BERLIN. Noch vor wenigen Monaten galt die Friedrich-Bergius-Schule in Berlin als Symbol schulischen Kontrollverlusts: Gewalt, Mobbing, Unterrichtsausfall, ein Brandbrief des Kollegiums. Heute steht dort morgens ein Schulleiter an der Tür, baut Beziehungen auf und setzt klare Grenzen. Wie Engin Çatık versucht, eine vermeintlich verlorene Schule neu auszurichten – und was das über strukturelle Versäumnisse im Bildungssystem sagt.

„Indem man Beziehungen aufbaut und präsent ist.“ So beschreibt Engin Çatık im Interview mit dem Deutschlandfunk Kultur seinen Ansatz für eine Schule, die noch vor wenigen Monaten als gescheitert galt. „In den ersten Monaten habe ich jeden Morgen an der Tür gestanden und die Schülerinnen und Schüler begrüßt. Mittlerweile teilen meine Stellvertreterin und ich uns das. Es geht nicht um Kontrolle, sondern darum, die Kinder willkommen zu heißen und ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es ihnen geht.“
Seit gut einem Jahr leitet Engin Çatık die Friedrich-Bergius-Schule in Berlin-Friedenau, eine Integrierte Sekundarschule mit rund 400 Jugendlichen von Klasse 7 bis 10. Als er übernimmt, wirkt die Schule wie ein Scherbenhaufen. Ende 2024 hatten Szenen von Gewalt, Mobbing und Unterrichtsstörungen bundesweit Schlagzeilen gemacht. In Medien war von der „schlimmsten Schule Deutschlands“ die Rede. Ausgelöst hatte das ein sieben Seiten langer Brandbrief des Kollegiums an die Berliner Schulaufsicht – ein Hilferuf, der das Ausmaß der Krise offenlegte (News4teachers berichtete).
„Bei kleinen Regelverstößen war die Verunsicherung groß, die Sanktionen teilweise sehr hart. Das Maß war verloren gegangen“
In dem Schreiben schilderten die Lehrkräfte einen Alltag, in dem regulärer Unterricht kaum noch möglich war. Von täglichen Beleidigungen und Bedrohungen war die Rede, von massiven Mobbingfällen unter Schülerinnen und Schülern, von einer „bedrohlichen Gewaltbereitschaft“. Lehrkräfte fühlten sich zahlenmäßig unterlegen, Schüler hatten Angst, selbst der Toilettengang galt als riskant. In nur zwei Monaten zählte die Schule fast 500 unentschuldigte Fehltage, mehr als 500 Unterrichtsausschlüsse und Dutzende Anzeigen wegen Schulversäumnis. Hinzu kamen Berichte über überforderte Familien, fehlende Deutschkenntnisse, extreme soziale Notlagen und eine Schulpolitik, die aus Sicht des Kollegiums wirksame Sanktionen systematisch entwertet hatte.
Die Parallelen zur Rütli-Schule von 2006 lagen für viele Beobachter nahe. Auch damals hatte ein Brandbrief bundesweit Debatten ausgelöst, auch dort folgten Jahre intensiver Unterstützung. Doch Ende 2024 war an der Friedrich-Bergius-Schule zunächst vor allem eines spürbar: Überforderung. „Lehrerinnen und Lehrer sind zu 65 Prozent mit bürokratischer Erziehung und nur zu 35 Prozent mit faktenorientiertem Unterricht beschäftigt“, hieß es im Brandbrief. Die Schule war an ihre Grenzen gekommen.
Als Engin Çatık sein neues Büro betritt, trifft er auf ein Kollegium, das erschöpft ist – aber nicht gleichgültig. „Viel Gesprächsbedarf, viel Herzlichkeit – von Kollegium und Schülerschaft“, erinnert er sich im Deutschlandfunk-Interview. „Das hat den Einstieg erleichtert.“ Die massive Gewalt, von der im Brandbrief die Rede war, habe er zunächst nur indirekt gespürt. „Bei kleinen Regelverstößen war die Verunsicherung groß, die Sanktionen teilweise sehr hart. Das Maß war verloren gegangen, weil das Vertrauensverhältnis beschädigt war.“ Gleichzeitig habe es auch gravierende Vorfälle gegeben, etwa einen Reizgasangriff, auf den man konsequent reagieren müsse.
