Gegen Vorurteile – Spaenle und Knobloch für Klassenbesuche in Synagogen

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MÜNCHEN. Der Antisemitismus in Deutschland nimmt wieder bedrohliche Dimensionen an. Beim Kampf gegen blinde Vorurteile können Besuche von Schulklassen in Synagogen helfen, meinen Experten.

Im Kampf gegen Antisemitismus halten die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, und Bayerns Antisemitismus-Landesbeauftragter Ludwig Spaenle Besuche von Klassen in Synagogen für sinnvoll. Sie würde es sich wünschen, dass die Synagogenführungen in München nach der Corona-Krise von Schulklassen und Volkshochschulen noch stärker nachgefragt werden, sagte Knobloch im Vorfeld des Festakts «1700 Jahre jüdischen Lebens in Deutschland» am Sonntag in München. «Wer beim Thema Judenhass gesellschaftlich ansetzen möchte, dessen Hebel muss die Bildung sein», betonte sie.

Maßwerkfenster mit einem Davidstern
Eine Synagogenbesuchspflicht ist in Bayern logistisch kaum machbar. Foto: zeevveez / flickr (CC BY 2.0)

Auch Spaenle begrüßt die Besuche von Schülern in den Gotteshäusern. Eine Pflicht, dass Klassen dies machen müssen, so wie es bei KZ-Gedenkstätten ist, hält der frühere bayerische Kultusminister aber nicht für sinnvoll. Es gebe mehrere tausend weiterführende Schulen und dort etwa eine Million Schüler, auf der anderen Seite stünden nur 13 jüdische Gemeinden im Freistaat. «Das ist schlicht und einfach logistisch nicht machbar», sagte Spaenle. Im Fall der Besuche in den KZ-Gedenkstätten sind diese fest in den bayerischen Lehrplänen verankert.

Der Landesbeauftragte sagte, es gebe neben den von den Gemeinden noch genutzten Synagogen allerdings noch zahlreiche andere Orte, an denen kulturelle Erbe da sei und die für Bildungsangebote zur Verfügung stünden. So gebe es im Fall der ehemaligen Synagoge von Ichenhausen im schwäbischen Landkreis Günzburg schon lange vorbildliche Angebote für Klassen, meinte Spaenle.

Knobloch sagte, sie fordere schon lange, politische Bildung und Demokratiebildung in den Schulen stärker zu verankern. Bereits in den Grundschulen müsse dies beginnen. Viele Menschen wüssten zu wenig über jüdisches Leben und kämen zu selten mit jüdischer Kultur in Kontakt. «Die Wissenslücken werden dann oft mit Vermutungen oder eben Vorurteilen aufgefüllt, und das bereits bei Kindern», so die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Im Rahmen des Jubiläumsjahres soll es in der Landeshauptstadt eine Outdoor-Ausstellung «Jüdische Geschichten aus München und Oberbayern» geben. Auf acht Litfaßsäulen unternimmt die Schau einen alphabetischen Streifzug durch das jüdische Leben, pro Säule gibt es drei Ausstellungstafeln. Die Schau ist bis 8. Oktober zu sehen.

In den vergangenen Jahren war die Zahl der antisemitischen Straftaten in Bayern und auch in den anderen Bundesländern stark gestiegen: Zuletzt registrierte die Kripo im Freistaat rund 350 Taten pro Jahr, überwiegend waren Rechtsextremisten die Täter. Auch bei etlichen Demonstrationen von Gegnern der staatlichen Corona-Maßnahmen wurden judenfeindliche Vorfälle registriert. (dpa)

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5 KOMMENTARE

  1. Den Coronamaßnahmendemonstranten kann man eine Menge vorwerfen, aber „judenfeindliche Vorfälle“ sind mir neu. Sie haben ja keinerlei Grund, eine Israelflagge zu verbrennen und der Holocaust oder der Konflikt mit Palästina haben nun wirklich nichts mit der Pandemie zu tun. Weiß die Redaktion, was die Kripo Bayern darunter versteht?

  2. „Zuletzt registrierte die Kripo im Freistaat rund 350 Taten pro Jahr, überwiegend waren Rechtsextremisten die Täter. Auch bei etlichen Demonstrationen von Gegnern der staatlichen Corona-Maßnahmen wurden judenfeindliche Vorfälle registriert. (dpa)“

    Ich frage mich immer wie man auf solche Aussagen kommt. Hier im Ruhrgebiet waren es weder Rechtsextreme, noch Querdenker die letzten zu Tausenden durch die Straßen gezogen sind und den Tod der Juden forderten. Es waren sogar Eltern und Kinder unserer Brennpunktschule teilweise darunter. Auf das Thema angesprochen, wurde schnell an unserer Schule abgewunken. Das wäre jetzt rassistisch hier ein Fass aufzumachen.
    Wieso tut man weiterhin so als sei das Problem vorwiegend nur aus rechtsextremer oder neuerdings plötzlich Coronagegner-Ecke?
    In meiner Welt und der vieler meiner Kollegen sieht es irgendwie komplett anders aus

  3. Wie soll ich das bloß so formulieren, dass auch niemand sich beleidigt fühlt. Es ist nämlich so: Besuche in den Jüdischen Gemeinden werden meistens wie Museenbesuche empfunden. Als etwas, was mit dem wirklichen Leben wenig gemeinsam hat. Die Juden sind aber mehr als nur Museenexponaten oder fragile Fabelwesen, die beschützt werden sollen.

    Als in der Grundschule meines Sohnes ein jüdisches Kind in der Religionsstunde über seine Urgroßeltern erzählt hat, die im Zweiten Weltkrieg von Nazis gefoltert und getötet wurden – da hat die ganze Klasse geweint. Weil es ihr Freund war, dessen Familie es zugestoßen ist. Es war persönlich. Aber nicht in jeder Klasse findet sich ein jüdisches Kind. Und längst nicht jedes jüdische Kind ist auch bereit, zuzugeben, dass er jüdisch ist.

    Es wäre schön, wenn es einfach verpönt wäre, antisemitisches Stuss von sich zu geben. Einfach unhöflich, unangebracht, fehl am Platz. So wie es sich Redaktionen, Blogger und sonstige publike Redner anstrengen, Gender-richtige Sprache zu verwenden. Es gehört sich jetzt so. Und da hat man keine Bedenken, andere darauf hinzuweisen, wenn sie mal was falsches gesagt haben sollen.

    Denn wenn’s wirklich unerträglich wird, nun, da werden die Juden wohl wegziehen. Mit ihrem Wissen. Mit ihrem Können. Sie werden es schon schaffen. Wieder mal. Und hier bleiben genau diese angenehme Leute, denen man nichts sagen darf, ohne als Nazi dazustehen.

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