Hybridunterricht gegen den Lehrermangel? Warum das (so einfach) nicht funktionieren kann

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ERFURT. Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke) hat Hybridunterricht in Gespräch gebracht – als Maßnahme gegen den sich auswachsenden Lehrermangel (News4teachers berichtete). „Das wird so nicht funktionieren“ – sagt nun Heike Schimke, Vorsitzende des Thüringer Philologenverbandes.

Gucken unterrichtende Lehrkräfte bald ins Auge einer Kamera? Foto: Shutterstock

Ein Lehrer, der mehrere Klassen unterrichtet, weil zu wenige Fachlehrer da sind – das bedeutet laut Schimke: „Ein Lehrer soll 50 und mehr Schülerinnen und Schüler gleichzeitig fachlich und pädagogisch individuell betreuen – nicht nur in Präsenz, sondern auch digital. Ein Lehrer muss für 50 und mehr Schülerinnen und Schüler Arbeiten erstellen und korrigieren (und in irgendeiner Weise auch die vorgeschriebenen mündlichen Leistungsüberprüfungen organisieren). Allein dies ist nicht zu schaffen. Das ist das Unterrichten mehrerer Klassen gleichzeitig bei einfacher Anrechnung der Stunde in der Unterrichtverpflichtung und Potenzierung der Arbeitsbelastung.“

Sie unterstreicht: „Ganz nebenbei ist anzumerken, dass die online unterrichteten Schüler wohl kaum ohne Aufsicht ‚wie die Eckerchen‘ sitzen und konzentriert und aufmerksam dem Online-Unterricht lauschen werden.“ In den online unterrichteten Klassen würden also Aufsichten benötigt. „Wo sollen diese herkommen?“, fragt die Philologen-Vorsitzende.

Zudem bleibe das leidige Problem der Technik. An vielen Schulen sei die für einen möglichen Onlineunterricht notwendige Ausstattung gar nicht vorhanden. Um Unterricht streamen zu können, wären sowohl für die Schule, in der der Unterricht in Präsenz stattfinden würde, weitere Anschaffungen erforderlich (z. B. Kameras und Mikrofone), als auch in den Schulen, in die der Unterricht übertragen werden soll (große Bildschirme oder Einzelgeräte). Der Ausbau des W-LAN und der entsprechend leistungsfähigen Kabelverbindungen stehe an vielen Schulen auch noch aus.

„Jedoch muss eine Lehrkraft die Schüler dennoch betreuen, Lernergebnisse sichern, ergänzen und korrigieren“

Der Hybridunterricht erfordere gleichzeitig flexibleren Einsatz der Lehrkräfte und eine stärkere individuelle Betreuung. „Wie soll das denn gehen?“, so Heike Schimke. „Der Einsatz von Lernsoftware und Selbsterarbeitung von Stoff ist zwar machbar. Das hat der Hybridunterricht in der Pandemie gezeigt. Jedoch muss eine Lehrkraft die Schüler dennoch betreuen, Lernergebnisse sichern, ergänzen und korrigieren. Das ist nicht möglich, wenn ein Lehrer auf der einen Seite voll im Unterricht eingesetzt ist und auf der anderen Seite zusätzlich online Stoff methodisch-didaktisch für eine andere Schülergruppe in Klassengröße aufbereiten soll. Da sind Lehrkräfte bereits in der Pandemiezeit an ihre äußersten Grenzen geraten.“

Gnädiger zeigt sich die Philologen-Vorsitzende mit dem vom Nachbarland Sachsen initiierter Modellversuch zum Hybridunterricht (News4teachers berichtete aus darüber) – der gehe von einem anderen Ansatz aus, so Schimke. Hierbei solle versucht werden, bei kleinen Lerngruppen vor Ort mithilfe des Mischunterrichts dennoch erhöhte Kurswahlmöglichkeiten zu bieten. Schimke: „Ob dies sinnvoll ist oder nicht, darüber kann man sich trefflich streiten. Über die Vorstellungen in Thüringen jedoch definitiv nicht.“ News4teachers

Unterricht per Videokonferenz für mehrere Klassen gleichzeitig? Bildungsminister: Digitalisierung hilft gegen Lehrermangel!

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13 Kommentare
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Schattenläufer
13 Tage zuvor

Was, digitaler DU funktioniert nicht???

Was würde funktionieren?