„Ein kleiner Teil der Schülerschaft hat den Ton angegeben. Dadurch entstand Unsicherheit bei Lehrkräften und bei den engagierten Schülerinnen und Schülern“
Dass die Schule trotz ihrer Lage in einem gut situierten Stadtteil wie Friedenau in diese Situation geraten konnte, erklärt Çatık mit strukturellen Faktoren. „Der Sozialraum ist hervorragend, mit viel zivilgesellschaftlichem Engagement“, sagt er. „Das Problem ist das Berliner Anmeldeverfahren.“ Weiterführende Schulen hätten kein festes Einzugsgebiet. Nach negativer Berichterstattung seien die Anmeldezahlen gesunken, viele Schülerinnen und Schüler aus stark belasteten Stadtteilen seien zugewiesen worden. Eine Herausforderung, die das Kollegium schon lange benannt hatte – ohne ausreichende Unterstützung zu erhalten.
Çatık beschreibt die Dynamik, die daraus entstand, nüchtern. „Ein kleiner Teil der Schülerschaft hat den Ton angegeben. Dadurch entstand Unsicherheit bei Lehrkräften und bei den engagierten Schülerinnen und Schülern.“ Ziel sei es gewesen, diese Dynamik umzukehren. „Unsere Aufgabe war es, das umzukehren und den engagierten 90 Prozent wieder den Rücken zu stärken.“ Gewalt und Grenzüberschreitungen relativiert er nicht. „Bei Straftaten wird die Polizei eingeschaltet“, sagt er. Gleichzeitig betont er: „Das heißt nicht, dass wir jemanden aufgeben. Klare Worte gehören zur Wertschätzung.“
Tatsächlich bleibt es nicht bei Worten. Der Schüler, der den Reizgasangriff verübt hatte, wird von der Schule wegberaten, ebenso ein weiterer Jugendlicher, für den ein Dauerpraktikum sinnvoller erscheint als ein Schulabschluss. Entscheidungen, die das Kollegium zuvor kaum noch zu treffen wagte. „Die gleichen Lehrkräfte, die den Brandbrief verfasst haben, arbeiten weiterhin sehr engagiert“, sagt Çatık. „„Sie brauchten ein gemeinsames Zielbild.“ Bis auf eine Person habe niemand die Schule verlassen.
Parallel beginnt der strukturelle Wiederaufbau. Eine Willkommensklasse wird eingerichtet, um Schülerinnen und Schüler ohne ausreichende Deutschkenntnisse nicht mehr in Regelklassen zu überfordern. Ein tägliches Leseband von 15 Minuten soll die Leseflüssigkeit stärken. Klare Handlungsleitfäden sollen Lehrkräfte entlasten, ein Wachschutz am Eingang für Ruhe sorgen. „Ich nehme das Angebot der Senatorin an“, sagt Çatık, betont aber zugleich, dass er selbst präsent bleibt – morgens und nachmittags am Portal.
Der Blick geht dabei immer über das Schulgelände hinaus. Eltern sollen stärker eingebunden werden, auch wenn nicht alle erreichbar sind. „Viele unterschätzen, wie sehr Jugendliche ihre Eltern noch brauchen“, sagt Çatık. Gleichzeitig spricht er offen über systemische Überforderung. Steigende Schülerzahlen, fehlende Räume, fehlendes Personal – Probleme, die Schulen nicht allein lösen können. Seine eigene Biografie hilft ihm, Brücken zu bauen. „Ich bin in Berlin aufgewachsen, meine Familie kommt aus der Türkei“, sagt er. Erfahrungen von Ausgrenzung, aber auch von Unterstützung prägen seinen Blick bis heute. „Solche Erfahrungen zeigen mir, dass schwere Fehler nicht bedeuten, dass ein Mensch keine zweite Chance verdient.“
Am Ende des Interviews kehrt Çatık noch einmal zu dem zurück, was ihn antreibt. Es seien oft einzelne Erwachsene, die den Unterschied machten. „Bei mir waren es Fußballtrainer, die an mich geglaubt haben.“ Vorbilder, sagt er, seien entscheidend – auch in der Schule. Gefragt nach seinem Ehrgeiz, antwortet er offen: „Ja. Individueller Erfolg ermöglicht gesellschaftliche Gestaltung. Ich möchte, dass meine Kinder sehen: Alles ist möglich.“
Die Friedrich-Bergius-Schule ist noch keine Erfolgsgeschichte wie die Rütli-Schule heute. Die Narben der Krise sind sichtbar, die strukturellen Probleme ungelöst. Aber dort, wo einst der Brandbrief von Angst und Kontrollverlust sprach, steht nun morgens ein Schulleiter an der Tür. Nicht als Kontrolle, sondern als Signal. News4teachers
Hier geht es zum vollständigen Audio-Interview mit Engin Çatık im Deutschlandfunk Kultur.









