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Warum es an der Zeit ist, die Vorurteile über Berufsausbildung endlich zu überwinden – ein Kommentar

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DARMSTADT. Die duale Berufsausbildung wird von der Wirtschaft als Erfolgsmodell gefeiert – gesellschaftlich aber gilt sie noch immer vielen als Notlösung gegenüber dem Studium. Woher diese Abwertung kommt, welche Stereotype den Blick auf berufliche Bildungswege bis heute verstellen und warum sich diese Haltung angesichts von Fachkräftemangel, Bildungsungleichheit und KI-getriebenem Wandel der Arbeitswelt rächen könnte, erläutert unser Gastautor Dr. Ralf Tenberg, Professor für Technikdidaktik an der TU Darmstadt, zum Auftakt des News4teachers-Themenmonats „Berufsorientierung & Berufliche Bildung“. Auch seine eigene Vita kommt dabei zur Sprache.

Fachkräfte – händeringend gesucht. (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Stereotype zur Berufsausbildung – eine Klarstellung

Die Berufsausbildung in Deutschland wird von Unternehmerverbänden ebenso wie von der Bildungspolitik in höchsten Tönen gelobt. Trotzdem ist sie nach wie vor „zweite Wahl“ gegenüber der akademischen Bildung, was nur zum Teil rational begründet werden kann. Im Kern dieser Antinomie finden sich eine Reihe von (bekannten) Stereotypen, die einer rationalen Auseinandersetzung mit der Thematik entgegenstehen. Darauf will ich im Folgenden einen kurzen Blick werfen.

Als ich selbst mit mittelmäßigen Noten von der 4. Grundschule in die 5. Gymnasium wechselte, war mein Ziel das Abitur. Aber es kam anders: Ich lavierte von Anfang an, in der 7. Klasse musste ich auf eine Realschule wechseln, dort wiederholte ich die 9. und verließ sie schließlich mit einer mittelmäßigen „Mittleren Reife“. Über die Gründe für dieses Schulversagen kann man spekulieren – im Nachhinein halte ich sie für unwesentlich.

Inzwischen bin ich promovierter und habilitierter Universitätsprofessor, habe aber immer noch kein allgemeines Abitur. Ausgangspunkt war meine Ausbildung als Technischer Zeichner im Maschinenbau. Dann folgten Fachoberschule und Berufsoberschule. Mit einem Fachabitur habe ich an der TU München studiert, mit einem Hochschulabschluss des beruflichen Bildungswegs. Nicht das Gymnasium, sondern meine Berufsausbildung war somit der Grundstein zu meinem gesamten beruflichen Werdegang. Sie war – in einer Metapher gesprochen – der Schlüssel, der in mein Schloss passte. Inzwischen weiß ich, dass das kein Einzelfall ist. Gegenteilig kommen immer mehr Menschen in hervorragende Berufe, die nicht den typischen Gymnasialweg gegangen sind. Trotzdem sind es immer noch zu wenige, daher will ich hier ein wenig klarstellen …

Blickt man aus der Allgemeinbildung auf die berufliche Bildung, verläuft das bei vielen Menschen wie der Blick nach unten, aus einer vertrauten Umgebung in eine fremde und diffuse Welt. Befremdung erzeugt Ängste, Ablehnung, Distanz und Vermeidung. Menschen aus den Gymnasien – Lehrpersonen wie Schülerschaft – fokussieren als Folgeschritt nach der Schule die Hochschule, denn so bleibt man weiter auf dem „Königsweg“. Zudem sind Hochschulen dem deutlich ähnlicher, was man langjährig kennt. Es sind Orte der Bildung, nicht der Arbeit, geprägt von Lernenden und Lehrenden, nicht von Einkauf, Produktion, Logistik und Verkauf.

