret schweigen.

  3. Ein realitätskonformer Umgang mit der Situation ist ein sine qua non. Wer das nicht leisten kann oder sich weiterhin verweigert, muss seines Amtes enthoben werden – mit (oder ohne ?) Verlust der Dienstbezüge und vor allem Pensionsansprüchen.

    Und @ Frau Ministerin Gebauer, vielleicht lohnt es sich zu erkennen, dass Sie gar nicht Ihre eigenen Gelder verteilen, sondern dasjenige der Bürger und Eltern und auch dasjenige der Schulkinder (!), die die Coronaschulden im Erwachsenenalter erwirtschaften sollen. So betrachtet wird ersichtlich wie perfide Ihr Kostenargument ist. Man könnte fast sagen, da haben Sie Charakter gezeigt. Treten Sie doch einfach zurück und machen den Weg frei. Das ist in einer Demokratie ein ganz normaler Vorgang und nichts schlimmes.

  4. https://youtu.be/gmg8urasnqc

    Es braucht nur „gesunden Menschenverstand“ um zu wissen, dass wir nur mit Lüften an Schulen nicht durch den Winter kommen.

    Ist „Unterricht im Gefrierschrank“ tatsächlich die Antwort unserer Gesellschaft auf einen Schulbetrieb in einem Pandemie-Winter, noch dazu wenn es entsprechende Technik gibt? Ist uns das nicht mal, wie bereits mehrfach durch Experten geschätzte, 100,- € je Kind Wert?

    Hut ab und höchsten Respekt vor jeder Schule die wie in obigem Beispiel handelt und die Dinge selbst in die Hand nimmt.

    Wo bleibt der geballte Aufschrei von Eltern und Lehrern?

  5. Wenn unsere Politiker unsere Kinder und deren chronisch kranken Eltern nicht schützen machen wir das selbst,dann gehen die Kinder mit jedem syntom zum Arzt und der soll entscheiden. Sollen die Damen und Herren auf ein Teil ihres Gehalt verzichten dann geht das alles . Wir haben auch Zeit Monaten Kurzarbeit und müssen sehen wie Mann über die Runden kommt. Und nicht viel Geld für dummes gewäsch bekommt

    • „Dummes Gewäsch“ ist für mich auch alles Geschimpfe, dass sich bei Corona nur auf das Virus selbst und die Ansteckungsgefahr konzentriert und sämtliche Aspekte anderer Gefahren im Umgang mit der Krankheit als unwichtig ausblendet.

  6. Jetzt wird eben erstmal noch in ein paar neue Studien investiert. Dafür ist garantiert das Geld vorhanden. Und bis zu einem abschließenden Ergebnis ist der Winter dann vorbei… Ein Problem aussitzen hat in der Vergangenheit ja schon oft funktioniert!
    Wahrscheinlich versuchen sie Trump-Methode. Man muss die alternative Wahrheit nur so lange erzählen, bis es fast alle glauben!!! Das scheint ja momentan auch gut zu klappen…

  7. Die Beziehung in Hessen zwischen den Schulträgern zum HKM ist aufgrund der Arroganz der Hausspitze in Wiesbaden seit Jahren sehr getrübt.
    Es ist nämlich die Regel, dass man im HKM Dinge beschließt, die dann die Schulträger zu zahelen haben, ohne sich vorher mal abzustimmen.
    So auch hier: Die Landkreise als Schulträger sind finanziell ausgeblutet – auch dank der Poltik der Landesregierung. Es wird nur ein oder zwei in Hessen geben, die eine solche Investition stemmen könnten

  8. Vorschlag: der Hotel- und Gaststättenverband bekommt das Lüftungskonzept von Herrn Lorz & Co. und die Schulen übernehmen dafür die Sperrstunde von 0:00 bis 24:00 Uhr… (Hahaha, na, das wârs doch )
    Tja, Schule ist halt unwirtschaftlich und kostet nur Geld! Kein Umsatz, kein Gewinn , schnief/heul!
    Was soll’s also? Ein bisschen Schwund gibt’s immer! (Achtung: Galgenhumor!)
    In meinem Landkreis hatten wir gestern 89,4 Inzidenz! Morgen sind die Ferien zu Ende… Was jetzt? Alles wie gehabt? Vorschlag: siehe oben!

  9. Mein Vertrauen in meinen Dienstherrn ist nicht auf dem Nullpunkt, sondern im Minusbereich. Für wie dumm hält man uns zu glauben, 3 bis 5 Minuten Lüften reichen zum Luftaustausch in einem vollbesetzten Klassenraum?
    Viele Milliarden für die Lufthansa und TUI, aber nichts für Kinder, Jugendliche und Lehrer*innen. Frau Gebauer setzt sich noch nicht mal für finanzielle Mittel zur Problemlösung ein. Wenn Ihnen die Menschen in Schulen nicht lieb und teuer sind, gehören Sie nicht auf diesen Posten, Frau Ministerin! Mehr als armselig; das ist fahrlässig!

