Bewegungsmangel bei Kindern – «Corona-Krise ist Brandbeschleuniger»

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BERLIN. Buden bauen im Wald oder stundenlang durch Hinterhöfe tingeln: Viele Erwachsenen erinnern sich gern an ihr freies Spiel mit Freunden. Inzwischen allerdings sind Bildschirm-Aktivitäten oft gefragter – und Kinder bekommen Diagnosen, die einst Senioren vorbehalten waren.

Die Corona-Krise hat ungesunde Trends verstärkt. Foto: Shutterstock

Seit jeher galt: Landkinder sind fitter als Stadtkinder. «Inzwischen hat sich das aber umgekehrt», sagt der Potsdamer Trainings- und Bewegungswissenschaftler Urs Granacher. Dies gelte für Deutschland ebenso wie für andere Länder. Doch wie kann das sein, wo es in den immer dichter bebauten Städten doch immer weniger Raum für spielende Kinder gibt?

«Der Grund ist, dass es einen extremen Rückgang beim freien Spiel gibt», erklärt Granacher, Professor für Trainings- und Bewegungswissenschaft an der Universität Potsdam. «Bewegung draußen ohne organisierten Rahmen findet kaum noch statt.» Auch auf dem Land werde lieber am Computer gedaddelt als die Bude im Wald gebaut. Wenn Kinder sich außerhalb des Schulsports überhaupt noch bewegten, dann meist in Sportvereinen – und in dem Bereich sei das Angebot in der Stadt meist weitaus besser als auf dem Land. «Wer dort nicht Fußball spielen möchte, kann schnell ein Problem bekommen.»

Die «Emotikon»-Studie in Brandenburg, in die seit 2009 fast 200.000 Drittklässler einbezogen worden seien, habe zudem ergeben, dass Kinder vor allem bei der Ausdauer schlechter abschneiden. «Dies zeigt sich nicht nur für Brandenburg, sondern auch für Deutschland und weltweit. Die körperliche Fitness von Kindern ist erheblich schlechter als vor 20, 30 Jahren», sagt Granacher. Ein aus der Altersmedizin bekannter Begriff für den Kraftrückgang im Alter, die Dynapenie, werde aufgrund dieser Tendenzen auch auf Kinder angewandt und als pädiatrische Dynapenie bezeichnet. «Betroffene Kinder haben nicht mehr ausreichend Muskelkraft für spielerische Aktivitäten wie das Klettern auf einem Klettergerüst.»

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt für Kinder und Jugendliche täglich mindestens 60 Minuten körperliche Aktivität bei moderaten bis hohen Intensitäten. «Das ist die Minimalempfehlung wohlbemerkt», so Granacher. Weltweit erfüllt ein großer Teil der Kinder die Empfehlung nicht, bei den Jugendlichen bewegen sich nach den zuletzt verfügbaren Daten 80 Prozent nicht genug. «Und das war vor der Pandemie.» Wegen der vielen Folgen für die Gesundheit werde Bewegung unterhalb der empfohlenen WHO-Minimalzeit inzwischen als Krankheitsbild definiert, genannt Exercise Deficit Disorder (EDD, etwa: Störung durch Bewegungsmangel).

«Der Profifußball durfte weiter trainieren – mir persönlich wären die Kinder wichtiger gewesen»

Mit der Corona-Krise dürfte sich das Problem in vielen Ländern noch dramatisch verschärft haben. Schul- und Vereinssport, selbst der Weg zur Schule fielen über Monate weg. «Das ist noch mal ein Brandbeschleuniger», ist der Stuttgarter Bewegungsexperte Clemens Becker überzeugt. Binnen eines Jahres könne sehr viel Muskelmasse, Koordination und Ausdauer verloren gehen. Auch Granacher betont: «Da bricht unglaublich viel weg.» Gerade weil es inzwischen weniger freies Spiel gebe, wirkt sich der Ausfall von Schul- und Vereinssport besonders stark aus.

