Nach Rumpel-Prüfung: Kultusministerin sucht gerechte Lösung für Abiturienten

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HANNOVER. Die Zeit des Abiturs – enormer Stress. Verzögerungen nach einem Schul-Einbruch haben den Druck auf betroffene Schülerinnen und Schüler in Niedersachsen noch einmal erhöht. Jetzt handelt das Ministerium.

Suche nach Gerechtigkeit. Illustration: Shutterstock

Trotz der Verzögerungen beim Abitur in Niedersachsen nach einem Einbruch in einer Schule sollen alle Schülerinnen und Schüler gleiche Chancen erhalten – meint die Kultusministerin. Das Abitur sei ohnehin extrem belastend; die zusätzliche Belastung hätte «ich den Prüflingen gerne erspart», sagte Julia Willie Hamburg am Dienstag. An den Abläufen gab es Kritik, auch wurde eine bessere Bewertung gefordert.

Am vergangenen Donnerstag waren nach dem Einbruch an einer Schule in Goslar die schriftlichen Abiturprüfungen im Fach Politik-Wirtschaft landesweit unterbrochen worden (News4teachers berichtete). Das Ministerium forderte betroffene Schulen auf, die Prüfungsaufgaben nicht auszuteilen oder einzusammeln, weil die Prüflinge die Aufgaben theoretisch vorab hätten einsehen können. Neue Aufgaben, die ursprünglich für einen Nachholtermin gedacht waren, wurden hochgeladen. Dabei kam es zu Verzögerungen, die Prüflinge mussten etwa eineinhalb Stunden auf ihre Aufgaben warten.

Die rund 8000 betroffenen Schülerinnen und Schüler konnten entscheiden, ob sie die Prüfung zeitversetzt beginnen oder einen Nachschreibtermin nutzen. Unklar sei, wie viele Prüflinge keine Wahlmöglichkeit hatten – das Ministerium gehe von einer niedrigen zweistelligen Zahl aus, sagte die Grünen-Politikerin. Sie betonte, niemand solle Vor- oder Nachteile haben.

Die Ministerin kündigte nun an, diejenigen Schülerinnen und Schüler, die am Tag der Prüfung keine Wahlmöglichkeit hatten, ihre Prüfung auf den Nachschreibtermin am 8. Mai zu verschieben, sollten die Klausur wiederholen können. Dann werde die Note der Wiederholungsklausur gewertet. Abiturienten, die die verworfene Klausur im Fach Politik-Wirtschaft geschrieben hatten, müssten die Prüfung in jedem Fall am 8. Mai wiederholen. Das sei an einer Schule der Fall gewesen. Außerdem solle es einen zusätzlichen Nachschreibtermin am 5. Juni geben, ebenfalls mit zentralen Aufgaben.

«Wir werden lernen aus dem Verfahren», betonte Hamburg. So sei ein «Alarmtag» geplant, um an den Schulen den Umgang mit unvorhergesehenen Situationen zu üben. Zusätzlich sollten Nachschreibeklausuren künftig schon vorher präventiv verschlüsselt werden. So könnten Schulen im Ernstfall Ersatzaufgaben schneller erhalten. «Damit tragen wir gleichzeitig Sorge, dass sich derartige Fälle in der Zukunft nicht wiederholen», sagte sie. Prüfungsaufgaben müssten aus Sicherheitsgründen verschlüsselt und könnten «nicht einfach per Mail verschickt» werden.

Dennoch sollten die Schulen in besonderen Lagen Ersatzaufgaben schneller erhalten – die hohen Sicherheitsstandards beim schriftlichen Abitur müssten aber eingehalten werden. Das Sicherheits- und Übermittlungsverfahren gelte seit 2006, bisher habe es in Niedersachsen keinen Fall von Hacking gegeben, sagte Hamburg. Es werde aber darüber nachgedacht, weitere Kommunikationskanäle zu nutzen.

