Drohungen lähmen Frankreichs Schulen – Bildungsministerin mobilisiert „Schultruppe“

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PARIS. Bombenalarme legen reihenweise Frankreichs Schulen lahm. Dazu kommt der Fall eines Pariser Schulleiters, der nach Morddrohungen zurückgetreten ist. Hat das Bildungsministerium darauf eine Antwort?

„Der Staat seht an Ihrer Seite“: Frankreichs Bildungsministerin Nicole Belloubet. Foto: Antonin Albert / Shutterstock

Hunderte Bombendrohungen gegen Schulen sowie der Fall eines mit dem Tod bedrohten und danach zurückgetretenen Pariser Schuldirektors sorgen in Frankreich seit Tagen für Wirbel. Um dem Lehrpersonal den Rücken zu stärken und die Welle anonymer Drohungen zu beenden, hat Bildungsministerin Nicole Belloubet am Freitag ein staatliches Durchgreifen angekündigt. «Angesichts der Bedrohungen steht der Staat an Ihrer Seite und wird Sie niemals im Stich lassen. Es wird alles getan, um Ihre Sicherheit und die der Schulen zu gewährleisten», erklärte Belloubet.

«Ich werde eine landesweite mobile Schultruppe einsetzen, die in Schulen mit Schwierigkeiten eingesetzt werden kann», sagte die Ministerin in Bordeaux. Die Beamten des Ministeriums sollten Lehrerinnen und Lehrern zur Seite stehen und auch über einen längeren Zeitraum in eine Schule entsendet werden können.

Zugleich kündigte Belloubet bei der landesweit genutzten Kommunikationsplattform der Schulen eine vorübergehende Blockade der Messengerfunktion an. Über gehackte Accounts von Schülern und Lehrern waren zahlreiche der Drohungen eingegangen, neben Anschlagsdrohungen wurden auch Köpfungsvideos verschickt. Vielfach wurden Schulen daraufhin geräumt und von der Polizei auf Sprengstoff untersucht.

340 Drohungen gegen Schulen in Frankreich

Am Donnerstag war ein 17-Jähriger festgenommen worden, den die Polizei verdächtig, eine Reihe der Drohnachrichten und ein Köpfungsvideo über die Plattform an Schulen verschickt zu haben. Er befand sich am Freitag weiter in Polizeigewahrsam, wie der Sender France Info unter Verweis auf die Ermittler berichtete. Nach Ministeriumsangaben gab es seit Mitte vergangener Woche 340 Drohungen gegen Schulen, wie die Zeitung «Le Parisien» berichtete.

Wie schon bei einer ähnlichen Welle von Drohungen im vergangenen Herbst vermuten die Behörden vor allem junge Leute ohne terroristische oder politische Bestrebungen dahinter. Alle Drohungen waren bislang gegenstandslos. Wie schon im Herbst sind davon auch nun Regionalflughäfen betroffen, was vorübergehende Evakuierungen nach sich zog.

Auch in Deutschland hatte es im Herbst eine Reihe von Drohungen gegen Schulen gegeben (News4teachers berichtete). Dutzende Male rückte die Polizei zu Großeinsätzen aus – in allen Fällen konnte Entwarnung gegeben werden. Die Drohungen gingen offenbar nicht, wie zunächt vermutet, von politischen Extremisten aus, die einen Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt haben – sondern von sogenannten Internet-Trollen, Leuten also, die in der Vergangenheit bereits damit aufgefallen sind, dass sie zum Beispiel falsche Notrufe im Netz verbreitet haben, um Polizei- oder Feuerwehreinsätze auszulösen (News4teachers berichtete ebenfalls).

Todesdrohung nach Streit um Kopftuch

Einen vollkommen anderen Hintergrund hat der Fall des Pariser Schuldirektors, der darauf gepocht hatte, dass eine Schülerin in der Schule entsprechend der in Frankreich geltenden Regelung ihr Kopftuch abnimmt. Der Vorfall führte zu Streitigkeiten und Todesdrohungen gegen den Leiter eines Gymnasiums, der daraufhin wenige Monate vor seiner anstehenden Pensionierung zurücktrat. Viele Politiker reagierten empört auf die Drohungen gegen den Schulleiter, der von Premierminister Gabriel Attal empfangen wurde.

Das Kopftuchverbot an Frankreichs Schulen wurde vor 20 Jahren im März 2004 erlassen. Vorangegangen war dem im auf Laizität, also die strikte Trennung von Staat und Religion, bedachten Frankreich ein jahrelanger Streit um die Kopfbedeckung. Der Konflikt um das Kopftuch und die Verbannung religiöser Symbole an Schulen dauert allerdings an. News4teachers / mit Material der dpa

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2 Kommentare
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Minna
24 Tage zuvor

Vielleicht werfen wir noch mal einen Blick auf die Langzeitfolgen von SARS (SARS-CoV-2 und SARS gelten als „closely related“).
Erst nach sieben Jahren gab es nach einmaliger Infektion nicht mehr ein erhöhtes Auftreten von neudiagnostizierten psychischen Erkrankungen – diese blieben wiederum auch nach 20 Jahren (!) häufig bestehen.
Allen empfehle ich ein Update zum Thema „mildes“ Corona und das Gehirn. Die deutschen Medien schweigen noch, viele englischsprachige berichten hingegen. Da insbesondere der Frontallappen geschädigt wird, ist eine Zunahme an Aggression nicht wirklich erstaunlich (ja, andere Faktoren kommen dazu, sind aber in einer 4 Jahre andauernden Pandemie auch damit verbunden).

https://www.scientificamerican.com/article/covid-19-leaves-its-mark-on-the-brain-significant-drops-in-iq-scores-are/

Dil Uhlenspiegel
23 Tage zuvor
Antwortet  Minna

Danke, Minna. Auch ich bin skeptisch, ob nicht allzu sehr die falschen Auslöser bzw. die „Sekundärauslöser“ betrachtet werden, wenn es um psychische Probleme, Antriebs-, Überlastungs- oder Selbstregulationsstörungen u.a.m. geht. Wenn nun am Anfang ganz vieler Problemketten ursächlich nicht die Psyche sondern Gehirn-„Material“-Störungen stünden …