Wie sollen Lehrer mit islamistischen Schülern umgehen? GEW: Verunsicherung ist groß

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BERLIN. Im Oktober wird in Paris ein Geschichtslehrer ermordet, weil er im Unterricht Mohammed-Karikaturen gezeigt hat. Tausende von Schüler und Lehrern gedachten des Opfers mit einer Schweigeminute – auch in Deutschland. Beim stillen Gedenken darf es aber nicht bleiben, fordern Eltern und die GEW.

Tausende von Schülern und Lehrern gedachten heute des Opfers. Foto: Shutterstock

Für Lehrerinnen und Lehrer in Berliner Schulen ist es nach Überzeugung der Elternvertreter unverzichtbar, unterrichten zu können, ohne sich bedroht zu fühlen. Es dürfe nicht sein, dass Lehrkräfte sich aus Angst mit bestimmten Themen nicht beschäftigten, sagte der Vorsitzende des Landeselternausschusses, Norman Heise. «Wir stehen dazu, dass Lehrkräfte völlig ohne Druck ihre Themen behandeln dürfen und ohne dass ihnen Schaden für Leib und Leben droht.» Aus diesem Grund habe die Elternvertretung die Gedenkminute an Berliner Schulen am Montagvormittag für den in Paris ermordeten Geschichtslehrer Samuel Paty unterstützt.

Der ermordete Leher hatte im Unterricht Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt

Mitte Oktober hatte der brutale Mord Entsetzen ausgelöst. Das Motiv des 18-jährigen Angreifers mit russisch-tschetschenischen Wurzeln war den Ermittlern zufolge, dass Paty in einer Unterrichtsstunde zum Thema Meinungsfreiheit Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt hatte. Patys Leiche war enthauptet aufgefunden worden.

Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hatte die Berliner Schulen gebeten, sich an einer europaweiten Gedenkminute für den Geschichtslehrer zu beteiligen. Ähnliche Aktionen liefen in anderen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen, Hessen oder Sachsen-Anhalt. Scheeres hatte außerdem angeregt, über die Hintergründe des Anschlags im Unterricht zu sprechen und Schülerinnen und Schüler erneut für Toleranz und Solidarität sowie gegen Gewalt und Extremismus zu sensibilisieren.

Heise geht davon aus, dass nicht alle Berliner Schüler für die Diskussion bestimmter Themen wie Meinungsfreiheit offen sind: «Die Stadt ist groß, wir haben 360.000 Schülerinnen und Schüler. Da wird es auch welche geben, die Vorbehalte haben», sagte er. Schule sei aber ein Ort von Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit. «Und dann muss man gucken, wie man mit solchen Schülerinnen und Schülern oder deren Eltern ins Gespräch kommt.»

Lehrerinnen und Lehrer hatten Angst, sich an der Gedenkminute zu beteiligen

Astrid-Sabine Busse vom Interessenverband Berliner Schulleitungen sagte, es habe im Vorfeld Hinweise auf mögliche Störungen der Gedenkminute gegeben. «Schon das muss uns erschrecken.» Mit der Gedenkminute ein Zeichen zu setzen, sei richtig gewesen. «Ein Kollege von uns ist ermordet worden», sagte Busse. «Wir dürfen jetzt nicht zur Tagesordnung übergehen.»

Dass Lehrkräfte Angst gehabt hätten, sich an der Gedenkminute zu beteiligen, sei schrecklich, so die Schulleiterin aus Neukölln. Aber die Angst sei berechtigt. Es gebe muslimische Kinder, die von zu Hause oder in den Moscheen indoktriniert würden. «Wir haben zu lange gewartet, etwas gegen diese Entwicklung zu tun, wir hätten schon vor 20 Jahren damit anfangen müssen.» Rückmeldungen über Störungen der Gedenkminute habe sie bis Montagnachmittag aber noch nicht erhalten.

Martin Klesmann, Sprecher der Bildungsverwaltung, sagte, Zahlen darüber, wie viele Berliner Schulen sich an der Gedenkminute beteiligt hätten, lägen ihm nicht vor. Der Bildungsverwaltung sei ebenfalls nichts über Störungen bekannt. Klesmann betonte, in Berlin sei Ethik verpflichtendes Schulfach in der Mittelstufe, in dem es unter anderem darum gehe, Respekt für andere zu entwickeln.