Ganz einfach
-Ausreichende Menge von Lehrern.
-Klassengrößen max. 20 SuS.
-Menschenwürdige Gebäude und sanitäre Einrichtungen.
-Moderne digitale Ausstattung mit ständiger externer Wartung.
-Digitale Schulungen in der Dienstzeit.
-Entschlackung der Lehrpläne.
-Verringerung der Verwaltungsarbeit.
-Unterstützung durch Verwaltungspersonal.
-Unterstützung durch ausreichend Sozialpädagogen.
-Inklusion nur wenn es Sinn macht und mit der erforderlichen Unterstützung.
-Integration mit qualifizierter Sprachförderung vor dem Eintritt in das Schulsystem.
-Eine Vertretungsreserve die wirklich existiert.

Danach mal für 3-4 Jahre echter Unterricht ohne tolle, innovative Reformen um den Laden wieder ans Laufen zu bringen.

Anschließend ein paar sinnvolle Verbesserungs-Konzepte bei denen man in der Planung die LuL intensiv mit einbezieht.
Diese immer Schritt für Schritt eine nach der Anderen.

Schulfremde „Das muss sein Säue“ kann man gerne durch das Schuldorf treiben. Mit externen Spezialisten, die das für soooo wichtig halten als Dozenten. Mittags nach der 8. Stunde auf freiwilliger Basis für die SuS.

Warum passiert das nicht?
-Es kostet Geld
-Es macht Arbeit
-Die KMK und ihre Minister können sich hier nicht mit Ideen und Reformen aus dem Elfenbeinturm profilieren

Was? Geld und Arbeit! Das wurde von der KMK noch nie ausprobiert. Das kann doch nicht klappen!!!
Keine revolutionären Reformen für die man sich vor der Presse beweihräuchern kann? Warum sollte man dann Kultusminister werden? Zum Arbeiten? Unverschämtheit!!!!

Dann doch lieber das schulinterne Telekolleg als Innovation auf dem Rücken der SuS und LuL zum Null-Tarif mit Sparoption.

Zusätzlich kann man die LuL ja noch den einen oder anderen Eid auf das Wohl der SuS und ihr Berufsethos schwören lassen und den sofortigen Einzug nach dem Tod in den Lehrerhimmel per Urkunde als Bonus drauf legen.

Alles um Klassen besser als Arbeit und Geld für Schulen zu investieren.

Andre Hog
12 Tage zuvor
Antwortet  Schattenläufer

Vielen Dank für die pointierten und wahren Worte!

Lessi
12 Tage zuvor
Antwortet  Schattenläufer

Danke, unterstreiche alles doppelt!

Ron
12 Tage zuvor

Weder Videostreaming noch Künstliche Intelligenz können die Interaktion zwischen Schüler und Lehrer ersetzen. Sie erweitern nur den Strauß an methodischen Möglichkeiten. Lehrerstunden sparen sie aber in Summe nicht.

Ça me fatigue
10 Tage zuvor
Antwortet  Ron

Das stimmt, wenn man den Anspruch hat, die SuS persönlich zu betreuen, sie zu trösten, wenn es nötig ist (ja- nicht nur in der Grundschule), ihnen die Hand zu führen, wenn sie nicht wissen, wie man ein Lineal verwendet oder wie man auf einer Zeile schreibt (nicht nur in der Grundschule!), ihnen beizubringen, wie man sich sozialverträglich verhält, … wenn man das fast unmögliche versucht, die herauszufiltern, die durch verändertes Verhalten auffallen, weil sie psychische Probleme haben (andere Kleidung die nicht zur Jahreszeit passt, versteckte Verletzungen, Verhalten, das nach Aufmerksamkeit lechzt … usw.), ihnen in die Augen zu schauen, wenn man ihnen nochmal etwas persönlich erklärt, weil sie es die 10mal vorher nicht verstanden haben. Nach meiner Erfahrung benötigen immer mehr SuS die persönliche Aufmerksamkeit nur für sich selbst, damit sie es schaffen, sich zu fokussieren und auf die Unterrichtsinhalte zu konzentrieren.

Kinder brauchen MENSCHLICH NÄHE!

Wenn das (aus welchen Gründen auch immer) zuhause nicht genügend zu Verfügung steht, benötigen sie es umso mehr in der Schule!

Kinder sind KEINE Dinge, die man aufbewahren kann, die man sortieren und in Schubladen stecken kann (sollte).

Kinder sind Individuen, die unterschiedliche Bedürfnisse haben, die extrem unterschiedlich reagieren, die noch nicht wissen, wie sie sich so mitteilen können, dass ihnen effektiv geholfen werden kann. Lehrer sind hier Detektive!

