BERLIN. Bundesbildungsministerin Karin Prien fordert, Kinderärzte sollen Eltern unmittelbar nach der Geburt über die Risiken digitaler Geräte aufklären. Hintergrund ist eine wachsende Datenlage, die zeigt, wie früh Kinder mit Smartphones und Tablets in Kontakt kommen – und welche Folgen das haben kann. Studien aus Deutschland und Österreich sowie internationale Forschung zeichnen ein konsistentes Bild zunehmender Nutzung bei gleichzeitig steigenden Risiken für die Entwicklung.

Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) will die Debatte über den Umgang von Kindern mit digitalen Medien deutlich vorverlagern. „Ich würde schon in der Kinderarztpraxis unmittelbar nach der Geburt beginnen“, sagt sie im Podcast Table.Today. Es müsse „sehr viel deutlicher darauf hingewiesen werden, dass zum Beispiel bis zum Alter von drei Jahren etwa Handys oder iPads gar nichts zu suchen haben, weder im Kinderwagen noch im Kinderzimmer“. Heißt: Aufklärung muss früher einsetzen, lange bevor Kinder eigene Accounts nutzen. „Aber das wird ein gesamtgesellschaftliches Projekt werden und auch eine gesamtgesellschaftliche Strategie erfordern“, sagt sie.
Die Datenlage gibt das durchaus her. Die miniKIM-Studie 2023, eine der zentralen Untersuchungen zum Medienumgang von Zwei- bis Fünfjährigen in Deutschland, zeigt, wie stark digitale Geräte bereits in den Alltag von Kleinkindern integriert sind. Jedes fünfte Kind in dieser Altersgruppe verfügt demnach über ein eigenes Tablet, bei den Vier- bis Fünfjährigen sind es bereits 28 Prozent. Zudem hat jedes zehnte Kind zwischen zwei und fünf Jahren ein eigenes Smartphone.
Noch deutlicher wird die Entwicklung bei der Nutzung: 23 Prozent der Zwei- bis Fünfjährigen verwenden täglich mindestens ein internetfähiges Gerät. Bezieht man Streaming-Angebote, Apps oder Spiele ein, steigt der Anteil der täglichen Nutzung auf 44 Prozent. Medien sind damit, wie es in der Studie heißt, „fester Bestandteil ihres Alltags“.
Die Studie verweist zugleich auf die strukturellen Bedingungen dieser Entwicklung. 81 Prozent der Familien verfügen über ein Streaming-Abonnement, und digitale Angebote sind in vielen Haushalten jederzeit verfügbar. Kinder wachsen in einer Umgebung auf, in der digitale Medien selbstverständlich präsent sind – und entsprechend früh genutzt werden.
„Je jünger die Kinder sind, desto schwerwiegender können die Folgen häufigen Medienkonsums sein“
Diese frühe Nutzung ist kein rein deutsches Phänomen. Eine österreichische Untersuchung des Instituts für empirische Sozialforschung (IFES), die sich mit den Allerjüngsten beschäftigt, zeigte bereits 2020, wie weit der Erstkontakt mit digitalen Geräten bereits nach vorne gerückt war. Demnach kamen Kinder im Durchschnitt mit etwa zwölf Monaten erstmals mit digitalen Medien in Berührung. 72 Prozent der Kinder unter sechs Jahren nutzten internetfähige Geräte zumindest gelegentlich selbst.
Die Nutzung erfolgt dabei nicht nur sporadisch. Ein Drittel der Kinder beschäftigte sich täglich mit solchen Geräten, weitere 46 Prozent mehrmals pro Woche. Im Vergleich zu früheren Erhebungen hatte sich die Nutzungshäufigkeit damit deutlich erhöht. Parallel dazu hatte sich auch die Geräteausstattung in den Haushalten ausgeweitet: Vier bis fünf internetfähige Geräte waren inzwischen die Regel. Die Zahlen dürften seitdem eher noch gestiegen sein.
Auffällig ist, dass sich diese Entwicklung nicht allein aus kindlichen Bedürfnissen speist, sondern eng mit dem Verhalten der Erwachsenen verknüpft ist. Die Studie betont die Vorbildfunktion der Eltern und beschreibt digitale Geräte zugleich als potenziellen „digitalen Schnuller“, der im Alltag zur Beruhigung oder Beschäftigung eingesetzt wird.
