DÜSSELDORF. Die Digitalisierung der Schulen kommt vielerorts nur ruckelnd voran: unklare Zuständigkeiten, knappe Budgets, fehlende Netzkonzepte, überforderte Kommunen – und Lehrkräfte, die notgedrungen als IT-Nothelfer einspringen. Kaum jemand kennt diese strukturellen Bruchstellen so genau wie Udo Kempers. Er hat als Leiter einer eigens eingerichteten Stabsstelle die Digitalisierung der Schulen in der Stadt Düsseldorf verantwortet und berät heute freiberuflich Schulen, Schulträger und Unternehmen. Im Interview erklärt er, wo es systemisch hakt – und warum technische Probleme oft nur die Symptome viel tiefer liegender Versäumnisse sind.

News4teachers: Man hat den Eindruck, die Digitalisierung der Schulen ist ein sehr ruckeliger Prozess. Woran hakt es?
Udo Kempers: Die Herausforderung für alle Schulträger ist sehr komplex – und die Realität ist tatsächlich schlimmer, als viele denken. Da muss ich etwas ausholen: In den Siebziger- und Achtzigerjahren hatten viele Kommunen eigene, interne IT-Dienstleister, teils sogar eigene Rechenzentren. Darüber betrieben sie ihre gesamte Verwaltung. Später entstanden gemeinsame Produkte, etwa für das Einwohner- oder Verkehrswesen. So entwickelten sich erste Synergien. Entscheidend ist: Diese Rechenzentren haben die Verwaltung digitalisiert – nicht die Schulen. Schulen hatte über Jahrzehnte kaum jemand auf dem Plan.
News4teachers: Woran lag das?
Kempers: Im Verwaltungsbereich sind Abläufe hochstandardisiert: High Security, High Performance, alles zentral getestet. Das kostet viel Geld und Personal. Die KGSt, also die Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement, legt fest, wie viele Geräte ein First-Level-Support-Mitarbeiter betreuen kann – etwa 250 bis 350 Verwaltungsrechner.
Dieser Vor-Ort-Support wurde jedoch 2008 per Vereinbarung zwischen Städtetag und NRW-Schulministerium den Schulen selbst übertragen, genauer gesagt: den Lehrkräften. Dafür gab es zwei Deputatsstunden. Das war 2008 mit einem oder zwei Computerräumen noch machbar. Heute ist es völlig unrealistisch, so die IT einer ganzen Schule stemmen zu wollen.
“Schulträger fragen: Warum sollen wir Aufgaben finanzieren, die eigentlich beim Land liegen?”
News4teachers: … und es führt dazu, dass keiner so recht weiß, wer eigentlich für die Digitalisierung der Schulen zuständig ist – Land oder Kommunen.
Kempers: Genau. Und das führt direkt zu den Problemen, die wir sehen: In der Verwaltung fehlen Ressourcen – und in den Schulen noch mehr. IT-affine Lehrkräfte stehen ständig unter Spannung: Sie wollen helfen, können aber aufgrund der Strukturen gar nicht so, wie sie müssten.
Das Grundproblem ist das gesamte Gefüge: das Zusammenspiel aus Schule, Ausstattung, Gebietsrechenzentren und kommunalen Eigenlösungen sowie gezielten Vergaben. Es ist unübersichtlich und voller Brüche. Manche Kommunen verlagern Schul-IT ins Medienzentrum – aber wer arbeitet dort? Wer bezahlt die Leute? Welche Expertise haben sie? Rechenzentren machen ihren Verwaltungsjob gut, verstehen aber die pädagogische Perspektive kaum. Schulträger wiederum fragen: Warum sollen wir Aufgaben finanzieren, die eigentlich beim Land liegen?
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Der Digitalpakt 2.0 kommt – und zwar schnell. Für EdTech-Anbieter, ob Unternehmen, Gemeinnützige oder Stiftungen, heißt das: Sie sollten flott in die Kommunikation mit Schulen und Schulträgern kommen. Passenderweise haben wir gerade etwas im Petto: den Themenmonat „Schule der Zukunft“ auf News4teachers, Deutschlands (auch von Schulleitungen und Schulträgern) meistgelesenem Bildungsmagazin.
