BONN. Kompetenzen oder Wissen – was zählt wirklich? In der Bildungsdebatte wird diese Frage seit Jahren kontrovers diskutiert. Myrle Dziak-Mahler hält das Entweder-oder für überholt. Wissen bleibe unverzichtbar, sagt sie – aber Unterricht müsse sich daran orientieren, dass Wissen heute dynamisch ist und sich ständig verändert. Im zweiten Teil des Interviews erklärt die Bildungsexpertin und frühere Lehrerin, warum Lehrkräfte ihre Rolle neu definieren sollten, wie selbstgesteuertes Lernen konkret aussehen kann, welche Chancen Digitalisierung bietet – und warum es ohne einen kulturellen Wandel in Schule nicht gehen wird.
Hier geht es zurück zum ersten Teil des Interviews.

News4teachers: Kritiker sagen: Kompetenzen ohne Wissen sind nichts.
Dziak-Mahler: Was hinter diesem Einwand häufig steckt, ist ja die verständliche Sorge, dass Kompetenzen ohne ein solides Wissensfundament leer bleiben. Und natürlich braucht Kompetenz Wissen. Die Frage ist nur: Welches Wissen? Und in welcher Rolle sehen wir uns als Lehrkräfte?
Lange Zeit war die klassische Rolle der Lehrkraft die der Wissensvermittlerin. Es gab bestimmte Wissensbestände, die als kanonisiert galten, und diese wurden weitergegeben. Ist das heute noch realistisch? Selbst in meinen eigenen Fachgebieten wäre ich nicht in der Lage, alles zu überblicken, was sich verändert, welche neuen Zugänge es gibt, welche neuen Erkenntnisse entstehen. Wenn ich also glaube, ich könne einen festen, konservierten Wissensbestand weitergeben, der dann dauerhaft trägt, dann überhöhe ich meine eigene Rolle.
Das heißt nicht, dass Wissen unwichtig wäre. Im Gegenteil. Aber wir brauchen zusätzlich die Fähigkeit, zu entscheiden, was sinnvolles Wissen ist, was belastbar ist, was in einem bestimmten Kontext relevant ist. Und genau da sind wir wieder bei Kompetenzen.
Früher haben wir geglaubt, es gebe klar definierte Wissensbestände, die man weitergibt. Heute sehen wir, dass Wissen dynamisch ist, dass es sich verändert. Darauf muss Unterricht reagieren. Es geht also nicht um ein Gegeneinander von Wissen und Kompetenz, sondern um ein Zusammenspiel – unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen.
“Im Abgleich zwischen der eigenen Wahrnehmung und der Rückmeldung der Lehrkraft findet die Ausbildung von Metakognition statt”
News4teachers: Wie müsste Lernen gestaltet sein?
Dziak-Mahler: Ich möchte zunächst sagen: Ich vertrete nicht das eine, das „richtige“ Lernen. Ich habe eine begründete Vorstellung davon, wie Lernen sich verändern kann, damit wir besser erreichen, was wir eigentlich erreichen wollen. Der Kern dieser Vorstellung ist, dass Schülerinnen und Schüler im Driver Seat ihres eigenen Lernens sitzen. Schauen wir auf Unterricht, dann sehen wir, dass Schülerinnen und Schüler Objekte eine Lehrprozesses sind. Wir Erwachsenen entscheiden, welche Themen zu welchem Zeitpunkt bearbeitet werden, in welchem Tempo, mit welchem Zieltermin. Wir sind die Handelnden, die Entscheiderinnen und Entscheider, die Schülerinnen und Schüler reagieren.
Für mich geht es an der Stelle um einen entscheidenden Switch: Wenn Schülerinnen und Schüler werden zu Subjekten ihres Lernprozesses werden, dann verändert sich auch die Rolle der Lehrkraft – hin zu einer Lernbegleiterin, Mentorin, Prozessbegleiterin, Feedbackgeberin.
Ganz konkret könnte diese Veränderung in einem Fach bedeuten: Die Kompetenzen liegen in Form von Kompetenzrastern vor. Sie sind operationalisiert– es ist klar definiert, was erreicht werden soll. Dazu gibt es einen Aufgabenpool. Aus diesem Pool können Schülerinnen und Schüler wählen. Es gibt Aufgaben, die obligatorisch sind, andere sind wählbar, wieder andere sind stärker differenziert – für Schnellere, für diejenigen, die mehr Zeit brauchen.
Die Schülerinnen und Schüler setzen sich selbst Ziele: Was nehme ich mir für heute oder für diese Woche vor? Sie arbeiten an diesen Zielen und reflektieren anschließend: Habe ich das erreicht? Was fiel mir leicht? Was war schwierig? Wo brauche ich Unterstützung? Die Lehrkraft schaut auf das, was erarbeitet wurde, und gibt Feedback. Und hier kommt für mich ein entscheidender Punkt: Im Abgleich zwischen der eigenen Wahrnehmung und der Rückmeldung der Lehrkraft findet die Ausbildung von Metakognition statt. Schülerinnen und Schüler lernen, ihr eigenes Lernen wahrzunehmen und einzuschätzen.

