Wenn Kinder trauern: Lehrkräfte sind wichtige Ansprechpartner bei Abschieden. Ein Gastbeitrag

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BREMEN. Verlust, Abschied, Trauer: Gerade jetzt während der Corona-Pandemie ist es für Lehrerinnen und Lehrer eine besonders große Herausforderung, auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen einzugehen. Es ist eine Zeit des Abschiednehmens. Manchmal von geliebten Menschen, aber auch von vertrauten Strukturen, Plänen und Träumen. Die mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Trauerbegleiterin Beate Alefeld-Gerges erklärt im folgenden Gastbeitrag, was dabei wichtig ist.

Trauer benötigt Begleitung. Foto: Shutterstock

Obwohl Sterben und Tod – nicht zuletzt durch die Präsenz in den Medien – für uns
alltägliche Themen zu sein scheinen, ist der persönliche Umgang damit eher mit
Angst behaftet und wird aus unserem Bewusstsein ausgeklammert. Eine direkte und
persönliche Konfrontation und Auseinandersetzung wird oft vermieden, da sich viele
hilflos fühlen, wenn es um den Tod und die damit verbundene Trauer geht.

Gerade deswegen sollte Schule ein Ort sein, an dem Offenheit im Umgang mit dem
Tod herrscht. In meiner über 20-jährigen Erfahrung im Umgang mit trauernden
Kindern habe ich häufig erlebt, dass viele Kinder und Jugendliche in ihren Familien
kein Gehör und keinen Raum für ihre Trauergefühle finden können, da die
erwachsenen Familienmitglieder selbst mit ihrer eigenen Trauer beschäftigt sind.
Dadurch sind die Kinder auf Ansprechpartner von außerhalb angewiesen.

Für den offenen Umgang mit dem Thema Tod ist es wichtig, dass sich die Lehrkräfte
auch mit ihren eigenen Trauerprozessen und Verlusterlebnissen auseinandersetzen.
Es ist wichtig zu lernen, eigene Emotionen wahrzunehmen, sie bewusst zu erleben
und sie ausdrücken zu können. Wenn Lehrkräfte mit ihren eigenen Gefühlen und
Ängsten ehrlich umgehen, dann wird es ihnen auch möglich sein, SchülerInnen in
Trauerreaktionen zu verstehen und unterstützend zu begleiten.

Pandemie erschwert individuelle Betreuung

Gerade jetzt während der Pandemie ist es für die Lehrenden eine große
Herausforderung auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen
einzugehen. Die sich stetig verändernden Beschulungskonzepte und das
Kompensieren des Wegfalls vieler KollegInnen bringt viele Lehrkräfte ohnehin schon
an ihre Grenzen. Trotzdem ist es gerade jetzt wichtig, die Kinder und Jugendliche im Blick zu haben und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie eine Anlaufstelle haben, wenn sie
Unterstützung brauchen. Unsere Erfahrung deckt sich hier mit den Ergebnissen der
COPSY-Studie (Corona und Psyche, 2021) des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf  insbesondere dahingehend, dass während des Lockdowns gerade
diejenigen Kinder und Jugendlichen Unterstützung brauchen, deren Familien
ohnehin mehrfach belastet sind und daher kaum Ressourcen zur Verfügung haben.

Alltägliche Abschiede

Alle Kinder machen derzeit im Alltag konkrete persönliche Erfahrungen mit
unterschiedlichen Formen von Abschieden. Es ist der Abschied von dem gewohnten
Schulalltag. Viele gemeinsame Rituale sind nicht mehr möglich. Durch Corona
erleben die Kinder Kontaktabbrüche von Freunden und Mitschülern. Die
SchülerInnen der weiterführenden Schulen leiden auch unter dem Verlust der
Klassengemeinschaft, da sie oft in Halbgruppen beschult werden. Für die
SchülerInnen der Abschlussklassen ist es zudem schwer, dass die geplanten
Abschlussfeiern gar nicht oder nur sehr reduziert stattfinden können. Pläne wie
beispielsweise der Schüleraustausch ins Ausland zerplatzen. Viele Jugendliche
äußern in den Beratungen bei uns, dass sie sich vom Leben betrogen fühlen und
dass sie dies sehr runterzieht.