Kindern kann man beibringen, sich auf gewisse äußere Gegebenheiten einzustellen. Bei manchen klappt das in größeren Gruppen, von mir aus auch digital, bei vielen klappt das aber NICHT! Diese brauchen viel kleinere Gruppen und eine persönliche Ansprache. Und das ist (zumindest in meiner Umgebung) die Mehrheit.

Alles, was digital ist, braucht viel mehr Rechtssicherheit für die LuL, mehr Befugnisse als heute. Der Datenschutz, wie er heute in Schulen praktiziert wird (theoretisch praktiziert werden sollte), widerspricht dem, was geleistet werden soll.

Wenn man das oben genannte alles außer Acht lässt, dann sparen KI und Videostreaming Lehrerstunden. Das ist anscheinend das Ziel, das aber niemand ausspricht.

Es fragt sich nur, was eine (im weltweiten Vergleich) relativ reiche Gesellschaft für die Zukunft möchte. Kinder sind die Zukunft einer jeden Gesellschaft.

Wollen wir sie zu mündigen Gesellschaftsmitgliedern erziehen, die später selbst in der Lage sind, die Probleme der Zukunft bestmöglich zu meistern, oder warten wir ab, zu was sie sich selbst erziehen … oder die KI?

Was in der Kindheit schief läuft, kann man im Erwachsenenalter nur schwer reparieren. Eltern, die selbst Probleme haben (psychisch), haben Probleme, psychisch gesunde Kinder heranzuziehen. Aus kleinen Problemen werden irgendwann große Probleme…

Ein Kreislauf, den keiner möchte … oder?

Mir jedenfalls tut es in der Seele weh, wenn ich die ganzen Einzelschicksale sehe. Da muss man aufpassen, dass man nicht selbst daran verzweifelt, weil es ein permanentes „gegen Windmühlen Laufen“ ist. Ich habe NIE genug Zeit oder Ruhe, mich um alles zu kümmern, was mir auffällt. Es wird immer nur das Nötigste abgearbeitet.

Wir agieren auf Kosten unstere Zukunft … bereits seit langer Zeit.

Wie traurig und frustrierend!

GriasDi
12 Tage zuvor

Es muss ja nur ein Elternteil von SchülerInnen, die im übertragenen Unterricht sitzen gegen die Übertragung sein (Datenschutz) dann muss die Übertragung entfallen.

Oberstufenschüler
12 Tage zuvor

„Sie unterstreicht: „Ganz nebenbei ist anzumerken, dass die online unterrichteten Schüler wohl kaum ohne Aufsicht ‚wie die Eckerchen‘ sitzen und konzentriert und aufmerksam dem Online-Unterricht lauschen werden.““

SuS der Sek 2 sind und müssen dazu in der Lage sein. In allen anderen Bereichen des Lebends funktioniert es auch.

Die Diskusion muss diferenzierter geführt werden, denn es ergibt wenig Sinn, das Schüler*innen, welchen die Kompetenz zugesprochen wird, sich in Frei- und ausgefallenen Stunden selbst zu beschulen, dies nicht von Zuhause können sollen.

Mika
12 Tage zuvor

Sie sollten dazu in der Lage sein, sind es aber häufig nicht. Sehen Sie sich an den Unis um: viele Studenten gehen nicht in die Vorlesung, wenn die Anwesenheit nicht pflichtig ist und erfasst wird. Sie verlassen sich auf das ausgehändigte Skript und die evtl. im Netz stehenden Mitschnitte, die sie sich auf jeden Fall vor der Klausur noch ansehen und durcharbeiten werden. Und, wie viele schaffen das erfolgreich? Genauso finden Sie genügend Studenten in den Unis, die strickend, zockend oder sonstwie beschäftigt in der Vorlesung sitzen. Und Studenten sind definitiv älter als SuS der SEK 2…

Last edited 12 Tage zuvor by Mika
Gabriele
9 Tage zuvor

Nur wenn sehr hohe intrinsische Motivation und gewisse intellektuelle Voraussetzungen gegeben!

Das eine oder das andere, häufig auch beides, ist leider nicht automatisch und permanent vorhanden.

Auch ist nicht jede(r) SchülerIn de facto fähig, stets selbstgesteuert und immer eigenverantwortlich ihre /seine Lernprozesse effektiv und effizient erfolgreich durchzuführen und das geforderte Lernpensum zu bewältigen!

