Warum es an der Zeit ist, die Vorurteile über Berufsausbildung endlich zu überwinden – ein Kommentar

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DARMSTADT. Die duale Berufsausbildung wird von der Wirtschaft als Erfolgsmodell gefeiert – gesellschaftlich aber gilt sie noch immer vielen als Notlösung gegenüber dem Studium. Woher diese Abwertung kommt, welche Stereotype den Blick auf berufliche Bildungswege bis heute verstellen und warum sich diese Haltung angesichts von Fachkräftemangel, Bildungsungleichheit und KI-getriebenem Wandel der Arbeitswelt rächen könnte, erläutert unser Gastautor Dr. Ralf Tenberg, Professor für Technikdidaktik an der TU Darmstadt, zum Auftakt des News4teachers-Themenmonats „Berufsorientierung & Berufliche Bildung“. Auch seine eigene Vita kommt dabei zur Sprache.

Fachkräfte – händeringend gesucht. (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Stereotype zur Berufsausbildung – eine Klarstellung

Die Berufsausbildung in Deutschland wird von Unternehmerverbänden ebenso wie von der Bildungspolitik in höchsten Tönen gelobt. Trotzdem ist sie nach wie vor „zweite Wahl“ gegenüber der akademischen Bildung, was nur zum Teil rational begründet werden kann. Im Kern dieser Antinomie finden sich eine Reihe von (bekannten) Stereotypen, die einer rationalen Auseinandersetzung mit der Thematik entgegenstehen. Darauf will ich im Folgenden einen kurzen Blick werfen.

Als ich selbst mit mittelmäßigen Noten von der 4. Grundschule in die 5. Gymnasium wechselte, war mein Ziel das Abitur. Aber es kam anders: Ich lavierte von Anfang an, in der 7. Klasse musste ich auf eine Realschule wechseln, dort wiederholte ich die 9. und verließ sie schließlich mit einer mittelmäßigen „Mittleren Reife“. Über die Gründe für dieses Schulversagen kann man spekulieren – im Nachhinein halte ich sie für unwesentlich.

Inzwischen bin ich promovierter und habilitierter Universitätsprofessor, habe aber immer noch kein allgemeines Abitur. Ausgangspunkt war meine Ausbildung als Technischer Zeichner im Maschinenbau. Dann folgten Fachoberschule und Berufsoberschule. Mit einem Fachabitur habe ich an der TU München studiert, mit einem Hochschulabschluss des beruflichen Bildungswegs. Nicht das Gymnasium, sondern meine Berufsausbildung war somit der Grundstein zu meinem gesamten beruflichen Werdegang. Sie war – in einer Metapher gesprochen – der Schlüssel, der in mein Schloss passte. Inzwischen weiß ich, dass das kein Einzelfall ist. Gegenteilig kommen immer mehr Menschen in hervorragende Berufe, die nicht den typischen Gymnasialweg gegangen sind. Trotzdem sind es immer noch zu wenige, daher will ich hier ein wenig klarstellen …

Blickt man aus der Allgemeinbildung auf die berufliche Bildung, verläuft das bei vielen Menschen wie der Blick nach unten, aus einer vertrauten Umgebung in eine fremde und diffuse Welt. Befremdung erzeugt Ängste, Ablehnung, Distanz und Vermeidung. Menschen aus den Gymnasien – Lehrpersonen wie Schülerschaft – fokussieren als Folgeschritt nach der Schule die Hochschule, denn so bleibt man weiter auf dem „Königsweg“. Zudem sind Hochschulen dem deutlich ähnlicher, was man langjährig kennt. Es sind Orte der Bildung, nicht der Arbeit, geprägt von Lernenden und Lehrenden, nicht von Einkauf, Produktion, Logistik und Verkauf.

Der Wunsch vieler Eltern nach Abitur und Studium ist ungebrochen, was – im Rückblick auf die letzten Jahrzehnte – nicht unberechtigt ist

Der Weg zum Abitur ist somit für leistungsstarke Schüler ein Routineakt im Dreiklang Schule – Uni – akademischer Beruf. Für schwächere Schüler verläuft er eher wie ein Balanceakt auf dünnem Seil über dem Abgrund der Berufsausbildung. Wohlwollende Lehrer geben alles, damit möglichst wenige dorthin „abstürzen“. Geht man im Bildungs-Gebäude ein Stockwerk tiefer, also in Haupt- oder Realschulen (oder deren strukturelle Pendants) sieht es leider ähnlich aus. Diejenigen, die gute Leistungen erbringen, versuchen möglichst in einer Folgeschule die Hochschulreife zu erwerben, also auch die „fremde unangenehme“ Welt der Wirtschaft zu vermeiden. Selbst Schülerinnen und Schüler, die hier kaum die Abschlüsse schaffen, suchen tendenziell nach Schulformen, in denen sie zunächst unterkommen können, oder nach außerschulischen Maßnahmen mit diffusen Entwicklungsperspektiven.

