HAMBURG. Als Janna Schmidt (Name geändert) im Frühjahr ihr Referendariat abbricht, ist sie 27 Jahre alt, hoch motiviert und eigentlich überzeugt davon, arbeiten zu wollen. „Ich arbeite wirklich gern, und auch Überstunden sind überhaupt kein Problem für mich“, sagt sie rückblickend. Was sie nicht mehr aushält, ist ein Ausbildungssystem, das aus ihrer Sicht keine Grenzen kennt – keine zeitlichen, keine räumlichen, keine psychischen. Das Protokoll ihres Ausstiegs, das der „Stern“ veröffentlicht hat, liest sich wie eine persönliche Chronik der Überforderung. Die Daten einer aktuellen Umfrage der GEW Hessen zeigen: Janna Schmidt ist kein Einzelfall.

Schon zu Beginn ihres Berichts macht die junge Frau deutlich, warum sie anonym bleiben möchte. „Nicht, weil ich nicht zu dem stehe, was ich erzähle, sondern weil ich nicht stigmatisiert werden will.“ Sie beschreibt eine öffentliche Wahrnehmung des Lehrerberufs, die sie als entwertend erlebt: „Ich kenne so viele Menschen, die nie auf der anderen Seite des Klassenzimmers standen, und sich trotzdem Urteile erlauben wie: ‚Alle Lehrer sind faul und nicht belastbar‘ oder ‚Ach, Lehrer ist doch nur ein Halbtagsjob‘.“ Nach ihrem Einstieg ins Referendariat könne sie nur sagen: „Lehrer zu sein ist ein härter als mein heutiger Schreibtischjob.“
Dass diese Erfahrung, extrem gefordert zu sein, schon unter Referendarinnen und Referndaren weit verbreitet ist, belegt eine aktuelle Umfrage der GEW Hessen unter 1.009 Lehrkräften im Vorbereitungsdienst des Landes (News4teachers berichtete). Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ für Deutschland, dürften aber ein valides Stimmungsbild ergeben. 90 Prozent der Befragten geben an, körperlich und emotional erschöpft zu sein. 82 Prozent berichten von negativen Auswirkungen auf ihre mentale Gesundheit. Fast 70 Prozent fühlen sich durch den Vorbereitungsdienst überfordert.
Janna Schmidt hatte sich den Lehrerberuf nicht leichtfertig ausgesucht. Nach einem freiwilligen ökologischen Jahr an einer Berliner Brennpunktschule entschied sie sich 2015 für ein Lehramtsstudium mit den Fächern Deutsch und Politik. „Das hat mir sehr gut gefallen, mit Menschen arbeiten, ihnen zu helfen, und der Umgang mit Kindern machte mir auch Spaß.“ Im Studium habe sie „wirklich total Spaß“ gehabt, die Fächer seien die richtigen gewesen.
Gleichzeitig beschreibt sie bereits dort erste Zweifel am System Schule. In den Praxissemestern habe sie das Gefühl gehabt, „als wären sowohl die Schüler als auch die Lehrkräfte in einem sehr starren Korsett gefangen“. Der Alltag sei geprägt gewesen von dem Zwang, „irgendwie alle in diesem 8-bis-15-Uhr-Zeitrahmen mit einem viel zu großen Workload funktionieren“ zu müssen.
Trotz dieser Zweifel entschied sie sich für das Referendariat – aus Mangel an Alternativen. „Das Referendariat war da für mich der einfachere, sichere Weg, obwohl ich mir sagte: ‚Ich mache das Referendariat, aber ich werde danach nicht in der Schule arbeiten.‘“ Rückblickend erkennt sie weitere strukturelle Probleme, die ihr damals noch nicht voll bewusst waren. „Was ich da noch nicht wusste und erst im Rückblick reflektieren kann, sind auch die fehlenden Aufstiegschancen im Schulsystem.“ Die Vorstellung, „vierzig Jahre lang in ein und derselben Schule zu unterrichten“, beschreibt sie als „absoluten Albtraum“.
