Abiturientenbefragung: Wechselunterricht belastender als reines Distanzlernen

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PADERBORN. Wissenschaftler haben Abiturientinnen und Abiturienten des Corona-Jahrgangs zu Belastungen und Herausforderungen durch die Distanzlehre befragt und skizzieren ein ambivalentes Bild vom Status quo. Die Ergebnisse deuteten auf große Uneinheitlichkeit in der Beschulung und ein großes Misstrauen gegenüber der Bildungspolitik hin. Mit der Medienkompetenz von Lehrerinnen und Lehrer waren die Befragten eher unzufrieden.

Schülerinnen und Schüler von Abschlussklassen unterlagen – und unterliegen – während der Pandemie meist anderen Infektionsschutzmaßnahmen als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler. Dennoch kann man wohl kaum von normalen Abschlussbedingungen sprechen, was nicht zuletzt heftige Diskussionen um die Gestaltung des Abiturs bis hin zum Verzicht auf Prüfungen ausgelöst hatte.

Die überwiegende Mehrheit der Befragten lehnte einen Verzicht auf ein abschließende Prüfung ab. Foto: Shutterstock

Doch wie stehen die Abiturientinnen und Abiturienten der besonderen Situation gegenüber? Bildungswissenschaftler und Psychologen der Universität Paderborn haben im Juni Abiturienten in ganz Deutschland zu ihren Erfahrungen mit dem Lernen auf Distanz befragt. An der nicht-repräsentativen Befragung, die je nach Bundesland in die Endphase oder direkt nach den Abschluss der Abiturprüfungen fiel, beteiligten sich mehr als 7500 Schüler.

Schwerpunkte waren insbesondere das Belastungserleben der Abiturienten in den Phasen der Schulschließungen und der Abiturprüfungen. „Bislang liegen Studien zur Perspektive der Schüler in Abschlussjahrgängen nur vereinzelt und mit kleinen Stichprobengrößen vor. Mit der quantitativen Erhebung der Schülerperspektive in Bezug auf das Abitur unter den Bedingungen der COVID-19-Pandemie soll eine wichtige Forschungslücke geschlossen werden.“, umreißt der Bildungswissenschaftler Timon Rogge. Die Untersuchung solle ab August um vertiefende Interviews mit Abiturienten erweitert werden, um die Befunde der quantitativen Erhebung um qualitative Perspektiven zu ergänzen.

Unterschiede in der Beschulung und zwischen Geschlechtern

Während einige Abiturienten berichten, im vergangenen Schuljahr durchgängig in Präsenz unterrichtet worden zu sein, verbrachte die Mehrheit der Befragten Teile des Schuljahres in Distanz- oder Wechselunterricht. In puncto Belastung berichten vor allem die Abiturientinnen, mit durchschnittlich 3,73 Stunden pro Tag im Distanzunterricht deutlich mehr Zeit mit Lernen verbracht zu haben und gaben dementsprechend auch eine höhere Belastung an. Bei den Abiturienten waren es im Schnitt 2,84 Stunden. Die größte Belastung erlebten dabei Abiturientinnen mit Migrationshintergrund und geringem Bildungsgrad der Eltern. „Andererseits berichten Frauen aber bessere Abschlussnoten als ihre männlichen Klassenkameraden, was darauf schließen lässt, dass sich Schülerinnen im Distanzlernen besser motivieren und organisieren konnten als Schüler“, fasst der Paderborner Psychologe Andreas Seifert zusammen.

Aussagen, die im Rahmen von offenen Antwortformaten erhoben, aber noch nicht abschließend ausgewertet worden seien, legten Seifert und Rogge zufolge nahe, dass Phasen des Wechselunterrichts, in denen die Hälfte der Lerngruppen in Präsenz und die andere Hälfte auf Distanz beschult wurden, als belastender erlebt wurden als Phasen, in denen die ganze Lerngruppe im Distanzunterricht unterrichtet wurde. „Der Distanzunterricht war kein großes Problem. Aber durch den Wechselunterricht ist teilweise viel Zeit verloren gegangen, da oft alles zweimal unterrichtet worden ist, nämlich je einmal pro Kurshälfte“, lautete etwa eine Schülerstimme.

Lehrkräfte schneiden bei Medienkompetenz eher schlecht ab

Die Mehrheit der Befragten gab außerdem an, über ausreichende Medienkompetenzen für den Distanzunterricht zu verfügen. Anders schätzen sie allerdings die Medienkompetenzen ihrer Lehrkräfte ein: Hier gaben nur 15,1 Prozent der Befragten an, dass sie der Aussage „Meine Lehrkräfte verfügen mehrheitlich über ausreichend gute Medienkompetenzen für den Distanzunterricht” zustimmen. 28,9 Prozent stimmen dieser Aussage nicht zu. Je höher die Absolventen die Medienkompetenzen ihrer Lehrkräfte einschätzen, umso bessere Abschlussnoten gaben sie an. Auch technisch fühlen sich die Schüler gut ausgestattet: 67,1 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, über eine für den Distanzunterricht ausreichend gute technische Ausstattung zu verfügen. Gegenüber der Vorjahresbefragung könnten hier „die technischen Verbesserungen, die durch den DigitalPakt Schule finanziert wurden, im Laufe des Schuljahres 2020/2021 zu einer Verbesserung der Einschätzung beigetragen haben“, meint Rogge.

