Lehrer sollen «Feedback-Gespräche» mit Schülern führen – und mit ihren Eltern

14

BERLIN. Zwei Corona-Schuljahre mit mehreren Lockdowns haben Schülerinnen und Schülern stark zugesetzt. Nun startet die nächste Lernperiode unter dem Eindruck der Pandemie. Dabei soll sich einiges ändern – in Berlin jedenfalls.

Die Lehrkräfte sollen den Leistungsstand ihrer Schülerinnen und Schüler ermitteln – unter anderem mit „Feedback-Gesprächen“, bei denen dann auch die Eltern anwesend sind. Foto: Shutterstock

Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres hat für das neue Schuljahr ein «Aufholprogramm» angekündigt, um negative Folgen der Corona-Pandemie für Schüler zu lindern. Unter dem Titel «Stark trotz Corona» soll es an den Schulen unterschiedliche Angebote geben, um Lernrückstände aufzuholen, wie die SPD-Politikerin am Dienstag nach der Senatssitzung sagte.

Dabei gehe es schwerpunktmäßig um Basiskompetenzen bei der Sprache und in der Mathematik, aber auch um das «Lernen lernen», berufliche Kompetenzen, Schwimmen oder Radfahren. Ein weiterer Schwerpunkt seien psychosoziale Fragen und Persönlichkeitsförderung, Demokratieerziehung und Gewaltprävention. Außerdem umfasst das Vorhaben mehr Sozialarbeit an Schulen sowie Unterstützungsangebote für Kinder und Familien in der frühkindlichen Bildung.

Für das Programm in Zusammenarbeit auch mit externen Partnern stehen Scheeres zufolge 64 Millionen Euro bereit, darunter allein 44 Millionen für die Lernförderung. 30 Millionen Euro aus diesem Topf sollen direkt an die Schulen fließen, die für die Umsetzung des Programms eigene Budgets bekommen.

«Eineinhalb Jahre Pandemie haben tiefe Spuren an den Berliner Schulen hinterlassen»

Basis werden verpflichtende sogenannte Lernstandserhebungen für alle Schüler sein, um ihren individuellen Förderbedarf zu ermitteln. Dabei kommen laut Scheeres unterschiedliche Instrumente zum Einsatz, darunter digitale Module, Vergleichsarbeiten oder auch ein Lesecheck. Geplant sind außerdem mindestens zwei «Feedbackgespräche» mit jedem Schüler. Sofern diese noch nicht volljährig sind, werden die Erziehungsberechtigten hinzugebeten.

«Eineinhalb Jahre Pandemie haben tiefe Spuren an den Berliner Schulen hinterlassen. Viele Schülerinnen und Schüler hatten es schwer, auch das gesamte Schulpersonal war ständig neuen Herausforderungen ausgesetzt und musste außerordentlich viel leisten», sagte Scheeres. «Nun geht es darum, die Schülerinnen und Schüler wieder an den regulären Schulalltag zu gewöhnen, ihnen Sicherheit zu geben und ihnen verschiedene Hilfsangebote zukommen zu lassen. Dazu soll dieses Schuljahr dienen, und ich bin dankbar, dass sich alle Pädagoginnen und Pädagogen dieser besonderen Aufgabe bewusst sind.»

«Berlin beginnt das Schuljahr mit 6,5 Millionen Schnelltests, weitere rund 5 Millionen Tests sind bestellt und in der Auslieferung»

In den vergangenen Monaten sei deutlich geworden, dass der Präsenzunterricht nicht so einfach zu ersetzen sei, so Scheeres weiter. Deshalb wolle Berlin, «solange es irgend möglich ist», im neuen Schuljahr am Regelunterricht festhalten. Die Senatorin verwies auf Hygienekonzepte, die Maskenpflicht, die zunächst für zwei Wochen gelte, und regelmäßige Corona-Tests, darunter jeweils drei in den ersten drei Schulwochen. «Berlin beginnt das Schuljahr mit 6,5 Millionen Schnelltests, weitere rund 5 Millionen Tests sind bestellt und in der Auslieferung.» 8000 Luftfilter seien vorhanden, weitere 3000 bestellt.

