„Zu theorielastig“: Lehramtsstudierende fühlen sich schlecht auf die Schule vorbereitet

19

STUTTGART. Das Lehramtsstudium steht in der Kritik: Eine neue Studie des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) zeigt, dass sich viele angehende Lehrkräfte in Baden-Württemberg schlecht auf ihren Berufsalltag vorbereitet fühlen. Vor allem die Organisation, die Theorie-Praxis-Verzahnung und die finanzielle Lage sorgen für Unzufriedenheit. Praxisphasen dagegen motivieren – allerdings wünschen sich die Studierenden sie früher und besser betreut.

Da fehlt etwas… (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

„Das Lehramtsstudium hat Reformbedarf“ – sagt Gerhard Brand, Bundes- und in Baden-Württemberg Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). „Während die Praxisphasen motivieren und als gewinnbringend erlebt werden, offenbaren sich deutliche Schwächen bei Organisation, Theorie-Praxis-Verzahnung und der Vorbereitung auf den Schulalltag. Viele Befunde sind standort- und gruppenübergreifend konsistent und weisen auf strukturelle Herausforderungen hin.“ Mit diesen Worten fasst Brand die Ergebnisse einer repräsentativen SINUS-Studie zusammen, die sein Verband in Auftrag gegeben hat. Die Untersuchung basiert auf einer Befragung von 847 Studierenden an den sechs Pädagogischen Hochschulen (PH) im Baden-Württemberg sowie einer Kontrollgruppe von 357 Lehrkräften im Vorbereitungsdienst.

Das Ergebnis: Vier von zehn Studierenden (41 Prozent) sind mit ihrem Studium grundsätzlich zufrieden, jeder Fünfte (20 Prozent) unzufrieden. Ein großer Teil (39 Prozent) äußert sich ambivalent. Unterschiede zeigen sich nach Geschlecht und Studienrichtung: Männer sind zufriedener als Frauen, Studierende der Sonderpädagogik positiver gestimmt als ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen in Primarstufe und Sekundarstufe I.

Wie zufrieden sind die Studierenden mit Struktur und Organisation?

Besonders kritisch fällt die Bewertung der Organisation und Struktur des Studiums aus. Landesweit sagen 41 Prozent, dass sie damit unzufrieden sind, nur ein Viertel (25 Prozent) ist zufrieden. Am Standort Heidelberg wird das Studium noch am besten organisiert wahrgenommen, während Freiburg am schlechtesten abschneidet. Die Studie dokumentiert, dass viele Studierende den Studienaufbau als „verwirrend, redundant und schlecht abgestimmt“ erleben. Gefordert werden mehr Flexibilität und Wahlmöglichkeiten bei Seminaren und Modulen.

Warum gilt das Studium als zu theorielastig?

Ein zentrales Ergebnis: 81 Prozent der Befragten empfinden ihr Studium als zu theorielastig. Im Vorbereitungsdienst, also während des Referendariats, verstärkt sich dieser Eindruck sogar noch: Dort halten 88 Prozent das Studium für praxisfern. Besonders groß ist die Unzufriedenheit mit der Vorbereitung auf Bereiche, die über den Unterricht hinausgehen – Schulrecht, Elternarbeit, Kooperation mit dem Jugendamt oder Stressmanagement. „Viele Studierende fühlen sich für grundlegende Unterrichtssituationen nur moderat vorbereitet, klare Defizite zeigen sich bei Herausforderungen wie Verhaltensproblemen, Zeitmanagement, Elternarbeit oder schulrechtlichen Fragen“, heißt es in der Studien-Zusammenfassung.

Die Qualität der Lehrveranstaltungen wird insgesamt verhalten beurteilt: Nur 37 Prozent bewerten sie positiv, während 48 Prozent neutral und 14 Prozent negativ antworten. Besser schneiden Lehrmaterialien ab, die von 53 Prozent als hochwertig bewertet werden.

Wie schneiden Praxisphasen im Vergleich zum Studium ab?

Im starken Kontrast dazu stehen die schulpraktischen Phasen, die von den Studierenden fast durchweg als wertvoll angesehen werden. 79 Prozent gaben an, in den Praxisphasen motiviert zu sein, im Studium vor Ort an der Hochschule sind es dagegen nur 45 Prozent. Acht von zehn Studierenden wünschen sich längere Tagesfachpraktika und längere Blockpraktika. 65 Prozent plädieren für einen deutlich früheren Einstieg in die Praxis, idealerweise bereits im ersten oder zweiten Semester.