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News4teachers: Der erste Digitalpakt war keine Lösung?
Kempers: Der Digitalpakt hat einen enormen Aufrüstungsschub ausgelöst – aber nicht genug Geld bereitgestellt. Wenn man die fünf Milliarden, mit Sondertöpfen 7,5 Milliarden, durch zehn Millionen Schülerinnen und Schüler teilt, bleibt pro Kopf viel zu wenig übrig.
Ein Beispiel: Eine kleine Grundschule mit 200 bis 300 Kindern bekommt aus dem Digitalpakt vielleicht 25.000 bis 40.000 Euro für WLAN. Realistisch braucht man – wenn die Infrastruktur fehlt – 150.000 bis 200.000 Euro, um eine solche Schule professionell (incl. Strom, Netzwerkkabel, aktiven Komponenten usw.) in Betrieb zu nehmen. Diese Dimensionen sind vielen nicht bewusst.
News4teachers: Und dann wird versucht, besonders billig zu bestellen…
Kempers: Genau. Ausschreibungen sind oft so eng gefasst, dass zum Beispiel lediglich Access Points bestellt werden – ohne Installation, Konfiguration, Betrieb oder Support. In manchen Kommunen versteht oft niemand, wie komplex das Thema eigentlich ist. Viele Entscheiderinnen und Entscheider – häufig Ratsmitglieder – vergleichen das mit ihrem privaten WLAN: „Zu Hause zahle ich 49 Euro im Monat, warum kostet das an der Schule 1.200 Euro?“ Dass ein Heimrouter 40 Geräte schafft, eine Schule aber mehrere hundert gleichzeitig, ist außerhalb ihrer Erfahrungswelt. Jeder Klassenraum ist technisch gesehen ein eigenes Haus – mit 30 Nutzerinnen und Nutzern, die volle Leistung brauchen, zunehmend auch für KI-Anwendungen.
News4teachers: Auch Fehlplanungen im Schulbau bereiten Schwierigkeiten…
Kempers: Ja. Ein Beispiel, das harmlos klingt, aber viel aussagt: Ein großer Schulneubau hatte einen Aufzug bekommen, der auch für Euro-Paletten ausgelegt war. Die IT-Ausstattung kam jedoch auf Paletten aus Übersee – ein paar Zentimeter breiter. Niemand hatte bei der Planung daran gedacht, dass auch mal Technik von außerhalb Europas kommen könnte. Die Lieferung war nur bis zur Bordsteinkante beauftragt. Also mussten sechs Personen die komplette Charge auf der Straße umpacken und vorher noch 20 leere Euro-Paletten besorgen. Eine Heidenarbeit – und nur ein kleines Beispiel dafür, wie viele Dinge in der Praxis nicht zusammenpassen.
“Der Eindruck ‘Digitalpakt = viel Geld’ ist falsch. Es war zu wenig”
News4teachers: Worin liegen die größeren Probleme?
Kempers: Das Grundproblem ist, dass die Schul-IT über viele Jahre ohne Netzkonzept zusammengestückelt wurde. Früher gab es zwei Computerräume – das war die IT. Jede Schule hatte einen kleinen Server, darauf lief der Jugendschutzfilter. Das funktionierte, solange alles überschaubar blieb.
Heute haben wir WLAN überall, dutzende Endgeräte pro Klasse, IoT-Geräte, Messsysteme, Verwaltungszugänge und Lernplattformen. Ohne Netzkonzept weiß niemand, wie Geräte miteinander kommunizieren. Ein falsch eingerichtetes Gerät kann das gesamte Netz stören.
Als wir Schulen systematisch vernetzt haben, haben wir zuerst ein Netzkonzept erstellt: klare Netzstrukturen, getrennte Bereiche, definierte Standards. Dieses Konzept galt für alle Dienstleister. Ohne solche Standards passiert das, was heute vielerorts Alltag ist: Jemand steckt irgendein Gerät in eine Dose – und sofort fällt das Netz aus. Nicht exotisch, sondern Realität.
