Der Ausbildungsmarkt in der Pandemie – besonders das Matching leidet unter Kontaktbeschränkungen

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BONN. Deutlich weniger junge Menschen haben in der Pandemie eine Ausbildung begonnen als noch 2019. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) führt den Rückgang allerdings nicht ausschließlich auf das Virus zurück. Besonders die Absage von Berufsmessen, Jobbörsen und Praktika bereitet Probleme.

Der Ausbildungsmarkt musste im Zuge der Corona-Pandemie erhebliche Einbußen verkraften. Wie die jährliche BIBB-Erhebung zur Entwicklung des Ausbildungsmarktes zeigt, sank das Ausbildungsplatzangebot 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 50.700 Plätze auf 527.400. Das entspricht einem Rückgang von 8,8 Prozentpunkten. Demgegenüber standen 545.700 junge Menschen, die eine Ausbildungsstelle suchten, deren Zahl damit 2020 um 53.000 beziehungsweise 8,9 % zurückging.

Unternehmen und Bewerber finden in der Pandemie schwerer zueinander – Ausbildungsmessen gingen 2020 praktisch gar nicht. Foto: Arbeitgeberverband Gesamtmetall (Pit Junker) / flickr (CC BY 2.0)

Alljährlich erhebt das Bundesinstitut die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge zum Stichtag 30. September. In ihrer Analyse beziehen sich die BIBB-Wissenschaftler überdies auf die Ausbildungsmarktstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA).

Ist es in „normalen“ Jahren schon einigermaßen kompliziert, Bewerber und Stellenangebot in Übereinstimmung zu bringen, beklagen die Beteiligten 2020 besondere Probleme dabei, das Ausbildungsangebot der Betriebe und die Nachfrage der Jugendlichen zusammenzuführen. Ausbildungsmessen, Jobbörsen und Betriebspraktika konnten in den meisten Regionen nicht stattfinden. Im Ergebnis seien 59.900 beziehungsweise 11,7 % der betrieblichen Ausbildungsplatzangebote zum Stichtag 30. September 2020 noch nicht besetzt gewesen gegenüber 53.100 beziehungsweise 9,4 % im Vorjahr. 78.200 Bewerberinnen und Bewerber (14,3 % der Nachfragenden) hätten sich weiterhin auf der Suche befunden. Im Vorjahr seien es zum gleichen Zeitpunkt noch 73.700 beziehungsweise 12,3 % gewesen.

Erstmals sank 2020 die Zahl der in einem Jahr neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in Deutschland auf unter 500.000. Infolge des sinkenden Angebots und der Nachfrage sowie der zunehmenden Passungsprobleme fiel die Zahl auf nunmehr 467.500. Damit fiel sie um 57.600 beziehungsweise 11,0 % niedriger aus als ein Jahr zuvor.

Die Schrumpfung des Ausbildungsmarktes ist nach BIBB-Angaben allerdings nicht ausschließlich auf das Geschehen rund um die Pandemie zurückzuführen. Bereits im Vorfeld hatten die Statistiker mit einem tendenziellen Rückgang der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge um mehr als 10.100 gerechnet, unter anderem als Folge sinkender Schulabgängerzahlen. Die Differenz zwischen diesem Wert und dem tatsächlichen Rückgang in Höhe von knapp 57.600 liefere somit eine erste grobe Schätzung, in welchem Ausmaß die Pandemie den Ausbildungsmarkt beeinträchtigte. Demnach wäre der Rückgang von rund 47.400 Verträgen dem Krisengeschehen 2020 zuzuschreiben.

Besonders hohe Rückgänge verzeichneten laut Analyse Industrie und Handel (-13,9 %). Von den größeren Ausbildungsberufen waren etwa Tourismus- (-58,8 %), Veranstaltungs- (-36,2 %) und Hotelfachleute (-29,9 %) betroffen, ebenso Fachkräfte im Gastgewerbe (-24,0 %), Restaurantfachleute (-22,3 %), Köche und Köchinnen (-21,3 %). Stark ging die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverhältnisse aber auch bei Berufen wie Technischer Produktdesigner (-28,0 %), Werkzeugmechaniker (-25,5 %) oder Mediengestalter (-23,5 %) zurück.

Im Handwerk fiel der Rückgang mit insgesamt -7,5 % moderater aus. Berufe wie Maurer, Dachdecker, Fliesen-, Platten- und Mosaikleger, Zimmerer oder Zweiradmechatroniker konnten sogar ein Plus erzielen. Moderat war der Verlust auch im Öffentlichen Dienst mit -2,9 %. Der Vertragsrückgang in den Freien Berufen betrug -8,4 %, und im relativ kleinen Zuständigkeitsbereich Hauswirtschaft lag er bei -10,4 %. Allein in der Landwirtschaft konnte ein Vertragszuwachs von +0,9 % erzielt werden, so zum Beispiel in den Berufen Gärtner, Forstwirt oder Pferdewirt.

Folgt man den Aussagen der BIBB-Ausbildungsexperten ist indes nicht damit zu rechnen, dass sich der Ausbildungsmarkt mit dem Ende der Pandemie automatisch neu beleben wird. Schon die Finanzkrise 2008/2009 habe gezeigt, dass eine einmal erfolgte Abkehr vom dualen Ausbildungssystem nur unter größten Anstrengungen wieder umzukehren sei, stellt etwa Institutspräsident Friedrich Hubert Esser fest. Zwar habe die Corona-Pandemie dem Ansehen des dualen Systems nicht geschadet, da viele system- und versorgungsrelevante Berufe hier ausgebildet würden. „Die Motivation zur Ausbildungsteilnahme hängt aber nicht nur von deren Attraktivität ab, sondern auch von der Erwartung, die Ausbildung frei von größeren Störungen, Einschränkungen oder gar Existenzsorgen erfolgreich durchlaufen zu können“, so Esser. Dies treffe auf die Betriebe ebenso zu wie auf die jungen Menschen. Esser ruft alle Beteiligten in die Verantwortung. Es müsse, so der BIBB-Präsident, „alles dafür getan werden, dass sich die im Zusammenhang mit der Pandemie entstandene Verunsicherung nicht chronisch verfestigt. Das laufende Ausbildungs- und Vermittlungsjahr wird allein schon deshalb erneut äußerst schwierig werden.“ (zab, pm)

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