Interessant ist dabei der Unterschied zwischen der Selbstwahrnehmung der Schülerin oder des Schülers und der Fremdwahrnehmung durch die Lehrkraft. Dieses Delta – also die Differenz zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung – ist das eigentliche Entwicklungsfeld. Aus diesem Delta kann Entwicklung entstehen.
Das kann man sich auch persönlich und im Privaten klarmachen: Wenn ich mich selbst in einer bestimmten Weise wahrnehme und bekomme eine Rückmeldung, die davon leicht oder deutlich abweicht, dann entsteht genau dort ein Moment der Verstörung, der ein Lernmoment werden kann. Und genau diesen Prozess halte ich beim Lernen für zentral. Es geht also nicht darum, Inhalte aufzugeben oder Ziele zu verwässern. Es geht darum, den Weg zum Ziel so zu gestalten, dass Schülerinnen und Schüler Verantwortung für ihr eigenes Lernen übernehmen, sich selbst steuern, reflektieren und aus Rückmeldungen Entwicklungsschritte ableiten können.
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Wie können Lehrkräfte selbstgesteuertes Lernen praktisch organisieren? Hier setzt die Web-App lernlog an. Entwickelt von der gemeinnützigen lernlog gGmbH in Bonn, einer Initiative der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft, unterstützt das digitale Tool Schulen und Lehrkräfte dabei, individuelle Lernprozesse zu strukturieren und zu begleiten.

lernlog fungiert als digitales Logbuch: Schülerinnen und Schüler planen ihre Lernziele, dokumentieren Fortschritte und reflektieren ihre Arbeit. Lehrkräfte erhalten Werkzeuge für Feedback und Lernberatung. Für die Primarstufe gibt es „lernlog kids“. Schulen werden bei der Einführung begleitet und können sich in einer Community vernetzen. E KI-gestützter Service wird gerade integriert, der individuelles Feedback weiter datengestützt verbessert.
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News4teachers: Überfordert das nicht viele?
Dziak-Mahler: Die Frage ist nachvollziehbar. Wenn man mit dem selbstgesteuerten Lernen neu beginnt in einer Lerngruppe, dann braucht man sich keine Illusionen zu machen, dass plötzlich alle begeistert aufspringen und hochmotiviert selbstorganisiert lernen. Wenn man aber so arbeitet und diese Form des Lernens von der Grundschule an einführt, dann ist das nichts Besonderes mehr. Dann wachsen Schülerinnen und Schüler damit auf, Verantwortung für ihr Lernen zu übernehmen, sich Ziele zu setzen, zu reflektieren. Dann ist das kein Bruch.
Wenn man allerdings mit 14- oder 15-Jährigen neu einsteigt, die anders unterrichtlich sozialisiert sind, dann ist das anspruchsvoll. Das würde ich nicht bestreiten. Allerdings erlebe ich häufig, dass das Argument „Das geht mit meinen Schülerinnen und Schülern nicht“ als Totschlagargument verwendet wird. Wir arbeiten bei lernlog mit vielen Schulen zusammen, die nach diesem Konzept arbeiten, und wir sehen, dass es funktioniert. Entscheidend ist, wie man beginnt. Ich würde immer raten: langsam anfangen, ausprobieren, nicht das ganze System von heute auf morgen umstellen. Man sollte sich fragen: In welcher Jahrgangsstufe, in welcher Klasse, mit welcher Lerngruppe könnten wir erste Erfahrungen sammeln? Und dann nachsteuern: Was funktioniert bei uns gut, was weniger gut? Was wollen, was müssen wir anpassen?
So Lernen zu gestalten ist eine vollständig andere Denke. Und das führt man nicht per Knopfdruck ein. Es braucht Zeit, Reflexion, Adaption. Und ich würde auch nicht behaupten, dass es in jeder Lerngruppe sofort oder vollständig gelingt. Es kann Situationen geben, in denen man zweifelt: In dieser Konstellation kommen wir mit diesem Ansatz im Moment nicht weiter. Wir müssen andere Wege oder Umwege gehen.
Wovor ich warnen möchte, ist die Vorstellung, man könne alles auf einmal umstellen und dann sei automatisch alles besser. Es geht vielmehr darum, sich auf einen iterativen Prozess einzulassen: etwas ausprobieren, Erfahrungen sammeln, anpassen.
Und wenn Sie mir erlauben, an dieser Stelle noch einmal auf den Beginn unseres Gespräches zurückzukommen, denn was für das gesamte System Schule gilt, gilt auch für jede einzelne Schule: Wenn etwas nachweislich nicht funktioniert, dann ist es sinnvoll, etwas anderes zu probieren. Wenn ich immer wieder dasselbe tue, dann darf ich nicht erwarten, dass plötzlich ganz andere Ergebnisse entstehen. Aber wenn ich etwas Neues ausprobiere, besteht zumindest die Möglichkeit, dass es besser funktioniert.
“Aktuell unterrichten wir so, dass wir viele Informationen über Lernprozesse, die uns helfen könnten, nicht systematisch nutzen”
News4teachers: Welche Rolle spielt Digitalisierung?
