MAINZ. Zu viele Kinder im Alter von einem bis acht Jahren haben kaum oder keinen Zugang zu Büchern. Das geht aus den Befragungsdaten des aktuellen Vorlesemonitors hervor, den die Stiftung Lesen, die Deutsche Bahn Stiftung und die Wochenzeitung Die Zeit heute veröffentlicht haben. Angesichts der Ergebnisse mahnt Jörg Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen, vor den Konsequenzen: Es gehe um die Zukunftschancen der Kinder. „Wir als Gesellschaft brauchen ein allgemeines Verständnis darüber, wie wichtig das Vorlesen für die Entwicklung ist.“

Rund ein Drittel der Eltern von Kindern zwischen einem und acht Jahren lesen ihren Kindern nur selten oder nie etwas vor. Fast ein Fünftel verzichtet vollständig auf gemeinsame Lesezeit. Das sind einige der Ergebnisse des jüngsten Vorlesemonitors. An der jährlichen Befragung zum Vorleseverhalten in Familien beteiligten sich 2024 von Mitte Mai bis Mitte Juni insgesamt 815 Eltern von Ein- bis Achtjährigen. Dabei ging es nicht nur um das Vorlesen von Texten, sondern gerade bei den Jüngeren auch um das gemeinsame Betrachten von Bilderbüchern, auch solche mit wenigen Bildern und ohne Text sowie aus Materialien wie Stoff oder Holz.
Im Vergleich zu den Umfrageergebnissen der vergangenen zwei Jahre hat sich der Anteil der Eltern, die regelmäßig vorlesen, zwar leicht verbessert – von rund 61 Prozent im Jahr 2022 auf etwa 68 Prozent im Jahr 2024 –, doch gerade in zwei entscheidenden Altersgruppen fehle es an Vorlese-Erfahrungen, wie die Studien-Herausgeber schreiben. Besonders in der Zeit vor der Kita, aber auch bei Schuleintritt lesen viele Eltern zu wenig vor. Dabei seien diese Phasen „wichtig, um Grundlagen zu schaffen und die Lesemotivation im Grundschulalter zu erhalten und zu fördern“.
Unterstützung bieten freiwillig Engagierte
Der Vorlesemonitor verweist auf ein weiteres Problem: Eltern, die nicht vorlesen, können nach eigenen Aussagen seltener einschätzen, ob ihr Kind Schwierigkeiten mit dem Lesenlernen hat. „Sprich: Kindern ohne Vorleseerfahrung fällt nicht nur das Lesenlernen schwerer, sie erhalten aus Unwissenheit womöglich auch nicht die nötige Unterstützung“, heißt es von Seiten der Herausgeber. „Es darf nicht sein, dass der Bildungserwerb abhängig davon ist, ob die eigenen Eltern unterstützen können“, kritisiert Jörg Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen. Zu einer Verbesserung der Situation könnten freiwillig Engagierte beitragen, die Kindern ehrenamtlich vorlesen.
Die Gründe, warum Eltern nicht oder nur selten gemeinsam mit ihren Kindern zu einem Buch greifen, sind der Befragung zufolge vielfältig. Neben Stress und fehlender Zeit im Alltag geben sie an, dass ihre Kinder nicht vorgelesen bekommen wollen, zu unruhig seien oder sich lieber mit anderen Dingen beschäftigen. Hinzu kommt, dass Familien, in denen nicht vorgelesen wird, oft nur wenige Kinderbücher besitzen. 29 Prozent der befragten Familien haben weniger als zehn Kinderbücher.
Wie schon 2022 und 2023 zeigt sich zudem, dass vor allem Eltern mit formal niedriger Bildung weniger vorlesen als der Durchschnitt aller Eltern. 37 Prozent seltener als einmal pro Woche. Allerdings: Eltern, denen früher selbst vorgelesen wurde, lesen ihren eigenen Kindern häufiger vor – unabhängig vom Bildungshintergrund: 74 Prozent greifen mindestens mehrmals pro Woche gemeinsam zu einem Buch.