Der Wunsch vieler Eltern nach Abitur und Studium ist ungebrochen, was – im Rückblick auf die letzten Jahrzehnte – nicht unberechtigt ist

Der Weg zum Abitur ist somit für leistungsstarke Schüler ein Routineakt im Dreiklang Schule – Uni – akademischer Beruf. Für schwächere Schüler verläuft er eher wie ein Balanceakt auf dünnem Seil über dem Abgrund der Berufsausbildung. Wohlwollende Lehrer geben alles, damit möglichst wenige dorthin „abstürzen“. Geht man im Bildungs-Gebäude ein Stockwerk tiefer, also in Haupt- oder Realschulen (oder deren strukturelle Pendants) sieht es leider ähnlich aus. Diejenigen, die gute Leistungen erbringen, versuchen möglichst in einer Folgeschule die Hochschulreife zu erwerben, also auch die „fremde unangenehme“ Welt der Wirtschaft zu vermeiden. Selbst Schülerinnen und Schüler, die hier kaum die Abschlüsse schaffen, suchen tendenziell nach Schulformen, in denen sie zunächst unterkommen können, oder nach außerschulischen Maßnahmen mit diffusen Entwicklungsperspektiven.

Die individuellen und gesellschaftlichen Folgen sind fatal: Menschen mit praktischen Kompetenzen verirren sich in die Theorie, studieren Dinge, die nicht zu ihnen passen bzw. sie überfordern, Studiengänge werden abgebrochen oder mehrfach gewechselt. Genau diese Menschen fehlen in der Wirtschaft, die aktuell aufgrund des Fachkräftemangels Wachstumseinbußen hinnehmen muss.

Der Wunsch vieler Eltern nach Abitur und Studium ist ungebrochen, was – im Rückblick auf die letzten Jahrzehnte – nicht unberechtigt ist. Wer studiert hat, verdiente bislang mehr Geld, war beruflich sicherer und flexibler, hatte anspruchsvollere Aufgaben und bessere Aufstiegschancen. Zudem hatten und haben nicht-akademische Berufe ein geringeres gesellschaftliches Ansehen, die damit zusammenhängende Ausbildung wurde und wird als gleichermaßen anstrengend und unattraktiv eingeschätzt. Bildungssegregation ist hier ursächlich, also die ungleiche Verteilung von Schülerinnen bzw. Schülern auf verschiedene Schulen, Schulformen oder Lernumgebungen nach sozialen, ethnischen oder ökonomischen Kriterien. Intelligenz, Begabung oder Neigung sind nur zu einem geringen Anteil entscheidend, welcher Bildungsweg eingeschlagen wird, so entsteht von Anfang an eine Diskrepanz zwischen dem, wie sich ein Mensch beruflich entwickeln könnte und wie er sich konkret entwickelt.

Diese Problematik ist seit Längerem bekannt, wird jedoch politisch ausgesessen, da leider niemand bereit ist, die 2-Klassen-Gesellschaft unserer Berufs-Kasten konsequent aufzulösen.

Verschiedene aktuelle Entwicklungen geben nun Anlass, sich hier – unabhängig von den alten Mustern – neu zu orientieren, nicht zuletzt die fortschreitende Digitalisierung und in deren Zentrum die Implementierung von KI in allen Bereichen unserer Wirtschaft, mit der sicheren Prognose, dass im kommenden Jahrzehnt viele Tätigkeiten, vor allem in akademischen Berufen nicht mehr von Menschen erbracht werden müssen. Sie fallen weg und mit ihnen Arbeitsplätze, was im Bereich von Handwerk, Humandienstleistungen, Nahrung und Gastronomie aber auch vielen Assistenzberufen kaum absehbar ist.

Unser Gastautor: Prof. Dr. Ralf Tenberg. Illustration: News4teachers

Kurzum: die Kombination aus „klugem Verstand und geschickter Hand“ ist aktuell deutlich zukunftsfähiger als die akademische Kompetenz, deren Performanz in den letzten Jahren anteilig immer stärker mit Maus, Monitor und Tastatur umgesetzt wird. Das zeigt z. B. die aktuelle weltweite Entlassungswelle bei Programmierern, die man vor ein paar Jahren noch mit höchsten Gehältern sogar aus anderen Staaten gelockt hat. Programmieren kann die KI besser, schneller und vor allem billiger.