News4teachers: Also können Schulen kaum ein professionelles System erwarten?
Kempers: Der Eindruck „Digitalpakt = viel Geld“ ist falsch. Es war zu wenig. Schulträger müssen Ausschreibungen auf Minimalanforderungen zuschneiden, weil das Budget nicht reicht. Dann wird irgendetwas beschafft, das am Ende nicht kompatibel ist – sofern überhaupt ein Konzept existiert.
News4teachers: Wie wirken sich kommunale Einkaufsverbünde wie Vitako oder ProVitako aus?

Kempers: Grundsätzlich sind sie hilfreich, weil sie bessere Preise ermöglichen. Aber der Mechanismus ist kompliziert: An ProVitako-Ausschreibungen kann nur teilnehmen, wer Mitglied der Vitako ist. Köln hat ein eigenes Amt und somit auch ein Rechenzentrum – also kann ein direktes Mitglied sein. Düsseldorf hat sein Rechenzentrum (RZ) konsolidiert und kann somit nicht Mitglied werden. In der Regel sind diese Mitglieder dann Teil eines RZ-Verbunds (RzV) und diese dann evtl. auch Vitako-Mitglied.
Das heißt: Ein Mitglied einer RZV erfährt von ProVitako-Ausschreibungen nur, wenn die RZV aktiv informiert. Und das passiert nicht automatisch. Wenn das RZV eine Ausschreibung nicht als schulrelevant erkennt oder keine Kapazität hat, geht die Information verloren. Das ist kein böser Wille, sondern ein strukturelles Problem: zu wenig Personal, zu viele Aufgaben und eine Verwaltungs- statt Schul-IT-Fokussierung. Viele dieser Ausschreibungen sind sehr spezialisiert und man muss die dazugehörigen Leistungsparameter verstehen und nutzen.
News4teachers: Was bedeutet das für kleine Kommunen?
Kempers: Dort sitzt oft eine einzelne Person im Schulverwaltungsamt, die alles stemmen soll. Wenn eine Schule WLAN braucht, ruft sie ihren IT-Dienstleister (inter oder extern) an – und wenn der sagt: „Machen wir nicht“, steht sie allein da. Also sucht sie Lösungen auf dem Markt, oft basierend auf Empfehlungen. Dann wird schnell ein günstiges System gekauft, ohne die schulischen Gesamtanforderungen zu kennen.
Ein Schul-WLAN ist nicht wie zu Hause. Man kann nicht für 30 Tablets ein Passwort verteilen. Geräte müssen provisioniert werden. IoT-Geräte nutzen andere Standards. Prüfgeräte brauchen spezielle Wege. Jugendschutz muss zentral laufen. Dafür braucht es ein Netzkonzept.
Vermeidliche preiswerte Systeme können das nicht. Die Probleme kommen später – wenn Last auf dem System ist oder neue Geräte nicht mehr eingebunden werden können. Dann steht die Kommune ohne Expertise da.
“Schulträger haben enorm viel geleistet, und Lehrkräfte haben das Ganze ohne zusätzliches Personal mitgetragen”
News4teachers: Dann passt oft auch der Jugendschutz nicht?
Kempers: Genau. Viele Schulen betreiben den Filter auf einem einzigen Server im Keller. Alle Anfragen laufen darüber – ein massiver Flaschenhals. Eine kleine Grundschule mit 300 Kindern bringt so ein System schnell an seine Grenzen. Und moderne Anwendungen wie Videokonferenzen oder KI verstärken das Problem. Fällt der Filter aus, steht die ganze Schule still.
Ich warne deshalb davor, Schulen als „nur Schule“ zu betrachten. Kein anderes System ist in fünf Jahren so stark gewachsen und dabei so stabil geblieben. Schulträger haben enorm viel geleistet, und Lehrkräfte haben das Ganze ohne zusätzliches Personal mitgetragen – obwohl professionelle Strukturen nötig wären.