An den Oberstufenzentren werde es ab dem ersten Schultag ein Impfangebot mobiler Teams geben, erläuterte die Senatorin. Es richte sich zunächst an knapp 70 000 junge Erwachsene, die bereits volljährig seien. Auch 16- bis 18-Jährige, die eine Erlaubnis der Erziehungsberechtigten vorweisen können, erhalten ein Impfangebot.

Insgesamt starten am kommenden Montag 376.460 Schüler allgemeinbildender Schulen (2020: 369.841) und 87.360 Schüler (2020: 83 264) berufsbildender Schulen ins neue Schuljahr. Rund 32.000 Lehrkräfte sowie Tausende Erzieher kümmern sich um sie.

2440 unbefristete Lehrerstellen waren Scheeres zufolge neu zu besetzen. Trotz des harten bundesweiten Wettbewerbs um qualifiziertes Personal und der pandemiebedingten Ausnahmesituation sei es gelungen, bisher 2886 Lehrkräfte einzustellen – nicht alle in Vollzeit. 1526 von ihnen seien sogenannte Laufbahnbewerber. Hinzukommen 790 Quereinsteiger, die mindestens ein Schulfach studiert haben, sowie 420 sonstige Lehrkräfte. Hierzu zählen etwa Künstler oder Lehrer in Willkommensklassen. 150 Bewerber befinden sich laut Scheeres noch im Einstellungsprozess, 80 Stellen sind noch unbesetzt. News4teachers / mit Material der dpa

Beckmann appelliert an Kultusminister: Macht Euch endlich ehrlich!

Anzeige


14 KOMMENTARE

  1. Was ist der Unterschied zum Elternsprechtag? Abgesehen von der Verpflichtung, dass das mit jedem Schüler passieren soll, eigentlich nichts.

    Mal angenommen, dass das jeder Lehrer in jedem Fall machen soll, wird das ein zeitintensives Unterfangen. Bei 250-300 Schülern, eine realistische Größenordnung bei einer Vollzeitstelle, und jeweils 10 Minuten sind das mehr als 40 Zeitstunden oder eine ganze Woche.

    • Zum Elternsprechtag kommen doch aber nicht alle, sondern nur die Interessierten und die haben’s oft gar nicht nötig.

      Ich nehme an, diese Gespräche führt jeder Klassenlehrer. Das sind dann um die 30 Gespräche. Trotzdem heftig, weil das natürlich alles zusätzlich passiert. Womöglich lässt man dann den Elternsprechtag weg. Das wäre nur recht und billig.

      • Ich hege den Verdacht, dass der Elternsprechtag nicht ausfallen wird. Die unterbeschäftigten Lehrkräfte müssen doch dringend mit Beschäftigung zugeworfen werden.

        Es ist Ironie und Sarkasmus enthalten.

      • @fabianBLN

        „Zum Elternsprechtag kommen doch aber nicht alle, sondern nur die Interessierten und die haben’s oft gar nicht nötig.“

        Was macht Sie glauben, dass ausgerechnet DAS bei den „neuartigen Feedback-Gesprächen“ anders wäre?