Ähnlich sieht es in den Verwaltungen aus: SAP verstehen und bedienen kann die KI besser als der Mensch, so läuft es mit Lagersystemen oder auch routinemäßigen Marketingprozessen etc. In der Medizin diagnostiziert KI um ein Vielfaches besser und schneller als Menschen, vor allem in bildgebenden Szenarien. Egal ob komplexe Marktanalysen oder differenziere juristische Fallanalysen – auch hier ist die KI nicht nur besser, sondern auch schneller und billiger als der Mensch. Natürlich wird hier niemand unmittelbar „abgeschafft“ und natürlich wird hier KI zunächst als Werkzeug eingesetzt, ohne gleich Menschen unmittelbar zu ersetzen. Trotzdem werden summarisch weniger Expert:innen benötigt. Wie das in 2, 3 oder 5 Jahren aussieht, kann niemand genau sagen.

Zeit also, sich mit beruflichen Optionen auseinanderzusetzen, die hier deutlich mehr Stabilität und Sicherheit bieten und zudem möglicherweise viel besser zu einem eher praktisch veranlagten jungen Menschen passen als ein Studium. Dazu will ich die sechs verbreitetsten Stereotype über die Berufsausbildung bzw. Ausbildungsberufe genauer ansehen und klären, was daran stimmt und was nicht.

Hier geht es zu Teil zwei des Beitrags.

 

 

 

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Gelbe Tulpe
1 Monat zuvor

Derzeit werden viele Azubis, die 2025 mit ihrer Ausbildung fertig wurden, nicht von ihrem Ausbildungsbetrieb übernommen. Das trifft in meinem ehemaligen Schülerkreis viele aus dem Bereich Industrie und öffentliche Verwaltung. Da wird schon überlegt, studieren zu gehen.

ed840
1 Monat zuvor
Antwortet  Gelbe Tulpe

Und dann darauf hoffen, dass sie nicht zu den ca. 30% Studienabbrechern gehören und die Lage sich bis zum Abschluss wieder bessert?

Akademiker ohne Job : Jung, studiert, arbeitssuchend”sud

Gelbe Tulpe
1 Monat zuvor
Antwortet  ed840

Oder bevorzugt als Absolventen eingestellt zu werden, da sie bereits Berufserfahrung haben.

DienstnachVorschrift
1 Monat zuvor
Antwortet  Gelbe Tulpe

Naja, wenn man einigermaßen mobil ist und flexibel im Bereich, dann findet man schon etwas. Als abgeschlossener Industriekaufmann gibt es viele Bereiche, in denen man tätig sein kann. Vertrieb und Rechnungswesen wird hier deutlich mehr gesucht. Und auch als Verwaltungsfachangestellter gibt es viele Einsatzbereiche. Da gibt es deutlich schlechtere Ausbildungsberufe.

unfassbar
1 Monat zuvor

Verwaltung wird in Zukunft durch KI ersetzt. Auch das mittlere Management könnte der KI zum Opfer fallen.

DienstnachVorschrift
1 Monat zuvor
Antwortet  unfassbar

Ja, natürlich fallen Stellen weg, aber trotzdem wird immer noch gesucht. Es gehen nunmal auch viele jetzt in den Ruhestand. Und bislang ist es nicht so, dass es generell einen krassen Kahlschlag in dem Bereich gibt. Das wird, wenn überhaupt, noch Jahre dauern. Dafür arbeiten die Verwaltungen noch zu ineffizient.

Gelbe Tulpe
1 Monat zuvor

Momentan ist es halt so, dass eine Person die Arbeit von zwei machen soll. Bei unserer Gemeinde wurden die Öffnungszeiten eingeschränkt. Und die Industrie verlagert gerade viel ins Ausland, somit braucht man auch weniger Kaufleute und Facharbeiter.

