Deutlich mehr Meldungen über Gewalt in Kitas – Kinderschutzbund: Beschäftigte sind überfordert

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BERLIN. Seit mehr als zwei Jahrzehnten steht im Bürgerlichen Gesetzbuch, dass Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung haben. Doch nicht in allen Einrichtungen entspricht das der Wirklichkeit. Experten sehen Fortschritte, sind aber dennoch beunruhigt.

«Zu vermuten ist, statt Prügel oder Ohrfeigen wird psychische Gewalt angewendet – also Kinder niederbrüllen, erniedrigen, sozial isolieren.» (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

Demütigen, anschreien, zum Essen zwingen: Kindertagesstätten sollten eigentlich sichere Orte sein. Sind sie aber nicht immer. Das geht aus einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur unter Aufsichtsbehörden hervor. Demnach gab es 2022 in einigen Bundesländern mehr Meldungen von pädagogischem Fehlverhalten. Experten beklagten indes eine lückenhafte Erfassung solcher Fälle. Der Kinderschutzbund forderte mehr Sensibilität für das Thema.

Die Zahlen aus ausgewählten Ländern zeigen, wie verbreitet das Problem ist: Aus Berliner Kitas wurden im Vorjahr 83 Fälle von grenzverletzendem Verhalten gegenüber Kindern gemeldet – die höchste Zahl der vergangenen vier Jahre. Dazu zählten auch Verdachtsfälle, teilte die Bildungsverwaltung mit. In Brandenburg wurden dem Bildungsministerium 82 Verdachtsfälle von übergriffigem Verhalten von Beschäftigten gegenüber Kindern bekannt. 2021 waren es noch 56 Fälle.

Auch Niedersachsen verzeichnete einen Anstieg. 2022 gingen dem Kultusministerium zufolge 338 Meldungen von Verdacht auf ein Fehlverhalten von Beschäftigten ein, ein Jahr zuvor waren es noch 223. Dabei sei es etwa ums Schlagen, Kneifen, Zerren, sexuelle oder verbale Übergriffe sowie um Zwangsfütterung gegangen.

Im Rheinland in Nordrhein-Westfalen listeten die Behörden 2022 insgesamt 271 Fälle von pädagogischem Fehlverhalten auf, 46 mehr als im Jahr davor. Auch in Bayern gab es einer Umfrage des Bayerischen Rundfunks von Ende Dezember zufolge einen Anstieg – ebenso in Baden-Württemberg, wo laut «Stuttgarter Zeitung» und «Stuttgarter Nachrichten» 2021 die Zahl der Verdachtsfälle von körperlicher, seelischer, sexueller Gewalt oder Verletzungen der Aufsichtspflicht um 20 Prozent auf 330 gestiegen war.

«In Kitas haben wir das Problem eines eklatanten Fachkräftemangels. Solche Stresssituationen können Formen von Gewalt verschärfen»

Wie es bundesweit aussieht, lässt sich nicht so leicht beantworten. «Wir verfügen leider nicht über Zahlen, weil viel zu wenig geforscht wird», bedauerte die Vize-Vorsitzende des Kinderschutzbundes, Martina Huxoll-von Ahn. Das sächsische Sozialministerium teilte zum Beispiel auf Anfrage mit, für das Landesjugendamt bestehe keine Verpflichtung zur statistischen Erfassung von Meldungen etwa darüber, wie oft das Kindeswohl in Sachsens Kitas gefährdet war.

Das macht es Experten schwer, das Ausmaß von Gewalt zu erfassen. «Zu vermuten ist, statt Prügel oder Ohrfeigen wird psychische Gewalt angewendet – also Kinder niederbrüllen, erniedrigen, sozial isolieren», so Huxoll-von Ahn. Seit dem Jahr 2000 steht im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB), dass Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung haben. Seither sei die Akzeptanz von Körperstrafen deutlich zurückgegangen, aber nicht ganz verschwunden, sagte die Fachfrau. Seither ist sicherlich auch die Sensibilität für das Thema eine höhere.

