BAD BELZIG. Mit der Geschwister-Scholl-Grundschule im Brandenburgischen Bad Belzig ist die 5000. Schule in das bundesweite Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ aufgenommen worden. Die Zahl ist eindrucksvoll. Allerdings wirft sie die Frage auf, wie viel Substanz in dem Label steckt. Kritiker meinen: Nicht viel.

Darf eine „Schule ohne Rassismus“ die AfD vor Schülerinnen und Schülern für die von ihr vertretene „Remigration“ werben lassen – ein von völkischen Rechtsextremen geprägter, zynischer Begriff, der für Vertreibung steht und Kinder mit Migrationshintergrund in Angst und Schrecken versetzt?
Die Frage ist nicht neu. Im vergangenen September wurde sie bundesweit diskutiert – ausgelöst durch eine Podiumsdiskussion am Helmholtz-Gymnasium in Bielefeld. Die Schule gehört dem Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ an. Dennoch wurde dort ein AfD-Kandidat zu einer Diskussionsrunde anlässlich der NRW-Kommunalwahl eingeladen, neben Vertreterinnen und Vertretern anderer Parteien.
Vor der Schule versammelten sich Demonstrierende. In einem offenen Brief erklärten Schüler- und Lehrergruppen: „Eine Schule, die Teil des Netzwerks ‚Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage‘ ist, darf Rassisten keine Bühne bieten.“ Die Schulleitung verwies auf das Gebot politischer Neutralität. Man lade zu Wahlen Vertreter aller im Rat vertretenen Parteien ein – eben auch die AfD.
„Schulen haben einen demokratischen Bildungsauftrag. Sie sind nicht verpflichtet, antidemokratischen Kräften eine Bühne zu bieten“
Die Bundeskoordination des Netzwerks bezog damals eindeutig Stellung: „Schulen haben einen demokratischen Bildungsauftrag. Sie sind nicht verpflichtet, antidemokratischen Kräften eine Bühne zu bieten.“ Die AfD sei nicht irgendeine Partei, sondern werde vom Verfassungsschutz als rechtsextrem beobachtet. Wer sie einlade, normalisiere ihre Positionen.
Die Diskussion berührte einen Grundkonflikt, der das Netzwerk seit Jahren begleitet: Ist das Schild an der Fassade Ausdruck einer klaren, auch streitbaren Haltung – oder nur ein Lippenbekenntnis ohne Konsequenzen?
Vor diesem Hintergrund erhält ein Termin in Brandenburg besondere Aufmerksamkeit. Heute wurde die Grundschule „Geschwister Scholl“ im brandenburgischen Bad Belzig als 5000. Schule offiziell in das Courage-Netzwerk aufgenommen. Zur Urkundenübergabe war die gesamte Schulgemeinschaft eingeladen. Anwesend waren neben Vertreterinnen und Vertretern der Bundeskoordination auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke, Landesbildungsminister Steffen Freiberg, Landtagsabgeordnete, der Landrat und der Bürgermeister der Stadt.
Woidke würdigte das Netzwerk ausdrücklich. „Schulen sind zentrale Orte, an denen Kinder und Jugendliche lernen, für ein friedliches Miteinander einzustehen, Verantwortung zu übernehmen und sich klar gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit zu stellen. Wer Ausgrenzung entgegentritt und Vielfalt verteidigt, schützt die Grundlagen unserer Demokratie. Mein Dank gilt deshalb den Schülerinnen und Schülern, der gesamten Schulgemeinschaft und dem Netzwerk für ihr klares und entschlossenes Engagement“, sagte der Ministerpräsident.
Er schenkte der Schule eine „Bank ohne Rassismus“, eine Holzbank mit verkürzter Sitzfläche und der Prägung „Kein Platz für Rassismus“. Das Symbol ist bewusst gewählt: Wer ausgrenzt, schafft keinen Raum.
Bildungsminister Steffen Freiberg ordnete die Aufnahme politisch ein. „Die Geschwister-Scholl-Grundschule stellt ganz bewusst Werte wie Toleranz und ein friedliches Miteinander in den Mittelpunkt ihrer Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern. Das ist wichtig in einer Zeit, in der Rassismus, Antisemitismus und Extremismus vor allem von rechts unsere Demokratie schwächen wollen. Wer queere Menschen oder People of Color angreift, der greift unsere gesamte demokratische Gesellschaft an. Unsere Antwort ist: Mitbestimmung, Solidarität und Vielfalt. Hier setzt das Netzwerk ‚Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage‘ an.“
Das Datum der Aufnahme war nicht zufällig gewählt. Einen Tag zuvor jährte sich die Hinrichtung von Hans und Sophie Scholl durch die Nationalsozialisten. Die Schule trägt ihren Namen. Die Schülerinnen und Schüler gestalteten das Programm selbst, mit Musik, Redebeiträgen und einem Theaterstück. Am Ende legten sie weiße Rosen am Gedenkstein nieder.