    • Nein, der Elternsprechtag fällt nicht aus. Der ist zusätzlich. Und wenn man nun bei diesen Feedback-Gesprächen bedenkt, dass es ja auch erst nach einer gewissen Lernzeit Sinn macht selbige zu führen, bestimmte (Wander-, Klausur- oder andere im Jahreskalender geplante) Tage kaum die Zeit für ein solches Gespräch bieten und eine hohe Schülerfrequenz in den Klassen (was Berliner Lehrkräfte bereits seit Jahren kritisieren!!!) herrscht, kommt man in meinem Fall im Schnitt auf 5 Eltern/Kind Feedback-Gespräche in der Woche!!! Und das wenn man wirklich „nur“ mindestens zwei pro Schüler*in im Jahr führt!
      Rückmeldung über die Leistungsentwicklung und regelmäßiger Kontakt zu dem Kind und deren Eltern ist aus meiner Sicht enorm wichtig. Erst Recht in dieser Zeit. Aber das kann doch nicht Frau Scheeres‘ Ernst sein?! Wann sollen denn diese Gespräche geführt werden? Schließlich müssten sie bei zweckmäßiger Durchführung bestimmt mindestens 30 Minuten einnehmen. Wir Lehrkräfte sind durchaus sehr gut in der Lage zu differenzieren, Schüler*innen zu fördern und zu fordern. Es wäre nur endlich Mal schön auch entsprechende Bedingungen an den Schulen zu schaffen. Frau Scheeres’und ihre kompetenten Mitstreiter sollten sich den Alltag an der Schule Mal wirklich anschauen. Bei einer Schülerfrequenz von 33-34 SuS in einer Klasse liegt die ggf. schlechte Beschulung nur bedingt an den Lehrkräften. Und was macht Berlin? Einfach noch mehr unausgebildete Lehrkräfte einstellen. Der Lehrermangel war ja auch nie vorhersehbar. Und der Job ist ja scheinbar auch so attraktiv für alle, dass man sich nur darum reißt. Es ist kein Wunder, dass hier in diesem Jahr 700 Lehrkräfte gekündigt haben. Wir werden verheizt. Doch Eltern sehen oft nur das Ergebnis „schlechten“ Unterrichts. Denn an den schlechten Leistungen ihrer Kinder sind ja letztlich nur Lehrkräfte schuld, die zu doof sind einen Computer zu bedienen, nicht differenzieren und uralte Methoden anwenden. Aber vielleicht schaffen diese Lehrkräfte es ja durch Feedback-Gespräche etwas „aufzuholen nach Corona“!

  2. „Dabei gehe es schwerpunktmäßig um Basiskompetenzen bei der Sprache und in der Mathematik, aber auch um das «Lernen lernen», berufliche Kompetenzen, Schwimmen oder Radfahren. Ein weiterer Schwerpunkt seien psychosoziale Fragen und Persönlichkeitsförderung, Demokratieerziehung und Gewaltprävention. Außerdem umfasst das Vorhaben mehr Sozialarbeit an Schulen sowie Unterstützungsangebote für Kinder und Familien in der frühkindlichen Bildung.“

    Alter Wein in neuen Schläuchen … solche Aufwärm-Aktionen führen letztlich dazu, dass sich das bestehende Fachpersonal wieder einmal an seinen Präsenztagen mit Modellen auseinandersetzt, für die es weder fachliche noch strukturelle Ressourcen gibt. Als hätten alle in diesen Tagen nicht schon den Kopf voll, wie Vollpräsenz ab Montag umzusetzen ist bei den bestehenden Bedingungen. Die versprochenen finanziellen Mittel/Privater Support sind gekoppelt an Erhebungen, die, wenn überhaupt, halbherzig ‚abgehakt‘ werden. Der Support wird ewig brauchen, bis er im Fluss ist.

    Einfach mal die Beine still halten und die Menschen machen lassen, anstatt unüberlegte Seitenhiebe auszuteilen, die der Motivation schaden.

    Das Fachpersonal, das diese Vorschläge umsetzen kann, gibt es schlicht und einfach nicht: zu wenig adäquat besetzte Stellen, zu wenig qualifizierte Drittanbieter, zu wenig Zeitressourcen der qualifizierten Kräfte, kein funktionierendes Sicherheitskonzept in der Pandemie, Eltern, denen schon ein Elternabend zu viel ist …

    Gut gemeint ist eben nicht gut gemacht!

  3. Jepp, dann kommen nicht nur die ungeimpften Kinder, sondern auch noch deren ggf. nicht geimpfte, aber aus dem Urlaub zurück gekehrte Eltern in die Schule. Frohes Viruswichteln!

  4. Berlin sollte sich mal um Wesentliches kümmern, dieses chaotisch regierte Bundesland ist überall Schlusslicht. Besser wäre, sich mal wieder auf den Unterricht zu konzentrieren und Versäumtes aufzuholen.

