Philologen mahnen: Kompetenz-Orientierung im Unterricht nicht ohne soliden Wissenskanon

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WIESBADEN. Seit Jahren wird in der schulischen Bildung das Hohe Lied der Kompetenzvermittlung gesungen – leider zulasten der grundlegenden Wissensvermittlung, die im Gegenzug immer weiter vernachlässigt wurde. Das beklagt jedenfalls der hessische Philologenverband. Gegen diese Tendenzen hat er sich auf seiner diesjährigen Vertreterversammlung in Fulda ausgesprochen.

Wie viel lexikalisches Wissen ist in einer Welt nötig, die Informationen ständig digital parat hält? Anders gefragt: Was nützt lexikalisches Wissen, das man nicht gelernt hat, anzuwenden? Illustration: Shutterstock

In einer Resolution verweist der Verband der Gymnasiallehrkräfte auf die hohe Bedeutung eines Wissenskanons, der sich zwar im Diskurs entwickeln solle, dessen Inhalte aber nicht beliebig sein könnten und deren Qualität den Bildungsansprüchen genügen müssten.

Unterricht ist nach Meinung der Philologen nur dann sinnvoll, wenn dem Kompetenzerwerb auch klar definierte, verbindlich zu lernende Wissensbestände zugrunde liegen. „Gibt es hier Defizite, werden sachliche Diskussionen zunehmend erschwert bzw. unmöglich; Betroffenheitsgesten und überspannter Empfindsamkeit wird Tür und Tor geöffnet. Inhalte und Wissen dürfen nicht als Ballast verstanden werden, sie sind vielmehr das Vehikel, mit dessen Hilfe Gegenwärtiges und Zukünftiges strukturierbar wird. Kompetenzen, an solcherart verstandenem Wissen geschult, komplettieren schlussendlich Bildung“, so heißt es in einer Pressemitteilung.

„Dem kanonischen Wissen kommt als Bindeglied eine wichtige gesellschaftliche und schulische Bedeutung zu“

Seit einiger Zeit drohe unsere Gesellschaft auseinanderzudriften, die Gefahren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wüchsen permanent. „Dem kanonischen Wissen kommt als Bindeglied hier eine wichtige gesellschaftliche und schulische Bedeutung zu. Gleiches gilt auch für die Sprache, deren integrative Funktion in einer diverser werdenden Gesellschaft nicht unterschätzt werden darf“, so heißt es.

Das „überbordende ideologiegesteuerte Gendern“ ist nach Ansicht des Hessischen Philologenverbandes mit diesem Funktionsverständnis nicht vereinbar. Gegen ein gendersensibles Sprechen, etwa die Doppelnennung der Geschlechter, auch geschlechtsneutrale Formulierungen, ist grundsätzlich nichts einzuwenden. „Feministische Ersatzformen mit Genderstern, Doppelpunkt sowie Glottisschlag erschweren jedoch die zwischenmenschliche Kommunikation. Der Philologenverband bevorzugt dagegen ein grammatisch korrektes Gendern. Von verkomplizierten Formulierungen, die zwar gendergerecht erscheinen, aber grammatisch falsch und kommunikativ ineffizient sind, sieht er ab.“

Schulische Bildung – ob inhaltlich oder sprachlich – diene der Entwicklung der Schülerpersönlichkeit. Diese in all ihren Facetten zu fördern, sollte nach Ansicht der Philologen vorrangiges Ziel schulischen Unterrichtens sein. News4teachers

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23 KOMMENTARE

  1. Wir haben ganz andere Probleme an Schulen! Dieser Beitrag passt nicht in die Notsituation der Schüler und brauchen ganz andere Unterstützung.

    • Der Philologenverband spricht im Gegensatz zu Sie für die Gymnasiallehrer und die (eigentlich) gymnasiale Schülerklientel. Diese hat aus rein schulisch-fachlicher Sicht vergleichsweise wenig unter der Pandemie zu leiden.