News4teachers: Also wäre die Lösung: mehr Geld und mehr Expertise…
Kempers: Ja. Das Bündnis für Bildung hat neutral berechnet: Ein digitales Gerät für Lehrnende kostet 250 bis 350 Euro pro Jahr im Betrieb. Schulträger haben aber meist 30 bis 50 Euro. Die Lücke ist enorm.
Nötig ist außerdem eine andere Art von Ausschreibung: In der „innovativen Vergabe“ beschreibt man nicht die Hardware, die man kaufen will, sondern das Problem, das gelöst werden muss. Schulen wissen oft sehr genau, womit sie arbeiten können – aber wir reden viel zu viel über Tools und viel zu wenig über Prozesse. Ob Firewall X oder WLAN Y ist am Ende egal – Hauptsache nachhaltig und funktionsfähig.
Viele Kommunen trauen sich dennoch nicht an solche Vergaben – weil sie glauben, alles selbst am besten einschätzen zu können, oder weil sie sparen wollen und denken, günstige Lösungen würden schon reichen. News4teachers / Andrej Priboschek führte das Interview.
Auf der Bildungsministerkonferenz im Rahmen der KMK im Dezember in Berlin haben sich die Bildungsministerinnen und -minister der 16 Länder gemeinsam mit Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDI) auf den sogenannten Digitalpakt 2.0 geeinigt (News4teachers berichtete). In den kommenden fünf Jahren sollen bundesweit insgesamt fünf Milliarden Euro in die digitale Modernisierung der Schulen fließen – je zur Hälfte finanziert von Bund und Ländern. Startschuss war bereits der 1. Januar 2026.
„Der Digitalpakt 2.0 ist ein entscheidender Schritt in die Zukunft unserer Schulen und ein wichtiger Beitrag zur Gleichwertigkeit der Bildungschancen in Deutschland“, erklärte Prien. Durch vereinfachte Verwaltungsprozesse und die Förderung länderübergreifender Projekte werde sichergestellt, „dass alle Schülerinnen und Schüler von digitaler Bildung profitieren – unabhängig von ihrem Wohnort“. Ziel sei es, eine moderne Bildungslandschaft zu schaffen, in der alle Schulen über die notwendige digitale Ausstattung verfügen. Aus Reihen des VBE hieß es: “Überfällig!”









Normalerweise kritisiere ich ja hier die “Experten”, aber hier muss ich sagen: Sehr schöner Artikel der die Problemlage realistisch beschreibt und auch ausführt, wie es tatsächlich laufen müsste!
Herr Kempers ist für mich nach diesem Interview ein echter Experte auf seinem Gebiet, ganz ohne Anführungszeichen!
Volle Zustimmung!
Genau solche Leute müsste man cloonen und sie auf die Kommunen verteilen… 😉
Das Gleiche habe ich bei dem Artikel auch gedacht. Endlich mal jemand, der sich nicht selbst Experte nennt, obwohl er zur Materie nur forscht anstatt in und mit ihr arbeitet.
“Nur” forscht? Weil das hier immer wieder aufkommt: Wieso ist es für manche so schwer zu verstehen, dass Wissenschaftler*in ein anderer Beruf mit einem eigenständigen Qualifikationsniveau ist? Ein Wissenschaftler muss Daten erheben, lesen und einordnen können – nicht Kinder unterrichten.
Ein Astrophysiker muss nicht in den Weltraum fliegen, um Erkenntnisse über Planeten gewinnen können. Eine Ärztin muss sich Medikamente nicht selbst spritzen, um einen Patienten damit behandeln zu können. Und ein Naturforscher ist kein Landwirt.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Das Beispiel der Ärztin funktioniert nicht, weil gerade die Ärzte Spritzen setzen können müssen. Sie brauchen aber das Medikament und die Präparate nicht selbst zu produzieren.