Dziak-Mahler: Digitalisierung ist kein Allheilmittel. Aber sie ermöglicht uns deutlich mehr, als ohne Digitalisierung möglich wäre. Das Thema Daten nimmt eine besonders wichtige Rolle dabei ein. Aktuell unterrichten wir so, dass wir viele Informationen über Lernprozesse, die uns helfen könnten, nicht systematisch nutzen. In einer analogen Welt ist das auch kaum möglich. In einer digitalen Welt können wir das anders machen.
Wenn ich digitale Tools einsetze, habe ich die Möglichkeit, Daten über Lernprozesse zu sammeln und auszuwerten. Ich erfahre z.B. etwas darüber, was eine Schülerin oder ein Schüler kann, wo Schwierigkeiten liegen, wie gearbeitet wird, wann gearbeitet wird. Diese Daten kann ich nutzen, um individueller zu unterstützen. Und ich kann sie gleichzeitig nutzen, um effizienter zu arbeiten.
Wenn ich diesen Ansatz konsequent verfolge, stellt sich auch die Frage der Leistungsbewertung neu. Vielleicht verzichte ich künftig auf klassische Klausuren, die ich danach tagelang korrigieren muss, und erhalte stattdessen fortlaufend Einblicke in den Lernprozess.
Wir arbeiten bei lernlog beispielsweise mit einem KI-Service, der auf Basis vorhandener Daten eine strukturierte Übersicht generiert – zu Stärken, Schwächen, Motivationslage. Wichtig ist uns dabei: Diese Auswertung ist absolut datenschutzkonform und sie enthält Belegstellen. Wenn eine Einschätzung formuliert wird, kann ich als Lehrkraft nachvollziehen, worauf sie sich stützt. Darauf aufbauend wird auf Knopfdruck ein Feedbackvorschlag erstellt– auf unterschiedlichen Sprachniveaus, angepasst an die jeweilige Schülerin oder den jeweiligen Schüler. Und für uns gilt: „Human in the Loop“. Es wird nichts automatisch an Schülerinnen und Schüler weitergegeben. Die Lehrkraft prüft, verändert, gibt frei.
Für mich liegt der Mehrwert der Digitalisierung also nicht in einem Selbstzweck, sondern in der Möglichkeit, Lernprozesse besser zu verstehen, individueller zu begleiten und gleichzeitig die eigene Arbeit effizienter zu gestalten. Ohne digitale Unterstützung und die Nutzung von KI wäre das in dieser Form kaum realisierbar.
News4teachers: Kann eine einzelne Lehrkraft so etwas umsetzen?
Dziak-Mahler: Sagen wir mal so: Wenn ich Schulleiterin bin, habe ich andere Möglichkeiten als als Fachlehrkraft. Dann kann ich im Kollegium schauen: Wer ist interessiert? Womit fangen wir an? Welche Jahrgangsstufe würde sich eignen? Wie sind die Rahmenbedingungen? Habe ich 1:1-Ausstattung an mobilen Endgeräten? Einer einzelnen Lehrkraft würde ich raten: Bildet Banden! Sucht euch Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Verabredet euch vielleicht in einem Fach oder für eine Lerngruppe, gebt jeweils einen kleinen Teil eurer Stunden in das Projekt hinein, in dem nicht klassisch in der Kohorte unterrichtet, sondern individueller gearbeitet wird – auf Basis vorbereiteter Materialien und klarer Zielsetzungen.
Das kann funktionieren, und es funktioniert an vielen Stellen auch. Aber ich will auch nicht verschweigen: Wenn man in einem sehr unbeweglichen System die Einzige oder einer der ganz wenigen ist, die etwas verändern möchten, dann wird es schwer. Man läuft gegen Mauern. Systemisch betrachtet braucht es immer auch eine Veränderung der Organisation. Andererseits: Keiner muss nicht warten, bis die Landespolitik alles neu regelt. Innerhalb der bestehenden Rahmenbedingungen ist mehr möglich, als man oft denkt – rechtskonform und machbar.
Wobei: Veränderung bedeutet auch, Grauzonen zu betreten. Das sagen im Übrigen fast alle Schulen, die heute als besonders innovativ gelten. Hätten sie sich strikt an jede Regel gehalten, wären sie nicht da, wo sie heute stehen. Veränderung heißt, nicht zu wissen, wie es genau ausgeht – aber zu wissen: Wenn ich mich nicht bewege, wird es eher schlechter als besser.
News4teachers: Gibt es noch einen Aspekt, der Ihnen wichtig ist?
Dziak-Mahler: Ja, ein weiterer wichtiger Aspekt geht über die reine Lernorganisation hinaus. Meiner Ansicht nach steht der Ansatz, Schülerinnen und Schüler stärker in den Mittelpunkt zu rücken – oder, wie ich es formuliert habe, sie in den „Driver Seat“ zu setzen – in engem Zusammenhang mit demokratischen Prinzipien. Derzeit sind Schülerinnen und Schüler im Schulsystem oftmals nicht als aktive Subjekte, sondern vielmehr als Objekte eingebunden. Dies betrifft nicht nur den Unterricht, sondern das gesamte System. Im Schulalltag erleben sie selten, dass ihre Meinungen, Wünsche und Anregungen tatsächlich Berücksichtigung finden und einen Unterschied machen.