Während die Unterstützung durch die betreuenden Lehrkräfte an den Schulen mehrheitlich positiv bewertet wird, kritisieren viele die Begleitung durch die Dozierenden der PH: Nur 38 Prozent sind hier zufrieden. Die Studienautoren sprechen von einer „unzureichenden systematischen Reflexion durch die Hochschule“.

Worauf fühlen sich die Studierenden schlecht vorbereitet?

Die Daten zeigen erhebliche Lücken bei der Vorbereitung auf den Berufsalltag:

  • Nur 42 Prozent fühlen sich in der Vermittlung altersgerechter Inhalte oder beim Einsatz digitaler Medien gut vorbereitet.
  • Für den Umgang mit Inklusion sehen sich lediglich 37 Prozent ausreichend geschult, in der Primarstufe sogar nur 33 Prozent.
  • Gerade einmal 31 Prozent fühlen sich befähigt, soziale Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern zu fördern, und nur 26 Prozent für die Zusammenarbeit im Kollegium.

Die größten Defizite liegen im Bereich der herausfordernden Praxis: Nur zwischen 4 und 14 Prozent sehen sich gut vorbereitet auf Stressmanagement, schwieriges Schülerverhalten, Elternarbeit, Schulrecht oder die Kooperation mit Sozialdiensten. „Die Einschätzung der Studierenden zur Vorbereitung auf schulische Herausforderungen fällt ernüchternd aus“, konstatiert der VBE. Ein weiteres Problem sehen die Befragten im Verhältnis zwischen Fachwissenschaft und Fachdidaktik. 59 Prozent kritisieren ein Ungleichgewicht zugunsten der Fachwissenschaft. Nur 38 Prozent fühlen sich gut auf den Fachunterricht vorbereitet.

Welche Rolle spielen finanzielle Belastungen?

Die Studie beleuchtet auch die finanzielle Situation der Studierenden. Die wichtigsten Finanzierungsquellen sind Unterstützung durch die Familie (32 Prozent), Nebenjobs (25 Prozent) und Unterhaltszahlungen der Eltern (19 Prozent). Nur 16 Prozent erhalten BAföG – und von diesen sagen 72 Prozent, dass es nicht reicht, um das Studium zu finanzieren.

Eva Strittmatter, Mitglied im Leitungsteam des Jungen VBE, erklärt: „Ziel des BAföG ist es, jungen Menschen unabhängig von ihrer sozialen und wirtschaftlichen Situation ein Studium zu ermöglichen. Wenn dies in drei von vier Fällen nicht gelingt, ist die Chancengleichheit hier gescheitert. Das Land muss die Bezüge entweder dynamischer an die Lebenshaltungskosten anpassen oder über bezahlte Praktikumsformate nachdenken. Am besten beides.“

Welche Schlussfolgerungen zieht der VBE?

Der Verband leitet aus den Ergebnissen vier zentrale Handlungsfelder ab:

  1. Stärkung der Praxisphasen – quantitativ und qualitativ bessere Verankerung im Studium, insbesondere längere Tagespraktika.
  2. Curriculum-Reform – mehr Schlüsselkompetenzen wie politische Bildung, Umgang mit herausforderndem Verhalten, Elternarbeit.
  3. Mehr Fachdidaktik – Ausrichtung der Lehrpläne an den beruflichen Anforderungen, etwa durch Fallarbeit, Reflexionsformate, Schulrechtspraxis.
  4. Gerechte finanzielle Förderung – BAföG-Reform, Erhöhung von Beihilfen im Vorbereitungsdienst, vergütete Praxisphasen und ein Ende der Sommerarbeitslosigkeit für Junglehrkräfte.

Was fordert der Junge VBE zusätzlich?

Besonders nachdrücklich äußert sich der Junge VBE. Eva Strittmatter sagt: „Schulpraktische Phasen werten das Studium klar auf. Die Studierenden wünschen sich nicht nur mehr und frühere Praxisphasen, sondern auch einen besseren Theorie-Praxis-Transfer. Möglichkeiten gibt es viele: Von Planspielen, kollegialen Fallberatungen oder Rollenspielen über reflektierte Schulbesuche, Tagesfachpraktika und Blockpraktika bis hin zu einem eng begleiteten Praxissemester. Die Begleitung sollte stets durch praxiserfahrene Dozierende erfolgen, die eine Mindestanzahl an Jahren in der Schule gearbeitet haben. Leider ist dies häufig nicht der Fall.“ News4teachers 

Woher kommt der Lehrermangel? Fast die Hälfte der Lehramtsstudierenden geht auf dem Weg in den Beruf verloren

Anzeige

Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei

19 Kommentare
Älteste
Neuste Oft bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
Qwerty
1 Monat zuvor

“Fühlen sich schlecht vorbereitet”.