  10. Was ist mit dem Unterricht im dualen System an den Berufskollegs? Die Azubis bringen den Virus aus den Betrieben in den Unterricht, andere nehmen ihn mit in ihre Betriebe. Die Folge ist Quarantäne für Mitarbeiter, Schließen der Abteilungen, Kurzarbeit. Ist das günstiger als ein Luftfilter oder rechtfertigt das die Aufhebung der Maskenpflicht?

  11. Um auch im Winter möglichst viele Gäste bewirten zu können, hoffen Gastronomen darauf, wieder Heizpilze für den Außenbereich nutzen zu dürfen.
    Irgendwie glaube ich, dass niemand ernsthaft auf die Idee käme, ihnen alternativ vorzuschlagen, dass sie mehr Menschen im Lokal bewirten dürfen, sofern sie nur alle 20 Minuten für ca. 5 Minuten alle Fenster und Türen aufreißen?!
    Das stört sicher auch keine Unterhaltung und die Menschen, die am Fenster sitzen, haben bestimmt Verständnis dafür, dass sie notfalls im Wintermantel ihr Essen genießen müssen …

    Nein, ich möchte den Gastronomen nichts Böses. Es geht nur darum, sich die bevorstehende schulische Situation mal für andere Bereiche vorzustellen.
    Oder wenn man es sich einfach nur mal vorstellt, wie wohl man sich zu Hause fühlen würde, wenn man in dieser Form den Winter verbringen würde. Ohne dass es ernsthaft die Möglichkeit gibt, sich zwischendurch mal richtig aufzuwärmen.

    Mir ist unbegreiflich, wie man solche Lüftungs“konzepte“ ernsthaft vertreten kann, ohne wenigstens weitere Maßnahmen vorzubereiten, die schließlich auch mittel- und langfristig sinnvoll wären und letztlich auch nicht erst seit Corona für sinnvoll erachtet werden.
    Wenigstens mal anfangen!

    An meiner Ganztagsschule für Körperbehinderte verbringen die Kinder bis zu 7,5 Stunden am Tag zur Zeit bereits ohne die Möglichkeit, sich mal aus der „Kohorte“ zurückziehen zu können oder einen „ruhigen Ort“ für die Pause zu haben oder eben mal richtig zu toben oder gemeinsam mit dem gleichen Material oder Spielzeug zu spielen…
    Aber gemeinsam frieren können sie dann immerhin doch! Ich schätze, wir werden jedem Kind eine Tasse auf den Tisch stellen und etliche Kannen heißen Tee vorbereiten, den wir ausschenken, damit die Kinder sich von innen sowie ihre Hände aufwärmen können…

  12. Ich habe meine Kinder heute mit Bauchschmerzen in die Schule geschickt.Schön war das nicht.so oft habe ich das Kultusministerium angeschrieben und angerufen, mit der Bitte um der Kleingruppen, entweder kam gar keine Antwort oder es hieß Sie würden soviel Arbeiten.
    Diese verehrten Herren und Damen sollen sich mal in ein Klassenzimmer setzen.
    Durch das lüften kommt soviel Unruhe in eine Klasse.
    Und dann dieser Digitalenunterricht ab Klasse 8 ,müsste ja die Schule erstmal jede Schule ausgerüstet sein.
    Was haben Sie die letzten Monate gemacht.

  13. Von wegen lüften,die Fenster stehen die ganze Zeit offen, da der Lehrer meinte es wäre störend für den Unterricht beim lüften.

  14. Dann sollen die Lehrkräfte halt wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt gehen und sich eine Krankmeldung abholen damit der Unterricht wegen Lehrermangel ständig ausfällt und sich die Eltern bei der Regierung beschweren, dass es so nicht funktioniert.

  15. Hessens KM Lorz bezeichnet heute in der PK die Strategie des Stoßlüftens als „Königsweg“.
    Was soll man dazu noch sagen?
    Macht mich einfach nur wütend. Unfassbar!

  16. Ich habe es bereits öfter geschrieben: solange die Lehrerschaft nur kleinlaut hier im Forum brüllt, wird null passieren. Der Löwe muss brüllen, streiken, demonstrieren. Drei Tage Lehrerstreik ohne Entgegenkommen und mit Druck auf weitere Streiks, falls sich nichts tut.
    Was meint ihr, wie schnell sich da was ändert… aber ich spreche gegen eine Wand, leider.

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