«Wo Menschen ad hoc unter Zeitdruck handeln müssen, kann es auch mal zu weniger glücklichen Abläufen kommen»

Auch am ursprünglichen Prüfungstag sei handlungsleitend gewesen, «was das Beste für die Prüflinge ist». Die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler habe sich dafür entschieden, die Prüfung am vergangenen Donnerstag zu schreiben. Nur etwa ein Fünftel habe sich dagegen entschieden. Der überwiegende Teil der Schulen habe besonnen reagiert und die Herausforderungen gut gemeistert, der Notfallplan habe in den meisten Fällen funktioniert, betonte Hamburg. «Es war für alle eine Drucksituation.»

Bei dem Einbruch im Gymnasium in Goslar wurde früheren Angaben zufolge ein Tresor aufgebrochen, in dem unter anderem die Abiprüfungen für Politik-Wirtschaft lagen. Die Aufgabenzettel lagen demnach nach dem Einbruch verteilt auf dem Schulhof. Beim Zentralabitur werden bei den Prüfungen allen Schülerinnen und Schülern in einem Bundesland die gleichen Aufgaben vorgelegt.

Das Ministerium forderte die betroffenen Schulen am frühen Donnerstagmorgen auf, die geplanten Prüfungsaufgaben nicht auszuteilen oder wieder einzusammeln. Gegen 9.30 Uhr wurden neue Aufgaben für die Schulen hochgeladen. Der Landesschülerrat kritisierte, dass die Schülerinnen und Schüler warten mussten, bis sie ihre Klausuren schreiben konnten. Einige Schulen hätten bereits angefangen, das Abitur zu schreiben, um dann schon bearbeitete Aufgaben doch wieder einzusammeln. Das habe zu enormem Druck und Stress geführt.

Zu einer Petition wegen einer besseren Bewertung sagte Hamburg, es sei «naheliegend», dass Schülerinnen und Schüler sich wünschten, besser bewertet zu werden. Allerdings sei es nicht möglich, eine bessere Note zu geben – das gehe nur, wenn die Aufgaben zu schwer oder der Umfang zu groß gewesen wären.

Aus Sicht des Landesschülerrats Niedersachsen müsse sich das Kultusministerium weiterhin Gedanken über einen Nachteilsausgleich machen und Maßnahmen parat haben, wenn sich ein schlechterer Notenschnitt abzeichne, hieß es in einer Mitteilung. Es habe sich gezeigt, dass es kein eingeübtes Verfahren für eine Situation gebe, in der kurzfristig neue Prüfungsaufgaben zur Verfügung gestellt werden müssen. Das sei nicht hinnehmbar. «Eine solche Situation hätte erwartet und erprobt werden müssen», forderte die Vertretung der Schülerinnen und Schüler.

Nach Ansicht des Verbands Niedersächsischer Lehrkräfte (VNL) zeigt der Vorfall, dass es weiterhin bei der Digitalisierung der Schulen in Niedersachsen, aber auch deutschlandweit hake. Er zeige aber auch, dass das Lehrpersonal, aber auch das Assistenz- und Unterstützerpersonal unter einer enormen Belastung stehen. Es herrsche nicht nur Lehrkräftemangel, auch das Unterstützerpersonal sei zu knapp bemessen oder fehle ganz. Die Suche nach einem Schuldigen sei indes müßig. «Wo Menschen ad hoc unter Zeitdruck handeln müssen, kann es auch mal zu weniger glücklichen Abläufen kommen», hieß es in einer Stellungnahme. News4teachers / mit Material der dpa

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Katze
1 Monat zuvor

„Das Abitur sei ohnehin extrem belastend.“ Warum tut man sich das denn an?
Im Vertrauen auf die galoppierende Noteninflation?
Schön, wenn wieder ein Grund gefunden wurde sogar die Abiturnote noch zu pampern.
Wir bewerten keine Leistungen mehr, sondern situative Befindlichkeiten.
Haben alle Abitur, dann hat keiner Abitur.

Mika
1 Monat zuvor
Antwortet  Katze

Ich bin inzwischen auch dafür, dass die weiterführenden Bildungsanstalten durchgehend Aufnahmeprüfungen machen und aufgrund der Ergebnisse derselben ihre Studenten auswählen. Dann würden SuS vielleicht denn Sinn von „Lernen“ begreifen und hr Streben, wenn vorhanden, nicht nur auf den nächsten Test im Unterricht ausrichten und anschließend alles vergessen. Lassen wir das mit dem Abi doch einfach und bestätigen einfach mit: „Hat die Schuljahre 1-12 durchlaufen“.
Das ist jetzt keine Ironie, sondern pure Resignation vor der Realität.