Kinderärztliche Einschätzungen und internationale Studien verweisen seit einigen Jahren zunehmend auf Zusammenhänge zwischen früher Bildschirmnutzung und kindlichen Entwicklungsverläufen. Dabei rückt insbesondere das erste Lebensjahr in den Fokus – eine Phase, in der grundlegende kognitive, sprachliche und soziale Kompetenzen entstehen.
Eine große japanische Langzeitstudie, auf die das Fachportal „Kinderärzte im Netz“ Bezug nimmt, legt nahe, dass die Dauer der Bildschirmzeit in diesem frühen Alter mit späteren Entwicklungsverzögerungen zusammenhängt. Entscheidend ist dabei nicht nur das „Ob“, sondern die Intensität der Nutzung. Die Studie beschreibt einen Zusammenhang zwischen der Länge der täglichen Bildschirmzeit im Alter von einem Jahr und messbaren Auffälligkeiten im Alter von zwei Jahren. Betroffen sind mehrere zentrale Entwicklungsbereiche: die Kommunikationsfähigkeit, die Feinmotorik, die Problemlösungsfähigkeit sowie soziale Kompetenzen.
Auch im weiteren Entwicklungsverlauf bleiben Effekte sichtbar, wenn auch abgeschwächt und differenzierter. Im Alter von vier Jahren zeigen sich laut der Untersuchung weiterhin Zusammenhänge insbesondere in den Bereichen Kommunikation und Problemlösung. Andere Bereiche, etwa die Motorik, treten demgegenüber in den Hintergrund. Die Ergebnisse deuten damit auf mögliche langfristige Effekte früher Mediennutzung hin, ohne jedoch einfache Ursache-Wirkungs-Zuschreibungen zu erlauben.
Eingeordnet werden diese Befunde unter anderem von dem Kinder- und Jugendmediziner Dr. med. Werner Sauseng, der an österreichischen Empfehlungen zur Regulierung von Bildschirmzeiten im Kindes- und Jugendalter beteiligt war. Er betont den entwicklungspsychologischen Kontext, in dem diese Ergebnisse zu verstehen sind: „Je jünger die Kinder sind, desto schwerwiegender können die Folgen häufigen Medienkonsums sein. Denn kleine Kinder machen wichtige Entwicklungsschritte durch und benötigen das Wechselspiel mit ihren Bezugspersonen.“

Im Zentrum steht dabei weniger das einzelne Medium als die Frage nach Interaktion. Säuglinge und Kleinkinder sind auf unmittelbare, fein abgestimmte Reaktionen ihrer Bezugspersonen angewiesen. Blickkontakt, sprachliche Zuwendung und wiederholte Interaktionen bilden die Grundlage für Bindung, Sprachentwicklung und soziale Orientierung. Digitale Geräte können diese Prozesse nicht ersetzen – und sie können sie unterbrechen.
Darauf verweisen auch weitere Beobachtungen aus der kinderärztlichen Praxis: Wenn Eltern im Beisein ihrer Kinder häufig durch Smartphones oder Tablets abgelenkt sind, reagieren sie verzögert oder weniger sensibel auf Signale des Kindes. Aufmerksamkeitsangebote bleiben unbeantwortet, Interaktionen verkürzen sich. In der Folge können sich – so die Hinweise aus ersten Studien – Verhaltensauffälligkeiten sowie Schlaf- und Essstörungen häufen.
Hinzu kommt ein indirekter Effekt, der in der Forschung zunehmend berücksichtigt wird: die Vorbildfunktion der Eltern. Kinder lernen durch Beobachtung. Wenn digitale Geräte im Alltag permanent präsent sind, werden sie früh als selbstverständlicher Bestandteil sozialer Situationen wahrgenommen – auch dort, wo eigentlich Interaktion im Vordergrund stehen müsste.
„Ich glaube, wir brauchen da so eine Art Kodex, den auch Eltern für sich annehmen müssen“
Vor diesem Hintergrund erhält die Frage nach früher Aufklärung ein anderes Gewicht. Es geht nicht allein um Nutzungszeiten oder Inhalte, sondern um grundlegende Bedingungen kindlicher Entwicklung – und um die Rolle der Erwachsenen in dieser frühen Phase.
Diese Befunde verstärken die Argumentation, die Prien politisch formuliert. Wenn Risiken bereits im ersten Lebensjahr entstehen, greifen Maßnahmen wie Altersgrenzen für soziale Medien zwangsläufig zu spät. Die eigentliche Prävention müsste früher beginnen – im familiären Alltag und in der frühen Beratung.