„Auf die Toilette wäre man am liebsten gar nicht gegangen, so schäbig war sie, und Kaffee gab es sowieso nicht. Man musste sich eigene Pads mitbringen“
Im Referendariat selbst verdichteten sich diese Zweifel schnell zu einer massiven Belastung. „Wenn mich heute jemand fragt, warum ich das Referendariat abgebrochen habe, finde ich es wahnsinnig schwer, in einem Satz zu erklären, wie sich ein System anfühlt, das einen langsam, aber zuverlässig zerreibt.“ Sie beschreibt Arbeitsbedingungen, die sie als entwürdigend erlebt. „Ich hatte keinen eigenen Platz in der Schule; das macht ja was mit einem.“ Selbst grundlegende Infrastruktur habe gefehlt: „Auf die Toilette wäre man am liebsten gar nicht gegangen, so schäbig war sie, und Kaffee gab es sowieso nicht. Man musste sich eigene Pads mitbringen.“
Diese Erfahrungen spiegeln sich indirekt in den Umfrageergebnissen. Zwar bewerten 77 Prozent der befragten Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst die Betreuung durch Ausbilder:innen positiv, die Belastung entsteht laut GEW nicht primär durch mangelnde Unterstützung, sondern durch strukturelle Rahmenbedingungen. 93 Prozent fühlen sich durch Unterrichtsbesuche stark belastet, 86 Prozent geben an, ihre sozialen Kontakte wegen des Vorbereitungsdienstes eingeschränkt zu haben.
Janna Schmidt beschreibt ihren Arbeitsalltag als dauerhaft grenzüberschreitend. „Ich habe im Schnitt fünfzig bis sechzig Stunden pro Woche gearbeitet.“ Unabhängig vom tatsächlichen Einsatz habe sie ständig das Gefühl gehabt, „irgendwo hinterherzuhinken – egal, wie viel ich gemacht hatte“. Neben dem Unterricht an der Schule kamen mehrere Begleitseminare hinzu, teils an weit entfernten Standorten. „Man hat erst Unterricht an der Schule, dann geht es direkt weiter zum Seminar und von da aus dann nach Hause.“ In einer Großstadt wie Berlin sei das extrem belastend gewesen: „Ich hatte keine Pause, die öffentlichen Verkehrsmittel funktionierten häufig nicht, und ich war permanent gestresst.“
Die Umfrage der GEW Hessen bestätigt diese zeitliche Überlastung. 45 Prozent der Befragten arbeiten zwischen 36 und 50 Stunden pro Woche, weitere 31 Prozent sogar mehr als 60 Stunden – trotz Ausbildungsstatus. 81 Prozent geben an, keine ausreichende Zeit zur Erholung zu haben.
„Allein schon das Konzept von ‚Überstunden‘ gibt es als Lehrkraft ja gar nicht, genauso wenig wie einen Feierabend, ein Wochenende oder auch überhaupt nur eine Arbeitszeiterfassung“
Nach viereinhalb Monaten zog Janna Schmidt die Konsequenz. „Ich dachte: ‚Das halte ich nicht durch.‘“ Für ihr Umfeld kam die Entscheidung nicht überraschend. Ein Jahr später sagt sie: „Jetzt kann ich nur sagen, dass das die beste Entscheidung war, die ich hätte treffen können.“ Besonders belastend sei für sie gewesen, dass es im Lehrerberuf keine klaren Grenzen gebe. „Allein schon das Konzept von ‚Überstunden‘ gibt es als Lehrkraft ja gar nicht, genauso wenig wie einen Feierabend, ein Wochenende oder auch überhaupt nur eine Arbeitszeiterfassung.“ Man habe „nie das Gefühl, richtig fertig zu sein“.
Auch diese Erfahrung deckt sich mit den Zahlen: 68 Prozent der befragten Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst sagen, die Ausbildung trage „voll“ zu ihrer körperlichen und emotionalen Erschöpfung bei. Nur zwei Prozent widersprechen dieser Aussage.