In der Sache haben Sie beim idealen Wissenschaftler natürlich recht. Bei den Forschungsergebnissen, die im Bildungsbereich oftmals publiziert werden, scheinen aber die Definitionen von Wissenschaftlichkeit bei Lehrern und Forschern auseinander zu gehen.
Seit wann haben Lehrkräfte eigene Definitionen von Wissenschaft? Gilt nur die als solche, deren Ergebnisse gefällt?
Sorry, das ist grober Unfug. Studien und ihre Autor*innen lassen sich immer sachlich kritisieren, dafür werden sie veröffentlicht, dafür liegen die Methoden offen. Was allerdings Wissenschaft grundsätzlich ist, sollten Lehrkräfte, die nicht Voodoo unterrichten, durchaus wissen – woher stammen denn die Inhalte, die sie Schülerinnen und Schülern vermitteln? Eben: nicht aus dem Zauberbuch.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Lehrer sind in der Regel keine “Forscher”, das ist richtig. Da Lehrkräfte aber in Deutschland (sofern sie “grundständig” ausgebildet sind) ein wissenschaftliches Studium absolviert haben, das sowohl fachwissenschaftliche als auch erziehungswissenschaftliche Anteile hat, sind Lehrkräfte durchaus in der Lage (und berechtigt!) die Ergebnisse der “Forschenden” zu kritisieren, wenn sie feststellen, dass die Theorie (“Forschung”) nicht mit der Praxis (“Unterricht”) übereinstimmt. Und das nicht nur “anektdotisch” sondern “systematisch” seit mehreren Jahrzehnten. Und für diese Kritik muss man selber kein “Forschungsprojekt” starten, wenn sie offensichtlich ist. Leider haben Lehrkräfte für solche “Forschungsprojekte” zwar die Qualifikation aber nicht die Zeit…
Scheinbar tritt diese Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis in Deutschland besonders facettenreich auf, da hier jedes Bundesland die Ergebnisse der “Forschung” unterschiedlich interpretiert und umsetzt: Zu jeder bildungspolitischen Agenda scheinen die passenden “Forschungsergebnisse” zu existieren: Am Ende macht jeder Bildungspolitiker daraus, was er oder sie sowieso schon immer wollte.
Als Ergebnis hat man dann ein Schulsystem, das den Anforderungen der PRAXIS nicht mehr genügt und dysfunktional geworden ist. Man kann Integration, Inklusion, Ganzag usw. theoretisch supertoll finden, wenn das Ganz mangels Ressourcen (Personal, Geld) nur katastrophal umgesetzt wird, nützt die schönste “Forschung” nichts. Und der Aspekt, wie es es wirklich umgesetzt werden kann und wird, wird scheinbar regelmäßig auch auf Seite der “Forschenden” ausgeblendet. “Ich habe hier eine supertolle Idee” klingt eben viel besser als “Ich habe hier eine supertolle Idee, könnt ihr aber gleich wieder vergessen, da es niemand so umsetzen und finanzieren wird, wie es eigentlich notwendig wäre.”
Und auf die PRAXIS IN DEN SCHULEN kommt es an, und nicht auf das, was die “Forschenden” gerne hätten. Schule hat nicht die Aufgabe, “Forschenden” ein interessantes Leben zu ermöglichen, sondern nachfolgende Generationen auszubilden (und teilweise(!) zu erziehen). Und das unter den Bedingungen, die REALISTISCH möglich sind und nicht unter welchen, die man sich im Elfenbeinturm fern aller irdischen Restriktionen so ausdenkt…
“… sind Lehrkräfte durchaus in der Lage (und berechtigt!) die Ergebnisse der “Forschenden” zu kritisieren, wenn sie feststellen, dass die Theorie (“Forschung”) nicht mit der Praxis (“Unterricht”) übereinstimmt.”