Katze
1 Monat zuvor
Antwortet  Mika

So ist es leider – Kultur des Durchwinkens und Weichspülens sogar im Abitur.
LuL, welche nicht liefern wollen, resignieren.

447
1 Monat zuvor
Antwortet  Katze

Es geht einfach darum, Präsenz- und Betreuungsschule sowie hohe Abschlusszahlen auf dem Papier durchzudrücken.
Dazu ist jede noch so absurde Verdrehung und Negierung von Leistungsanforderungen recht.
Sollte mittlerweile jeder verstanden haben:
Zu nass, zu trocken, zu warm, zu kalt, zu hoch, zu tief…irgendein Grund findet sich immer.

Realist
1 Monat zuvor
Antwortet  447

Und wenn es den „faulen S…“ dann nicht gelingt, aus jedem Ackergaul ein Rennpferd zu machen, dann ist das mediale Bashing umso größer… PISA und Schleicher lassen grüßen…

Grillsportler
1 Monat zuvor

Ob zusätzliche Nachklausuren oder Alarmtag, letztlich bleibt der Mehraufwand wieder an den Lehrkräften hängen. Natürlich ohne zusätzliche Entlohnung oder sonst irgendeinen Ausgleich. Dafür aber vermutlich mit weiterem Gejammer der SuS, deren Noten sich dann am Ende doch nicht im Bereich von 15 Punkten bewegen.

Naja, für das Amt der KM reicht zumindest in Niedersachsen das Abitur an sich als Qualifikation aus. Geht also auch ohne N.C.

"Experte"
1 Monat zuvor

„Aus Sicht des Landesschülerrats Niedersachsen müsse sich das Kultusministerium weiterhin Gedanken über einen Nachteilsausgleich machen“

Nachteilsausgleiche gibt es bei Einschränkungen von Schülern aufgrund von ärztlichen Diagnosen!

Diagnose – Schüler? Abiturient gar?

Dann wird mir schlecht. Dann wird mir noch schlechter.

„und Maßnahmen parat haben, wenn sich ein schlechterer Notenschnitt abzeichne,“

Hausaufgaben- und Lernbetreuung fielen mir da ein.

Oder – ganz neues Ding – LERNEN statt jammern.

Schlechteter Notendurchschnitt? Als was? Wunsch- und leistungsfreie Zielzahl 15?

Was haben wir nur aus unserem wichtigen Nachwuchs gemacht?

„Es habe sich gezeigt, dass es kein eingeübtes Verfahren für eine Situation gebe, in der kurzfristig neue Prüfungsaufgaben zur Verfügung gestellt werden müssen.“

„Das sei nicht hinnehmbar.“

Sehe ich auch so. Nur ist mein Zusammenhang ein anderer.

Gute Noten für nichts will ich da mal nennen.

Übrigens – ist jetzt gemeint, dass wir immer von einem Einbruch ausgehen müssen? Oder einer Überschwemmung? Dann bitte zehn Abi-Vorschläge schicken – zur Polizeistation – und dann wird vor Ort gezogen! Unfair? Na und?!

„«Eine solche Situation hätte erwartet und erprobt werden müssen», forderte die Vertretung der Schülerinnen und Schüler.“

Ja, auch das Abi ist eine erwartete Situation und dafür hätte ich erwartet, proben, üben und lernen die Schüler (mit Bezug auch auf den Beitrag, dass wieder einmal eine Online-Petition für eine Abi-Aufwertung gestartet wurde – anstatt zu lernen!).

Aber wie das so ist im Leben – Erwartungen werden enttäuscht. Zumindest die, bon uns „faulen Säcken“ – wir erwarten, dass Schüler lernen. Passiert viel zu selten.

Von mir aus – ganz ehrlich – weg mit Leistungsabfragen.

Einstellungsüberprüfungen an Hochschulen und bei Lehrbetrieben.

Fertig!