Das System trainiert eher Anpassung als Selbstwirksamkeit. Erfolgreich ist, wer sich einfügt. Weniger erfolgreich ist, wer als Individuum sicht- und hörbar wird.
Ich glaube, das hat Folgen. Das Gefühl von Ohnmacht, das viele Menschen derzeit empfinden, beginnt nicht erst im Erwachsenenalter. Schule ist ein prägender Ort. Wenn ich dort lerne, dass meine Perspektive, meine Fragen, meine Bedürfnisse kaum eine Rolle spielen, dann wirkt das – auch lange nach.
Deshalb geht es beim veränderten Lernen für mich um mehr als um bessere Testergebnisse oder darum, Kompetenzen in die Köpfe von Schülerinnen und Schülern zu bringen. Es geht darum, sie zu stärken – in dem Sinne, dass sie erleben: Meine Stimme zählt. Mein Beitrag ist relevant. Ich kann etwas gestalten. Und das ist für mich unmittelbar mit der Frage verbunden, wie wir unsere Demokratie langfristig stabil halten. News4teachers / Andrej Priboschek führte das Interview.
Hier geht es zurück zum ersten Teil des Interviews.
Transparenzhinweis: News4teachers und die gemeinnützigen Montag Stiftungen arbeiten in verschiedenen Projekten zusammen (etwa beim Bürgerrats-Podcast).
Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats “Schule der Zukunft”.









Ach nee, ich werd sie wohl nicht verstehen – die Schule der Zukunft.
Schüler zu Subjekten ihres Lernprozesses machen (das verändert auch die Lehrerrolle)!
Ich will raus aus dieser Lehrerrolle, bevor die sich komplett verändert. Alto oder doppelter Rücktrittberger – das überlege ich noch.
Was wird hier wieder als große Zukunftsvision verkauft? Es heißt, früher habe man geglaubt, es gebe klar definierte Wissensbestände, heute aber sei Wissen „dynamisch“ und verändere sich ständig. Als hätte früher irgendjemand ernsthaft angenommen, die Welt bleibe stehen und Schulbücher würden nur aus sentimentalen Gründen neu gedruckt. Und natürlich folgt das unvermeidliche Zusammenspiel von Wissen und Kompetenz „unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen“ – der Satzbaustein, den man immer dann einsetzt, wenn man eigentlich nichts Konkretes sagen möchte. Dabei wurde auch früher kein Zehntklässler mit dem Gesamtwissen eines Fachs erschlagen, und trotzdem hatte er am Ende mehr eigenes Wissen als heute nach drei Kompetenzrastern mit Lernbegleitung und Teamcoaching.
Weiter geht’s in der Abteilung Hülsenfrucht: Im „Abgleich zwischen der eigenen Wahrnehmung und der Rückmeldung der Lehrkraft“ finde die Ausbildung von Metakognition statt. Übersetzt heißt das: Der Lehrer sagt, ob’s richtig ist. Aber in 17 Silben klingt es natürlich nach Forschung.
“Wenn Schülerinnen und Schüler werden zu Subjekten ihres Lernprozesses werden, dann verändere sich auch die Rolle der Lehrkraft – hin zur Lernbegleiterin, Mentorin, Prozessbegleiterin, Feedbackgeberin.” Zweimal werden in einem Satz, das ist schon fast ein Stilmittel. Und natürlich werden alle Lernenden innigst werden wollen, Subjekte ihres Lernprozesses geworden zu sein – am besten easy peasy, ohne Anstrengung, ohne Widerstand und selbstverständlich mit maximaler Metakognition.
Man kennt das ja: Die 9b strotzt morgens um 7:45 nur so vor intrinsischer Motivation, endlich Subjekt zu sein.
Und dann kommt noch der Satz der Expertin, der alles abrundet: Wenn man in einem „sehr unbeweglichen System die Einzige oder einer der ganz wenigen ist, die etwas verändern möchten, dann wird es schwer. Man läuft gegen Mauern.“
Genau. Und solche vermauerten Exemplare wie ich neigen dazu, innerlich gegen dieselben Mauern zu prallen – weil ich das Gefühl habe, dass der Bildungszug längst in die falsche Richtung rollt, dorthin, wo es am Ende des Tunnels noch düsterer wird.
“Schüler zu Subjekten ihres Lernprozesses machen”
Standardisierung und Output-Orientierung (= der heilige Grahl der Bildungs”forschung” der letzten beiden Jahrzehnte) funktioniert in einer sich immer schneller, immer dynamischer entwickelnden Welt nicht mehr.