TaMu
1 Monat zuvor
Antwortet  Gelbe Tulpe

Ist das nicht normal? Wie soll beispielsweise eine Anwaltskanzlei sämtliche von ihr ausgebildeten Rechtsanwaltsfachangestellten übernehmen?
Die Ausbildung ist die Voraussetzung für Bewerbungen überall dorthin, wo die entsprechenden Kenntnisse und Fähigkeiten benötigt werden. Es ist eine Chance, sich auf die erste Stelle nach der Ausbildung zu bewerben, dort noch mehr zu lernen und sich möglicherweise immer weiter nach oben, auch finanziell gesehen, zu entwickeln.

Biene
1 Monat zuvor
Antwortet  Gelbe Tulpe

Vorteil für Ihre Ehemaligen: Sie wissen wir der Hase im “echten Leben” läuft, können evtl. als studentische Kräfte in diesen Betrieben oder ähnlichen weiter arbeiten und haben evtl. sogar noch einen Haufen Praktika gespart.

Hauke Haien
1 Monat zuvor

Meiner Erfahrung nach quälen sich gute Gesamtschüler zum Abitur, weil sie keinen Ausbildungsplatz bekommen, trotz unzähliger Bewerbungen seit der 9. Klasse.

Gelbe Tulpe
1 Monat zuvor
Antwortet  Hauke Haien

Richtig. Das trifft auf viele Schüler von Fachoberschülern, beruflichen Gymnasien und Berufsfachschülern zu.

DienstnachVorschrift
1 Monat zuvor
Antwortet  Hauke Haien

Dann sollen sie besser die Fachhochschulreife machen und sich nach der Klasse 11 bewerben. Erfahrungsgemäß steigen da die Chancen, beispielsweise wenn der Schüler auf die Fachoberschule Wirtschaft und Verwaltung wechselt, gleichzeitig das verpflichtende Praktikum macht und sich dann bewirbt.

Andreas
1 Monat zuvor
Antwortet  Hauke Haien

Das kann ich nicht nachvollziehen. Bei uns bekommt jeder, wirklich jeder Schüler, der mindestens eine 2 vor dem Komma stehen hat und den 10. Klasseabschluss besteht einen, wenn nicht mehrere Ausbildungsplätze offeriert. Natürlich nicht in dem Wunschbetrieb 300m weit vom Kinderzimmer enternt, aber immehin.

ed840
1 Monat zuvor
Antwortet  Andreas

Nach meinen Informationen schwanken die Quoten der Jugendarbeitslosigkeit zwischen den Bundesländern von 3,4% bis 9,3%.
Auch zwischen Bezirken und Landkreisen scheint es z.T. signifikante Unterschiede zu geben.

Sporack
1 Monat zuvor
Antwortet  Andreas

und was ist mit den 3,x ?

ed840
1 Monat zuvor

Es gibt Bundesländer, in denen ca. 40% der Studienberechtigungen über berufliche Schulen erworben werden.

Wenn meine Informationen stimmen, gibt es auch Bundesländer in denen ein großer Teil der Schüler*innen mit SPF und/oder Migrationshintergrund , die z.B. an einer Gemeinschaftsschule den ESA nicht schaffen, dann aber in einem einjährigen Programm mit 2 Wochentagen Unterricht an der Berufsschule + 3 Wochentagen Betriebspraktikum in der Lage sind den ESA zu erwerben.

GBS-Mensch
1 Monat zuvor
Antwortet  ed840

(Irgend-)Ein Abschluss ist nicht gleichbedeutend mit einer Lehrstelle. Das Berufsbildungsgesetz schreibt auch keinen Abschluss als notwendige Grundlage für eine Berufsausbildung vor.
Man kann/könnte durchaus auch ohne Schulabschluss eine Berufsausbildung aufnehmen bzw. können Ausbildungsbetriebe auch Auszubildende ohne Schulabschluss eine Ausbildungsstelle anbieten.

Eine abgeschlossene Berufsausbildung ist in den Referenz- und Äquivalenzrahmen mit einem MSA gleichgestellt.

Das sind alles rein formalistische Betrachtungen.

ed840
1 Monat zuvor
Antwortet  GBS-Mensch

Eine abgeschlossene Berufsausbildung ist in den Referenz- und Äquivalenzrahmen mit einem MSA gleichgestellt.”

Wo soll das so sein?

