Studie zeigt stärkere Gehirnvernetzung beim Handschreiben als beim Tippen

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TRONDHEIM. Digitale Geräte verdrängen Stift und Papier zunehmend auch in deutschen Schulen. Eine norwegische Studie bestätigt nun, dass Handschreiben das Gehirn stärker vernetzt und die Lernfähigkeit verbessert. Dies unterstreiche die Notwendigkeit, Schülern mehr handschriftliche Aktivitäten zu vermitteln.

Auch in Schulen ersetzen digitale Geräte zunehmend Stift und Papier. Handschriftliche Notizen werden damit zunehmend unüblich (und an Universitäten noch stärker als unter Schülerinnen und Schülern). Die Verwendung einer Tastatur wird oft bevorzugt, weil sie schneller sein kann als das Schreiben mit der Hand. Demgegenüber zeigen Studien, dass von Hand zu schreiben sowohl die Rechtschreibgenauigkeit als auch das Erinnerungsvermögen stärker verbessert als das ‚Maschinenschreiben‘.

Junge mit Elektroden am Kopf von hinten, im Hintergrund Apparaturen und ein Bildschirm
Die Gehirnaktivität der Probandinnen und Probanden zeigt: Handschreiben fördert die Gehirnvernetzung stärker als Tippen. Foto: Baburov / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie (NTU) haben nun versucht herauszufinden, ob das Schreiben mit der Hand zu einer stärkeren Vernetzung des Gehirns führt. Dazu untersuchte das Team um die Neurophysiologin Audrey van der Meer die zugrunde liegenden neuronalen Netze, die bei beiden Arten des Schreibens beteiligt sind.

Es sei bekannt, dass eine solche weitverbreitete Konnektivität des Gehirns für die Gedächtnisbildung und die Codierung neuer Informationen von entscheidender Bedeutung ist und daher für das Lernen von Vorteil sei, so van der Meer. „Wir konnten zeigen, dass die Konnektivitätsmuster des Gehirns beim Schreiben mit der Hand weitaus ausgeprägter sind als beim Tippen auf einer Tastatur“, fasst sie die Ergebnisse zusammen.

Der Stift ist mächtiger als die Tastatur
Die Forscher sammelten EEG-Daten von 36 Studentinnen und Studenten, die wiederholt aufgefordert wurden, ein Wort, das auf einem Bildschirm erschien, entweder zu schreiben oder zu tippen. Beim Schreiben benutzten sie einen digitalen Stift, um in Schreibschrift direkt auf einem Touchscreen zu schreiben. Beim Tippen drückten sie mit einem Finger die Tasten einer Tastatur. Bei jeder Eingabeaufforderung wurden fünf Sekunden lang hochauflösende EEGs aufgezeichnet, die die elektrische Aktivität im Gehirn mithilfe von 256 kleinen, in ein Netz eingenähten und über dem Kopf angebrachten Sensoren gemessen hatten.

Dabei habe sich ein deutliches Muster gezeigt: Die Konnektivität verschiedener Gehirnregionen nahm zu, wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit der Hand schrieben, aber nicht, wenn sie tippten. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass visuelle und Bewegungsinformationen, die durch präzise kontrollierte Handbewegungen beim Schreiben mit einem Stift gewonnen werden, in hohem Maße zu den Konnektivitätsmustern des Gehirns beitragen, die das Lernen fördern“, so van der Meer.

Bewegung für das Gedächtnis
Obwohl die Teilnehmer digitale Stifte für die Handschrift benutzten, vermuten die Forscherinnen und Forscher, dass die Ergebnisse bei der Verwendung eines echten Stifts auf Papier die gleichen sein dürften. „Wir haben gezeigt, dass die Unterschiede in der Gehirnaktivität mit der sorgfältigen Formung der Buchstaben beim Schreiben mit der Hand zusammenhängen, wobei die Sinne stärker beansprucht werden“, erklärte Audrey van der Meer. Da die Bewegung der Finger beim Formen der Buchstaben die Konnektivität des Gehirns fördert, wird erwartet, dass das Schreiben in Druckschrift ähnliche Vorteile für das Lernen hat wie das Schreiben in Schreibschrift.

Im Gegensatz dazu sei die einfache Bewegung des wiederholten Drückens einer Taste mit demselben Finger weniger anregend für das Gehirn. „Dies erklärt auch, warum Kinder, die das Schreiben und Lesen auf einem Tablet gelernt haben, Schwierigkeiten haben können, Buchstaben zu unterscheiden, die spiegelbildlich zueinander sind wie etwa ‚b‘ und ‚d‘. Sie haben buchstäblich nicht mit ihrem Körper gespürt, wie es sich anfühlt, diese Buchstaben zu erzeugen“, so van der Meer.

