Deutsch-Professorin fordert bessere Auswahl der Schul-Lektüren

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TÜBINGEN. Zwei Wochen vor Beginn der Abiturprüfungen fordert eine Deutsch-Expertin mehr Sorgfalt bei der Lektüre-Auswahl an Schulen. «Die wenigen literarischen Werke, die überhaupt als Ganzschrift gelesen werden, sollten eine durchschlagende Erfahrung sein, sonst ist das eher kontraproduktiv», sagte die Tübinger Universitäts-Professorin Carolin Führer. «Der Literatur-Unterricht und die Auswahl der Werke bis Klasse 10 sollte nicht den Lehrkräften allein überlassen werden.» Experten aus Wissenschaft, Verlagen und der Bildungsverwaltung seien stärker einzubeziehen.

Johann Wolfgang von Darf in der Oberstufe nicht fehlen: Goethe, Ölgemälde von Joseph Karl Stieler, Quelle: Wikimedia Commons
Kommen Schüler im „Land der Dichter und Denker“ ohne Goethe aus? Ölgemälde von Joseph Karl Stieler, Quelle: Wikimedia Commons

Kritisch beurteilt die Deutsch-Didaktikerin auch den üblichen Schulkanon nationaler Autoren: «Internationale Weltliteratur, Literatur aus anderen Sprachen und Kulturen, weibliche Autorinnen und die Literatur der Gegenwart sind im Zentralabitur eher selten zu finden», sagte Führer. «Die Auswahl von Kinder- und Jugendliteratur bleibt bis Klasse 10 häufig auf vermeintlich jugendrelevante Themen beschränkt.»

Am 4. Mai beginnen in Baden-Württemberg die schriftlichen Abiturprüfungen. Zu den Pflichtlektüren im Leistungsfach Deutsch gehören neben Goethes Drama «Faust I» auch Hermann Hesses Roman «Der Steppenwolf» und E.T.A. Hoffmanns Kunstmärchen «Der goldne Topf». (dpa)

Karliczek: Mindestens jeder fünfte Schüler hat vermutlich dramatische Lernrückstände

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10 KOMMENTARE

  1. Experten aus Wissenschaft und Verlagen sind Experten genau wofür?
    Für Unterricht? Für Kinder von Klasse 1-10?

    Es gibt ein sehr einfaches Mittel, die Nutzung im Unterricht zu forcieren: Gute, kostenfreie oder günstige Unterrichtsmaterialien zur Verfügung stellen, dass möglichst allen Anforderungen des differenzierten, inklusive Unterrichts genügt. Auf, auf!

  2. Nachtrag zum vorherigen Beitrag:
    Die 2. Bedingung ist, dass immer dann, wenn etwas in die Schulen gebracht wird an Inhalt oder Aufgabe, etwas anderes gestrichen werden muss, schließlich erhält man ja keine zusätzliche Zeitfür Neues und Neuerungen.

    Bestimmt können die genannten Experten dies auch im Curriculum ausfindig machen, abwägen und dafür sorgen, dass entsprechende Inhalte dann aus den Curricula gestrichen werden.

    Angesichts der hervorragenden Vorarbeit hinsichtlich Didaktik und Methodik samt Differenzierung kann man auf die Anrechnung oder Entlastung stets neu zu erschließender Inhalte vielleicht verzichten, sollte diese aber abführen, wenn hinsichtlich der Lerngruppe weitere Ausarbeitungen notwendig sein sollten.

  3. Den Theorie-Profis und -Professoris empfehle ich ganz ausdrücklich alle Schriften von mich und über mir.
    Ihro Dil Uhlenspiegel, eine banaler Praktiker

  4. Ich bin ja auch für mehr Niveau. Immer!
    Aber mittlerweile haben wir ja an der RS keine Realschüler mehr, sondern Hauptschüler. Seit ca. 6 Jahren kann ich nicht mehr die niveauvolle Lektüre im Unterricht lesen, wie ich sie noch vor ca. 7-10 Jahren lesen konnte. Wissen denn überhaupt die Experten, welches Niveau in der Sek 1 mittlerweile (politisch forciert!) herrscht? Soll ich die SuS zum Lesen bewegen oder sollen sie abgeschreckt werden?

  5. „Experten aus der Bildungsverwaltung,“ der war gut! Der Gag zum Schulanfang.
    Hatte mit entsprechenden Auswahlprozessen zu tun und das war so ziemlich das Gegenteiligste zu Expertise, das ich erlebt habe.
    Aber vielleicht läuft das woanders ja besser.