Nach DQR/ EQR wäre MSA Stufe 3, eine abgeschlossene Duale Ausbildung ab 3 Jahren Dauer wäre Stufe 4.

Rüdiger Vehrenkamp
1 Monat zuvor

Ein schönes Statement, dass durch einige Reformpädagogen leider fehlgeleitet wird, die am liebsten alle Schülerinnen und Schüler, ob geeignet oder nicht, auf dem Gymnasium sehen würden. Die Realschule in Baden-Württemberg wurde zudem durch Reformen der letzten Jahre in ihrer Wertigkeit zu Gunsten der Gemeinschaftsschulen herabgestuft.

Die Herabwürdigung einer guten Berufsausbildung ist Teil dieser Diskussionen über das Bildungssystem. Bildungswissenschaftler deuten durch ihre Einlassungen seit Jahren an, dass offensichtlich nur jene Kinder eine gute Bildung genossen haben, die das Gymnasium besucht haben. Mit anderen Worten: Die Vorurteile über die Ausbildung ist zu großen Teilen auch hausgemacht. Das kommt so auch bei den Eltern an, die gar nicht mehr groß in Erwägung ziehen, ihr Kind bis Klasse 10 erst einmal an einer Realschule lernen zu lassen. In den 90ern gab es unausgesprochen noch eine klare Aufteilung der Schularten und Abschlüsse: Wer ins Handwerk wollte, besuchte in der Regel eine Hauptschule. Leute, die eine Ausbildung im kaufmännischen Bereich oder eine weiterführende Schule anstrebten, besuchten die Realschule. Und wer die nötigen Leistungen erbrachte und eventuell schon früh die Vorstellung hatte, Arzt, Architekt oder Anwalt zu werden, ging auf ein Gymnasium. Ja, mir ist bewusst, dass das eine etwas verzerrte Realität ist, doch mit Blick in meinen Freundes- und Bekanntkreis ergeben sich doch einige Treffer auf diese Zuordnung.

In den letzten Jahren jedoch wurde es immer mehr zum Trend, nur das Abitur als einzig guten Abschluss wahrzunehmen, die verbindliche Grundschulempfehlung wurde in BW dann unter grün-rot abgeschafft und – Zack – stiegen die Anmeldezahlen am Gymnasium, weil kein Elternteil mehr wollte, dass der Spross “zu den Assis” auf die Schule geht.

Ich würde mir also wünschen, dass nicht nur die Ausbildung wieder als gewinnbringend wahrgenommen und dargestellt wird, sondern auch die Haupt- und Realschulabschlüsse.

Rüdiger Vehrenkamp
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

siehe die Antwort von ed840

Ansonsten muss ich mich tatsächlich korrigieren: Reformpädagogen wollen ja alle Schularten abschaffen und alle Schüler an derselben Schulart sehen. Im Subtext dieser Leute und der Politik ist aber immer herauszulesen, dass unser Bildungssystem nur dann erfolgreich ist, wenn möglichst viele Schüler das Abitur als Abschluss vorweisen können.

Nennen Sie mir gerne ein paar Menschen aus Wissenschaft und/oder Politik, die sich für einen Realschul- oder Hauptschulabschluss stark machen.

ed840
1 Monat zuvor
Gelbe Tulpe
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Meine Lehrerausbilder, reformpädagogisch orientiert, waren tatsächlich der Meinung, jeder könne Abitur machen.

Unverzagte
1 Monat zuvor
Antwortet  Gelbe Tulpe

Es gab einige Reformpädagog*innen, die nicht alle in einen Topf gehören. Differenzierung schadet auch hier nicht.

ed840
1 Monat zuvor

In der Tat wird in den meisten Studien der Begriff Bildungsgerechtigkeit nur an den Übertrittsquoten auf ein Gymnasium oder Abiturquoten an allgemeinbildenden Schulen gemessen.