Ein Balanceakt
Ihre Ergebnisse zeigten, dass es notwendig ist, Schülern die Möglichkeit zu geben, Stifte zu benutzen, anstatt sie während des Unterrichts tippen zu lassen, so die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Richtlinien, die sicherstellen, dass die Schüler zumindest ein Minimum an Handschriftunterricht erhalten, könnten ein angemessener Schritt sein. So wurde beispielsweise in vielen US-Bundesstaaten das bereits abgeschaffte Schreibschrifttraining zu Beginn des Schuljahres wieder eingeführt.

Gleichzeitig sei es aber auch wichtig, mit den sich ständig weiterentwickelnden technologischen Fortschritten Schritt zu halten, mahnten sie. Dazu gehört auch das Bewusstsein dafür, welche Art des Schreibens unter welchen Umständen mehr Vorteile bietet. „Es gibt einige Hinweise darauf, dass Studierende mehr lernen und sich besser erinnern, wenn sie handschriftliche Vorlesungsnotizen machen, während die Verwendung eines Computers mit Tastatur möglicherweise praktischer ist, wenn sie einen langen Text oder Aufsatz schreiben“, so van der Meer abschließend. (zab, pm)

Tag der Handschrift: Warum bei Schülern das Handschreiben und die Rechtschreibung eng zusammenhängen – ein Interview

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potschemutschka
1 Monat zuvor

@Uwe
Bitte diesen Artikel gründlich lesen!

AvL
1 Monat zuvor
Antwortet  potschemutschka

Nicht nur Uwe sollte den Bericht lesen.

uwe
28 Tage zuvor
Antwortet  potschemutschka

Warum? 36 Teilnehmer*innen und mehr Gehirnaktivität beim handschriftlichen schreiben. Ein Argument Schüler*innen im Unterricht Ego Shooter spielen zu lassen, da dürften auch recht heftige Gehirnaktivitäten gemessen werden.

JoS
1 Monat zuvor

Wieder ein guter Grund für die Anschaffung von iPads mit Stift anstelle von Laptops o.ä.

Spirale
1 Monat zuvor
Antwortet  JoS

Ärm, nein. Laptop Wein er günstiger ist und schreiben mit Zeichenpad oder direkt Stift und Papier. IPads kosten inzwischen das 2-Fache eines Laptops und werden, so beobachte ich es, eher ohne Stift benutzt.

JoS
28 Tage zuvor
Antwortet  Spirale

Einen Laptop für 200 Euro kann man vielleicht ein Jahr benutzen, bis er auseinanderfällt. Und dann hat man eben immer noch keine Möglichkeit, dort handschriftliche digitale Notizen zu machen.

AA-Stiftung
28 Tage zuvor
Antwortet  Spirale

Das bildungs-iPad plus Stift kostet um 500€. Ein billiger Laptop nicht viel weniger, der kann aber auch nichts, ist klobig und schwer.

E. Pulvermüller
27 Tage zuvor
Antwortet  AA-Stiftung

Und wieso nicht einfach Stift und Papier? Viel billiger und einfacher!

KARIN
27 Tage zuvor
Antwortet  E. Pulvermüller

Wäre auch meine Frage gewesen!
Auf Papier zu schreiben ist ein anderes Schreiben als auf irgendwelchen Plastikunterlagen!
Papier gibt dem Druck des Stiftes nach, das Schriftbild ist anderst!
Feinere Unterschiede im Schriftbild sind feststellbar und ich glaube auch, dass man flüssiger, schneller und schöner Schreiben kann!

Hysterican
1 Monat zuvor
Antwortet  JoS

Ach, kann man auf Tablets anderer Anbieter als Apple nicht mit Eingabestiften arbeiten?

War mir noch ganz nicht bewusst!

… oder tritt hier mal wieder ein ganz Schlauer als Lobbyist für den abgerissenen Apfel auf?

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, denke ich Schelm dabei nur.

JoS
28 Tage zuvor
Antwortet  Hysterican

Im Bildungsumfeld gibt’s halt keine gleichwertige Alternative zu vergleichbaren Preisen. Es gibt leider nichts, was mit AirPlay und AirDrop vergleichbar gut funktioniert und auch die zentrale Einrichtung und Administration ist bei Apple einfacher.
Und nein, auf meinem privaten Handy nutze ich seit 14 Jahren ausschließlich Android. Aber Nearby Share und Screen Mirror ist leider immer noch Mist, das muss man realistisch sehen.
Auch Ihre Behauptung bezüglich der Preise ist unhaltbar. Ein Surface kostet deutlich mehr als das günstigste iPad.

E. Pulvermüller
27 Tage zuvor
Antwortet  Hysterican

Es gibt Schulen, die nicht genügend Geld haben (oder ausgeben wollen) für Seife, Klopapierspender und Reinigung der Toiletten oder Reparatur der Heizung, aber IPads braucht man ja dringender… Finde ich schlimm!

