Politische Bildung hat an der Berufsschule einen (zu) geringen Stellenwert

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BIELEFELD. Der Eintritt ins „echte“ Leben beziehungsweise in den Beruf ist zweifellos eine entscheidende Phase für die Entwicklung des politischen Bewusstseins. Die Berufsschulen aber lassen ihre Schützlinge dabei offenbar weitgehend allein, stellen Bielefelder Wissenschaftler fest.

Wie funktioniert Demokratie? Der Bundestag in Berlin. Foto: Shutterstock

Der Stellenwert politischer Bildung an der Berufsschule ist offenbar nur gering. In elf deutschen Bundesländern sind für den Politikunterricht an Berufsschulen weniger Zeitanteile vorgesehen als in der Sekundarstufe I allgemeinbildender Schulen. Dabei verringert sich der Anteil politischer Bildung im Stundenplan im schlechtesten Fall um mehr als die Hälfte. Das geht aus dem aktuellen 4. Ranking Politische Bildung der Universität Bielefeld hervor.

Seit 2018 vergleichen die Wissenschaftler Mahir Gökbudak, Reinhold Hedtke und Udo Hagedorn jährlich Stundentafeln, um zu ermitteln wie viel politische Bildung Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I in allen Bundesländern erhalten. Für das aktuelle Ranking ermitteln die Forscher erstmalig auch Daten für die Berufsschule.

„Berufsschulen haben eine hohe Bedeutung für die politische Bildung Jugendlicher und junger Erwachsener – und damit nicht zuletzt auch für die Sicherung der Demokratie. Nicht nur werden sie von wesentlich mehr Lernenden besucht als das allgemeinbildende Gymnasium. Politik spielt im Alltag von Auszubildenden auch eine große Rolle. In dieser Altersphase – etwa zwischen 16 und 20 Jahren – entwickeln sie ein politisches Bewusstsein und erproben als Wahlberechtigte erstmals ihre Möglichkeiten, selbst politisch Einfluss zu nehmen“, sagt Studienautor Mahir Gökbudak.

Die Ergebnisse zeigen: Das Potenzial beruflicher politischer Bildung wird wenig genutzt. Demnach nimmt in 14 Bundesländern das Leitfach der politischen Bildung einen Anteil von 1,7 Prozent an der gesamten Ausbildungszeit ein. Das entspricht durchschnittlich einer Schulstunde pro Woche.

Aber der Vergleich mit den allgemeinbildenden Schulen der Sekundarstufe I zeigt, dass in knapp drei Viertel der Bundesländer politisches Lernen an Berufsschulen einen geringeren Anteil an der gesamten Lernzeit hat als in der Herkunftsschule. „In beruflichen und in allgemeinbildenden Schulen ist das Recht auf politische Bildung sehr unterschiedlich realisiert.“, so Gökbudak. „Von einer Gleichwertigkeit der politischen Bildung in Schulformen und Bundesländern kann keine Rede sein.“

Bei dreijährigen Ausbildungsgängen nähern sich lediglich sechs Bundesländer dem Stand der Sekundarstufe I an oder gehen leicht darüber hinaus. Am schlechtesten schneiden Nordrhein-Westfalen, Berlin und das Saarland ab: Hier verringert sich der Zeitanteil Politischer Bildung um ungefähr die Hälfte. Ähnliche oder niedrigere Werte ergeben sich für dreieinhalbjährige Ausbildungsgänge. „Wir gehen davon aus, dass in der schulischen Realität Politischer Bildung sogar noch weniger Zeit eingeräumt wird – sei es, weil der Politikunterricht ausfällt oder für andere Zwecke verwendet wird.“, erklärt Professor Hedtke. „Aus unserer Sicht ist das ein schwerer bildungs- und demokratiepolitischer Fehler.“

Über einen Zeitraum von 14 Jahren ermittelten die Forscher außerdem, ob und in welchem Umfang ausgebildete Fachlehrkräfte für den Politikunterricht in der Sekundarstufe I eingesetzt werden. „Das Fachlichkeitsniveau ist ein wichtiger Anhaltspunkt, um die Qualität des Unterrichts zu beurteilen.“, so Hedtke. „Fachlich ausgebildete Lehrkräfte erkennen zum Beispiel Verständnisschwierigkeiten der Lernenden leichter und gehen souveräner mit Unterrichtsinhalten um.“ Für das exemplarisch untersuchte Bundesland Nordrhein-Westfalen zeigt die Fallstudie, dass die Fächer der politischen Bildung nur unzureichend mit Fachlehrkräften versorgt werden. Dabei zeichne sich in der Gegenüberstellung ein deutliches Gefälle zwischen Gymnasien, Real- und Gesamtschulen sowie Hauptschulen ab. „Die schlechte Personalsituation im Vergleich zu anderen Schulfächern ist auffällig“, stellt Reinhold Hedtke fest. „Vieles spricht dafür, dass die Lage in den meisten anderen Bundesländern ähnlich ist.“

Im Ländervergleich allgemeinbildender Schulen der Sekundarstufe I gehört Nordrhein-Westfalen, anders als beim Berufsschulranking, neben Schleswig-Holstein und Hessen erneut zu den Spitzenreitern für 2020. Alle drei Bundesländer gewähren politischer Bildung im Ländervergleich viel Unterrichtszeit. Auch bei der zeitlichen Platzierung und Kontinuität politischer Bildung liegen sie vorne. Wie auch im Vorjahr schneiden Bayern, Thüringen und Rheinland-Pfalz im aktuellen Ranking am schlechtesten ab.