Die Quote junger Menschen, die ohne Schulabschluss, ohne Berufsausbildung oder abgeschlossenes Studium bleiben, spielt beim Thema Bildungsgerechtigkeit i.d.R. keine Rolle.

ed840
1 Monat zuvor
Antwortet  ed840

Zum Beispiel wurden in einer Studie die beiden Bundesländer als besonders ungerecht eingestuft, in denen die Quote junger Menschen ohne Studienabschluss oder Berufsausbildung bundesweit am niedrigsten war, in denen Schüler*innen mit Migrationshintergrund bei IQB-2022-Deutsch die höchsten Durchschnittspunktzahlen erzielten und der Abstand zu den Schüler*innen ohne Migrationshintergrund am niedrigsten war.

Als besonders gerecht wurde dann ein Bundesland eingestuft, in dem die Quote ohne Studium/Berufsausbildung besonders hoch war, die Deutschleistungen der Schüler*innen mit Migrationshintergrund besonders niedrig und der Abstand zu den Schüler*innen ohne Migrationshintergrund besonders hoch.

Dafür waren dort die Übertrittsquoten aufs Gymnasium hoch und das war in der Studie das einzige Kriterium, was zählte .

Feirefiz
1 Monat zuvor

Viele meiner Schüler bewerben sich nicht für Ausbildungen, weil sie nicht den ganzen Tag arbeiten möchten. Schule und Studium bedeutet für sie, viel Freizeit zu haben. Auch haben viele Angst davor, die Schule als sicheren Ort zu verlassen: hier kennt man sich aus, weiß, wie es läuft. Den Schritt in die Erwachsenenwelt trauen sich viele, auch mit 20 Jahren, nicht zu.
Hinzukommt, dass in vielen Familien mit Migrationshintergrund nur das Studium zählt: die duale Ausbildung ist in vielen Ländern nicht bekannt, der türkischen Oma kann man kaum erklären, warum der Enkel nicht wie alle Enkel in der Türkei studiert.
Oft stimmt auch die Passung nicht: da träumen Schüler von Ausbildungen wie Immobilienkauffrau oder Bankkauffrau, die grundlegend Schwierigkeiten mit dem Rechnen und Schreiben haben, aber adäquate Jobs wie Büromanagement oder Einzelhandel kommen nicht in Frage.

Karlsruhe
1 Monat zuvor
Antwortet  Feirefiz

Schule und Studium bedeutet für sie, viel Freizeit zu haben. Auch haben viele Angst davor, die Schule als sicheren Ort zu verlassen: hier kennt man sich aus, weiß, wie es läuft. Den Schritt in die Erwachsenenwelt trauen sich viele, auch mit 20 Jahren, nicht zu.
Daher werden viele Lehrer. Und leider oft nicht diejenigen, die am besten geeignet sind. Und leider wird man die auch nicht mehr los.

Mika
1 Monat zuvor
Antwortet  Karlsruhe

„ Daher werden viele Lehrer.“

Sicher. Nur: wo lehren die denn? In der allgemeinbildenden Schule kann’s nicht sein, sonst gäbe es nicht diesen eklatanten Lehrermangel.

Maja
1 Monat zuvor

Hier bei news4teachers wurde in den vergangenen Jahren auch immer wieder die Behauptung aufgestellt, dass Abitur und Studium das A und O seien für einen aussichtsreichen Berufsweg und dass viele junge Menschen durch ein ärmeres Elternhaus keine Bildungsgerechtigkeit erführen, weil sie in geringerer Anzahl Abitur machten und Akademiker würden als andere.
Endlich sagt mal jemand, dass es Zeit ist, “sich mit beruflichen Optionen auseinanderzusetzen, die deutlich mehr Stabilität und Sicherheit bieten und zudem möglicherweise viel besser zu einem eher praktisch veranlagten jungen Menschen passen als ein Studium”.
Es ist überfällig, dass praktische Intelligenz und Veranlagung nicht länger gering geschätzt werden. Forderungen nach mehr Bildungsgerechtigkeit durch mehr Abitur und Studium enthalten nicht selten eine gewisse Verachtung anderer Schulabschlüsse und nicht-akademischer Berufswege. Zudem wird auch auf junge Menschen herabgeguckt, denen praktisches Tun und Lernen näher liegt und mehr Freude macht als theoretische Gedankengänge.