«70 Prozent der Kinder in Deutschland betreiben normalerweise Vereinssport», sagt Dietmar Pennig, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) und der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU). Die ohnehin schon vorhandenen koordinativen Verluste hätten sich im Zuge der Pandemie ganz sicher noch einmal verschärft. «Der Profifußball durfte weiter trainieren – mir persönlich wären die Kinder wichtiger gewesen.» Zumindest im Freien wäre da viel möglich gewesen. «Die Kinder haben leider eine schlechtere Lobby als andere Gruppen.»

Während sich viele Kinder im ersten Corona-Lockdown – bei schönem Frühlingswetter – noch häufig draußen aufhielten, bewegten sie sich gemäß einer Studie des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) im zweiten Corona-Lockdown erheblich weniger als üblich. Eine andere Freizeitaktivität legte dafür immens zu: der Medienkonsum. Im Mittel saßen die an der Studie beteiligten 4- bis 17-Jährigen 222 Minuten am Tag vor Bildschirmen, 28 Minuten länger als im ersten Lockdown.

War es lange nur das Fernsehen, das Kinder und Jugendliche stundenlang auf die Couch bannte, kommen heute Videospiele, Youtube-Videos und soziale Medien hinzu. Nach der Ende vergangenen Jahres vorgestellten JIM-Studie erfuhren die 12- bis 19-Jährigen 2020 noch einmal einen deutlichen Schub in der Ausstattung mit Mediengeräten. Der persönliche Besitz eines Computers oder Laptops stieg von 65 auf 72 Prozent, der eines eigenen Tablets von 25 auf 38 Prozent. Jeder dritte Jugendliche hat inzwischen einen Fernseher mit Internetzugang.

Die tägliche Internetnutzungsdauer stieg nach Einschätzung der Jugendlichen von 205 Minuten im Jahr 2019 auf 258 Minuten in 2020, vor allem im Bereich Unterhaltung. Die durchschnittliche werktägliche Fernsehdauer stieg auf mehr als zwei Stunden, die durchschnittliche Nutzungsdauer digitaler Spiele um 40 auf 121 Minuten. Weniger Bewegung bei höherem Medienkonsum – das sei «ein gefährlicher Cocktail», warnt Granacher. Es werde ganz sicher langfristige Auswirkungen für die betroffenen Kinder geben, wenn nicht geeignete Maßnahmen ergriffen werden.

Davon ist auch Pennig überzeugt. Ein Minus an Bewegung in dieser lebensprägenden Entwicklungsphase habe Auswirkungen auf das gesamte Leben, sagt der Ärztliche Direktor und Chefarzt am St. Vinzenz-Hospital in Köln. Zum einen mieden Kinder, die etwa wegen mehr Gewicht und verschlechterter Motorik beim Spiel mit Gleichaltrigen häufiger verlören, das Toben und Spielen oft ganz. Zum anderen sei es generell so, dass sich das Bewegungsverhalten in Kindheit und Jugend verfestige. Aus inaktiven Kindern werden mit großer Wahrscheinlichkeit inaktive Erwachsene.

«An das breite Wirkungsspektrum von körperlicher Aktivität und Sport kommt keine Pille ran»

Ohnehin lasse sich eine von Grund auf fehlende Basis kaum noch aufholen. Mit zunehmendem Alter werde es zum Beispiel immer schwerer, den ab etwa dem 40. Lebensjahr beginnenden Schwund an Knochenmasse aufzuhalten, erklärt Pennig. «Und wenn ich von vorherein nur mit 80 statt 100 Prozent starte, kommen die Probleme schneller.» Wichtig ist den Experten zufolge nun, den Verlust an Koordination, Kraft und Ausdauer möglichst wieder aufzuholen. Dafür müssten an den Schulen gezielte Förderangebote geschaffen werden, so Granacher.

«Sonst droht aus der Covid-19-Pandemie eine körperliche Inaktivitätspandemie mit allen negativen gesundheitlichen Konsequenzen zu werden.» Zu berücksichtigen sei dabei, wenn der Sportunterricht wieder regulär stattfinden kann, dass es nicht auf demselben Fitness-Niveau wie zuvor losgehen könne. «Das Verletzungsrisiko ist vermutlich erheblich größer geworden.» Zunächst müsse zwei bis drei Monate lang die körperliche Fitness wieder gezielt aufgebaut werden.