JoS
27 Tage zuvor
Antwortet  E. Pulvermüller

Wer behauptet so einen Unsinn? All diese Dinge hängen vom Schulträger an, also sollten Sie den kritisieren. Bei uns sind wie in vielen anderen Schulen die Basics selbstverständlich vorhanden, also können wir natürlich über iPads sprechen.

Ursula
28 Tage zuvor
Antwortet  JoS

Nichts kann so effektiv sein wie Papier und Füller. Außerdem kann man mit der Hand viel schneller zum Beispiel im Unterricht mitschreiben als mit allen anderen Methoden. Wenn man seine Mitschrift dann zu Hause nochmal sauber abschreibt, ist der Lernerfolg schon ziemlich gut.

JoS
28 Tage zuvor
Antwortet  Ursula

Auf dem iPad schreibt man genauso schnell, deshalb ja der Stift. Plus saubere Korrekturen, nachträgliches Verschieben und Einfügen von Inhalten uvm.
Ich wage mal zu behaupten, dass Sie es überhaupt noch nie ernsthaft ausprobiert haben.

Ursula
27 Tage zuvor
Antwortet  JoS

Allein die Stifthaltung auf einem elektronischen Gerät ist doch schon eine andere. Man muss ständig aufpassen, nicht versehentlich irgendetwas zu berühren, zu löschen oder zu verändern und vom Verschieben und Einfügen von Inhalten, die man nur irgendwo her kopiert hat, hat noch keiner etwas gelernt. Was man selbst einmal auf Papier geschrieben hat, kann man ordentlich abheften und jederzeit ( auch nach Jahren noch) wiederfinden, um sich zum Beispiel später auf eine Prüfung vorzubereiten, in der alte Inhalte abgefragt werden ( Zentralprüfungen, etc.).

JoS
27 Tage zuvor
Antwortet  Ursula

Nichts davon stimmt. Versehentliche Berührungen erkennen iPads schon seit vielen Jahren, da passiert gar nichts. Und die Archivierung in Goodnotes oder Notability ist der Papierversion um Längen überlegen, weil Sie von der durchsuchbaren Variante in der Cloud oder auf diversen eigenen Geräten über verschiedene standardisierte Formate wie PDF bis hin zum Papierausdruck alle Möglichkeiten haben. Geben Sie doch einfach zu, dass Sie sich noch nie damit befasst und einfach nur Angst vor allem Neuen haben.

Enjoy your chicken Ted
26 Tage zuvor
Antwortet  Ursula

Warum nicht gleich die guten, alten Schiefertafeln und Schwämmchen wieder rausholen? Diesen anderen, neumodischen Kram braucht doch keiner.

Spirale
1 Monat zuvor

Naja, n=36 ist jetzt nicht besonders aussagekräftig. Auch wenn ich die Richtung grundsätzlich begrüßen und sich das mit meinen Beobachtungen deckt.

Der Don
28 Tage zuvor

Schade, dass die Studie nicht direkt verlinkt wurde.

Lisa
28 Tage zuvor

Einer unserer Lehrer hat früher immer gesagt: “ Schreibt euch einen Spickzettel. Doch bringt ihn nicht zur Klassenarbeit mit.“ Was auf dem Spickzettel steht, hat man nämlich dann meistens im Kopf. Er hatte anscheinend Recht.
Tippen bringt viel bei Legasthenikern und Behinderungen, die auf ein Korrekturprogramm oder auf eine motorische Unterstützung angewiesen sind, bei allen anderen ist Handschreiben einer der Lernkanäle. Der Bewegungs – Lerntyp kommt im normalen Unterricht eh zu kurz, jetzt kürzt man noch das bisschen, das an Körperlichkeit bleibt, nämlich Schreiben, so war mein Eindruck.

potschemutschka
28 Tage zuvor
Antwortet  Lisa

Hatten wir etwa den selben Lehrer? Klappt bei mir heute noch, z. B. mit dem Einkaufszettel, oft genug vergesse ich ihn zu Hause, weiß aber was drauf stand. 🙂 Klar “ old fashioned“, trainiert aber das Gedächtnis besser, als eine Einkaufsliste auf dem Smartphone.

KARIN
27 Tage zuvor
Antwortet  potschemutschka

Geht mir auch so! Einkaufszettel im Kurzzeitgedächtnis verankert!
Früher hat man doch auch Vokabelhefte geschrieben, hat beim Wortschatzüben genau das erzielt, was gewünscht war!

mama51
27 Tage zuvor
Antwortet  KARIN

Ich saaaach immer:
„Durch die Hand in den Verstand“! (Mit Papier und Stift)

Im Übrigen:
WAS ist an der Studie eigentlich neu? Im Prinzip kennt man diese „Weisheiten“ seit vielen Jahren! Nur wird dies durch, teilweise (!!!) radikale Befürworter der „Neuen Medien“ immer wieder in Abrede gestellt. Und das eine schließt das andere doch nicht aus! Wo ist das Problem?

AvL
27 Tage zuvor
Antwortet  mama51

dto