Neu am aktuellen Ranking ist die Erfassung der wöchentlichen Lern- und persönlichen Redezeit, die Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I im Fach politische Bildung durchschnittlich zur Verfügung stehen. Die Analyse ergab: Schülerinnen und Schüler haben während ihrer gesamten Schulzeit lediglich zwischen 12 und 139 an gymnasialen und zwischen 24 und 133 Minuten an nichtgymnasialen Schulformen für den politischen Austausch. „Das reicht nicht, um Kompetenzen in der politischen Kommunikation oder eine eigene politische Position zu entwickeln.“, so Hedtke.

Auch angesichts solch enttäuschender Zahlen will Reinhold Hedtke die Hoffnung nicht aufgeben. „Trotz dieser Defizite sehen wir aber, dass unsere Rankings öffentliche Diskussionen anstoßen – auch auf Ebene der Bildungspolitik. Das hat in einigen Ländern schon zu Verbesserungen geführt: Berlin, Nordrhein-Westfalen und Sachsen haben zum Beispiel den Anteil Politischer Bildung am Gesamtunterricht erhöht. Sachsen zog zudem den Beginn des Politikunterrichts an Oberschulen und Gymnasien auf Klasse 7 vor.“, so der Bielefelder Wissenschaftler. (zab, pm)

AfD schneidet bei Jungwählern gut ab. Ostbeauftragter: Mehr politische Bildung nötig

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9 KOMMENTARE

  1. Das ist natürlich super wichtig für meine Schüler. Dann streichen wir einfach ein paar Stunden Mathematik, Englisch und hier und da im Bereich der berufsbildenden Fächer wie Softwareentwicklung, damit der Politikunterricht nicht zu kurz kommt. Sorry, aber manchmal frage ich mich, ob die Leute sich da wirklich ernst nehmen oder ihr eigenes Handeln und Wirken massiv überbewerten. Politische Bildung in der allgemeinbildenden Schule ist wichtig, aber ich kann z.b. einem 19 jährigen Auszubildenden der Fachinformatik auch zutrauen sich mit den Jahren selbst politisch zu bilden. Wer von uns hatte mit 18 nicht ein anderes politisches Verständnis als heute? Das kriegt man auch selbst hin.

  2. Was sagen die Wissenschaftler eigentlich dazu, dass in Berufsschulen täglich 1/3 der Schüler überhaupt nicht zum Unterricht erscheinen und auch sonst kein Interesse an den Inhalten zeigen?

  3. Was für meine Schüler/Azubis am Berufskolleg wirklich wichtig ist, kommt in den Lehrplänen ohnehin nicht vor, nämlich:

    – Wie fülle ich meine Steuererklärung aus? (Azubis)
    – Wie fülle ich meinen Sozialhilfeantrag aus? (Vollzeitklassen)

    Will man dann das Thema Steuererklärung doch einmal in einer Randstunde anreißen, bekommt man gleich einen Einlauf, daß es in Deutschland das Steuerberatungsgesetz gibt und man entsprechend das Thema auch nicht mit den Daten eines „Max Mustermann“ vorturnen dürfe.

  4. Mir genügt es, wenn meine Lehrlinge in der Berufsschule das Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Es ist mir nicht wichtig, ob sie dazu noch die richtige Partei wählen.

  5. Leute Leute wir leben noch in einer Demokratie. Wenn wir die politische Bildung YouTube überlassen, dann vielleicht irgendwann nicht mehr. Diese Fixierung auf Kompetenzen, die für den Beruf wichtig sind, greift doch viel zu kurz. Ich bin wirklich schockiert, wie ignorant hier mittlerweile kommentiert wird.

    • @ Manmanman: Danke! Das sehe ich genau so!!! Und später wundern sich dann die KuK und Teile der Bevölkerung, warum die linken und rechten Ränder so viel Zulauf haben. Ein Demokrat ist mir allemal wichtiger und lieber, als ein Einser ITler o.ä. Sorry!

      • Wenn Sie die linken und rechten Ränder abschneiden, bleibt entweder alles übrig, was aktuell in den Parlamenten sitzt, oder – – wenn die AfD mit rechtem Rand gemeint ist – – nur noch FDP, CDU und SPD. Falls auch die CSU zu rechts sein sollte, dann ist die SPD zu links. Ob das mit Demokratie noch viel zu tun hat, weiß ich nicht.

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