Lucsch
1 Monat zuvor

Entschuldigung, aber wen wollen Sie mit diesem Artikel täuschen? Als ausgebildeter Bauingenieur verdient man sofort doppelt so viel wie z. B. ein Bauarbeiter. Die Arbeitsbedingungen eines Bauingenieurs sind außerdem nicht mit denen eines Bauarbeiters zu vergleichen. . Das Gleiche gilt für Ärzte, Pharmazeuten usw. Im Vergleich zu Krankenschwestern, Pharmaassistentinnen usw. Und glauben Sie mir bitte: Für Eltern, die ihrem Kind eine akademische Ausbildung ermöglichen wollen, bedeutet es eine enorm intensive Aufgabe – sowohl finanziell als auch zeitlich. Es ist eine Minderheit von Eltern, die bereit ist, 10 bis 15 Jahre lang die Lebensumstände, Nachhilfestunden usw. ihres Kindes zu finanzieren. Es kostet Eltern viel Geld, Zeit und Kraft; sie müssen dann auf vieles selbst verzichten. Solche Eltern sollte man loben und ihnen Dankbarkeit aussprechen, dass sie bereit sind, jahrelang vieles zu opfern, damit in diesem Land mehr Ärzte, Apotheker und Ingenieure ausgebildet werden.

TschinavonMauzen
1 Monat zuvor
Antwortet  Lucsch

Es braucht aber eben auch Handwerker, Bauarbeiter, Gesundheits- und Krankenpfleger/innen und und und…alle, die eben, die man während der Corona -Zeit so eifrig beklatscht hat und die, weil systemrelevant ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt haben, damit der Laden läuft. Es geht darum, die Berufe gesellschaftlich aufzuwerten und anzuerkennen. Nicht immer ist viel Geld verdienen ein Zeichen von Glück oder Erfolg. Eher sollte jeder mit seinem Job, genug verdienen um gut durchs Leben zu kommen. Sonst muss der Architekt irgendwann selbst das Haus und die Ärztin Medikamente verteilen und pflegen.

the Dude
1 Monat zuvor
Antwortet  TschinavonMauzen

Right! Wobei ich das mit dem Geldverdienen in Frage stelle. Mit Meisterbrief, der entsprechenden Qualifikation und Durchhaltevermögen kann man als Handwerks(!)meister mit eigenem Betrieb durchaus sehr gut Geld verdienen. Dazu kommt die Möglichkeit viel selbst zu machen. Eine KI repariert nun mal kein leckes Dach oder installiert eine Wärmepumpe. OK, mit angestrebter 4 Tage Woche ist das schwerlich vereinbar

Sporack
1 Monat zuvor
Antwortet  the Dude

Nun ist aber auch nicht jeder mit handwerklichem Geschick gesegnet.

ed840
1 Monat zuvor
Antwortet  Lucsch

Als ausgebildeter Bauingenieur verdient man sofort doppelt so viel wie z. B. ein Bauarbeiter. 

Wen glauben Sie denn mit dieser Behauptung täuschen zu können?

Versuchen Sie mal diese Behauptung mit konkreten Zahlen zu belegen.

Also durchschnittliches Einstiegsgehalt eines Bachelorabsolventen Bauingenieur im Vergleich zur tariflichen Vergütung eines ausgebildeten Facharbeiters, der bis zu diesem Alter schon mehrere Jahre Berufserfahrung aufweist und dann noch mal mit der Vergütung eines Facharbeiter, der sich bis dahin schon zum Polier weiterqualifiziert hat.

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  ed840

Ein Polier ist besser bezahlt als ein junger Bauigel. Der Bachelor-Ing hat weniger als ein gelernter Baufacharbeiter mit Zuschläge.