Das sei umso wichtiger, da diese sich auch auf viele andere Faktoren wie Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit positiv auswirke. «Es gibt bereits den Ansatz, Training so zu verschreiben wie man ein Medikament verschreiben würde», sagt Granacher. «An das breite Wirkungsspektrum von körperlicher Aktivität und Sport kommt keine Pille ran.» Von Annett Stein, dpa

Auf verlorenem Posten: Der Sportunterricht kommt gegen den Bewegungsmangel nicht mehr an

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17 KOMMENTARE

  1. „Buden bauen im Wald oder stundenlang durch Hinterhöfe tingeln: Viele Erwachsene erinnern sich gern an ihr freies Spiel mit Freunden.“
    So isses. Nur unseren Kindern heute gönnen wir das nicht mehr.
    Kindheit heute ist durchorganisiert und findet zum großen Teil institutionalisiert, angeleitet und unter dem aufmerksamen Blick von Erwachsenen statt.
    Unsere Kinder zahlen den Preis für unsere, unter ständigem Wachstumszwang stehende, boomende Wirtschaft.
    Und wir Erwachsenen zahlen ebenfalls. Die Kliniken für psychosomatische Erkrankungen sind voll mit Leuten, die an Burnout, Depressionen oder sonstigen psychischen Gebrechen leiden, weil sie dem Leistungsdruck nicht mehr gewachsen sind. Weil sie eine sich in rasendem Tempo entwickelnde Welt, in der die Technik von heute morgen schon wieder veraltet ist, überfordert.
    Und wer da nicht mithalten kann, gilt als „abgehängt“ und hat halt Pech gehabt.
    Ich finde diesen Preis zu hoch, und ich arbeite daran, ihn nicht mehr bezahlen zu müssen.
    Sollen doch die zahlen, die sich diesem Hype völlig unkritisch unterordnen und auch noch glauben der Welt damit einen Gefallen zu tun.

  2. Dass durch den zweiten Lockdown mehr Couch-Potatoes hervorgebracht wurden, überrascht mich zumindest in meinem Umfeld nicht sehr.
    Im letzten Jahr, als quasi von einem Tag auf den anderen die Schulen dicht gemacht wurden, haben viele meiner KollegInnen und auch ich versucht, irgendwie Ordnung in der völlig ungewohnten Situation entstehen zu lassen.
    Wir haben den Eltern Vieles offen gelassen, auch wenn manchmal „Stundenpläne“ verschickt wurden: „Gestalten Sie den Tagesablauf der Familie und die Bearbeitung der Arbeitsaufgaben so, wie Sie alle am besten damit klar kommen! Wenn das Wetter schön ist und Sie Zeit haben, gehen Sie raus. Lassen Sie die Kinder im Garten spielen.“
    Die Kommunikation lief viel über Mail, Materialabholung, Sprechzeiten und Telefon.
    Ich sah immer wieder viele unserer Schüler draußen Rad fahren, mit dem Hund Gassi gehen, im Garten spielen, mit den Eltern wandern. Zu unterschiedlichen Tageszeiten.

    Das wurde zum 2. Lockdown völlig dämonisiert und als steinzeitlich und lernhinderlich bezeichnet.
    Die Elternbeschwerden in den Kommentarspalten der Medien sprachen Bände und forderten sicht- und kontrollierbare Präsenz- und Arbeitszeiten der Lehrer.
    Mehr Videokonferenzen und Onlineunterricht.
    Also haben wir das so weit wie möglich umgesetzt.
    Auf Druck von Außen und Oben.
    Präsenzzeiten für alle gleichzeitig. Natürlich vormittags.
    Egal, wie toll das Wetter war oder wie früh es dunkel wurde.
    Und egal, wie genervt die Eltern dann auch wieder waren, weil alle aufeinander hockten und Ruhe und einen Platz am PC wollten.
    Fächer möglichst nach Stundenplan. Vormittags bei schönem Wetter „langweilige“ Übungen, nachmittags bei Regen oder einbrechender Dunkelheit Indoor-Sport-Tipps.
    Möglichst viele und lange Beschulungs- und Übungszeiten.
    Und immer möglichst digital.

