Studie: Wechselunterricht wirkt, wenn Klassen klug geteilt werden

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MANNHEIM. Wie wichtig Wechselunterricht im kommenden Schuljahr bleibt, um überhaupt einen Präsenzunterricht an Schulen zu ermöglichen, ist seriös noch kaum vorherzusagen. Nichtsdestoweniger stellt der „doppelte“ Unterricht mit geteilten Klassen Schulen vor enorme Herausforderungen. Wissenschaftler aus Mannheim und New York haben nun untersucht, wie die Teilung gestaltet werden sollte, um den bestmöglichen Infektionsschutz zu gewährleisten.

Große Teil des Präsenzunterrichts in der Corona-Pandemie waren Wechselunterricht. Die Teilung von Klassenverbänden in kleinere Lerngruppen ermöglicht nicht nur die Abstandswahrung, sondern unterstützt auch die Vermeidung potenziell risikobehafteter Kontakte der Schülerinnen und Schüler untereinander. Soziologen aus Mannheim und New York haben untersucht, wie Klassen am besten geteilt werden sollten, um in dieser Hinsicht einen möglichst hohen Infektionsschutz zu gewährleisten und Ansteckungen zu vermeiden. Kernergebnis: Der effektivste Infektionsschutz entsteht, wenn Klassen entsprechend der Freundschaftsnetzwerke der Schülerinnen und Schüler unterteilt werden, um damit auch die Kontakte außerhalb der Schulen berücksichtigen.

Eine Aufteilung von Klassen nach Freundschaftsnetzwerken bietet den besten Infektionsschutz. Foto: Shutterstock

Basierend auf den tatsächlichen sozialen Beziehungen zwischen 14- bis 15-jährigen Schülerinnen und Schülern in 507 Klassen an weiterführenden Schulen in England, den Niederlanden, Schweden und Deutschland hat das Forschungsteam die Verbreitung von SARS-CoV-2 im Schulkontext modelliert. Die Wissenschaftler simulierten dabei das Infektionsgeschehen nach Eintragung des Virus in die Klasse unter den folgenden Bedingungen:

1. Zufällige Aufteilung der Klassen in zwei Gruppen,
2. Aufteilung in zwei Gruppen nach Geschlecht,
3. Aufteilung in zwei Gruppen, basierend auf kompletten Netzwerkdaten,
4. Selbstorganisierte Aufteilung in zwei Gruppen durch Schülerinnen und Schüler, die ihre Kontakte selbst angeben.

Das Ergebnis: Alle vier Strategien dämmen das Infektionsgeschehen ein – allerdings in unterschiedlichem Ausmaß.

„Am schwächsten wirkt erwartungsgemäß die zufällige Aufteilung, also beispielsweise alphabetisch nach den Anfangsbuchstaben der Namen“, erklärt David Kretschmer vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES). Die Aufteilung nach Geschlecht sei schon deutlich effektiver, da sich Kinder und Jugendliche im Schulalter eher mit Angehörigen des eigenen Geschlechts träfen, so der Soziologe. Zusätzliche Kontakte und damit Ansteckungen zwischen den Geschlechtergruppen seien daher nicht so häufig. Als besonders wirksam aber erwies sich im Modell die Aufteilung unter Berücksichtigung der tatsächlichen, von den Schülerinnen und Schülern in wissenschaftlichen Befragungen angegebenen Sozialkontakte. Erstautorin Anna Kaiser: „In den Daten sehen wir, wer mit wem ohnehin engen Kontakt hat, auch außerhalb der Schule. Wenn man die Klassen entsprechend aufteilt, vermindern sich sowohl die Infektionsgefahr als auch das Risiko für Quarantänezeiten – insbesondere, wenn das Infektionsgeschehen sehr dynamisch ist.“ Auch die Wahrscheinlichkeit für sogenanntes Superspreading – also relativ viele Ansteckungen, ausgehend von wenigen Infizierten – lasse sich mit dieser Form der Gruppenbildung verringern.