Psychische Folgen der Beschränkungen

Ohne Frage ist es eine schwere Zeit für Kinder und Jugendliche. Sie müssen ihre
Bedürfnisse nach Nähe und Begegnung ständig unterdrücken. Wir Erwachsenen
sollten sehen, wie sehr sich die Kinder und Jugendliche Mühe geben die Corona-
Regeln einzuhalten und dabei stetig ihre Bedürfnisse unterdrücken müssen. Der
Hirnforscher Gerald Hüther warnt in seinem YouTube Video zu dem Thema „Was
machen die Corona Maßnahmen mit unseren Kindern“ vom 30.11.2020 vor
schwerwiegenden Folgen bei der ständigen Unterdrückung von Bedürfnissen. Die
Verschaltungen im Gehirn werden gehemmt. Wenn dies über eine lange Zeit
passiert, verlieren die Kinder und Jugendlichen ihre Fähigkeiten, Bedürfnisse zu
entwickeln und zu äußern. Die Folge ist, dass sie nur noch funktionieren. Daher ist es
unglaublich wichtig, dass alle Menschen, die mit Kindern und Jugendlichen
zusammen sind, den Fokus darauflegen zu schauen, welche Bedürfnisse die Kinder
haben. Es ist wichtig, sie danach zu fragen und gemeinsam zu überlegen, wie sich
die Bedürfnisse trotz pandemiebedingter Beschränkungen umsetzen lassen. Die
Kinder und Jugendlichen brauchen jetzt unsere Aufmerksamkeit und das Gefühl,
dass wir für sie da sind.

Bedürfnissen Raum geben

In der Schule bedeutet dies, den Lernauftrag etwas nach hinten zu stellen und die
Kinder und Jugendliche seelisch aufzufangen, indem man ihnen lebendig begegnet.
Jetzt ist auf alle Fälle die Zeit, dass wir Erwachsenen im Kontakt mit Kindern und
Jugendlichen den Schwerpunkt auf Bindung und Herzensbildung legen. Kindern und
Jugendliche zu lehren, wie sie achtsam ihre Gefühle wahrnehmen und ausdrücken
können, wird in einer Welt, die immer unsicherer wird, immer wichtiger. Unser
gemeinsames Ziel sollte sein, dass Kinder und Jugendliche nicht nur funktionieren,
sondern auch mit allen Sinnen fühlen können. Daher ist mein eindringlicher Appell,
den Kindern und Jugendlichen Unterstützung zu geben, in dem wir mehr die
Softskills in den Vordergrund stellen.

Sehr beeindruckt hat mich vor fünf Monaten der Umgang einer Schule mit einer 9.
Klasse, wo sich eine Schülerin das Leben genommen hat. Trotz Corona haben die
Lehrer sich Zeit genommen, für die Schüler da zu sein. Sie haben den Schülern die
Aula zur Verfügung gestellt, um gemeinsam Musik zu hören, die sie aufgemuntert
und an die tote Schülerin erinnert hat. Es wurde gelacht und geweint, es war eine
sehr schwere Zeit, aber sie wurde gemeinsam erlebt. Da aufgrund der
Kontaktbeschränkungen nicht alle SchülerInnen bei der Beerdigung dabei sein
konnten, haben die Lehrer zusammen mit einigen Eltern eine Alternative überlegt. Es
wurde gemeinsam ein Gedenkbaum für die tote Schülerin gepflanzt. Dies war noch
einmal die Möglichkeit sich gemeinsam zu verabschieden. Dabei haben LehrerInnen
und SchülerInnen gleichermaßen geweint. Hier hat Schuleben stattgefunden. Hier
wurde Trauer Raum gegeben.