    • Habt ihr auch Klassenstärke von 33- 35 SuS? Wird dafür Unterrichtszeit genommen oder findet das auch außerhalb dieser Zeit statt? Gibt es davor ebenfalls standardisierte Lernstandserhebungen in den Kernfächern, in jedem Jahrgang? Nicht nur in Jahrgang 7? Dann ehrlicher Respekt dafür!

    • An Grundschulen ist das auch normal, je 1 pro Halbjahr ( allerdings muss ich es nur anbieten, ob die Eltern auch kommen, ist dann ihre Sache). Diese Feedbackgespräche sollen aber noch oben drauf kommen – verpflichtend für alle Eltern. Die üblichen 15 Minuten kann man auch getrost vergessen, wie oben schon jemand schrieb, wird man wohl eher 30 Minuten einplanen „dürfen“. Macht bei meinen 28 Kindern ganze 14 (Zeit)Stunden unbezahlte Mehrarbeit!
      Im übrigen waren meine Kinder seit Mitte Februar wieder im Präsenzunterricht, ich habe ihnen im Juli Textzeugnisse geschrieben. Was ich also nicht brauche, ist unnütz vergeudete Unterrichtszeit durch noch mehr Lernstandserhebungen und unnütz vergeudete Vorbereitungszeit durch Elterngespräche (auch die gab es nämlich schon im Juni)!!

      • So isses! 5 1/2 Wochen Notbetreuung plus DU, davor und danach Vollpräsenz.
        Notbetreuung durch Lehrkräfte in Kleingruppen für Systemrelevante, schwächere SuS und jeden, der zu Hause aus welchen Gründen auch immer schlechtere Lernbedingungen hatte. Ca. 30%!
        Nur SuS, die trotz wiederholtem Anschreiben an die Eltern nicht gekommen sind, haben Lernlücken! Die anderen hatten endlich Lehrerzeit für sich und konnten aufholen.
        Diese Eltern kommen auch nicht zu den Elternsprechtagen, weil sie den Kopf mit eigenen Problemen voll haben.

  5. Bei uns an der Schule (Gesamtschule in NRW) sind solche Gespräche Teil unseres Konzepts – 4 mal im Jahr ca 15 bis 20 Minuten Gespräch mit Schülern und deren Eltern. Die Eltern müssen sich verpflichten an diesen Gesprächen teilzunehmen.
    Als ich dort anfing war ich geschockt, heute sehe ich die Vorteile: ich bin mit den SuS und auch den Eltern im permanenten Austausch und Probleme können ziemlich schnell erkannt, besprochen und angegangen werden. Außerdem erhält jede/r Schüler/in individuelle Rückmeldungen und das Verhältnis zu SuS und deren Eltern ist super!
    Diese Gespräche finden an einem Schullangtag und einem Nachmittag statt. Klar ist es viel Arbeit, aber Arbeit die sich tatsächlich lohnt!

  6. Es ist wieder mal ein voller Erfolg für Frau S. , wenn sie das Ziel hatte alle zu demotivieren. Sowohl SuS als auch Belegschaft und Eltern sind mental an ihren Grenzen. Jedoch behaupte ich, dass die Ursache zum GROSSEN Teil nicht an Corona liegt.
    „Stark nach Corona“ sollte die SuS die Lücken aufzeigen, gleichzeitig aber sollen wir soziale Aspekte in den ersten Wochen aufarbeiten und SuS MOTIVIEREN!
    Mit eine LAL bewirkt man genau das Gegenteil!
    Die SuS wissen, dass sie auf dem letzten Jahr kaum etwas mitgenommen haben.
    Nun bekommen sie es noch vor die Nase gerieben.
    Wenn sich hier irgendwo aus Versehen ein Schuß löst, würde mich das nicht mehr wundern.

    Immerhin sind wir in Berlin entlich mal Vorreiter….im Demotivieren der Lehrer, Schüler und Eltern.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here