    Und jetzt wundern sich plötzlich alle, dass die Kids dann gleich vor dem Medium kleben geblieben sind….

    • Das ist mir in der Tat auch aufgefallen, dass die gesamten Kinder in der Nachbarschaft diesmal überhaupt nicht draußen waren. Sogar deutlich weniger, als wenn sie sonst von der Schule gekommen sind.
      Vor allem als es nochmal so sehr geschneit hatte, fand ich es irgendwie schade, dass sie wohl so gar nicht raus dürfen.

  3. Ganz unabhängig von Corona und Lockdown ist es doch so, das die Möglichkeiten der Kinder zum freien Spielen und Toben immer eingeschränkter werden.
    Viele Fertigkeiten, die sich frühere Kindergenerationen ganz von selbst durch unorganisiertes, freies Tun angeeignet haben, müssen heute mühsam erlernt und eingeübt werden.
    Ich will damit nicht behaupten, das „früher alles besser war.“ Das war es beileibe nicht.
    Aber es war auch nicht alles schlechter.
    Unser blinder Fortschrittsglaube treibt uns immer mehr dazu, uns völlig abzukoppeln von einem direkten Zugang und direkten Erleben unserer Welt mit allen Sinnen.
    Wir schaffen uns künstliche Lebensräume, wo jeder seinen Platz in einer anderen Abteilung hat. Kinder in der Kita, Alte im Seniorenheim, Eltern im Büro usw. Kinder sehen und erleben nicht mehr, wie die Erwachsenenwelt funktioniert. Das sind die Folgen einer völlig aus dem Ruder gelaufenen Globalisierung. Dazu kommt die, seit Corona noch mehr in den Blickpunkt gerückte, zunehmende Digitalisierung aller Lebensbereiche. Natürlich wird dadurch vieles leichter, was früher aufwendig und kompliziert war.
    Aber mit jeder Erleichterung schaffen wir uns gleichzeitig Probleme, deren Lösung uns immense Kraft kostet. (Bewegungsmangel, Cyber-Mobbing, Shitstorms, Gewaltverherrlichung Im Netz, Hassmails, Bedrohungen im Netz usw.)
    Wir entwickeln dann Strategien um diese
    „Herausforderungen“ zu meistern, nur um festzustellen, daß sich dadurch wieder neue Schwierigkeiten ergeben.
    Kann sein, daß ich mit meiner Sicht auf die Dinge völlig falsch liege.
    Aber ich kann in der derzeitigen Entwicklung einfach kaum Vorteile entdecken. Und wenn doch, dann ist mir, wie ich schon sagte, der Preis dafür zu hoch.