Um Übergriffe vorzubeugen, sind Kindergärten bundesweit gesetzlich dazu verpflichtet, Gewaltschutzkonzepte zu haben. Darin steht etwa, wie Gewalt verhindert oder Fälle aufgearbeitet werden können. Diese Konzepte seien noch nicht flächendeckend umgesetzt worden, sagte der Berliner Kinderschutzexperte Jörg Maywald, der Honorarprofessor für Sozial- und Bildungswissenschaften an der Fachhochschule Potsdam ist. «Wir sind mitten in dem Prozess. Das ist von Bundesland zu Bundesland und auch von Träger zu Träger unterschiedlich.» Es gebe hierbei einen bunten Flickenteppich.

Solche Konzepte erachtet Steffi Arnold als sinnvoll. Die Geschäftsführerin dreier Kindergärten im Berliner Stadtbezirk Pankow befasst sich mit dem Thema Gewalt und beteiligt sich an dem Projekt «Mutausbruch» der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder. «Seit zehn Jahren im Team haben wir uns gefragt: Machen wir wirklich alles richtig und ermöglichen die Partizipation aller?» Arnold geht es dabei auch um einen Blick von außen auf die Arbeit in ihren «Kinderläden». Es gab bereits eine Hospitation im Kita-Betrieb.

Immer wieder landen Fälle von Fehlverhalten auch vor Gericht. In Gelsenkirchen müssen sich derzeit zwei Tagesmütter verantworten, weil in der Mini-Kita ein Junge erstickte. Laut Anklage sollen sie ihre Aufsichtspflicht verletzt haben. In Köln steht ein ehemaliger Babysitter und Kita-Betreuer wegen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs vor Gericht.

Im Januar war der Fall einer Potsdamer Kita bekannt geworden. Dort gab es Vorwürfe gegen zwei Erzieherinnen, Kinder eingesperrt zu haben. Den Erzieherinnen sei gekündigt worden, sagte der Vorstandsvorsitzende der Hoffbauer-Stiftung, Frank Hohn. Sie sollen Kinder auch gezwungen haben, auf die Toilette zu gehen. Was sind die Ursachen für solche Fälle?

«Wir haben schlecht ausgestattete Kitas, die hervorragende Arbeit leisten, andererseits relativ gut ausgestattete, die eine weniger gute Arbeit machen»

Aus der Berliner Bildungsverwaltung hieß es dazu: «Die Gründe für übergriffiges Verhalten sind uns im Detail nicht bekannt.» Der Kinderschutzbund sieht eine Ursache in der Überforderung des Personals. «In Kitas haben wir das Problem eines eklatanten Fachkräftemangels. Solche Stresssituationen können Formen von Gewalt verschärfen», sagt Huxoll-von Ahn. Eine Bertelsmann-Studie vom Herbst 2022 hatte den Personalmangel als alarmierend bezeichnet (News4teachers berichtete).

Der Kinderschutzexperte Maywald sieht das Personalproblem nicht als alleinigen Grund: «Wir haben schlecht ausgestattete Kitas, die hervorragende Arbeit leisten, andererseits relativ gut ausgestattete, die eine weniger gute Arbeit machen.» Das Kultusministerium in Hannover verwies als weiteren Grund auf eine Reform vom Juni 2021, die neue Meldeverpflichtungen für Kitas vorsieht. Deutschlandweit gab es im vergangenen Frühjahr mehr als 59.000 Kindergärten.