Gleichzeitig wehrt sich Janna Schmidt gegen pauschale Lehrer-Klischees. „Nicht alle Lehrkräfte sind altmodisch und verstaubt.“ Das Kollegium an ihrer Schule sei jung und international gewesen, viele Lehrkräfte und Referendar:innen seien hoch engagiert. „Oft brennen aber gerade diese sehr schnell aus.“ Ihr Wunsch für die Zukunft sei klar: „Ich wünsche mir für die Zukunft der Schule, dass der Lehrerberuf wieder ein Job wird, der gern gesehen und anerkannt wird.“
Die GEW warnt angesichts der Umfrageergebnisse eindringlich vor weiteren Verschärfungen im Vorbereitungsdienst. Jeder Fünfte der Befragten denkt über einen Abbruch nach oder erwägt ihn zumindest teilweise, fast ein Drittel zweifelt, ob es den Lehrberuf langfristig ausüben möchte. Für die Gewerkschaft ist klar: Die Qualität der Ausbildung entscheidet darüber, ob junge Menschen im System bleiben – oder wie Janna Schmidt vorzeitig gehen. News4teachers
Hier geht es zum vollständigen Protokoll im Stern.









70- bis 80-Stunden-Wochen kenne ich aus dem Ref mit zerstörten Beziehungen und Kollegen, die begonnen, viel zu trinken oder Beruhigungsmittel zu nehmen. Die oft unklaren Leistungserwartungen und mehr Unterrichtsstunden als eigentlich vorgesehen, kamen noch dazu.
„ Für die Gewerkschaft ist klar: Die Qualität der Ausbildung entscheidet darüber, ob junge Menschen im System bleiben – oder wie Janna Schmidt vorzeitig gehen.“
Nee, nicht nur die Qualität der Ausbildung entscheidet darüber, ob junge Menschen im System bleiben. Inbesondere die Bedingungen im System Schule sind entscheidend dafür, seien es fehlende Aufstiegsmöglichkeiten oder auch die Arbeitsbedingungen insgesamt – wird von Frau „Schmidt“ auch gut beschrieben.
Oder die Alternativen, die sich zu einer Tätigkeit im System bieten.
In letzter Zeit scheinen sich ja auch immer mehr Lehrkräfte, die über social-media-Auftritte bekannt wurden, aus dem aktiven Unterrichtsbetrieb zurückzuziehen.
Vielleicht verwechselten diese Menschen (“Bildungsinfluencer”) die Pflicht (Berufstätigkeit im Klassenzimmer) mit ihrem Hobby (selbstermächtigte Mitteilungflut in den Sozialen Medien), besonders bürgerlich scheint mir ein solches Verhalten nicht.
Das Referendariat habe ich mit dem Blick auf den Abschluss durchgehalten: zwei Jahre, dann wird alles entspannter; noch anderthalb Jahre, dann habe ich wieder Zeit für Freundschaften; ein Jahr noch, dann kann ich Ferien genießen; noch ein halbes Jahr, dann fange ich einen Tanzkurs an… Und dann war ich Berufsanfänger. Klar, da kann sich niemand zurücklehnen. Und ich dachte: Aber wenn ich mich erstmal richtig eingearbeitet habe…
Nur, nach fünf Jahren im Job war es immernoch nicht besser: neue Rahmenlehrpläne, ein weiteres Fach, immer weitere bürokratische Vorgaben. Also fing ich an, vom Rentenalter zu träumen. Ob das mal keine Illusion ist…
Ich finde diese Referendarin eher untypisch und deshalb wirklich nicht repräsentativ. Sie findet den Gedanken, 40 Jahre an der gleichen Schule zu arbeiten, einen Alptraum. Ich finde genau das sehr gut. Sie vermisst Aufstiegschancen im Lehrerberuf. Ich vermisse keine Aufstiegschancen. Mein Ziel ist es nicht, als Lehrer Karriere zu machen. Ich liebe meinen Job. Ich will Kindern etwas beibringen. Sie bemängelt, dass es nicht mal Kaffee in der Schule für sie gab. Wer soll den für sie machen? Die Sekretärin? Warum macht sie ihn sich nicht selbst? Sie kritisiert, dass alles zwischen 8 und 15 Uhr stattfindet. Ich schätze am Lehrerberuf, dass ich meistens am frühen Nachmittag heimkomme und selbst entscheiden kann, wann ich die Vor- und Nachbereitung mache. Das empfinde ich als großen Vorteil!