Und wer ist Schuld? Nein, die “Forscher” sind es selbstverständlich nicht, im Gegenteil, diese wittern schon wieder neue “Forschungsprojekte”…
Ja ich laufe auch gegen Mauern. Aber in die entgegengesetzte Richtung. Weg von dieser Subjektblablasache hin zu Lemov. Das funktioniert erwiesenermaßen
Sehen Sie da Unterschiede?
Engagement und intellektuelle Neugier – aber passiv?
Ja, Lemov – der kann es … zumindest funktioniert es so, wie er’s beschreibt: “Unterrichten wie ein Champion”.
Das würde man nicht nur der Autorin wünschen, sondern allen, die Lehrkräfte aus- und weiterbilden: dass sie es selbst gut können.
Das Dollase-Kriterium: jährlich einen Monat lang eine schwierige Mittelstufenklasse unterrichten – das trennt unweigerlich Spreu von Weizen …
“Man kennt das ja: Die 9b strotzt morgens um 7:45 nur so vor intrinsischer Motivation, endlich Subjekt zu sein.”
Werden Sie doch bei Ihnen auch nicht, warum sollten Sie da eine (andere) Erfahrung machen?
Ich dachte, Sie können damit nichts anfangen.
Um einen konstruktiven Vorschlag zu machen – alle zurücktreten! – könnten Sie sich bspw. eine Hospitation/ einen pädagogischen Tag vorstellen, wo Sie sich das Konzept unter Realbedingungen anschauen und mit Lehrkräften vor Ort austauschen könnten?
Ich empfinde auch ab und zu Ohnmacht. Wenn die Kinder im Projektlernen ratlos, frustriert, gelangweilt sind und nichts daraus mitnehmen und gleichzeitig die Hälfte der Klasse nicht richtig lesen und schreiben kann.
Aaaaber die Kinder können doch dann selbst entscheiden wann wir woran sie arbeiten. Wie ein Einkaufswagen. Da kommt doch die Motivation von Innen!!!1 Total wichtig! Nicht, dass sie etwa lernen, um gute Noten zu erreichen! Nein sie sollen lernen, weil lernen so viel Spaß macht! Die Freude an sich! Wenn die Kinder nicht motiviert sind, dann müssen die angebotenen Aufgaben halt noch motivierender sein. Und Noten! Pfui, die sollte man ganz abschaffen, dieser Leistungszwang, dieser Druck. Weg damit! *Satire
Viele Worte um alte Ideen und wie immer das Bild, wir würden in den Schulen …ja warum eigentlich… nur auf dem Althergebrachten beharren.
Ich habe keine Ahnung von Didaktik in Geisteswissenschaften, wohl aber im NW-Bereich und dort gibt es ein Fundament, das sich nicht ändert. Nicht, weil ich meine Rolle überhöhen will, sondern weil Chemie ohne Basis Alchimie ist, Physik ohne Grundlagen Metaphysik. Ist das in anderen Fächern beliebiger? Wohl kaum, warum sind es sonst ‘Wissenschaften’?
Driver Seat und Aufgabenpool, schöner Gedanke. Wie lange dauert es, bis dieser Pool bekannt ist, jeder neue Jahrgang die Aufgaben, abgesehen von kleineren Variationen, vorher kennt? Wenn ich den lernwilligen Schüler und seine natürliche Neugier voraussetze, ist das kein Problem, vielleicht sogar hilfreich, er soll ja Wege lernen und nicht Aufgaben lösen. Nun habe ich aber Schüler, die bei jeder (! ja) Aufgabe oder Übung die KI fragen, sogar im Unterricht. Aber es geht doch um Kompetenzerwerb, nicht nur die Lösungen, das kann man doch trotzdem nutzen! Sicher, nur wer erkennt, ob die KI diese Kompetenz hatte oder der Schüler, der so schön schnell die Poolaufgaben freiwillig erledigt? Wenn wir auch noch auf jede Abfrage/Prüfung verzichten? Aber das bringt den Kindern doch nichts, warum sollten sie das machen? Es gibt da etwas, das nennt sich positive Verstärkung… Ambitionierte Wochenziele gesetzt, dank KI erreicht und vom Lehrer positiv aufgenommen? Methode nicht begriffen, Konzept unklar, aber was soll’s, Ziel ist eben nicht ‘Kompetenz XY anhand Thema Z weiterentwickeln’, sondern ‘Wochenaufgabe lösen und positive Rückmeldung bekommen’. Reale Schule…
Wirklich sicher, dass die digitalisierte Rückmeldung Lernprozesse zeigt? Ich kenne recht viele, die mehr Energie ins Verschleiern ihrer Hilfsmittel als in den Lösungsansatz stecken.
‘…gebt jeweils einen kleinen Teil eurer Stunden in das Projekt hinein,…’ – eine interessante Formulierung. Welchen Teil welcher Stunden? Der Deputatsstunden? Nein, das wäre wirklich frech, die reichen sowieso nie. Dann der Unterrichtsstunden? Und wenn in den Lehrplänen hundertmal steht, dass 25% ‘zur freien Verfügung’ sind, Krankheit, Wandertag, Schulfest, Sportfest, Bioexkursion, Berufsmesse…beliebig fortsetzbar. Am Ende dann Abschluss 10 oder Abi, mit Nachweis, das Thema X explizit in den Stunden von…bis bearbeitet wurde und nicht nur ‘integriert im Projekt Y’, falls es Probleme gibt. Nein, in diese Grauzone begebe ich mich nicht, auf Anweisung meinetwegen, aber auf gut Glück hoffen, dass Schulleitung und Schulaufsicht dahinterstehen? Sorry, da sprechen viele Erfahrungen von noch mehr Kollegen dagegen.