      • Da kommen Sie bei Rosa aber jetzt an die ganz falsche Ansprechpartnerin.
        Deren Hauptthema ist doch das verlorene Jahr durch G8 und jetzt auch noch null Förderung über die Pandemielücken und generell Frau Schoppers miese Politik.

    • Ganz ehrlich: Wenn deren größtes Problem das Gendern ist, dann hat dieser Verband weder den Durch-noch Weitblick über die Probleme, die tatsächlich an Schulen existieren.
      Teils mangelnde Ausrüstung, Partizipation nach Standort, schlechte Betreuungsschlüssel, Kolleg*innen die auf dem Zahnfleisch gehen, Schüler*innen die immer weiter abgehängt werden und sowieso vielfältige Unterstützung benötigen: Schulisch, sozial, emotional.
      Und abgesehen davon: Das gendersensible Sprechen stört den Gesprächsfluss gar nicht, wenn man sich daran gewöhnt hat. Usus im Kollegium ist es abgesehen davon eh nicht, zumindest an meiner Schule. Damit kommt bei mir generell das Bild von ‚Expert*innen‘ auf, die an der Zeit vorbei leben und auch noch in eine falsche Richtung blicken.

      • Das, was Sie aufzählen sind aus Sicht des Philologenverbandes nette Zusätze, weil die die echte gymnasiale Klientel kaum betreffen.

        Sobald das Fachliche wieder da ist, kann man über geschlechtsneutrale oder -Lose Sprache gerne diskutieren. Diese Lobby muss aber dann befürchten, kaum noch Gehör zu finden, weil die Schüler dann Lernenstress im positiven Sinne haben, und später als Erwachsene erkennen, dass da wenig bis nichts außer Ideologie dran ist.

      • „Das gendersensible Sprechen stört den Gesprächsfluss gar nicht, wenn man sich daran gewöhnt hat.“
        Was ist das für eine Argumentation? Nichts Hinderliches stört mehr, wenn man sich daran gewöhnt hat. Darum jeden Blödsinn gutheißen, weil man sich ja an alles gewöhnen kann?

  2. „Philologen mahnen: Kompetenz-Orientierung im Unterricht nicht ohne soliden Wissenskanon“

    Das ist vollkommen richtig. Gut, dass das endlich mal klar ausgedrückt wird.

    • Ein Prüfstein wäre das kleine 1×1. Soll man das auswendig können oder nicht? Ist das eine Kompetenz? Früher war das selbstverständlich, heute gibt es sogar Abiturienten, die das kleine 1×1 mit dem Taschenrechner rechnen. Das führt zu enormen Fehlermöglichkeiten durch falsches Eintippen.

  3. Kompetenzen sind doch nicht nur bla bla bla!

    Kompetenzenerwartungen sind in den KCs in Inhalte (also Wissen) und Prozesse gegliedert, die vermittelt werden müssen. Das Wissen was hier festgeschrieben vermittelt werden muss ist umfangreich, eindeutig und überprüfbar.
    Bei der immer wieder aufkommenden Diskussion über eine vermeintlich diffizitäre Kompetenzorientierung fehlt m.e. eine eindeutige differenzierte und fachlich fundierte Auseinandersetzung mit dem Kompetenzbegriff.
    Vermischt mit gendergerechter Sprache erscheint mir der gesamte Artikel mehr als verschwrubelt.

  4. Der Artikel bestärkt die selbst erworbenen Vorurteile gegenüber Gymnasiallehrkräfte und deren Verstand von zu vermittelndem Wissen. Wenn man den Kompetenzbegriff ohne Erklärung verwendet und sich an Nebensächlichkeiten aufhält verwundert es nicht, dass man bei vielen Schulabgängern nur noch Wissensträger ohne Fähigkeiten findet. Aber diese Einstellung hat auch vor 25 Jahren schon dazu geführt, dass Wir Abiturienten haben, die ohne eine Verwendungsmöglichkeit Wissen angehäuft haben und dieses aber weder in Studium noch Beruf anwenden können. Schade eigentlich, dass sich diese Ansichten in Teilbereichen seit Jahrzehnten halten und dies bestimmt auch noch weitere Jahrzehnte so bleiben wird.