  4. @Bavarianteachy:
    Ich gebe Ihnen vollkommen Recht! Mein Kind (2. Klasse) hatte zwar weder im ersten, noch im zweiten oder dritten Lockdown Probleme mit dem Unterrichtsstoff – er kann sich für so einen kleinen Menschen schon sehr gut selbst organisieren. Allerdings muss ich ehrlich sagen, dass es ihm persönlich besser ging, als er im ersten Lockdown keine Videokonferenzen vormittags hatte, die sich manchmal für ihn gefühlt ewig hinziehen. Er bearbeitet lieber seine Aufgaben für sich in seinem Tempo, kommt schneller damit voran und ist vorallem motivierter dabei.
    Derzeit ist es so, dass er sobald die Aufgaben für den nächsten Tag eingestellt sind, sie dann schon am frühen Abend vorarbeitet, sodass er dann den folgenden Vormittag/Nachmittag frei hat. Er verfolgt nur noch die 1 1/2 stündige Videokonferenz am Vormittag und ist dann fertig. Allerdings möchte die Lehrerin nicht, dass die Kinder so arbeiten. Ich lasse ihm trotzdem freie Hand – vorallem auch, weil ich sehe, dass er alles sehr gut macht, durch diese Arbeitsweise sogar besser voran kommt und es ihm damit vorallem besser geht. Er hat den ganzen Tag Freizeit, spielt mit seinem kleinen Bruder oder Freund und macht abends seine Aufgaben – ganz selbständig und ohne, dass ich dahinter her sein muss oder ihn drängen müsste. Das müsste ich, wenn er so arbeiten würde, wie seine Lehrerin es von den Kindern verlangt (nämlich erst Videokonferenz, danach die Aufgaben – allerdings ist dann der ganze Tag gelaufen…).
    Bei uns klappt es wie gesagt gut – allerdings habe ich im ersten Lockdown auch Familien beobachtet, bei denen dieses „den Kindern freie Hand lassen“ total nach hinten los ging. Die Eltern konnten machen was sie wollten und waren letztendlich machtlos, wenn die Kinder den Wochenplan nicht abgearbeitet haben. Woran das lag, darüber kann man mutmaßen. Klar, vielleicht sind die Eltern nicht offensiv genug dahinter her gewesen? Darüber mag ich mir aber kein Urteil erlauben – jedes Kind ist anders. Und ein Machtwort des Lehrers zieht mehr (…der Prophet im eigenen Land ist oft nichts wert… ;-))
    Ich denke, denjenigen, die sich nicht selbst organisieren können, tun diese regelmäßigen Ansprechzeiten der Lehrkräfte sehr gut. Zumindest in Bezug auf das Erlernen des Unterrichtsstoffs. Wie Sie richtig sagen, leiden dadurch natürlich andere Dinge, die für die körperliche Gesundheit wichtig sind. Ich glaube, die meisten Kinder brauchen heutzutage diese vorgegebenen „Struktur“, damit sie lehrplanmäßig nicht hinten runter fallen. Wo auch immer die Ursachen hierfür sind. Es ist ein gesellschaftliches Problem, was man nicht so einfach abschalten kann – schon gar nicht während einer Pandemie. Also muss man mit diesem Problem derzeit irgendwie durch die Krise kommen, ohne irgendwem hierfür die Schuld in die Schuhe zu schieben. Das hilft aktuell niemandem und leiden tun darunter immer die Kinder. Sie bekommen doch zu Hause auch mit, wenn seitens der Eltern immer nur auf Lehrer oder Politik geschimpft wird…

  5. Bavarianteachy…
    Schön, auch solche Ansichten zu lesen.
    Ich bin ehrlich…. Mir war das irgendwann völlig egal, ob meine Kinder ihre Aufgaben gemacht haben oder nicht.
    Das homeschooling ist und war eine Herausforderung und wir haben uns den nicht mehr gestellt. Ich habe zum Glück natürlich Kinder, die wenig Probleme haben, zu lernen und zu begreifen.
    Aber Unterricht erteilen, so wie das heute gefordert wird, ist nicht meine Aufgabe. Dazu gibt es nicht umsonst geschultes Personal und Menschen, die Pädagogik studiert haben.
    Man hätte den Lehrplan ändern sollen, Aufgaben einkürzen. Lehrer in Kurzarbeit.
    Für die meisten Lehrer wäre das finanziell für die 3 Monate stemmbar gewesen und ich kenne auch genug Lehrer um zu wissen, dass das auch gewünscht war nach dem ganzen Stress, dem auch die Lehrer ausgesetzt waren.
    Eher hätte man Sportgruppen bilden sollen und mit den Kindern die Natur erkunden können. Selbst mit Stadtkindern hätte man da Lösungen gefunden.
    Aber nein, Schule zu, isolieren und dann wundern über das Ergebnis.

  6. Wen wunderts?
    Schule und auch Distanzunterricht produzieren diese Trends zur Passivität im Kopf wie im Körper!
    Wollen wirklich alle zu „Schule wie vorher“ zurück?

    Schon vorher litten die Kinder darunter, dass Familienzeiten kaum mehr möglich, dass selbstgestaltete Freizeit dem Ganztag weichen musste, dass nach der Schule (also ab 16 Uhr – dann ist es im Winter übrigens immer dunkel, nicht nur in Coronazeiten) alle nur noch chillen konnten, „Draußen-Zeiten“ auf Null Komma zusammenschrumpften.

    Bisher wurde Ganztag von Eltern, Wirtschaft und Ministerium verlangt.