‘Deshalb geht es beim veränderten Lernen für mich um mehr als um bessere Testergebnisse oder darum, Kompetenzen in die Köpfe von Schülerinnen und Schülern zu bringen.’ – um dieses. mehr geht es immer, sollte es gehen. Gefordert ist aber ein kompetenzbasierter Lehrplan mit entsprechendem Unterricht. Ja, sie sollen erwachsen werden, sie sollen ohne Verbote lernen, zu denken und den Ergebnissen und sich selbst zu vertrauen, da liegen wir recht nahe beieinander. Ich sehe aber eine Realität, die das ignoriert, Vorgesetzte, die mit ‘Kompetenzorientierung’ fehlende fachliche Tiefe überdecken wollen, Konzepte, die unter ‘logisch begründen können’ nur noch wenn A …dann B verstehen und jede Komplexität entfernen.
Die Idee hier ist: wenn man die Veränderungen mutig aber dosiert einführt, ist alles möglich, macht einfach. Ich habe mir zu oft die Finger verbrannt, um so naiv zu sein. Schule ist kein demokratisches System, der Wille zu Veränderungen und die Weichenstellung muss von oben kommen. Seht mal, es geht auch so – aus lauter Sorge um die Bildung mal eben die Vorgaben weit auslegen, das Ergebnis wird es sicher rechtfertigen? Super, aber…if not?
Nur zur Erinnerung, das meint Hattie zu dem “selbstgesteuerten Lernen”:
https://www.news4teachers.de/2025/10/john-hattie-rechnet-mit-dem-individualisierungs-hype-beim-unterricht-ab-das-groesste-problem-liegt-in-der-ueberbetonung-des-alleinarbeitens/
Ich gebe offen zu, dass mich dieser Ansatz kognitiv und auch metakognitiv überfordert und deshalb bin ich froh, dass ich die Schule bald von außen sehen kann. Den Passagier mit Schülern im Driver’s Seat zu geben, wäre definitiv nicht Meins – und wer weiß, was nach der Kurve kommt.
„ Das heißt nicht, dass Wissen unwichtig wäre. Im Gegenteil. Aber wir brauchen zusätzlich die Fähigkeit, zu entscheiden, was sinnvolles Wissen ist, was belastbar ist, was in einem bestimmten Kontext relevant ist. Und genau da sind wir wieder bei Kompetenzen.“
Klar und unwidersprochen: und eine eindeutige Bestätigung der Aussage vieler Lehrkräfte, dass vor der Herausbildung von Kompetenz die Anhäufung von Wissen steht.
„ Früher haben wir geglaubt, es gebe klar definierte Wissensbestände, die man weitergibt. Heute sehen wir, dass Wissen dynamisch ist…“
Wer ist „wir“? ICH weiß das, seit ich studiert habe und berücksichtige das seit über 30 Jahren als Lehrkraft.
„ Im Abgleich zwischen der eigenen Wahrnehmung und der Rückmeldung der Lehrkraft findet die Ausbildung von Metakognition statt. Schülerinnen und Schüler lernen, ihr eigenes Lernen wahrzunehmen und einzuschätzen.“
Dieser Abgleich erfolgt unabhängig von der Unterrichtsform bereits heutzutage täglich millionenfach: ob das Noten, Auswertungsgespräche oder andere Formen der Leistungsrückmeldung sind. Die Metakognition einschließlich der Auflösung des Widerspruchs zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung hingegen liegt im Willen und der Selbstverantwortung des SoS.
Grausam. Nein danke. Ich bleibe bei Lemov und erwiesenermaßen wirksamen Lehrmethoden. Mir egal, wie reformpädagogisch Deutschland sich noch verrrennt.
Wird super. Dann kann man sich die ganzen Mathe- und Physiklehrer sparen. Ideal für die Staatsfinanzen!
Selbst in meinen eigenen Fachgebieten wäre ich nicht in der Lage, alles zu überblicken, was sich verändert, welche neuen Zugänge es gibt, welche neuen Erkenntnisse entstehen. Wenn ich also glaube, ich könne einen festen, konservierten Wissensbestand weitergeben, der dann dauerhaft trägt, dann überhöhe ich meine eigene Rolle.
Natürlich hat mein kein Tiefenwissen zu jedem neuen Detail seines Faches. Das ist aber auch nicht nötig. Wenn Schüler bspw. lernen sollen, welche Kunststoffklassen es gibt und welche grundlegenden Reaktionen, um Kunststoffe herzustellen, dann können sie damit jeden neuen Kunststoff einordnen. Wenn ein Schüler weiß, in welcher Größenordnung Nanopartikel liegen und was deren besondere Eigenschaften sind, dann können sie auch neue Entwicklungen verstehen.