Abiturprüfungen anstelle von Durchschnittsnoten

Mehrheitlich befürworteten die Abiturienten die Durchführung der Abiturprüfungen. Die Alternative einer Durchschnittsnote lehnten sie überwiegend ab. Diese Werte haben sich dabei im Vergleich zum vorherigen Abiturjahrgang deutlich erhöht: Stimmten 2020 noch 53,4 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler der Aussage zu, dass es gut war, die Abiturprüfungen auch unter veränderten Bedingungen durchzuführen, waren es 2021 schon 61,2 Prozent. In Bezug auf die Alternative, der Bildung einer Durchschnittsnote aus allen in der gymnasialen Oberstufe erzielten Noten an der Stelle der Abiturprüfungen, befürworteten 2020 55 Prozent der befragten Abiturienten einen solchen Schritt – 2021 waren es nur noch 45 Prozent. Dazu Rogge: „Als mögliche Erklärung bietet sich die Sorge vor Ansteckung in Präsenzprüfungen an, die 2020 nach dem ersten Lockdown ab April noch wesentlich ausgeprägter gewesen sein könnte als ein Jahr später, als sich die Jugendlichen bereits besser auf die Gefahren des Virus einstellen konnten.“ Die Antworten der offenen Frageformate ließen aber vor allem aus einem anderen Grund aufhorchen: Der Sorge, dass ein „Corona-Abitur” ohne Abiturprüfungen im Vergleich zu vorherigen Abiturjahrgängen als minderwertig betrachtet werden und sich zum Beispiel bei Bewerbungen nachteilig auswirken könnte.

Wenig Vertrauen in die Politik

Auf die Frage nach der Zufriedenheit mit den bildungspolitischen Entscheidungen in ihrem jeweiligen Bundesland gaben rund 70 Prozent der befragten Abiturienten an, unzufrieden oder eher unzufrieden zu sein. Im Bereich der offenen Antworten wurde diese Unzufriedenheit besonders deutlich. So wird gehäuft der Rücktritt von Schulministerinnen und Schulministern der Länder gefordert und politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern mit Blick auf versprochene Erleichterungen in den Abiturprüfungen Vertrauensbruch vorgeworfen. Eine Antwort lautete: „Die Politik hat unsere Anliegen nicht ausreichend beachtet und stattdessen versucht, mittels Sturheit Gesetze durchzusetzen, deren Ausführung nicht im Sinne aller war. Allgemein hat sich die psychische Gesundheit vieler Schüler verschlechtert, was zu wenig beachtet worden ist. Die Politik muss sich mehr dafür einsetzen, in näheren Kontakt mit Abiturienten zu treten, um sich ein besseres Bild von den Problemen der kommenden Abiturjahrgänge zu machen.“ (zab, pm)

Mehrheit der Schüler kam gut durchs Homeschooling (vor allem die leistungsstarken)

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8 KOMMENTARE

  1. Wechselunterricht belastender als reines Distanzlernen

    Natürlich ist es das.

    Aber niemand wollte es das wahrhaben, außer Kinder selbst.

    Damit macht man sie richtig kaputt.

    Aber nein, wichtig ist es, sie sitzen alle zwei Tage in der Schule – in einer PANDEMIE.

    Sag wer?

    Politiker, die längst vergessen haben, was lernen bedeutet?
    Eltern, die nicht mehr ausstehen könne, Kinder den ganzen Tag zu Hause haben?

    Absurd.

    Man will einfach nicht wahrnehmen, dass die Kinder viel mehr durch überfühlten Klassen, Lernen für die Noten, statt für das Wissen, durch veralteten Bildungssystem heute psychisch Leiden, als durch einen organisierten Distanzunterricht.

    Viele widerholen irgendwelche veralteten Parolen, wie kaputte Schalplatten, ohne eine Pause zu machen, um mal richtig zu überlegen.

  2. Meine Tochter (9. Klasse) fand das Konzept des Wechselunterrichts gut. Eine Woche in kleiner Gruppe in Präsenz und dadurch intensiverer Unterricht mit weniger Ablenkung und eine Woche Selbststudium und selbständiges Vertiefen des Erklärten zuhause. Wenn es nach ihr ginge, könnte das so weitergehen. Alle 2 Tage Wechselunterricht wäre für sie aber auch anstrengender gewesen.

  3. Themaverfehlung der Kommentare!!!

    Es geht (nur) um Meinungsäußerungen von AbiturientInnen über ihre Erfahrungen, nicht um NeuntklässlerInnen – oder gar GrundschülerInnen!

    Auch nicht um Lehrkräfte – denn auch deren Erfahrungen differieren erheblich je nach Altersstufe der SchülerInnen – zudem sind Korrelationen mit der Schulart aufschlussreich.

    Selbst wenn die Selbstreflexionsfähigheit, Selbsteinschätzung auf differenzierterem Niveau in der Altersgruppe (zudem mit höherem Bildungsgrad) „AbiturientInnen“ aussagekräftig ist.

    Man kann nicht summa summarisch alles über einen Kamm scheren:
    „Äpfel“ mit „Birnen“ zu vergleichen bringt nichts, der Erkenntniswert ist gering, viel zu pauschal, also nicht zielführend.

  4. Liebe(r) Donnerwetter,

    nomen est omen?

    Ist Ihnen etwa der Unterschied zwischen kritischen Anmerkungen zur sachlichen Richtigstellung, versehen mit meinen Begründungen zur Sache, und „Niedermachen“ nicht bekannt?

    ad: „… mit vielen Worten nichts gesagt …“ . ???
    Können Sie mir – vom Verständnis her – nicht folgen?
    Dann tut’s mir leid. Da kann man halt nichts machen.

  5. Liebe Redaktion,
    informiert ihr, wenn die Kommentarfunktion auf eurer Seite abgeschafft ist? An sich ein gutes Portal, aber ich lese so ungern die schlechte Stimmung in den Kommentaren.
    Danke!

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