  6. Als ich die Überschrift gelesen habe, dachte ich ‚Hurrah! Ein Nicht-Corona-Thema‘! Aber leider inhaltlich auch wieder ein trauriges LESE-Kapitel. Im Englischunterricht hatten wir vor einiger Zeit von genau den Genannten ausgewählte fest vorgeschriebene Lektüren – sie waren so unendlich langweilig und fern der Lebenswelt der SuS, dass nicht nur sie gegähnt haben, als Lehrkraft habe ich es kaum ertragen, schwer, dann Begeisterung im Unterricht zu erzeugen. Jetzt kann ich wieder selbst auswählen – und es läuft! Dennoch geht die Einengung weiter: Früher galt: die LuL sind für ihren Unterricht verantwortlich und können ihn frei gestalten, um die curricularen Ziele zu erreichen. Inzwischen werden wir durch die Vorgaben so eingeschränkt, dass wir zu ausführenden Robotern mutieren. Die Pflicht, sich dann in einem schulinternen Curriculum innerhalb der Fachschaft festzulegen, das gleiche zu machen, beendet allerdings den letzten Rest an Freiheit, den wir noch hatten. Ich bin froh, bald pensioniert zu werden!

  7. So lange die Werke nicht von Capital Bra als Hörbuch vorliegen oder mit Dwayne Johnson verfilmt worden sind, ist es fast egal, was da als Lektüre ausgesucht wird. Für viele SuS ist so eine Ganzschrift heutzutage die Erstbegegnung mit Literatur – da wird fast alles zum absoluten Abturner. Aber Hauptsache, noch mehr digitale Endgeräte, Apps und Software (welche durchaus ihre Daseinsberechtigung haben,schon klar)…aber Lesekompetenz und „Freude an der Literatur“ als Vermittlungsziele des Bildungsplans rücken halt immer weiter in ein entferntes Utopia.

  8. Schiller, Goethe, Hesse.
    Wir haben 2021.
    Und die Kids müssen nicht wirklich das lesen, voller Langeweile, was ich auch schon vor 30 Jahren lesen musste!
    Gibt ja mittlerweile mehr, oder???

    • Das stimmt schon-es muss tatsächlich nicht immer „Schiller, Goethe, Hesse“ sein-aber die Bildungspläne orientieren sich zum einen immer noch an einem sehr antiquierten Bildungsbegriff, zum anderen sind manche Werke ja nicht ganz zufällig als „Klassiker“ eingestuft worden, da sie -unabhängig von der immer unzugänglicher werdenden Sprache (für SuS)- immer noch Themen aufgreifen, die uns Menschen unabhängig von unserer sozio-kulturellen Situation immer noch beschäftigen. (Im Idealfall-ansonsten müsste man das tatsächlich immer wieder prüfen-Theaterinszenierungen machen das natürlich immer und immer wieder-und so geraten viele Stücke auf den Spielplan und manche verschwinden in der Versenkung).
      Noch eine Bemerkung aus dem eigenen Unterricht: Ich habe auch schon viele Male versucht, den Schülern mit etwas zeitgemäßeren Büchern Interesse zu entlocken..Beispiele aus meinem Unterricht der letzten zwei Dekaden waren etwa Faserland von Christian Kracht, Nichts von Janne Teller, Das Parfüm von Patrick Süskind, Crazy von Bemjamin Lebert, Twelve von Nick Mcdonell oder sogar Unterwerfung von Michel Houellebecq, als es frisch auf den Bestsellerlisten erschien und wir u.a. untersuchen wollten, warum das so ist…
      Manche SuS habe ich damit tatsächlich erreichen können, aber die Mehrheit quälte sich einfach durch alle Bücher…oft lag es einfach an der Seitenzahl!! (Rühmliche Ausnahme war Janne Tellers Nichts…das fanden immer alle gut…
      Was ich damit sagen will: Auch wenn man als Lehrkraft denkt „Hey, ich nehme jetzt mal etwas modernes mit einer einfacheren Sprache und verschaffe meinen SuS damit mehr Zugang und Freude am Lesen, dann geht der Schuss oft trotzdem nach hinten los, zumal die Lebenswelten der LuL und ihren SuS auch immer weiter auseinanderklaffen-und das liegt nicht (nur) am Lebensalter, sondern auch und vor allem an den total unterschiedlichen Medienwelten und Interessen.

  9. Kleiner Nachtrag und Aufruf:
    Manchmal gelingt es auch, die Klassiker etwas „aufzupimpen“- habe vor vielen Jahren mal Goethes Werther (damalige Pflichtlektüre) parallel mit Auszügen aus Kurt Cobains Tagebüchern gelesen-das kam recht gut an, da der Kurt durch seinen Selbstmord damals sehr bekannt war. Heute ginge das auch nicht mehr, da die meisten SuS Nirvana nicht mehr hören oder kennen…die Schnelllebigkeit unserer Kultur- und Medienwelten mal wieder…ach, es ist eben ein weites Feld, wie Vater Briest jetzt sagen würde…
    Nun der Aufruf:
    Über Lektürevorschläge, die im Unterricht gut angekommen sind, wäre ich sehr dankbar…gerne hier in die Kommentare posten..;-) Danke sehr!

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