    Wir Lehrer wurden da wenig gefragt; im Gegenteil, wenn wir pädagogische und sonstige Einwände hatten, wurden sie als Arbeitsfaulheit abgetan.

    Woran erinnern die Kinder sich später, wenn sie an ihre Kindheit denken?
    An Computerspiele auf dem Sofa, Cola und Chips daneben?
    Ist sowas einer Erinnerung wert?
    Bildet sowas die Persönlichkeit?
    Lernen die Kinder dabei, starke Erwachsene zu werden?

    Die Kinder (sorry, pauschal, trifft sicher nie auf alle zu) können nicht mehr kochen, können keine Baumhäuser mehr bauen, können nicht man mehr mit Schere, Papier, Kleber, geschweige denn einem Hammer sachgerecht, effektiv und unfallfrei umgehen, erleben m.E. einfach nichts mehr, was einer Erinnerung wert ist.
    Vielleicht erinnern einige sich später an tolle Urlaubsreisen, die die Eltern sich leisten konnten.
    Vielleicht…
    Vielleicht wissen sie nicht einmal mehr, was ihnen entgangen ist: das eigene Haustier, der Streit mit Bruder und Schwester, wer mit dem Hund rausgehen muss, Garten umgraben mit Opa, Radfahren mit Geschwistern oder Freunden, Nächte im Zelt im Garten, Lesen unter der Bettdecke, Eisenbahnbau mit Papa, Kuchen backen, verbrannte Plätzchen, selbstgemalte Bilder oder Schnitzereien…

    Aus Lehrersicht wünsche ich mir für meine Schüler neben Zeit für solide Grundbildung viel mehr Gestaltungsfreiheiten, auch viel mehr Freiheiten von der Schule, selbstbestimmte Freizeit – aber auch mehr Angebote durch Schule, vor allem für die, die sich anderes nicht leisten oder anderes nicht organisieren können.
    Schule sollte Chancen bieten und Bildung gerecht machen (leider derzeit abgedroschenes und eher negativ belegtes, politisch instrumentalisiertes Wort – deshalb aber nicht grundsätzlich falsch).
    Schule sollte nicht (nur) Zwangsveranstaltung sein.

    • Ein toller Kommentar! Das sehe ich auch so. Eine Frage der Lehrerin meines Kindes beim Lernentwicklungsgespräch im letzten Schuljahr (1. Klasse) an ihn – neben „wie ergeht es Dir in der Klasse, mit den Aufgaben, usw.“ war folgende: „Hast Du jeden Tag Zeit zum Spielen?“ Ich fand das so toll! Das ist so wichtig für Kinder. In einer ganztägigen Betreuung erleben die Kinder ihre Freizeit anders – immer irgendwie vorgegeben und unfrei. Wir sind in der glücklichen Situation, dass wir ab Mittag keine Betreuung für die Kinder benötigen. Aber es gibt viele, die darauf angewiesen sind.

  7. DAFÜR, dass sich meine Schüler und Schülerinnen bewegen, nicht nur daddeln, fernsehen usw., sich (gesund) ernähren, SIND DIE ELTERN ZUSTÄNDIG UND VERANTWORTLICH! Ich bin zuständig für Deutsch und Erdkunde und spreche oben Genanntes in dem Rahmen gerne an, aber mehr nicht.

    • Wer sagt denn, dass Sie oder allgemein die Lehrer dafür verantwortlich wären? Das liest man weder aus dem Artikel heraus, noch hat das hier irgendwer in den Kommentaren geschrieben! Keiner macht die Lehrer dafür verantwortlich oder verlangt von ihnen, dass sie diesen Zustand beseitigen sollen. Hier wird lediglich eine Tatsache angesprochen und dass es sich dabei um eine gesamtgesellschaftlich bedenklichen Entwicklung handelt.

      • Das fragen Sie jetzt nicht im Ernst?!
        Ihnen da inhaltlich zu be- oder entgegenen ist für mich eine Verschwendung meiner Lebenszeit.

  8. Ich denke es ist besser weniger Homeschooling zu machen und sich mehr zu bewegen. Das Schuljahr ist eh keins mehr. Haken wir es einfach ab.