Welche Praxis genau? Schon hier im Forum gilt: drei Lehrkräfte – vier Meinungen (Scherz). Die der Philologen? Oder die der GEW? Dazu kommt die überaus schlichte Tatsache, dass die subjektive Perspektive sich nunmal von objektiven Sammeldaten unterscheiden kann. Was Sie in Ihrem Klassenzimmer in Süddeutschland erleben, kann ein Kollege in Norddeutschland ganz anders wahrnehmen – womöglich gilt das schon für den im Nebenraum. Um Standards, Mittelwerte, Trends, Entwicklungen zu ermitteln – braucht es Wissenschaft.
Anders ausgedrückt: Um das aktuelle Wetter an Ihrem Standort zu beschreiben, dafür dürfte ein Blick aus dem Fenster reichen. Damit können Sie aber noch keine validen Aussagen über das Klima in Deutschland oder gar dem Rest der Welt treffen. Andersherum muss ein Klimaforscher nicht aus Ihrem Fenster schauen…
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Man sollte in diesem Zusammenhang auch einmal thematisieren, dass die Kritik von Lehrkräften im Gegensatz zur Kritik von Ingenieuren, Ärzten oder anderen Professionen in diesem Land überhaupt nicht ernst genommen wird:
Wenn irgendein Wissenschaftler neue Standards zur Herstellung eines Materials, chemischen Produktes oder was auch immer entwickelt und das industriell umgesetzt werden soll, werden die Auswirkungen durchaus in Fachverbänden wie dem VDI durchaus diskutiert und die Stellungnahme dieser Verbände wird ernstgenommen und berücksichtigt. Wenn der Standard eingeführt wird und in der Praxis sich als fehlerhaft erweist, wird er ohne größere Diskussion durch etwas Besseres ersetzt.
Bei Ärzten dasselbe: Wenn diese Festellen, dass bestimmte “wissenschaftlich” entwickelte Therapien und Medikamente in der Praxis entweder nicht wie gewünscht funktionieren oder sogar schaden, wird auch das über Verbände, Krankenkassen, Aufsichtsbehörden usw. zurückgemeldet und es werden entsprechende Maßnahmen ergriffen, was bis zum Verbot der Therapie, des Medikaments usw. reichen kann.
Nur im Bildungsbereich ist es scheinbar anders: Da kann die “Praxis” seit Jahren (mittlweile eher Jahrzehnten!) zurückmelden, dass es so, wie es ist, nicht funktioniert (Integration, Inklusion, Ganztag, Kita), es interessiert nur keinen, es wird außer “Weiter so!” oder “Dann war es noch zuwenig!” zu rufen, nichts gemacht, im Gegenteil, der “Praxis” wird die Schuld gegeben, dass die “Theorie” nicht funktioniert. Letztendlich ist das eine fundementale Abwertung der Arbeit von Lehrkräften, eine Missachtung der Professionalität von Lehrkräften und letztendlich auch zutiefst “unwissenschaftlich”, da die Fähigkeit zur Korrektur eines falschen Weges systematisch im Bildungsbereich negiert wird!
“Man sollte in diesem Zusammenhang auch einmal thematisieren, dass die Kritik von Lehrkräften im Gegensatz zur Kritik von Ingenieuren, Ärzten oder anderen Professionen in diesem Land überhaupt nicht ernst genommen wird.”
Von uns schon – wir berichtet tagtäglich darüber. Dass sich Ingenieure oder Ärzte von der Politik ernstgenommen fühlen, können Sie aber getrost vergessen. Tun sie nicht: https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/gesundheit-versorgung-aerztepraesident-100.html
Es gibt in Deutschland keine Berufsgruppe, die nicht klagt. Fragen Sie mal die Landwirte.
