Mehr Deutsch, weniger irgendwas? BLLV: „Stundentafel kürzen, geht auf keinen Fall“

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MÜNCHEN. Die Diskussion, wie Bayerns Grundschülerinnen und Grundschüler mehr Mathe- und Deutschunterricht erhalten sollen, geht in die nächste Runde. Nachdem Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Montag öffentlich versichert hatte, dass die zusätzlich geplanten Mathe- und Deutschstunden nicht zu Lasten des Religionsunterrichts gehen sollen (News4teachers berichtete), meldet sich nun der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) zu Wort – und lehnt Kürzungen bei anderen Fächern grundsätzlich ab. „Die Stundentafel zu kürzen, geht auf keinen Fall“, so BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. „Wir müssen, wenn, dann was drauflegen.“

BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann will die Stundentafel an Grundschulen in Bayern grundsätzlich vergrößern. Foto: BLLV

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) lehnt Kürzungen bei anderen Fächern im Gegenzug für die neuen, zusätzlichen Mathematik- und Deutschstunden an Grundschulen ab. «Die Stundentafel zu kürzen geht auf keinen Fall. Wir müssen wenn, dann was drauflegen», sagte BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann am Dienstag in München. «Wir wollen nicht, dass die Kinder in der Grundschule weniger Unterricht bekommen, wo doch jeder merkt, sie brauchen mehr.» Die zusätzlichen Mathe- und Deutschstunden an sich seien daher absolut sinnvoll.

Nach dem schlechten Abschneiden der Schülerinnen und Schüler aus Deutschland bei der jüngsten internationalen Vergleichsstudie Pisa will Bayerns Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) gegensteuern. Dazu sollen die Kinder in den Jahrgangsstufen eins bis vier jeweils eine Stunde mehr Deutschunterricht, in den Jahrgangsstufen eins und vier jeweils eine Stunde mehr Matheunterricht bekommen. Die Stundenzahl insgesamt soll aber nicht steigen, die Schulen sollen individuell und flexibel umschichten können.

«Die einen wollen Musik reduzieren, die anderen Religion, die nächsten Kunst oder Sport aufs Spiel setzen und wieder andere Englisch streichen», erläuterte der BLLV nun. Die Kinder aber bräuchten alle diese Fächer im bisherigen Umfang – und noch mehr, betonte Präsidentin Fleischmann: «Mehr Bildung, mehr Förderung und mehr Differenzierung.» Dies sei auch möglich, wie der Blick in andere Bundesländer zeige: «Wir haben in Bayern nicht die größte Stundentafel.»

In den vergangenen Tagen war besonders ein Streit darüber entbrannt, ob für die zusätzlichen Deutsch- und Mathestunden zum Beispiel die dritte Stunde Religion in der dritten und vierten Klasse gestrichen werden kann. Während Stolz das grundsätzlich für möglich hält, hatte Staatskanzleichef Florian Herrmann (CSU) dem Ansinnen am Freitag eine rigorose Abfuhr erteilt: «Mit der CSU wird es keine Kürzung beim Religionsunterricht geben», sagte Herrmann als Reaktion auf entsprechende Kritik der Laienvertretung der Erzdiözese München und Freising. Auch Ministerpräsident Markus Söder (CSU) unterstützte diesen Kurs.

Am Dienstag schaltete sich auch Bayerns Antisemitismusbeauftragter Ludwig Spaenle in die Debatte ein. Jeglicher Vorschlag, ausgerechnet wertebezogene Unterrichtsfächer zu kürzen, gingen in die falsche Richtung, betonte Spaenle. Der Staat müsse seine Möglichkeiten nutzen, den Kitt in der Gesellschaft zu stärken, sonst bekomme diese später die Quittung.

Der bayerische Elternverband (BEV) hingegen fühlte sich durch Söders «Machtwort» vor den Kopf gestoßen. In den vergangenen Wochen hätten Schulgemeinschaft, Kultusministerium und Wissenschaft viel Energie darauf verwendet, Lösungen für die Stärkung der Basiskompetenzen bei gleichzeitiger Förderung der Persönlichkeitsbildung an den Grundschulen zu entwickeln, teilte der BEV-Landesvorsitzende Martin Löwe mit. Dabei sei Konsens gewesen, dass es die von oben verordnete Lösung für alle nicht geben solle, da jede Schule in ihren Möglichkeiten und Bedarfen unterschiedlich sei. News4teachers / mit Material der dpa

Religionsunterricht für mehr Deutsch und Mathe kürzen? CSU legt Veto ein

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potschemutschka
5 Monate zuvor

Vielleicht müsste man mal die Stundentafeln der Schüler (Grundschule) heute und früher vergleichen. Vielleicht spielt mir meine Erinnerung eínen Streich, aber ich glaube, wir hatten zu meiner Schulzeit mehr Unterrichtsstunden. Meiner Erinnerung nach spätestens ab der 3. Klasse täglich mindestens 5 Stunden, manchmal 6 und samstags noch 4 (DDR 60er/70er Jahre). Aber ich lasse mich gern korrigieren, ist halt schon sehr lange her.