Das Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ist mittlerweile über 30 Jahre alt. Zu den Initiatoren gehörten der Grünen-Politiker Cem Özdemir, der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, und der Musiker Smudo. Das Netzwerk entstand als Reaktion auf rassistische Gewalt in den 1990er-Jahren. Seit 2000 verbindet es die Selbstverpflichtung gegen Rassismus ausdrücklich mit einem erweiterten Anspruch auf Demokratiebildung, Gleichwertigkeit, Respekt und Zivilcourage.
Nach Angaben der Träger engagieren sich mittlerweile rund drei Millionen Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte. Auch in Brandenburg: 119 Schulen im Land sind inzwischen Mitglied. Unterstützt werden die Einrichtungen bundesweit von hunderten Mitarbeitenden in 130 Koordinierungsstellen, in Brandenburg durch die Regionalen Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie. Voraussetzung für die Aufnahme ist eine Selbstverpflichtung, der mindestens 70 Prozent der Schulgemeinschaft zustimmen müssen. Jede Schule verpflichtet sich, Diskriminierung nicht hinzunehmen und regelmäßig Projekte zu entsprechenden Themen durchzuführen. Erst dann wird das Schild verliehen.
Sanem Kleff, Vorstandsvorsitzende von Aktion Courage e. V., betonte mit Blick auf das Jubiläum: „Demokratiebildung kann nicht früh genug anfangen. Niemand ist zu jung, um sich mit Themen wie Vielfalt, Respekt und Kinderrechten zu befassen und sich aktiv an der Gestaltung der Schulkultur zu beteiligen. Es ist wichtig, dass Demokratie bereits von der ersten Klasse an gelernt und gelebt wird. Deshalb freut es mich besonders, dass unsere 5000. Schule eine Grundschule ist.“
Gleichzeitig steht das Netzwerk seit Jahren unter politischem Druck. Eine 2021 veröffentlichte Studie der Fachhochschule Dortmund im Auftrag von Aktion Courage kam zu dem Ergebnis, dass Courage-Schulen verstärkt von rechtspopulistischen Akteuren attackiert werden. Der Politikwissenschaftler Dierk Borstel beschrieb eine Doppelstrategie: Schulen würden als „links indoktriniert“ dargestellt, zugleich werde versucht, ihre Finanzierung infrage zu stellen. Sanem Kleff berichtete damals: „Es werden Schilder mit Hakenkreuzen besprüht, Schülerinnen und Schüler aus Aktiven-Gruppen auf dem Heimweg bedroht und in Parlamenten wird beantragt, die Finanzierung unserer Arbeit einzustellen.“
„Das Label verhöhnt regelmäßig all die Schülerinnen und Schüler, die nach wie vor Diskriminierungen ausgesetzt sind“
Allerdings gibt es auch aus progressiven Kreisen Kritik. Die Autorin und Aktivistin Noah Sow schrieb 2015 in einem offenen Brief: „Das Label verhöhnt regelmäßig all die Schülerinnen und Schüler, die nach wie vor Diskriminierungen ausgesetzt sind.“ Ein Schild an der Tür ändere nichts an strukturellen Problemen. Kleff entgegnete darauf: „Ist die Aufnahme in das Netzwerk ein Gütesiegel? Nein, sie ist das klare Signal: Wir machen uns auf den Weg zu einer rassismussensiblen Schulkultur.“ Und weiter: „Eine Schule ohne Rassismus entsteht nicht durch ein Schild. Sie muss immer wieder aufs Neue und mühsam erarbeitet werden.“
Die Grundsatzfrage bleibt damit bestehen: Ist das Versprechen „Schule ohne Rassismus“ in erster Linie nur ein pädagogischer Auftrag nach innen – oder setzt es auch nach außen klare politische Grenzen, nicht zuletzt zum Schutz der eigenen (migrantischen) Schülerschaft? Im September entschied sich das Helmholtz-Gymnasium in Bielefeld trotz der Stellungnahme der Bundeskoordination für die Einladung des AfD-Vertreters. Die Podiumsdiskussion fand statt. Das Schild „Schule ohne Rassismus“ blieb hängen. News4teachers
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Es ist gewiss als Soll-Zustand zu verstehen und weniger als Ist-Zustand.
Meine Schule ist eine Schule mit Courage und gegen Rassismus. Ich war vor und nach der Verleihung des Labels dort. Geändert hat sich bezogen auf die Anzahl Disziplinarkonferenzen aufgrund als rassistisch wertbarer Äußerungen wenig bis nichts, sprich vorher kaum vorhanden, hinterher auch nicht.