Prien selbst verbindet diese Perspektive mit einem Appell an die Eltern. Kinder lernten „durch Zuschauen und Zuhören“, sagt sie. Daraus folge eine besondere Verantwortung der Erwachsenen. „Deshalb wird es auch Disziplin der Eltern erfordern. Ich glaube, wir brauchen da so eine Art Kodex, den auch Eltern für sich annehmen müssen.“ News4teachers / mit Material der dpa
Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats “Frühe Bildung”.










Handys und Apps haben auch andere Nebenwirkungen:
https://www.hr-inforadio.de/sendezeiten/11km—der-tagesschau-podcast-ueberwachung-mit-handy-daten—spion-in-der-tasche,epg-11km-di-322.html
Bundesbildungsministerin Karin Prien warnt vor dem „digitalen Schnuller“ für Kleinkinder und erklärt: „Kinder lernten durch Zuschauen und Zuhören.“ Ein Satz von einer Politik, die seit Jahren dafür sorgt, dass Kinder in der Schule kaum noch zuhören können. Denn auch die Schule hat sie längst mit digitalen Reizen zugeschüttet: Tablets, Smartboards, Lernplattformen, Gamification‑Tools, Belohnungs‑Apps, Lernspiele. Ein Dauerfeuerwerk aus Animationen, Klicks und Level‑Up‑Effekten, das jede natürliche Aufmerksamkeit pulverisiert.
Kein Wunder, wenn Schüler nach der Pause an der Daddel, direkt aus der TikTok‑Dopaminwalze kommend, einen Fachtext im Lehrbuch lesen sollen und nach drei Sätzen Schluss ist, weil das Gehirn auf Reizwechsel im Sekundentakt trainiert wurde. Und wenn der Lehrer versucht, echten Unterricht zu machen – mit Sprache, Text, Denken –, dann ist er der Blödmann, weil er nicht so unterhaltsam ist wie das nächste Lernspiel. Die Digitalisierung hat nicht modernisiert, sondern fragmentiert. Sie hat aus Lernenden Konsumenten gemacht, die erwarten, dass Wissen in Häppchen serviert wird, am besten mit Animation und Soundeffekt. Und das beginnt schon bei den jungen Lehrkräften und Referendaren: Hier gehört es inzwischen zum guten Ton, jede Unterrichtsstunde mit einem digitalen Spielchen zu eröffnen. Einmal schnell „scrabbeln“, „kohooten“, „quizzen“ – Hauptsache, es blinkt und alle klicken. Ob der Lehrplan dann hinten raus nicht mehr zu schaffen ist? Egal – ist eh schon ein Leerplan in immer einfacherer Sprache. Hauptsache, der Einstieg ist „aktivierend“. Dass man damit Schülern beibringt, dass Unterricht nur dann wertvoll ist, wenn er wie ein Handyspiel funktioniert, scheint niemanden zu stören.
Und das geht bis ins Abitur: In MINT‑Prüfungen gibt es inzwischen digitale Lösungskärtchen, mit denen man sich bei praktischen Aufgaben auf dem Tablet Teillösungen „freischalten“ kann – wenn auch gegen minimalen Punktabzug. Ein pädagogisches In‑App‑Purchase‑Modell, nur ohne Kreditkarte. Da fragt man sich wirklich, wann im schriftlichen und mündlichen Abi endlich Microsoft Copilot zugelassen wird. Vielleicht als „Assistenztool zur individuellen Kompetenzentfaltung“. Oder gleich als Prüfungsersatz.
Währenddessen predigt Prien den Eltern Disziplin und fordert einen Kodex. Dabei wäre auch ein Kodex für die Bildungspolitik überfällig: weniger digitale Pampers, weniger digitale Schnuller bis ins Abitur, weniger EdTech‑Heilsversprechen. Wenn Prien wirklich will, dass Kinder „zuschauen und zuhören“, dann sollte sie zuerst dafür sorgen, dass Schulen wieder Orte werden, an denen das überhaupt möglich ist – ohne Dauerblinken, Dauerwischen, Dauerablenkung. Ein Analogpakt wäre längst fällig, bevor die letzte Fähigkeit verloren geht, die Bildung überhaupt erst möglich macht: sich länger als eine Minute auf etwas zu konzentrieren und sowohl anspruchsvolle Fachtexte (etwa in MINT‑Fächern) als auch Literatur und Klassiker im bildungssprachlichen Kontext wieder lesen und verstehen zu können.