Wir legen in der Schule ja die Grundlagen, um darauf aufbauen bspw. ein Studium absolvieren zu können. Und selbst dort geht es nicht immer um die aktuellste Entwicklung des Faches.
In der Schule muss eben ein breites Wissensnetz angelegt werden, an das weiter angeknüpft werden kann.
Das heißt nicht, dass Wissen unwichtig wäre. Im Gegenteil. Aber wir brauchen zusätzlich die Fähigkeit, zu entscheiden, was sinnvolles Wissen ist, was belastbar ist, was in einem bestimmten Kontext relevant ist. Und genau da sind wir wieder bei Kompetenzen.
Es streitet m.E. auch niemand ab, dass Schüler mehr als reines Faktenwissen haben sollen.
Aber oft scheitern sie ja schon beim sinnentnehmendem Lesen eines Textes, was durchaus eine Kompetenz ist. Eine Kompetenz ist es auch, mit verschiedenen Diagrammen und anderen Materialien umzugehen.
Mein Eindrück ist aber, dass wir immer mehr Zeit mit dem Vermitteln von Faktenwissen verbringen (müssen) und wenig Zeit für Arbeit mit Materialien haben.
Wenn ich digitale Tools einsetze, habe ich die Möglichkeit, Daten über Lernprozesse zu sammeln und auszuwerten. Ich erfahre z.B. etwas darüber, was eine Schülerin oder ein Schüler kann, wo Schwierigkeiten liegen, wie gearbeitet wird, wann gearbeitet wird. Diese Daten kann ich nutzen, um individueller zu unterstützen. Und ich kann sie gleichzeitig nutzen, um effizienter zu arbeiten.
Ein bisschen absurd finde ich es schon, dass die Kinder lernen sollen, wie man selbstorganisiert lernt, idealerweise lebenslang, sondern immer auf ein externes Feedback angewiesen sein sollen.
Wenn man selbstorganisiert arbeiten lässt, sollten die Schüler schon auch ihre eigenen Lernwege und Lernprodukte anhand fester Kriterien beurteilen und verändern lernen.
Wenn Schülerinnen und Schüler werden zu Subjekten ihres Lernprozesses werden, dann verändert sich auch die Rolle der Lehrkraft – hin zu einer Lernbegleiterin, Mentorin, Prozessbegleiterin, Feedbackgeberin.
Spannend an der Debatte finde ich, dass es hier doch um einen vermeintlich richtigen Weg geht. Schüler müssen vermeintlich (immer?) selbstorganisiert lernen. Und das halte ich für einen Fehlschluss.
Natürlich kann man Schülern nach entsprechendem Training auch immer mal wieder projektartig arbeiten lassen. Aber es muss auch Input-Phasen geben. Und auch diese Unterscheidung muss nicht im selben Fach sein.
Warum muss ein Schüler, der bspw. keine Lust auf Chemie hat, sich auch noch aktiv um die Regulation seines Lernprozesses kümmern? Warum sollte ein Lehrer ihm nicht auch frontal erklären, warum der Stoff Alltagsrelevanz hat und ihm die einzelnen Schritte erklären?
Was spricht dagegen, bspw. vormittags gut strukturierten, klaren Unterricht mit starker Steuerung durch Lehrkräfte zu geben und im Nachmittagsbereich AGs, Wahlpflichtkurse usw. anzubieten, bei denen die Schüler projektartiges Arbeiten lernen?
„Die Kompetenzen liegen in Form von Kompetenzrastern vor. Sie sind operationalisiert– es ist klar definiert, was erreicht werden soll. Dazu gibt es einen Aufgabenpool. Aus diesem Pool können Schülerinnen und Schüler wählen. Es gibt Aufgaben, die obligatorisch sind, andere sind wählbar, wieder andere sind stärker differenziert – für Schnellere, für diejenigen, die mehr Zeit brauchen.“
Was ändert sich also? Es gibt ein Kompetenzraster, es gibt Obligatorik, es gibt operationalisierte Lernziele. Wie unterscheidet sich das von einer zuvor als nicht zukunftsfähigen dargestellten Vorstellung eines Wissenspools? Ok, der Kompetenzpool, aber ist dieser (zusammen mit dem noch vorgegebenen Wissenspool) flexibel genug, um sich an (vermeintlich) ständig ändernden Anforderungen anzupassen? Muss dann das Kompetenzraster zusammen mit den Standardaufgaben ständig angepasst werden, so wie die „alten“ Lehrpläne und Curricula?
Was sich also ändert, ist der Zugang durch die Schüler, die nun selbst wählen dürfen, wann und wo (und im sehr begrenzten Maße wie und was) sie sich mit dem zu Erwerbenden auseinandersetzen. Und diese (vermeintliche) Selbstbestimmung und Eigenverantwortung setzt sie in den driver-seat ihres Bildungsprozesses?