Auch aus Sicht der Bildungsgewerkschaft GEW war die Gedenkminute ein richtiger Schritt. Sie könne dazu beitragen, ein Bewusstsein für extremistische Tendenzen zu schaffen, sagte Berlins GEW-Landesvorsitzender Tom Erdmann. Er kritisierte, in den vergangenen Jahren sei in den Berliner Schulen zulasten von politischer Bildung ein zu starker Schwerpunkt auf vermeintliche Kernkompetenzen wie Deutsch, Mathe, und Naturwissenschaften gelegt worden. Das müsse überdacht werden.

GEW: Unter Lehrkräften herrscht Unsicherheit, wie sie mit fundamentalistischen Schülern umgehen sollen

Unter den Lehrerinnen und Lehrern herrsche sehr viel Unsicherheit, sagte Erdmann. «In vielen Schulen gibt es Lehrkräfte, die schon mit Schülerinnen und Schülern zu tun hatten, bei denen sie sich sehr unsicher waren, wie man mit fundamentalistischen Tendenzen umgeht.» Sie müssten für den Umgang mit solchen Situationen gestärkt werden, so der GEW-Vorsitzende, unter anderem durch Fortbildungen etwa zu den Themen Islamismus und personenbezogene Menschenfeindlichkeit.

Erdmann sagte, er glaube aber nicht, dass es in dem Zusammenhang in Berlin ein flächendeckendes großes Problem gebe. «Es gibt regelmäßig Fälle, wo sich Kolleginnen und Kollegen mit Beratungsbedarf melden, die mit der Situation an ihrer Schule überfordert sind. Das sind vor allem die Lehrkräfte, die engagiert sind und sich des Problems annehmen wollen», so der ausgebildete Lehrer. «Wir wissen allerdings nicht, wie hoch der Anteil der Kollegen ist, die überfordert sind, aber aufgrund der Aufgabenfülle im Alltag keine Zeit und keine Reserven haben, sich damit auseinanderzusetzen.» dpa

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6 KOMMENTARE

  1. Bin Geschichts- und Politiklehrer in NRW. Habe am Wochende von der Mitteilung aus dem MfSB über private Netzwerke erfahren und dann darauf gewartet,dass die Mitteilung vom Staatssekretär Mathias Richter uns an der Schule über den bekannten, offiziellen Weg erreicht. Es kam nichts!!!!!
    Nun ja, wo könnte die denn wohl steckengeblieben sein? Im MoMa gestern morgen wurde sehr kritisch über diesen Vorstoß des französischen Bildungsministers gesprochen…ist es mit unsere Meinungsfreiheit vereinbar, wenn in Schulen SuS dazu genötigt werden, ein Zeichen für eine Sache zu setzen …. auch wenn sie vielleicht als Muslime anderer Meinung sind??? Das war der Tenor…auch wurden Ängste formuliert, dass es zu Gegenmaßnahmen seitens islamistischer Kräfte kommen könnte und wir in Dtschl plötzlich auch Ziel von islamistischen Anschlägen werden….habe dabei totale Schnappatmung bekommen, weil in dem Kontext nicht mehr der brutale Mord an Paty sondern die z.T. als anti-islamisch bezeichnete Politik Frankreichs in den Fokus geschoben wurde ähnlich wie im Tagesspiegel.( https://www.tagesspiegel.de/politik/gedenken-an-getoeteten-lehrer-paty-das-problem-mit-der-schweigeminute-an-den-deutschen-schulen/26578852.html ) …nach dem Motto: selber Schuld…haltet dich einfach die Füße still. Echt traurig, wenn wir uns aus politischen Kalkül und aus Angst nicht mehr zu Freiheits- und Grundrechten bekennen, weil das Recht auf Religionsfreiheit falsch ausgelegt und vorangestellt wird.
    Wird jetzt das islamistische Attentat in Wien auch wieder in dieser Weise weggeredet, um sich nicht mit Unterstützern solcher terroristischer Aktionen seitens (falsch-)gläubigen, wie z.B. z.B. Erdogan anlegen zu müssen??