Noch ein Punkt: Einzelne Maßnahmen in der Bildung lassen sich nicht so leicht messen wie die Wirkung eines Medikaments – es gibt nunmal sehr viele Einflussgrößen, die sich voneinander kaum isolieren lassen. Sie können Kinder ja nicht in eine Versuchsanstalt sperren. Umso wichtiger ist empirische Bildungsforschung, die Wirkungen in der Fläche misst. Dass die Politik sich um deren Erkenntnisse in den vergangenen 20 Jahren so gut wie nicht geschert hat, steht auf einem anderen Blatt. Dafür kann die Wissenschaft aber nichts. Gerne hier nachlesen: https://www.news4teachers.de/2024/05/bildungsforscher-ziehen-bilanz-fast-alle-schulpolitischen-massnahmen-seit-dem-ersten-pisa-schock-sind-gescheitert/
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Viele der Aussagen kann ich nachvollziehen, allerdings weiß ich nicht ob ich allem zustimmen mochte.
Jetzt über die Gebäude zu schimpfen, weil der Fahrstuhl zu schmal ist, finde ich wenig hilfreich und ein wirklich unglückliches Beispiel. Meine Vermutung ist, dass gerade die Verkabelung viel problematischer ist als die Anlieferung der Ware. Ich bin mir sicher, dass eine Schulleitung / Lehrer schnell 30 helfende Hände organisieren kann, die das Problem in 15min beseitigt.
Und natürlich sollten die Netze zukunftssicher geplant werden. Aber eine WLAN Installation für eine Grundschule auf 150.000 EUR zu beziffern, ist gefühlt schon arg hoch gegriffen. Besonders wenn die Anforderungen ja für alle Grundschulen recht ähnlich sein werden.
Meines Erachtens mangelt es in dem Sektor an guten Anbietern, da er aufgrund der Entscheidungsstrukturen und Zeiträume extrem unattraktiv ist. Ich habe selber mit mehreren Unternehmen zusammengearbeitet die Produkte für Schulen anbieten und sie alle haben dies als schwierigsten Punkt benannt. Nicht das mangelnde Geld für das Produkt, sondern die sehr hohen Akquisekosten.
Es zeigt doch exemplarisch nur, dass das eine nicht zum anderen passt.
Im Grunde wird hier das Dilemma der Digitalisierung deutscher Verwaltungen nachgezeichnet. Es gibt nicht das übergeordnete, einheitliche Digitalisierungskonzept. Jedes Bundesland, jeder kommunaler Player hat individuelle IT-Lösungen – sowohl bei Hardware als auch bei Software sowie der Netzkonfiguration. Letztendlich ist alles nich kompatibel – also Flickwerk, das mühselig mit einander verknüpft werden muss. Typisches beispiel dafür ist die Erhebung der Daten für die Grundsteuerreform. Im Prinzip liegen ja alle geforderten Daten bei verschiedenen Behörden, Liegenschaftsdaten bei den Katasterämtern, Grundbuchdaten bei den Amtsgerichten, bestehende Grundsteuermessbescheide bei den Finanzämtern usw.
Nicht aus Gründen des datenschutzes sondern auf Grund der fehlenden Möglichkeit die diversen Datenbanken zu integrieren, mussten die Grundstückseigentümer die geforderten Angaben für die Neubewertung ihrer Immobien individuell übermitteln. Dies ist das beste beispiel für staatliches Versagen bei der Digitalisierung der Verwaltung.
Und wie gesagt, beim Thema Digitalisierung im Bildungsbereich sieht es nicht anders aus. Zu viele individuelle Lösungen, die nicht so ohne Weiteres ausgebaut werden können. Die Komplexität schulischer Netzwerke ist nicht mit ein paar Entlastungsstunden zu managen, zu warten, zu pflegen und up-to-date zu halten.
Dazu kommt, dass die Kameralistik keine Investitionszyklen kennt, da es ja keine Abschreibungen gibt. Ja, es ist etwas faul im Staate D.
Problem ist aber, dass Sie keinen ausgebildeten Systemadministrator finden, der das Schulnetz für das finanzielle Äquivalent von ein paar Entlastungsstunden wartet. Mehr ist das Land aber nicht bereit, dafür auszugeben. Die Kommunen als Schulträger sind meistens zu pleite dafür.
Als Rentner ist das auch nicht mehr mein Problem. Notfalls könnte ich aber einspringen, meine Kompetenz schließt stromloses Unterrichten ein.