Lisa
5 Monate zuvor
Antwortet  potschemutschka

Bei uns ist es etwa gleichgeblieben.Unterricht von Viertel vor acht bis zwölf täglich. Manchmal auch bis 13 Uhr. Früher gab es samstags allerdings noch einmal vier Stunden zusätzlich.
Nettes Detail am Rande: Anfangs durften Schulen selbst entscheiden, ob man den Samstag beibehält. Bei uns damals in den Neunzigern haben die Eltern mehrheitlich dafür gestimmt. Die wollten Samstag Morgens gerne in Ruhe einkaufen gehen. Und keinen Nachmittagsunterricht für ihre Kinder.

Entlastung für Lehrkräfte
5 Monate zuvor

mehr homeschooling probieren 🙂

Andre Hoger
5 Monate zuvor

Die Kinder dann allein zu Hause? Viele müssen beide Eltern arbeiten, um finanziell zu überleben.

Ramon
5 Monate zuvor

Dann zieht auch das Argument nicht mehr, dass GS Lehrerinnen Teulzeit arbeiten müssen, weil sonst der Schulbetrieb nicht mehr aufrecht erhalten werden kann.

Streber
5 Monate zuvor
Antwortet  Ramon

Verstehe ich nicht…

Lehry aus BY
5 Monate zuvor
Antwortet  Ramon

???
Kannst du das mal erklären?

Pensionist
5 Monate zuvor
Antwortet  Lehry aus BY

Ist doch klar: Wenn man den Grundschullehrerinnen die Teilzeit verweigert, dann hören viele von ihnen ganz auf und der Schulbetrieb bricht zusammen.

dickebank
5 Monate zuvor
Antwortet  Lehry aus BY

In NRW haben Grundschullehrkräfte ein Deputat von 28 Wochenstunden.
An den Grundschulen wird in erster Linie nach dem Klassenlehrerprinzip und nicht nach dem Fachlehrerprinzip Unterricht erteilt. (Ausnahmen werden im 4. Jhg. gemacht, um die SuS auf das Fachlehrerprinzip der weiterführenden Schulen vorzubereiten.) D.h. für den Unterrichtseinsatz der Lehrkräfte, dass ihnen mehr Unterrichtsstunden abverlangt werden als die Pflichtstundentafel in den einzelnen Jahrgängen vorgibt. Der erste Jahrgang hat allenfalls 5 mal 4 Unterrichtsstunden, der vierte Jahrgang allenfalls 24 Wochenstunden.
Da die Zuweisung der Lehrkräfte auf der Grundlage der SchIPS-Daten erfolgt, die nur Vollzeitstellen berechnet, hätte eine GS, an der alle Vollzeit arbeiten wollen, mehr Klassen als Lehrkräfte.

Ramon
5 Monate zuvor
Antwortet  dickebank

Danke. Das meinte ich.

Lehry aus BY
5 Monate zuvor

War ja klar, dass die heilige Kuh (Religionsunterricht) nicht angetastet wird!
Die Stundentafel ist seit Jahrzehnten gleich, soweit ich das weiß. Anfang der 2000er wurden halt Deutschstunden für den Englischunterricht geopfert.
Vielmehr Aufstocken kann Frau Fleischmann nicht, da wir in der 4. Klasse 29 h und in der 3.Klasse 28 h haben. Glaube nicht, dass es viele Bundesländer mit mehr Stunden gibt.
Es bleibt eigentlich nur Reli oder Englisch…. Einen Tod muss man halt sterben!

lehrer002
5 Monate zuvor
Antwortet  Lehry aus BY

Nein, Religion oder Kunst/Werken. Dies sind die beiden Fächer, die im Vergleich mit anderen Bundesländern eine Stunde „zu viel“ in Bayern erteilt werden.

mimü
5 Monate zuvor

Wie kann man in der bayerischen Regierung nur so ungeschickt sein, zu denken, man könnte Stundentafeländerungen öffentlich diskutieren? „Wir haben das schon immer so gemacht“ setzt sich dann durch. Manche Sachen muss man einfach im stillen Kämmerlein beraten, verordnen und den Shitstorm bis zur nächsten Wahl aussitzen. So viel Mut muss Politik haben!

Monika, BY
5 Monate zuvor

Mehr Deutsch, Mathe und Musik auf jeden Fall! Religion und WG könnte man gleicht streichen. Religion in der Schule schadet heute mehr denn je…aber wenige wollten es einsehen. Sexualkunde ist deshalb ein Witz geworden…die Jugendliche schwänzen sie lieber, mit sogar elterlichem Segen…dafür informieren sich darüber eher über XXX Seiten. Traurig und erbärmlich.

Bla
5 Monate zuvor
Antwortet  Monika, BY

Weniger WG, aber mehr Musik? Das müssten Sie bitte erklären.
Religionsunterricht ist gesetzlich geregelt und verpflichtend. Hat somit eine Sonderstellung und die Kirche mischt dort auch mit. Dazu ist der CDU/CSU Anteil als Opposition (momentan) nicht gerade klein. Also rein rechtlich wird es seeehr schwierig sein, den Religionsunterricht ganz zu streichen.
Hab noch leicht im Kopf, dass einige(?) Waldorfschulen damals klagen mussten, dass sie komplett auf Ethik gehen durften. Da Privatschule und Nicht-Konfessionelles Konzept + sowieso Fachkräftemangel im Religionsbereich … Ging das wohl durch.
Aber man könnte die eine Stunde zumindest mal angehen. Wobei „Gott“ ja schon im bayerischen Lehrplan steht … Und das nicht nur im Kernbereich Religion. Sagt wohl schon vieles aus.