Doch was kann getan werden, damit es künftig weniger Fälle von Gewalt gibt? Der Kinderschutzbund forderte, Fachkräfte und Eltern müssten mehr sensibilisiert werden. Maywald sagte: «Wenn wir davon ausgehen, dass in jeder Kita, an jedem Tag Fehlverhalten vorkommt, dann darf das nicht tabuisiert werden, unter den Teppich gekehrt werden, sondern muss offensiv und frühzeitig angesprochen werden.» Von Christian Thiele und Anja Sokolow, dpa

Sind immer mehr Kräfte überfordert? Aufsichtsbehörden bekommen deutlich mehr Meldungen über Gewalt in Kitas

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Krawallschachtel
1 Jahr zuvor

„Doch was kann getan werden, damit es künftig weniger Fälle von Gewalt gibt?“
Na, sicher ist es hilfreich, aufgrund des Personalmangels, die Kitastandards zu senken und auch gering qualifiziertes Personal einzustellen. (Ironie off)

Realist
1 Jahr zuvor
Antwortet  Krawallschachtel

Und: Wer will schon in einer Kita arbeiten, wenn er durch die jüngsten Medienberichte unter General-Verdacht gestellt wird, Gewalt gegen Kinder auszuüben…

Das System „Kita“ hat genauso fertig wie das System „Schule“: Nur noch Idealisten und Wahnsinnige tun sich das an…

Ale
1 Jahr zuvor
Antwortet  Realist

Oder man liebt den Job irgendwie.

Und ja, das heruntersetzen der Standards habe ich damals bei Palmers Vorschlag zum Thema „Spielgruppen“ angemerkt und bin von einigen belächelt worden. Dabei scheint meine pessimistische Einschätzung noch übertroffen zu werden.
Ich muss sagen, dass Personal in der KiTa meiner Kinder ist in Summe toll (ja auch Erzieher haben mal einen schlechten Tag, aber ohne Missachtung des Umgangs mit den Kindern) und ich bin froh, dass das so ist. Aber auch hier ist die Unterbesetzung zu spüren. Leider werden erschwerend Projekte von Oben diktiert, die zwar schön für die Kinder sind aber eine zusätzliche Belastung für das Personal.

Englisch-Freund
1 Jahr zuvor
Antwortet  Realist

Die Frage ist ob das System „Kita“ /“Kiga“ schon jemals wirklich funktioniert hat. Zumindest werden viele dieser Fälle mittlerweile bekannt,weil die Gesellschaft im großen und ganzen dafür sensibilisiert wurde.
Wenn man an die zehntausenden Missbrauchsfälle der vergangenen Jahrzehnte denkt, dann hat sich das System diesbezüglich eher verbessert als verschlechtert.

Georg
1 Jahr zuvor
Antwortet  Englisch-Freund

Quelle für die zehntausende Missbrauchsfälle?

Mika
1 Jahr zuvor
Antwortet  Englisch-Freund

Zehntausende Missbrauchsfälle in Kitas in den vergangenen Jahzehnten? Sie verbreiten FakeNews!

@redaktion: Das ist eine offensichtliche Falschbehauptung, die so nicht hier im Forum stehen sollte.