Kurz, sie hat tatsächlich Vorstellungen, die zum Lehrerberuf nicht passen und deshalb passt auch sie tatsächlich nicht. Das sage ich nicht als Vorwurf, das erscheint mir einfach ein Fakt zu sein.
Ich habe das Referendariat nicht mal ansatzweise so schlimm empfunden. Ok, es ja sicher nicht die stressfreiste Zeit meines Lebens und ja, es war in einzelnen Wochen oder auch Monaten extrem belastend, aber insgesamt auch nicht mehr als das Mathematik- und Physikstudium davor.
Vielleicht liegt es auch daran, dass ich auf dem Land das Referendariat gemacht habe. Warum alle unbedingt in die Großstadt wollen, erschließt sich mir ohnehin nicht.
Die GEW ist Teil des Problems, nicht Teil der Lösung. Sie hat so gut wie alles unterstützt, was den Schulalltag für Lehrer eher schwerer macht als erleichtert. Sie wird finanziert von den überwiegend weiblichen Mitgliedern dieses Lehrerverbandes, aber tut fast nichts, was das Lehrerleben erleichtert. Trotzdem nennt sich dieser Verband Gewerkschaft. Die GEW ist so wenig eine Gewerkschaft wie die DDR eine demokratische Republik war!
Diese dauernde (zeitliche) Überforderung, Nicht-Wertschätzung und Ausbeutung gilt nicht nur für das Ref, sondern seit inzwischen vielen Jahren für das gesamte Lehrerleben. Ich habe diesen Beruf geliebt, die Arbeit mit den Kindern und den Eltern als Erziehungs-Partnern. Inzwischen ist es nur noch Kampf – zum Teil ums nackte Überleben bis zur Pension. Es ist so traurig. Ich kann tatsächlich niemandem mehr raten, Lehrer/in zu werden!
So war das halt im Referendariat…ein Stahlbad.
Muss man halt durch.
Danach wurde es besser.
Den größten Fehler hat unsere Bundesregierung in den siebzigern gemacht, als sie begannen Mammut Schulen entstehen zu lassen. Schulen mit über 1000 Schülern, das bedeutet doch schon maximale Überforderung vor allem für 5, 6, 7, Schülern. Lehrer die überfordert sind, weil sie so viele Klassen betreuen, das sie überhaupt nicht objektiv sein können, die ruhigeren Kinder fallen hinten runter, große Klassen, Zappelphilippe sind die störenfriede, da muss was im Elternhaus nicht stimmen!!!! “Solche Kinder sind zu guten Schulleistungen überhaupt fähig!” Das Kind braucht unbedingt Medikamente, sonst ist es nicht beschulbar, und wenn keine Gegenwehr der Eltern kommt, geht’s ganz schnell auf die Sonderschule, und was dann passiert ist klar, geringe Perspektive für die Kids.
Um Kinder in der Schule Objekt bewerten zu können, sollten 2 Lehrkräfte in einer Klasse sein, die Mammut Schulen dringend abgeschafft werden. Schule für alle.
Einer der größten Stressfaktoren im Ref ist das Unterrichtsmateral. Man muss viel selbst erstellen und kaufen und das kostet extrem viel Zeit und Geld. Nutzt man das Lehrbuch oder vorhandene Kopiervorlagen, dann wird der Unterrichtsbesuch schlecht bewertet. Und dann muss man viel Geld für Lernspiele und Anschauungsmaterial ausgeben, damit der Unterrichtsbesuch gut bewertet wird und die Schule dieses Material aber nicht hat. Oder an Bremmpunktschulen: Da kauft man dann für die DAZ-Kinder diese “sprechenden Stifte” etc … weil das im Seminar so hochgelobt wird, die Schule aber kein Geld dafür hat, man das im Ref aber einsetzen muss. Und danach? Hat man viel Zeug, was man in seinem kleinen Arbeitszimmer lagern muss … 🙁
Bei uns in der Gruppe hat die Hälfte der LiV abgebrochen, 2 mit Burnout.