Mika
1 Monat zuvor
Antwortet  Lucsch

Na dann rechnen wir mal nach:
Was genau meinen Sie mit „Bauarbeiter“? Hilfsarbeiter, also eine Anlerntätigkeit? Oder gehen Sie von jemandem aus, der eine Ausbildung beispielsweise zum Maurer gemacht hat?
Nehmen wir letzteren:

Derjenige geht nach der zehnten Klasse ab und macht eine dreijährige Ausbildung, in welcher er eine monatliche Ausbildungsvergütung von 1080€ (1. Lehrjahr), 1350€ (2. Lehrjahr) und 1610€ (3. Lehrjahr) erhält. Das Einstiegsgehalt beträgt zwischen 2700€ und 3200€.
Quelle: https://www.ausbildung.de/berufe/maurer/gehalt/

Der zukünftige Ingenieur macht in dieser Zeit sein Abitur (2 Jahre) und anschließend sein Studium (Bachelor: 7 Semester). In den 5,5 Jahren, bis der Ingenieur beginnt zu arbeiten (falls er sein Studium in der Regelstudienzeit schafft), hat unser Maurer bereits 137.300€ (48.800€ Ausbildungsvergütung + 88.500€ in den 2,5 Jahren danach bei einem Durchschnittsgehalt von 2950€ monatlich) verdient.

Berufseinsteiger im Bauingenieurwesen mit Bachelor haben ein durchschnittliches Monatseinkommen von 3860€.
Quelle: https://www.absolventa.de/jobs/channel/ingenieure/thema/gehalt

Dem gegenüber steht der Maurer, der mit nunmehr 2,5 Jahren Erfahrung an der oberen Grenze des Einstiegsgehaltes oder darüber liegt. Beziehen Sie jetzt den Gehalts(und Rentenbeitrags)vorsprung des Maurers ein, bezweifle ich stark, dass der Ingenieur hier den besseren Schnitt macht.
Von „doppelt so viel“ kann also überhaupt keine Rede sein.

Mit freundlichen Grüßen,
Mika

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  Mika

Die Rechnung haben wir schon in 80ern auf der Grundlage von “Laufsteigern” zu Bergbauingenieuren angestellt.
Sah erst gut aus, wenn die Ings in sehr kurzer Zeit in den oberen Führungskräfte als AT-Angestellte aufgestiegen sind und nicht ewig als Fahrsteiger arbeiten mussten. Letzteres war die Regel aufgrund der vielen Zechenschließungen bzw. Betriebszusammenlegungen. Sah bei den Hüttenleuten aber auch nicht anders aus.

Sporack
1 Monat zuvor
Antwortet  Lucsch

“sie [=Die Eltern] müssen dann auf vieles selbst verzichten.”
Ja, so sollten es Eltern machen.
Eltern sollten Vorbild sein, auch in der Darstellung von Verzicht.
Eltern sollten Vorbild sein, auch Vorleben von Toleranz.
Eltern sollten Vorbild sein, auch durch klare Rahmengebung.

==============
“damit in diesem Land mehr Ärzte, Apotheker und Ingenieure ausgebildet werden.”
Wenn nur noch “Häuptlinge” und Richtungsgebende ausgebildet sein sollten, dann muss sich aber deren Berufsbild zur praktischen Durchführung ergänzen.
Dann muss der Planer nicht nur Planen, der Einkäufer nicht nur einkaufen, sondern auch den Plan umsetzen und die Geräte verwenden.

Vielleicht ist die Spezialisierung vieler Berufe genau deren technologischer Todesstoß.

Ingo
15 Stunden zuvor

Vielleicht sollte der Artikel an die Unternehmen gerichtet werden, die über fehlende Azubis jammern, aber zugleich Bewerber aussortieren, weil sie kein Abitur oder sogar keinen Abschluss haben. Viele würden gerne eine Ausbildung machen, aber man läßt sie nicht.
Es gibt Vorurteile über die Berufsausbildung? Es gibt auch Vorurteile über Bewerber, wenn sie kein Abitur haben. Vielleicht sollten die Unternehmen erstmal ihre Vorurteile ablegen, anstatt Krokodilstränen zu vergießen. Und nicht vergessen, dass in der Corona-Krise viele Schüler zurückgeblieben sind und jetzt die Folgen (und Vorurteile über sie) ausbaden dürfen, während die Unternehmen von staatlichen Hilfen gerettet wurden.