Eigenverantwortung kann man auch im Frontalunterricht praktizieren: Dem Lehrer zuhören, mitdenken, Fragen stellen, die Aufgaben versuchen, die der Lehrer vorgibt, ggfs. um Hilfe bitten, getragen von der Erkenntnis, dass es um das eigene Vorwärtskommen geht, der Anerkennung der Kompetenz des Lehrers und dessen guten Willen, einen zu unterstützen.
Das alles geht auch mit Kompetenzrastern und selbstgesteuertem Arbeiten, da habe ich wenig Zweifel, nur: Wo liegt der entscheidende Unterschied?
Der entscheidende Unterschied ist, dass ich selbst entscheide, was ich wann und in welchem Tempo mache. Dieses Hoppen im Stundentakt zwischen den Fächern und der Gleichschritt sind sowohl für die guten, als auch für die schlechten SuS hinderlich.
Damit verbunden ist dann eine sinnvolle Zeitplanung, um nicht doch durch den vom Kompetenzraster vorgegebenen Stoff irgendwann unter Druck zu geraten. Ich bin sicherlich dafür, dass Kinder eine solche Planung lernen (sie müssen es eigentlich sowieso beinahe unausweichlich). Sie müssen lernen, die zur Verfügung stehende Zeit sinnvoll zur nutzen, und zwar nicht entsprechend ihrer eigenen Vorstellung von ihrem schaffbaren Pensum, sondern nach ihren tatsächlichen Möglichkeiten. Das bedarf tatsächlich dann der intensiven Begleitung, ist also kein Selbstläufer, wie gelegentlich mal vermittelt werden soll. Eigentlich sollte eine solche Strukturierung der Arbeitszeit auch schon im Elternhaus vermittelt werden. Die wohl wesentliche erste Vorstrukturierung ist da das womöglich auch inzwischen als nicht mehr zeitgemäß angesehene: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Kindern, denen diese Strukturunterstützung fehlt, kommt eine Stundentaktung, also eine vorgegebene Struktur der Arbeit, durchaus entgegen. Das, sowie auch andere Vorzüge der Einteilung in Klassen und Stunden, wird gerne mal vergessen.
“Das bedarf tatsächlich dann der intensiven Begleitung, ist also kein Selbstläufer, wie gelegentlich mal vermittelt werden soll.”
Das sehe ich genauso. Natürlich können das gerade SuS, die schon länger im Schulsystem sind, nicht einfach so. Das beschreibt die Autorin ja auch m.M.n. sehr richtig.
Ich denke auch, dass Klassenstrukturen nur dann richtig Sinn machen, wenn es sehr homogene SuS Gruppen gibt. Das gibt es aber auf keiner Schulart mehr. Irgendwie muss man ja darauf reagieren. Für mich wäre es auch schon viel besser, wenn es standardmäßig Kleinfördergruppen mit Lücken gäbe. Dann werden die schnellen Kids zwar weiterhin übersehen, aber immerhin gäbe es dann nicht mehr so viele Verlierer.
Ich habe lange Jahre Kompetenzrasterarbeit in einigen meiner Klassen (Mathe) gemacht. Die Ergebnisse der SuS in der abschließenden (terminlich von den SuS gewählten) Klassenarbeit waren weder besser noch schlechter als die der SuS im herkömmlichen Unterricht. Auch hier war es so: den eh schon selbstständigen und leistungsstarken SuS kommts entgegen, die anderen teilen sich auf in eine Gruppe, die mit viel Unterstützung dann doch irgendwie klarkommt, und eine zweite Gruppe, die trotz dieser Unterstützung verzweifelt.
Meine damaligen Klassen (Gym) waren allerdings nicht so heterogen wie jetzt, die Leistungsfähigkeit der SuS insgesamt größer (da ich alle Notenbücher noch habe, maße ich mir an, dies beurteilen zu können- und ich bin inzwischen „ altersmilde“ geworden, was die Benotung betrifft).
“ Schüler zu Subjekten ihres Lernprozesses machen”
Schon dieser Satz ist ein Widerspruch in sich. Indem ich jemanden zum Subjekt „mache“, nehme ich ihm bereits die Entscheidung aus der Hand.
Aber klar, Feinheiten, wen störts…
Frau Dziak-Mahler plädiert für eine “veränderte Rolle der Lehrkraft – hin zu einer Lernbegleiterin, Mentorin, Prozessbegleiterin, Feedbackgeberin” …
Ist ihr nicht bekannt, dass lt. empirischer Unterrichtsforschung (z.B. Hattie) alle Methoden, bei denen die Lehrkraft nur begleitend agiert (im Mittel d = 0,23), viel schwächer wirken als diejenigen, bei denen die Lehrkraft Regie führt und hochgradig steuert (im Mittel d = 0,62)? Nachzulesen bei Hattie (2013) – und nicht widerrufen!
Im übrigen wage ich zu bezweifeln, dass Schüler sich im “driver seat” fühlen, wenn sie aus “operationalisierten Kompetenzrastern” Aufgaben SELBST auswählen dürfen; die merken ziemlich schnell, dass jetzt Rastersteuerung gespielt wird statt Lehrersteuerung …