Selbstorganisierte Aufteilung als Ersatz für komplette Netzwerkdaten

Fast so gute Effekte wie mithilfe vollständiger Daten über das gesamte Kontaktnetzwerk aller Schülerinnen und Schüler lassen sich laut der Studie erzielen, wenn einzelne wechselseitig ihre Kontakte angeben: Also wenn beispielsweise eine Schülerin alle Mitschüler in der Klasse benennt, mit denen sie auch außerhalb der Schule häufig Kontakt hat. Eine der benannten Personen nennt dann ihrerseits alle Mitschülerinnen und Mitschüler, mit denen sie außerhalb der Schule in Kontakt steht, bis das Netzwerk die Hälfte der Klasse umfasst. Beide Klassenhälften bilden dann jeweils eine Unterrichtsgruppe. „Dieses Vorgehen ist im Schulalltag sehr einfach umsetzbar, da die Lehrkräfte nicht, wie es für die Daten unserer Studie gemacht wurde, erst alle Kontakte in der Klasse erheben müssen“, erläutert MZES-Forscher Lars Leszczensky.

Wechselunterricht wirkt

Außerdem konnte das Forschungsteam zeigen, dass der wechselnde Unterricht geteilter Schulklassen im wöchentlichen Turnus Infektionsketten im Modell besser unterbrechen kann als Unterrichtsformen, bei denen die Klassenhälften am selben Tag in der Schule präsent sind und beispielsweise unterschiedliche Räumen zu verschiedenen Zeiten nutzen. Wöchentlicher Wechsel wirke wie eine Art kurze Quarantäne, während der ein aufkeimendes Infektionsgeschehen abklingen könne, so die ein Ergebnis Studie.

Für ihre Untersuchung nutzten Kaiser, Kretschmer und Leszczensky Daten der internationalen Langzeiterhebung CILS4EU (Children of Immigrants Longitudinal Survey in Four European Countries). Die Erhebung vergleicht hauptsächlich die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund in Deutschland, England, den Niederlanden und Schweden. Neben vielen anderen für die Integration relevanten Daten, etwa zu Schulerfolg, familiärem Umfeld und Berufseinstieg, werden auch die sozialen Beziehungen der teilnehmenden Schülerinnen und Schüler erhoben.

  • Die Studie ist in der Fachzeitschrift „The Lancet Regional Health – Europe“ erschienen: „Open Access“-Zugang

Abiturientenbefragung: Wechselunterricht belastender als reines Distanzlernen

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19 KOMMENTARE

  1. In Bezug auf das Infektionsgeschehen macht das durchaus Sinn. In Bezug auf Unterricht kommt aber noch eine zweite Variable namens soziale Interaktion hinzu. Es gibt halt immer mal wieder Spezialisten in einer Klasse, die so speziell sind, dass das Unterrichten viel entspannter für alle wird, wenn einer von denen fehlt. Aber sogar die Spezialisten sind deutlich anders drauf, wenn mal nur 14 statt 28 Leute im Raum sitzen.

    • Zustimmung, Georg!

      Wechselunterricht profitiert natürlich davon, dass man automatisch weniger Unterrichtsstörungen hat bzw. solche tendenziell leichter in Griff bekommen kann. Das zeigt aber auch, was für einen großen Einfluss Unterrichtsstörungen auf das Gelingen von Unterricht hat.

  2. Der Wechselunterricht in geteilten Klassen war viel entspannter und die Lehrer konnten viel besser auf die Lernlücken der Schüler eingehen. Auch die außergewöhnliche Lebensphase fand in geteilten Klassen mehr Aufmerksamkeit für die einzelnen Schüler. Es war somit auch ein persönlicherAustausch möglich, weil in den geteilten Klassen der Lernstoff internsiver aufgearbeitet werden und die Klassengemeinschaft war entspannter. Was sicherlich ein wichtiger Aspekt ist die Aufteilung der Klassen und bei die Freundschaften sollten beachtet werden um ein soziales Leben der Freundschaften zu gewährleisten. Das Miteinander in dieser Lebensphase hat sehr gefehlt. Auch die Spezialisten der Klassen kann man in geteilten Klassen besser auffangen und können besser in die Klassengemeinschaft mit einbezogen werden. Die Spezialisten haben in der Klassengemeinschaft sehr schlechte Stimmung verbreitet auf Kosten der bemühten Schüler. Die abgehängten Schüler haben sich sehr wenig bemüht den Anschluß zu halten und haben viel Unruhe in den Unterricht gebracht. Die Lehrer hatten große Mühe jedem gerecht zu werden, wenn alle in einer Klasse
    waren. Die Studie ist ein sehr guter Beitrag.