Über die Autorin
Foto: Trauerland.

Die Sozialpädagogin Beate Alefeld-Gerges gründete 1999 den gemeinnützigen Verein Trauerland – Zentrum für trauernde Kinder und Jugendliche e.V. als bundesweit erste
Institution dieser Art. Trauerland bietet Trauergruppen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, Telefon- und Einzelberatungen sowie Kriseninterventionen an.
Bereits seit dem Jahr 2000 gehören auch Seminare, Workshops und Vorträge rund um das Thema Kinder- und Jugendtrauer dazu. Unter „trauerland bildung“ hat der Verein im Jahr 2020 dieses Angebot gebündelt, um die Erfahrung aus mehr als zwei Jahrzehnten Trauerbegleitung von Kindern und Jugendlichen weiterzugeben. 2017 wurde Alefeld-Gerges für ihre Arbeit mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
www.trauerland.org www.trauerland-bildung.de

Beate Alefeld-Gerges hat folgende Bücher zum Thema Trauer bei Kindern und Jugendlichen geschrieben:
Trauerarbeit mit Jugendlichen, Junge Menschen begleiten bei Abschied, Verlust und Tod; September 2017; Don Bosco Medien GmbH, München, ISBN 9783769823165; 20€
Trauerarbeit, Impulskarten für Bildungsarbeit, Oasentage und Meditation; März 2018; Don Bosco Medien GmbH, München, ISBN-13: 4260179514821; 15,99 €

Trauerland: Pionier der Kinder- und Jugendtrauerbegleitung gründet Zentrum für Aus- und Weiterbildung

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4 KOMMENTARE

  1. „Gerade jetzt während der Corona-Pandemie ist es für Lehrerinnen und Lehrer eine besonders große Herausforderung, auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen einzugehen.“

    Wohl war! Aber das Abschiednehmen und Trauern sollte fester Bestandteil sein an Schulen. Es gehört zur Lebenswelt der Kinder und der Umgang damit gehört somit in die Schulen!

    Für die Grundschule könnten folgende Rituale fest etabliert werden:

    Stirbt jemand (das kann auch ein geliebtes Haustier sein) aus der Familie der Kinder, trauern alle mit – wir machen einen Spaziergang zu einem Baum und schweigen für 1 Minute, dann gehen wir zurück in den Klassenraum und zünden eine (elektrische) Kerze an. Während sie brennt essen, trinken und reden wir über den Tod und das Leben.

    Eine weitere Säule ist die alljährliche Begegnung im Unterricht (auch außerschulische Lernorte) mit älteren Menschen, von schwerer Krankheit genesenen Menschen und Menschen mit Behinderung:

    Zu festen Terminen, z. B. im Herbst, laden wir immer einige alte Menschen/von Krankheit genesene Menschen oder Menschen mit Behinderung – auch unabhängig voneinander – zu uns ein, wir richten den Raum schön her und überlegen uns Fragen, die wir stellen können. Das geht auch an außerschulischen Lernorten, wie z. B. Altenheimen.

    So wird Alter, Krankheit und Tod zum Lerngegenstand. So dass ein ‚Dazwischenquetschen‘ („In der Schule bedeutet dies, den Lernauftrag etwas nach hinten zu stellen und die
    Kinder und Jugendliche seelisch aufzufangen, indem man ihnen lebendig begegnet.“ )eines so wichtigen Themas – zumindest für die Grundschule – nicht mehr gilt. Das ist ein Signal an die Kinder, aber auch für die Gesellschaft allgemein, dass Trauer wahrgenommen und einen Platz findet.

    • @Susi:
      Oh wow, was für tolle Ideen!!! Ich kann mir das, so wie Sie es beschreiben, total gut vorstellen. Ich hoffe sehr, dass Lehrer wie Sie von der Schulpolitik nicht zu arg vergrault oder eingebremst werden! Denn genau solche Lehrer brauchen unsere Kinder.

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