TschinavonMauzen
1 Jahr zuvor
Antwortet  Redaktion

Danke! Natürlich will keiner unter Generalverdacht stehen und die meisten ErzieherInnen leisten einen guten Job. Aber so zu tun als wären das alles Einzelfälle ist genauso problematisch. Wir sind bestimmt sensibilisierter für Gewalt und Machtmissbrauch als früher. Mein Partner, der Ende der 70er bis Anfang der 80er in die Kita ging, erzählte mir, dass er bei Nichtbenehmen im Waschraum eingesperrt wurde. Damals hielt man das wohl für eine völlig adäquate pädagogische Maßnahmen und ich will gar nicht wissen wie viel Gedankengut der schwarzen Pädagogik in vielen ErzieherInnen heute noch steckt. Immerhin hört man noch heute häufig von vielen Leuten ,die Mär vom Klaps oder der Ohrfeige, die nicht geschadet. Umso wichtiger ist es uns immer zu reflektieren und zu hinterfragen. Denn natürlich verschärfen schlechte Rahmenbedingungen die Anwendung von Gewalt. Ich denke aber, dass ErzieherInnen, die in Stresssituationen zu Gewalt neigen grundsätzlich ein Problem damit haben. In meinem alten Beruf als Heilerziehungspflegerin im Wohnheim wurden wir regelmäßig in Deeskalation geschult, dabei ging es auch darum sein eigenes Verhalten in den Blick zu nehmen und zu lernen mit stressigen Situationen entspannter umzugehen. KollegInnen, die wie ich reflektiert waren, waren auch offen für die Umgangsstrategien und dafür kreative Lösungsansätze zu finden. Bei anderen Kollegen hörte man jedoch nur Gejammer und Unmut. Warum sollten sie sich ändern? Auch die Zusammenarbeit mit dem heilpädagogischen Fachdienst, bedeutete für diese KollegInnen Mehrarbeit und das Gestöhne war groß. Ebenso die Verwunderung warum die schwierigen Kinder bei uns relativ problemlos liefen, wenn wir pädagogisch mit ihnen arbeiten, während es bei ihnen immer wieder Konfliktsituationen gab. Da wurde einem dann auch Mal unterstellt man würde die Kinder bevorzugen und ihnen Goodies zukommen lassen. Bereitschaft auch sich selbst zu ändern gab es nicht. Ich will nicht von mir behaupten dass ich den Kindern gegenüber immer fair und gerecht bin und nie einen Fehler mache. Aber ich merke wenn ich eine Grenze überschritten oder ein Kind unabsichtlich verletzt habe, rede dann mit ihm darüber und entschuldige mich. Und genau diese Einsicht fehlt bei den ErzieherInnen, denen „die Hand ausrutscht“ oder die Kinder zum Essen zwingen, sie bloß stellen und so weiter. Denen geht’s darum ihre Macht zu demonstrieren und auszuleben. Und das lässt sich auch nicht mit noch so schlechten Arbeitsbedingungen klein reden. Menschen mit einem solchen pädagogischen Verständnis gehören raus aus dem sozialen Bereich. Und da müssen wir mehr hinschauen und auch als
und mit KollegInnen offen darüber reden und entsprechend handeln.

Englisch-Freund
1 Jahr zuvor
Antwortet  Mika

Ich entschuldige mich hier für meinen unklaren Worte.
Ich meinte die generelle Sensibilität der Gesellschaft für Missbrauch an Kindern in staatlichen und kirchlichen Einrichtungen.
Die zehntausenden Fälle von Missbrauch waren bezogen auf die Fälle va in katholischen Einrichtungen, die natürlich nicht alleine Kitas und kigas beinhalten sondern auch Internate etc

Gelbe Tulpe
1 Jahr zuvor

Es wird halt mal Zeit, dass es eine bezahlte Erzieherausbildung gibt. Dann könnten auch mehr Menschen aus einkommensschwachen Familien den Beruf lernen.

Georg
1 Jahr zuvor
Antwortet  Gelbe Tulpe

Wieso? Das Einkommen der Erzieher ist auch so schon gering genug. *Ironie aus*

TaMu
1 Jahr zuvor

Ich finde es nicht richtig, einen Unfall, wie die lose Bodenplatte im Kinderbett mit tödlichen Folgen für das Kind, mit Kindesmisshandlungen in einem Atemzug zu erwähnen. Es war bestimmt keinerlei böse Absicht der Betreuerinnen dabei, als sich das Kind eingeklemmt hat. Die Betreuerinnen haben sich darauf verlassen, dass die Schlafumgebung sicher ist. In vielen Kindertagesstätten wurden erst danach die Betten überprüft und die Einlegböden festgeschraubt. So kann das liebevollste Betreuungspersonal vor Gericht landen wie Schwerverbrecher.
Ich bin so dankbar, dass ich krankheitsbedingt nicht mehr in dieser Branche arbeite, obwohl wir gleichzeitig so stark nachgefragt sind wie nie zuvor.

SuSanne
8 Monate zuvor
Antwortet  TaMu

Allerdings finde ich eine käfigartige Unterbringung ohne Kommunikations-möglichkeit mit den Einsperrenden als unvereinbar mit der Menschenwürde.