Dies zeigten meine jahrzehntelangen eigenen Unterrichtserfahrungen als Lehtkraft drei Fächern (Haupt- und Hebenfächern) am Gymnasium und meine Beobachtungen in der Schulrealität.

Und dies trotz systematischem, planvollem und jahrelangem Input durch die LehrerInnen durch „Lernen lernen“ (Lernmethodik, Lernpsychologie).

Fordern und Fördern, extrinsische Motivation, auch mitmenschliche und psychologische Unterstützung, Lob – aber auch Druck! – waren, sind immer bei sehr vielen SchülerInnen hilfreich und nötig.
Der sog.“Innere Schweinehund“, Ablenkungen, Pubertätswirren, … .

Sie dürfen von sich nicht auf alle SchülerInnen schließen.
Einstellungen, Interessen und Fachinteressen unterscheiden sich ja doch oft erheblich.

Vicki
12 Tage zuvor

Wenn die Alternative bedeutet, dass die SuS in der 7., 8., 9. Klasse dann aber einfach mal kein Chemie und Physik haben, in er 10 dann wie aus dem Nichts aber die Energiewende diskutieren sollen, sind diese Ansätze doch mal was Neues. Als Präsenzlehrkraft zur Aufsicht kann dann eine der vielen Lehrerinnen mit der ausgefallenen Wahl: Deutsch/Geschichte, Deutsch/Reli oder Deutsch/Sowi führen. Auch wenn der Unterricht am Ende nicht mit drei Sternen bewertet wird, sondern nur Hausmannskost war, die SuS haben dann aber einige Themen zumindest mal gehört, einige Grundlagen wurden gelegt, die sie für einen Beruf im medizinischen, oder gewerblich-technischen, oder naturwiss. Bereich brauchen. Und auch um als mündige Bürger darüber mitdiskutieren zu können.

Mika
11 Tage zuvor
Antwortet  Vicki

Inzwischen sind auch Deutsch oder Geschichte bei uns Mangelfächer. Alles, was irgendwie irgendworin das zweite Staatsexamen hat, würde uns helfen. Okay, japanisch nicht, aber ansonsten…

Pappenheimer
10 Tage zuvor

Vor allem frage ich mich, wie das dann mit der Aufsicht ist. Wenn doch eine Lehrkraft dabei sein muss wegen der Aufsicht, kann sie auch gleich den Unterricht machen. Ok, womöglich ist sie aber nicht fachllich kompetent, dann kann sie das nicht – jedenfalls nicht in gleicher Weise.

Wenn jemand nur beaufsichtigt, dann ist das aber ein teurer „Spaß“ für den Staat. Dann haben wir wohl bald die „Assistenzlehrer“, die nur beaufsichtigen und nach E 9 bezahlt werden, und die teuren A-13-Lehrer werden schrittweise „abgebaut“. Ein A-13-Lehrer macht dann Online-Stunden für x Schulklassen und E-9-Assistenzlehrer sorgen für Ruhe und Ordnung.

Aber gibt es das nicht schon? Diverse Online-Videostunden? Da braucht man dann auch die A-13-Lehrer bald gar nicht mehr.

Last edited 10 Tage zuvor by Pappenheimer
Gabriele
9 Tage zuvor
Antwortet  Pappenheimer

„fachlich kompetent“:

ich würde mich jedenfalls völlig außerstande sehen, in der Oberstufe am Gymnasium Mathe, Physik oder Chemie – fachfremd! – zu erteilen!

Völliges Unding! Und nicht ‚mal “ … nicht in gleicher Weise“.

Einfach überhaupt nicht!!!
Ist schlichtweg einfach unmöglich!

Aufsicht natürlich ja, da damit „lediglich“ Beaufsichtigung, Kontrolle der Anwesenheit (Schule hat ja Aufsichtspflicht!) um die Erledigung der Arbeitsaufträge in Stille bzw. guter Lernatmosphäre zu gewährleisten, impliziert ist.

Selbst „nur Aufsicht“ verlangt LehrerInnenautorität und Professionalität um „Unterrichts“ störungen u.a. rasch wirksam begegnen zu können.
Auch dies kann nicht jeglicher Laie leisten!

Es bedarf eines fundierten wissenschaftlichen Fachstudiums!: mit sehr differenziertem Spezialwissen und natürlich die entsprechende fachspezifische Unterrichtsmethodik und Fachdidaktik!