Es freut mich sehr, dass Herr Çatık nun offensichtlich die Unterstützung des Senats bekommt, die den Lehrkräften und seiner Vorgängerin trotz mehrfacher Bitten zuvor versagt wurden.
Ich staune weiterhin, dass Herr Çatık eine „Willkommensklasse“ zur Förderung des Spracherwerbs einrichten durfte, wo diese doch wissenschaftlich erforscht als nachteilig für den Spracherwerb gelten (N4T berichtete, gern hier nachlesen: https://www.news4teachers.de/2025/08/studie-bestaetigt-willkommensklassen-hemmen-sprach-und-bildungserfolg-von-fluechtlingskindern/ ).
Im Interesse der Schüler und Kollegen wünschte ich mir, dass die Verantwortlichen in den Kultusministerien und Schulämtern dieses Landes die Bitten um Unterstützung und Hilfe durch Lehrkräfte und Schulleitungen erhören und tätig werden würden, bevor Kollegen keinen Weg mehr sehen, als sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Traurig finde ich, dass auch hier, genauso wie im Fall Rütli, so getan wird, als sei die Situation an der Bergius allein auf der Unfähigkeit der vorigen Schulleitung/Kollegen zu begründen – „sieh mal, jetzt klappts ja, dann muss die vorher einfach zu doof gewesen sein“. Aber so hat der Kultus schnell einen Sündenbock parat und muss sich nicht mit seinem eigenen konkreten Versagen beschäftigen.
Alles Gute für die Bergius!
Und eigentlich ist dem Beamten ja die Flucht in die Öffentlichkeit verwehrt! Vielleicht gäbe es sonst noch viel mehr Brandbriefe.
Dann gibt’s für Ludwigshafen doch sicher auch bald derart kompetenten Ersatz der Schulleitenden (Grundschule bzw. Karolina- Burger). In beiden Fällen bekamen die Schulleitungen Maulkörbe und warme Worte.
Er wirkt zumindest sehr überzeugend und kompetent. Respekt. Ob das alles wirklich so ist, müsste man intern mal nachforschen.
“Willkommensklasse”, “Schüer weg beraten”, wahrscheinlich 80 Stunden Arbeitswoche … geht doch. Das letzte macht er freiwillig, also alles gut (bei den Kollegen würde ich aber auch mal gerne die Arbeitszeiterfassung sehen).
Die anderen Dinge lesen sich so, als ob bei der Schulaufsicht jetzt Sachen möglich sind, die es vorher nicht gab.
Die verantwortlichen Stellen kommen so ganz ohne Mehraufwand und Arbeit an eine funktionierende Schule. Alles SupiDupi….
Dei verantwortliche Stelle würde entgegnen, auf den Brandbrief reagiert zu haben, ohne dass “Mehraufwand” (Wachdienst etc. wohl ausgenommen) notwendig war… :/
Ich bezweifel, dass da plötzlich die gewünschten Ressourcen freigemacht werden, um die die Schulleitung bat
“Hinzu kamen Berichte über überforderte Familien, fehlende Deutschkenntnisse, extreme soziale Notlagen und eine Schulpolitik, die aus Sicht des Kollegiums wirksame Sanktionen systematisch entwertet hatte.”
Hier liegt doch der Hase im Pfeffer. Die letzten Jahre waren in allen Bundesländern stets davon geprägt, Druck aus den Schulen zu nehmen und den Lehrkräften immer weniger Handhabe zu geben. Die “Ludwigshafener Maulkörbe” sprechen hier auch Bände. Statt Lösungen zu suchen und wirksame, vielleicht auch unbeliebte Maßnahmen zu ergreifen, verhindern die oberen Stellen, dass Schulleitungen sich weiter öffentlich äußern.
Es freut mich für Herrn Catik und die Schule, dass etwas Ruhe in die Einrichtung reingebracht werden konnte.
Er macht seine Sache gut, scheint mir. Ich mag ihn.
Stark! Ich wünsche dieser Schule weiterhin alles Gute und dass andere Schulen sich hier inspirieren können, nicht zu resignieren