  9. In der Schule meiner mittleren Tochter (Klasse4) fand letzte Woche ein Fahrrad-Übetag statt. Die Kinder sind mit Lehrerin und Verkehrspolizist ca 1,5 km gefahren. Die Strecke ist flach.
    Von 15 Kindern waren 5 so platt, dass die das gemächlichen Tempo nicht mehr mitfahren konnten!! Ein Mädchen ist sogar nahezu kollabiert.
    Da fragt man sich dann schon, warum die Gesundheit unserer Kinder so gewissenlose übergangen wird, während der Profi-Fußball munter weitermacht.
    Zum Glück sind meine eigenen Kinder generell nicht im Ganztag und sind daher gewohnt, selbstbestimmt draußen zu spielen. Das machen sie auch im Lockdown.
    Aber den Luxus haben nicht viele.

  10. Doch. Mir ist schon klar, dass einige Eltern dies auch als Aufgabe der Lehrer ansehen und von Ihnen Sachen verlangen, für die Sie nicht zuständig sind. Vielleicht erleben Sie das persönlich. Aber das ist doch keine Mehrheit der Eltern!? Und schon gar nicht in weiterführenden Schulen… Das sind zumindest meine Beobachtungen aus Sicht der Elternschaft. Ich habe mich nur gefragt, warum Sie sich so angegriffen gefühlt haben, wo sowas hier doch gar kein Thema war? Weder im Artikel noch in den Kommentaren. Und übrigens tut es mir leid, dass ich Sie durch einen Kommentar in die Gefahr gebracht habe, kostbare Lebenszeit zu verschwenden!

  11. Das Problem besteht nicht erst seit Corona, aber nun wird es thematisiert. Digitalisierung auf Teufel komm raus, in der Schule digital, in der Freizeit ebenfalls. Ein Lehrer, der auf Gruppenarbeit (nicht mit dem Handy, sondern kreativ, z.B. mit Basteln und Produzieren) setzt, wird schon belächelt. Da gibt es so tolle Programme wie Quizlet, Kahoot und mehr, die in den Unterricht integriert werden. Cool. Schade, wenn die Schüler nur noch auf so was anspringen. Eigene Kreativität? Fehlanzeige. Der Bewegungsmangel ist auch vorprogrammiert. Sportunterricht? Mit 30 Schülern in einem Drittel der Mehrfachturnhalle, ohne motivierendes Equipment (zur Standardausrüstung gehören Böcke, Pauschenpferde, Schwebebalken, völlig überflüssig), zu wenig Material und keine Ausrüstung, um wenigstens die Grundfertigkeiten zu schulen. Vielfach fällt Sport aus wegen Lehrkräftemangel, fehlende Raumkapazität, Verlegung von Sonderveranstaltungen auf die Sportstunden. Das kann nichts werden.
    Die Eltern? Sind oft selbst bequem und der Meinung, alles durch Fremdbestimmung regeln zu können. Zudem übertreffen sich viele, ihrem Kind etwas Gutes zu tun, indem sie selbst Dreiräder und Miniroller mit elektrischem Antrieb erwerben, stolz wenn der Spross dann ohne Anstrengung durch die Gegend pest. Danach gehts zu McDo…….., das mögen ja alle Kids.
    Schön, dass auch Sportvereine und Fitnessanlagen, der letzte Strohhalm gegen die Zivilisationskrankheiten, rigoros dicht gemacht wurden, und nach Corona (gibt es das überhaupt?) wird es diese nicht mehr in der Vielzahl geben.
    Kinderadipositas ist ein Gesellschaftsproblem und nicht erst seit Corona relevant. Man hat die Zeichen der Zeit mal wieder nicht erkannt und jetzt ist das Gejammere groß. Die Prioritäten liegen (Budget-bedingt) auf anderen Gebieten. Die Folgen, die diese Vernachlässigung nach sich ziehen, werden wieder mal zu spät realisiert.
    Es muss in die Köpfe: unser bewegungsarmer und bequemer Lebensstil muss durch Sport und Ernährungsschulung kompensiert werden, nicht durch noch mehr Angebote vor dem Monitor ………………..

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