    • Leider werden die Nachteile hier nicht weiter beleuchtet. Klar sind kleine Lerngruppen von Vorteil, aber als Lehrer hat man dennoch die doppelte Vorbereitung und damit leidet einfach die Qualität. Ganz davon abgesehen, was es für Eltern bedeutet, wenn das Kind, das noch betreut werden muss, jeden 2. Tag zu Hause bleiben muss.

  3. Und dann sind da noch die schulorganisatorischen Dinge wie Wahlunterrichts-, Religions- oder andere Kopplungsgruppen, wie Lehrereinsatz, wie Raumangebot.
    Und was kommt dann?

  4. Naja ist halt wieder so eine Studie, aber in der Realität gibt es noch andere Zwänge.

    Bei uns wurden die Klassen beispielsweise danach eingeteilt, ob noch Geschwisterkinder an der Schule sind oder nicht. Da wurde dann darauf gachtet, dass die dann im Wechselmodell in den gleichen Gruppen sind. Es geht halt nicht immer nach Laborbedingungen.

  5. Man kann Klassen noch so klug teilen, wenn man dann den angeblichen Infektionstreiberfaktor „Lehrer“ blöd einsetzt: unterschiedliche Fachlehrer unterrichten an jeweils bis zu drei Schulorten in nahezu allen Klassen, Vollzeitlehrer müssen noch andere Schulen anfahren oder in anderen Klassen unterrichten, die Förderlehrer sind in allen Klassen drin (meist ohne jeglichen Abstand), Sonderpädagogen, Beratungslehrer sind im ganzen Landkreis unterwegs, …

    • Wie kommen Sie denn zu der Aussage, dass „unterschiedliche Fachlehrer … an jeweils bis zu drei Schulorten in nahezu allen Klassen“ unterrichten und „Vollzeitlehrer … noch andere Schulen anfahren …“ müssen in dieser Absolutheit? Das sind doch eher wenige. Die meisten Lehrer arbeiten nur an ihrer einen Schule in ganz bestimmten Klassen.

      • Also wer zum Beispiel Fächer hat, die mit einer oder zwei Wochenstunden unterrichtet werden, der kommt bei 26 Wochenstunden auf eine beträchtliche Anzahl von Klassen bzw. Schülern, mit denen er Kontakt hat.
        Und Abordnungen z.B. für zwei Wochentage oder für mehrere Stunden an verschiedenen Wochentagen, wenn die Schulorte nicht weit auseinander liegen, sind gar nicht so selten, zumindest bei uns, auch an andere Schulformen.

        • Ja, ich zum Beispiel. Ich unterrichte Lebenskunde, habe insgesamt 420 verschiedene Schüler, so dass ich im Wechselunterricht pro Woche 210 verschiedene Schüler unterrichtet habe…

  6. Mal wieder ne Studie von Menschen, die von Schulplanung im Alltag keine Ahnung haben.
    Aufteilung in Gruppen nach Freundschaften mag in der Grundschule funktionieren, aber spätestens in der Mittelstufe mit den vielen Teilergruppen in Religion, Profilfächern usw. ist Schluss. Von der Kursstufe mit Kurssystem ganz zu schweigen. Dann wird zwar die Klasse in zwei gleichgroße Gruppen geteilt, aber bei Teilergruppen gibt es, wenn man Pech hat, Konstellationen wie 2 SuS in der einen, 18 SuS in der anderen Woche.

  7. Wenn ich das eine Wort richtig gelesen habe, handelt es sich um eine Simulation, nicht um eine Erhebung wirklicher Infektionen.
    Offenbar wurden auch keine schulorganisatorischen Randbedingungen mitbedacht, z.B. der Unterricht in der 2. Fremdsprache oder in Wahlpflichtfächern.
    War diese Studie also mehr als eine Programmierübung?

  8. Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch Drosten vor einiger Zeit im NDR-Podcast den Vorteil einer schülergewählten Aufteilung darstellte, um Infektionsketten zu unterbrechen. Nicht vergessen darf man aber dabei, dass das echte System Schule meistens viel mehr Faktoren aufweist, als man es sich in der Theorie bzw. von außen betrachtet vorstellen kann.

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