GEW stellt mit Blick auf Schulen fest: „Digitalisierung verstärkt soziale Spaltung“

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BERLIN. Der Digitalisierungsschub an den Schulen während der Corona-Pandemie hat die soziale Spaltung an den Schulen teilweise verstärkt. In einer GEW-Untersuchung zum Digitalpakt Schule, die am Montag in Berlin vorgestellt wurde, kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass es eine «große Kluft im digitalen Ausstattungsstand der Schulen» gibt. Die aktuelle Umsetzungspraxis des Digitalpakts gefährde die Chancengleichheit in den Schulen und erinnere an einen Flickenteppich, sagte GEW-Vorstandsmitglied Anja Bensinger-Stolze.

Verschärft die real existierende Digitalisierung der Schulen den Unterschied zwischen reichen und armen Kommunen? Illustration: Shutterstock

Die Gewerkschaft hatte untersucht, wie die Umsetzung des Digitalpakts im Zusammenspiel zwischen Bund, Ländern, Kommunen und Schulen funktioniert. Dafür wurden Antragsstellung und Modalitäten zum Abruf der Gelder aus dem inzwischen auf 6,5 Milliarden Euro angewachsenen Fördertopf des Bundes unter die Lupe genommen. Schulleitungen, Lehrkräfte, IT-Administratoren und auch Beteiligte in den Kommunen wurden befragt.

Die Lernbedingungen für Schüler seien auch mit Blick auf die Digitalisierung sehr ungleich, sagte der Bildungsforscher und Studienleiter Prof. Michael Wrase von der Universität Hildesheim und dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Vor allem Gymnasien sind demnach digitale Vorreiter. Wie gut eine Schule digital aufgestellt ist, hängt dem Bericht zufolge außerdem davon ab, ob es dort kompetente Lehr- oder Fachkräfte im Bereich Digitalisierung oder Medienbildung gibt.

„Der Fachkräftemangel in den Bereichen Pädagogik, IT und Verwaltung ist das größte Problem“

„Die Bildung der Kinder darf weder von der Finanzlage einzelner Kommunen noch von einer zufälligen Digitalisierungsaffinität einzelner Lehrkräfte abhängig sein“, unterstrich Anja Bensinger-Stolze, GEW-Vorstandsmitglied Schule. „Wenn die Mittel aus dem Digitalpakt 2.0 verteilt werden, müssen diese insbesondere an die bisher benachteiligten Schulen fließen. Ungleiches muss ungleich behandelt werden. Die Länder müssen für die entsprechenden Rahmenbedingungen sorgen.“

„Trotz anderer Ankündigungen haben weder das Bundesbildungsministerium noch die Landesregierungen ein transparentes Monitoring zum Digitalpakt veröffentlicht“, stellte Bensinger-Stolze fest. „Ohne eine gute und transparente Datenlage ist es schwierig, Mittel gerechter zu verteilen.“ Für einen pädagogisch sinnvollen digitalen Schulentwicklungsprozess bedürfe es ausreichender zeitlicher, finanzieller und fachlicher Ressourcen. „Genau da hakt es aber“, betonte sie. „Der Fachkräftemangel in den Bereichen Pädagogik, IT und Verwaltung ist das größte Problem des schulischen Digitalisierungsprozesses.“ Lehrkräfte brauchten professionelle Support- und Wartungsstrukturen.

Bensinger-Stolze mahnte für den Digitalpakt 2.0 als Beitrag für mehr Chancengleichheit bei Bund und Ländern an:

  • transparentes Monitoring, das auch soziale Indikatoren berücksichtigt,
  • Stärkung der digitalen Schulentwicklungsprozesse durch mehr zeitliche, finanzielle und fachliche Ressourcen,
  • Entwicklung von IT-Support- und Wartungsstrukturen vor Ort,
  • Erhöhung und Verbesserung der Ausbildungskapazitäten, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen,
  • gezielte Förderung finanzschwacher Kommunen,
  • umfassende (Zwischen-)Evaluation des Digitalpakts.

„Die Untersuchung arbeitet auch einige blinde Flecken bei der Umsetzung des Digitalpakts heraus“, sagte Studienleiter Wrase. Grundsätzlich seien die mit dem Digitalpakt vorgenommenen Bundesinvestitionen in die digitale Infrastruktur der Schulen zwar der richtige Weg. Die Schwierigkeiten bei der Umsetzung des Digitalpakts hätten aber dazu geführt, dass die Mittel nicht immer bedarfsgerecht verteilt wurden.

„Die Lernbedingungen für die Schülerinnen und Schüler sind auch mit Blick auf die Digitalisierung sehr ungleich“

Gründe hierfür seien unter anderem fehlendes Monitoring, teilweise intransparente Abstimmungsprozesse zwischen den Verwaltungsebenen, Fachkräftemangel und bislang häufig nicht ausreichende Support- und Wartungsstrukturen an den Schulen, für die die Schulträger verantwortlich sind. „Die Folgen: Die Lernbedingungen für die Schülerinnen und Schüler sind auch mit Blick auf die Digitalisierung sehr ungleich“, hob Wrase hervor.

Eine nachhaltige und sozial gerechte Digitalisierung setze voraus, dass die Schulen ihren Bedarfen entsprechend mit Mitteln ausgestattet werden. Zudem sei die Förderung in eine solide und transparente Rahmenstruktur einzubetten. Bisher seien die Schulen vor Ort nicht ausreichend unterstützt worden. In einem Digitalpakt 2.0 müssten vor allem die finanzschwächeren Kommunen als Schulträger zielgerichtet unterstützt werden.

Hintergrund: Die Studie hat mit einem qualitativen methodischen Ansatz untersucht, wie der Digitalpakt Schule im Zusammenspiel der unterschiedlichen Steuerungsebenen (Bund, Länder, kommunale Schulträger und Einzelschulen) umgesetzt wird. Grundlage der Erhebung sind 21 leitfadengestützte Interviews mit Expertinnen und Experten aus der schulischen Praxis und von kommunalen Schulträgern, die mit einer qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet wurden. Die Untersuchung hat allgemeinbildende öffentliche Schulen in Bayern, Berlin, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Sachsen mit einbezogen. Die Ergebnisse wurden in den aktuellen Forschungsstand zur schulischen Digitalisierung eingeordnet. News4teachers / mit Material der dpa

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3 Kommentare
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klm
22 Tage zuvor

Was die GEW wieder mal so feststellt!?
Mir kommt es so vor, als stelle sie nur fest, was sie feststellen will. Was nicht zur eigenen bildungspolitischen Linie passt, wird ignoriert.oder auch dementiert.

Carsten60
21 Tage zuvor

Hatte uns nicht die Bertelsmann-Stiftung im Gegenteil erzählt, dass die Digitalisierung besonders gut für die sozial Schwachen ist, weil sie dann mehr Teilhabe an der Gesellschaft bekommen?

Lisa
21 Tage zuvor
Antwortet  Carsten60

So ist es. Es gibt einen wahren Wildwuchs an Studien, doch klüger machen sie immer seltener, weil sie oft widersprüchlich sind oder zumindest voneinander abweichen.
Studienergebnisse können mich nicht mehr ohne Weiteres von ihrer angeblichen Wahrheit überzeugen. Auch dann nicht, wenn ich dafür (und aus durchsichtigem Grund) als wissenschaftsfeindlich bezeichnet werde.