„Vorlesen kann überall passieren und das Handy haben die meisten Menschen immer griffbereit“
Der Vorlesemonitor 2024 zeigt aber auch ein modernes Verständnis von Vorlesemedien: 43 Prozent der befragten Eltern haben bereits Apps für Kinder genutzt – davon 26 Prozent zum Vorlesen. Tobias Geiger, Vorsitzender Geschäftsführer der Deutsche Bahn Stiftung, sieht darin eine positive Entwicklung: „Kinder lernen, dass man das Smartphone für ganz unterschiedliche Zwecke nutzen kann: zum Kommunizieren, Videos schauen oder eben auch zum Lesen spannender Geschichten. Denn Vorlesen kann überall passieren und das Handy haben die meisten Menschen immer griffbereit.“ Auch die Stiftung Lesen mahnt davor, gedruckte Bücher und digitale Medien gegeneinander auszuspielen. Wichtig sei vor allem, Kinder bei der Auswahl mitentscheiden zu lassen.
Mit Blick auf die Eltern will Sandra Kreft, Mitglied der Geschäftsleitung der Zeit-Verlagsgruppe, den Erwartungsdruck senken: Statt zu versuchen, einen perfekten Rahmen für das Vorlesen zu schaffen, sollten sie einfach loslegen. Denn „Kinder, die frühzeitig positive Vorleseerfahrungen machen, tun sich beim eigenen Leseerwerb und ganz grundsätzlich in allen Schulfächern leichter.“ Vorleserituale müssten keinen Anforderungen entsprechen, sondern Spaß machen und zu den eigenen Familienvorstellungen passen. Zudem können Kinder sich erst dann dafür begeistern, wenn sie Vorlesen einmal zu Hause erlebt haben. News4teachers
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Wie, Eltern sollen vorlesen?!
Fürs Lesen (und sowieso alles) ist doch die Schule zuständig!?
Und wenn die Eltern nicht lesen können? Wenn das Kind Zuhause noch nie ein Buch gesehen hat? Ich war mit einer Klasse in der Stadtbücherei und zwei Schülern musste ich erst zeigen, wie man Seiten umblättert, damit sie nicht zerreißen.
Diese Verallgemeinerung aller Erziehungsberechtigten ist so unsäglich und vor allem löst es kein einziges Problem!
Wir haben als Eltern unseren Kindern immer sehr viel vorgelesen oder gemeinsam Bilderbücher angeschaut.
Und wenn es nun mal ein trauriger Fakt ist, dass viele Eltern ihren Kindern nicht oder nur wenig vorlesen und es erwiesen ist, dass das für die Entwicklung der Kinder wichtig ist, dann reicht es nicht diesen Umstand zu beklagen. Die entscheidende Frage ist doch wie sichergestellt werden kann, dass betroffene Kinder da kein Defizit erleiden und in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden. Das ist kein Problem, dass erst in der Schule angegangen werden kann.
Jeden Tag gebe ich mir, wie unzählige Kolleg*innen auch, die größte Mühe, soziale Ungerechtigkeiten wenigstens etwas abzumildern. Was ich mir aber von der Kultusverwaltung, den Lehrerseminaren sowie manchen Uniprofessor*innen und GEW-Funktionär*innen wünsche:
Ehrliche Aussagen darüber, dass selbst besser ausgestattete Schulen, dazu zähle ich auch Ganztagsangebote, das unterschiedliche soziale, kulturelle und wirtschaftliche Kapital der unterschiedlichen Elternhäuser nicht ausgleichen können.
Zahllose Lehrkräfte verzweifeln daran, Unmögliches zu schaffen und schätzen dann nicht das realistisch Erreichte, weil sie zu großen idealistischen Zielen nachsagen, postuliert von Menschen, die selbst lieber nicht (mehr) im Klassenzimmer stehen möchten.
Haben die finanziell schwachen, teils bildungsfernen und/ oder alleinerziehenden Eltern(teile) denn die Studien nicht gelesen??
Wie auch bei der Tafel: Allerbesten Dank an die treuen Seelen, welche Individuen retten, während der Saftladen ungeniert weiterschwurbelt.
Kaum vorstellbar, dass unser Wohlstand gefährdet ist, obwohl frühkindliche Bildung und Schulweg von FREIWILLIGEN abhängig gemacht wird! 🙁