    • Das Gegenteil ist der Fall: Die Kompetenz Kommunikation (eher BlaBlaBla) ist wunderbar ausgebildet, das Wissen eher verkümmert

      • @ Gümnasiallehrer
        Wenn man sich so oberflächlich und abwertend, wie Sie, über Konzepte äußert (blablabla), dann läuft man Gefahr, dass die eigenen Kommentare zu einem einzigen Blablabla verkümmern.

        • Wer „oberflächlich“ denkt und „blablabla“ redet, ist eine Sache der Perspektive. Aus anderer Sicht können Sie zur Zielscheibe Ihres eigenen Urteils werden.

        • Herr Möller: Ihren Kommentar könnte man durchaus auch auf jene Parteigenossen beziehen, die zwar keine Ahnung haben, aber darüber schwadronieren, was PISA angeblich alles ergeben hat, natürlich nur im Sinne ihrer jeweiligen Parteidoktrin. Ich habe da einige Erfahrungen an Wahlkampf-Ständen der Parteien gesammelt. Da vertrauen etliche Genossen einfach darauf, dass das Wahlvolk die jüngsten PISA-Berichte gar nicht kennt. Da wird z.B. sehr oberflächlich über „DIE skandinavischen PISA-Sieger“ geredet, obwohl Schweden zwischenzeitlich abgestürzt ist und auch Finnland deutlich schwächelt. Dänemark und Norwegen waren nie besonders gut.

      • Ja, sehe ich auch so. Schüler können wundervoll reden, aber eine Sachfrage kurz und bündig zu beantworten, fällt ihnen unglaublich schwer. Dazu braucht es fundiertes Fachwissen, um dieses zu erwerben, müsste man Dinge auch auswendig lernen, die im Unterricht durchgenommen wurden.

        Auswendiglernen ist aber total verpönt. Dabei ist solides Grundwissen unabdingbar, um Dinge weiterzudenken und -zuführen. Diese Freiheit, mit Wissen zu „spielen“ erfordert erst einmal Grundlagen, die verinnerlicht sein müssen.

        Meine Schüler lernen nicht aktiv. Sie warten darauf, dass das Wissen von allein in ihren Kopf eine Heimat findet. Lernen ist anstrengend, und deswegen lesen sich meine Schüler einfach alles noch mal durch und nennen das Lernen.

        Lernkompetenz ist un- und Konsumkompetenz extrem ausgeprägt.

  5. BW:
    „In Hinblick auf die mit Hochgeschwindigkeit durchgezogenen Umstrukturierungsmaßnahmen im Kultusministerium richten der Realschullehrerverband Baden-Württemberg (RLV), der Verband Deutscher Realschullehrer (VDR), der Philologenverband Baden-Württemberg (PhV) und alle vier Arbeitsgemeinschaften gymnasialer Elternbeiräte (ARGEn) im Land einen dringenden Appell an Kultusministerin Schopper und schlagen gleichzeitig Alarm!

    Bislang ist jede Schulart im Land eigenständig mit einem Referat im Kultusministerium vertreten. Nun soll ein ‚Einheitsreferat‘ für die Sekundarstufe 1 für alle Schularten installiert werden. Der zunächst nur administrativen Vereinheitlichung der unterschiedlichen und starken Schularten Baden-Württembergs wird die äußere Vereinheitlichung auf dem Fuß folgen. Deshalb schlagen die Verbände, Beiräte und Eltern jetzt Alarm!“

    https://www.phv-bw.de/phv-rlv-und-elternvertretungen-zu-umstrukturierung-im-km/

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