Ich stelle hier mal die gleichen Fragen, mit welchen ich meine Studenten und Schüler gerne konfrontiere:

Wurden freiwillig zusätzliche Kurse belegt? (z.B. Vorkurse, Vorbereitungskurse, didaktische Veranstaltungen,…)
Wurden freiwillig weitere Praktika (in Schulen) absolviert oder gar dahingehend Nebenjobs angenommen?
Wurde die Studienberatung hinsichtlich der Problematik involviert?

Diese Fragen werden meist mit “nein” oder “keine Zeit gehabt” beantwortet.

Dörte aus Dresden
1 Monat zuvor
Antwortet  Qwerty

Und jetzt, was ist die Lösung?

Biene
1 Monat zuvor

Ein Hinweis zur Selbstreflexion, dass man seinen Hintern als Student auch gerne mal bewegen soll und nicht alles in selbigen ge***********.
Sie dürfen nicht vergessen, dass Selbstständigkeit bei einigen Schülern wie Studenten eher unterexistent ist.
Das einzige, auf das man definitiv nicht vorbereitet werden kann, sind Elterngespräche.

Kari
1 Monat zuvor
Antwortet  Biene

In dualen Ausbildungsberufen mit Kundenkontakt gibt es Schulungen zu Konfliktmanagement im Umgang mit herausfordernden Situationen. Das könnte man wunderbar ins Lehramtstudium oder spätestens ins Ref integrieren. Da würde schon ein Wochenendsseminar genügen.

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  Qwerty

Die dachten wohl, das Studium selbst würde qualifizieren und wäre nicht dermaßen lückenhaft, dass man sich selbst um notwendige Inhalte bemühen muss.

Ob Maurer*innen sich auch außerhalb der Ausbildung nach Zusatzkursen umsehen, um sich für den grundlegenden Beruf vorbereitet zu fühlen?…

PaPo
1 Monat zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

Erzählen Sie uns mehr von Ihren Vorstellungen aus Unkenntnis heraus, wie ein Studium wohl sein mag. 🙂

Unfassbar
1 Monat zuvor

Zu meiner Unizeit musste / durfte ich die Pädagogikveranstaltungen gemeinsam mit den Magister-Pädagogen belegen. An didaktischen Veranstaltungen gab es in meinem einen Fach die Begleitung des Schulpraktikums und eine Didaktik-Vorlesung, in meinem anderen Fach war es etwas besser, aber auch alles andere als gut. Mittlerweile soll sich das aber gebessert haben (gleichzeitig wurde die Fachwissenschaft wie häufig bei der Bachelor-Master-Umstellung auch bei den Hauptfächlern zusammengestrichen.

Uhrmacher
1 Monat zuvor

Ehrlich gesagt kann ich das nicht mehr hören (lesen). Weil man das alle 3 Jahre wieder hört und liest UNGEACHTET aller Veränderungen, die es ja gab und gibt! Wahrscheinlich hört es erst auf, wenn man vom Anfang bis zum Ende der Lehrerausbildung nur noch Praktikas hat. Aber dann wird sicherlich gejammert, dass man Lehramtsstudenten ohne jeglichen theoretischen Hintergrund und jegliche Ahnung auf Schüler loslässt, die das dann ausbaden müssen.

GBS-Mensch
1 Monat zuvor
Antwortet  Uhrmacher

“Lehramtsstudenten ohne jeglichen theoretischen Hintergrund und jegliche Ahnung auf Schüler loslässt, die das dann ausbaden müssen.?

Etwa bei der Bildung des Plurals von Praktikum?

Die Balkon
1 Monat zuvor

Zu wenig Praxisbezug? Woher sollte der auch kommen, wenn von den Dozenten kaum jemand über Lehrerfahrung an Schulen verfügt.