  2. Das ist genau so wie ich es in einem anderen Kommentar geschrieben habe. Woher kommt denn die Ohnmacht in der Bevölkerung, von wem wurde den Menschen denn eingetrichtert, dass man sich zu anderen Kulturen nicht äussern darf und seien sie noch so radikal?
    Zu meiner Schulzeit war es schon ein Tabu sich über türkische Mitschüler zu beschweren und seien sie noch so gewaltbereit, sofort bekam man von den Lehrern aufs Dach, man sei fremdenfeindlich.
    Mein Sohn äussert sich schon nicht mal mehr verbal, wenn er von einigen Muslimen an der Schule bedroht wird, er duckt sich halt weg, von der Lehrerschaft ist keine Unterstützung zu erwarten, die schreiben nur Zeitungsberichte wie toll die Integration doch klappt an der Schule. Eltern und Schüler schütteln nur den Kopf über eine solche Blauäugigkeit. Sagt jemand die Wahrheit, so wird er sofort öffentlich als rechtsradikal und fremdenfeindlich gebrandmarkt.
    Meine Tochter wird an der Schule, von diesem Klientel als Nutte beschimpft, weil sie mal ein kurzes Kleid angehabt hat. Die Lehrerin meinte dazu: „Na und, die haben doch Recht, so wie Du rumläufst. Schäm Dich!“ Im Privaten geht sie schon nicht mehr ins Schwimmbad aus diesem Grund.
    Genauso und aus diesen Erfahrungen werden sich noch mehr rechtsradikale Zellen bilden, weil sie sich nicht anders zu helfen wissen. Auf der anderen Seite wird durch diese Ungleichbehandlung an den Schulen die radikale Seite der Muslime bestärkt, denn es wird ihnen ja immer recht gegeben.
    An diesem Dilemma ist oftmals die Schule schuld, denn dieser Einstellung wird kein Einhalt geboten und woher soll dann der Respekt kommen.
    Weiteres Beispiel: Wir müssen jedes versaute Schulbuch bezahlen (zu Recht). Die muslimischen Mitschüler bekommen zur Not jeden Monat eine Neues wenn das Alte verschwunden ist.
    Was ist wohl das Ergebnis dieser Pädagogik, wenn man es mal von beiden Seiten beleuchtet?

  3. Genau so sieht es aus. Zu meiner Zeit in der Schule könnten unsere türkischen Mitschüler noch deutsch, mitunter besser als die deutschen Schüler. Heute haben diese Schüler wie wir auch eigene Kinder, nur eben 5 an der Zahl. Aber Deutsch wird ihnen in der Schule nicht beigebracht. Ich zweifle so langsam daran ob es am Nichtwille zur Integration liegt, sondern eher am Wille der Schule. Denn die Eltern, die mit uns aufwuchsen sind komplett integriert. Vielleicht liegt das Problem doch in der Schule, dass man sich diese Arbeit doch lieber nicht machen will, aber es sich ständig nach Aussen auf die Fahnen schreibt.

  4. Für die GEW-Zeitung in BW habe ich analysiert:
    Schule kann nicht alleine Gewalt verhindern. Aber sie kann dazu beitragen, dass sich Gefühle der Zurücksetzung nicht zu Hass verdichten. Sie kann dazu beitragen, dass Bildungsbenachteiligung von Migrant*innen nicht eine Spaltung vertieft, die fundamentalistisch aufgeladen werden kann.

    Diese Gefahr besteht auch in Deutschland. Es gibt bei manchen Jugendlichen mit Migrationsgeschichte eine starke Suche nach Halt und Respekt, einen Rückzug auf ein konservativ-islamisches Auftreten, das auch Distanzierung bedeutet und ansprechbar machen kann für Islamismus. Daraus kann auch Druck entstehen. Druck, sich dem anzupassen und Druck auf Lehrkräfte, Werte und Verhaltensweisen zu akzeptieren, die mit Grundrechten nicht vereinbar sind. Das aber wäre der falsche Weg. Das zeigen auch Erfahrungen mit rechten Jugendszenen in strukturschwachen Gebieten der neuen Bundesländer. Dort hat sich gezeigt, wie schnell die Öffnung von sozialen Räumen dazu führen kann, dass rechte Strukturen gefördert werden. Ein entschuldigender Hinweis auf Desorientierung und soziale Problemlagen trug zu einer neonazistischen Formierung bei, an deren Ende die NSU-Morde standen.“

    https://www.gew-bw.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/islamistischer-und-rechter-terror-spielen-zusammen/

  5. Ich hoffe ja nur, dass diese Schweigeminute auch für die Opfer von Nizza und Wien abgehalten werden. Es wäre ja schlimm wenn ein Lehrer mehr wert wäre als eine französische Rentnerin oder eine Deutsche in Wien. Aber ich vermute so wird es sein, dass sich die Lehrerschaft für etwas Besseres hält. So eine Einstellung macht jeden Unterricht mit dem Thema Gleichheit nur noch lächerlich. Die Schüler spüren diese Einstellung und werden sich im späteren Leben daran erinnern.

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