Utopia
1 Monat zuvor
Antwortet  Die Balkon

Bei uns an der Uni, haben immer wieder Gerüchte die Runde gemacht, dass unsere Dozenten aus der Pädagogik und den Bildungswissenschaften durch Ref gefallen seien, und dann aber die zukünftigen Lehrkräfte ausbilden wollen. Ein bisschen wie ein Tanzlehrer, der noch nie tanzen konnte, es aber aus Büchern nacherzählen kann.

vhh
1 Monat zuvor

‘Reflektierte Praktiker’ die man sich angeblich wünscht brauchen einen guten theoretischen Hintergrund. Die Forderungen ähneln aber jedes Jahr mehr einer dualen Ausbildung, damit der Übergang zum Beruf möglichst sanft wird. Die wenigsten Ingenieure arbeiten dauerhaft in ihrem Spezialgebiet weiter, BWLer würden lachen, Juristen haben sicher nicht alle Spezialitäten des Verwaltungsrechts gelernt. Zusehen, fragen, ausprobieren, aus Fehlern lernen, soziale Fähigkeiten verbessern – nicht Stelle bekommen, weiter nach Kochbuch. Sie kommen unselbstständig aus der Schule und suchen fünf Jahre später immer noch nach Regelbüchern zum Auswendiglernen, das können auch mehr Praxisanteile nicht verbessern. Nebenbei sind meine Schüler keine Versuchskaninchen für eine endlose Reihe von Praktikanten, denn diese Schüler sind, theoretisch, das Hauptanliegen von Schule.

mississippi
1 Monat zuvor

Vielleicht sollte das Studium dual werden.

Ulla
1 Monat zuvor

Das Problem haben wir schon seit Jahrzehnten. Obwohl wir Lehrermangel haben, scheitern die Studenten immer wieder an hochwissenschaftlichen, theoretischen Prüfungen und brechen dann das Studium ab, obwohl sie vor der (Grundschul-)Klasse vielleicht einen tollen Job machen würden.
Gleichzeitig werden Quereinsteiger eingestellt. Wie passt das zusammen?

Unfassbar
1 Monat zuvor
Antwortet  Ulla

Bei der sek ii Ausbildung ist das noch viel heftiger. In meinen Fächern war der Schulstoff in der wissenschaftlichen Version nach zwei Semestern durch. Danach war nur noch Theorie. Man sollte schon über den Tellerrand schauen, nur das ganze Haus um den Teller herum bei Vernachlässigung des Tellers selbst, weil zu trivial, ist durchaus diskutabel.

Abgrenzung
1 Monat zuvor
Antwortet  Ulla

Die Quereinsteiger:innen haben aber auch ein Studium erfolgreich absolviert! Sie habe hochwissenschaftliche, theoretische Prüfungen bestanden!

Danidattel
1 Monat zuvor

Wenn den Damen das Studium zu theorielastig ist, sollen sie halt Kindergärtnerin’ werden, was ihrem Naturell wahrscheinlich entgegenkäme.

Lehrer
1 Monat zuvor

Die Grundfrage ist halt, will man eine Ausbildung, wo man hinterher nur genau das tun kann, was erforderlich ist und Rezepte anwendet.
Oder will man studierte Lehrer, die mit dem Theoriewissen im Hintergrund begründet entscheiden und auswählen können, was sie wie und weshalb tun.
Die Praxisphase des Wegs zum Lehrer nennt sich Referendariat/Vorbereitungsdienst.

Klar kann man auch in der Uni-Phase Theorie und Praxis in begrenztem Maße verknüpfen. Letztlich muss man aber aufpassen, dass man nicht schleichend für eine Deprofessionalisierung wirbt, frei nach dem Motto “Hauptsache ein bisschen Praxis geübt, Lehrer kann jeder, Hintergrundwissen braucht man nicht”.

Meine rein persönliche Sicht geht sogar so weit, dass man die Leute, die ihr Studium als nutzlos ansehen, gar nicht erst in den Schuldienst lassen sollte, weil sie offensichtlich einen elementaren Teil der professionellen Lehrtätigkeit nicht erkannt haben, nämlich dass man gerade nicht freestyle vor sich hinwurschtelt, sondern auf dem Hintergrund wissenschaftlicher, fachdidaktischer und fachmethodischer Theorien und Erkenntnisse die Lehr-/Lernprozesse gestaltet und steuert.

Utopia
1 Monat zuvor
Antwortet  Lehrer

Vielen Dank für Ihren Beitrag. Ich habe damals angefangen im Vollfach Biologie zu studieren und bin dann später aufs Lehramt gewechselt. Den Spruch: “Ja aber warum muss ich das im Studium lernen, das unterrichte ich später doch nicht.”, habe ich von einigen gehört.
Dann soll man bitte nicht studieren und sich was anderes Suchen.