Die individuellen und gesellschaftlichen Folgen sind fatal: Menschen mit praktischen Kompetenzen verirren sich in die Theorie, studieren Dinge, die nicht zu ihnen passen bzw. sie überfordern, Studiengänge werden abgebrochen oder mehrfach gewechselt. Genau diese Menschen fehlen in der Wirtschaft, die aktuell aufgrund des Fachkräftemangels Wachstumseinbußen hinnehmen muss.

Der Wunsch vieler Eltern nach Abitur und Studium ist ungebrochen, was – im Rückblick auf die letzten Jahrzehnte – nicht unberechtigt ist. Wer studiert hat, verdiente bislang mehr Geld, war beruflich sicherer und flexibler, hatte anspruchsvollere Aufgaben und bessere Aufstiegschancen. Zudem hatten und haben nicht-akademische Berufe ein geringeres gesellschaftliches Ansehen, die damit zusammenhängende Ausbildung wurde und wird als gleichermaßen anstrengend und unattraktiv eingeschätzt. Bildungssegregation ist hier ursächlich, also die ungleiche Verteilung von Schülerinnen bzw. Schülern auf verschiedene Schulen, Schulformen oder Lernumgebungen nach sozialen, ethnischen oder ökonomischen Kriterien. Intelligenz, Begabung oder Neigung sind nur zu einem geringen Anteil entscheidend, welcher Bildungsweg eingeschlagen wird, so entsteht von Anfang an eine Diskrepanz zwischen dem, wie sich ein Mensch beruflich entwickeln könnte und wie er sich konkret entwickelt.

Diese Problematik ist seit Längerem bekannt, wird jedoch politisch ausgesessen, da leider niemand bereit ist, die 2-Klassen-Gesellschaft unserer Berufs-Kasten konsequent aufzulösen.

Verschiedene aktuelle Entwicklungen geben nun Anlass, sich hier – unabhängig von den alten Mustern – neu zu orientieren, nicht zuletzt die fortschreitende Digitalisierung und in deren Zentrum die Implementierung von KI in allen Bereichen unserer Wirtschaft, mit der sicheren Prognose, dass im kommenden Jahrzehnt viele Tätigkeiten, vor allem in akademischen Berufen nicht mehr von Menschen erbracht werden müssen. Sie fallen weg und mit ihnen Arbeitsplätze, was im Bereich von Handwerk, Humandienstleistungen, Nahrung und Gastronomie aber auch vielen Assistenzberufen kaum absehbar ist.

Unser Gastautor: Prof. Dr. Ralf Tenberg. Illustration: News4teachers

Kurzum: die Kombination aus „klugem Verstand und geschickter Hand“ ist aktuell deutlich zukunftsfähiger als die akademische Kompetenz, deren Performanz in den letzten Jahren anteilig immer stärker mit Maus, Monitor und Tastatur umgesetzt wird. Das zeigt z. B. die aktuelle weltweite Entlassungswelle bei Programmierern, die man vor ein paar Jahren noch mit höchsten Gehältern sogar aus anderen Staaten gelockt hat. Programmieren kann die KI besser, schneller und vor allem billiger.

Ähnlich sieht es in den Verwaltungen aus: SAP verstehen und bedienen kann die KI besser als der Mensch, so läuft es mit Lagersystemen oder auch routinemäßigen Marketingprozessen etc. In der Medizin diagnostiziert KI um ein Vielfaches besser und schneller als Menschen, vor allem in bildgebenden Szenarien. Egal ob komplexe Marktanalysen oder differenziere juristische Fallanalysen – auch hier ist die KI nicht nur besser, sondern auch schneller und billiger als der Mensch. Natürlich wird hier niemand unmittelbar „abgeschafft“ und natürlich wird hier KI zunächst als Werkzeug eingesetzt, ohne gleich Menschen unmittelbar zu ersetzen. Trotzdem werden summarisch weniger Expert:innen benötigt. Wie das in 2, 3 oder 5 Jahren aussieht, kann niemand genau sagen.

Zeit also, sich mit beruflichen Optionen auseinanderzusetzen, die hier deutlich mehr Stabilität und Sicherheit bieten und zudem möglicherweise viel besser zu einem eher praktisch veranlagten jungen Menschen passen als ein Studium. Dazu will ich die sechs verbreitetsten Stereotype über die Berufsausbildung bzw. Ausbildungsberufe genauer ansehen und klären, was daran stimmt und was nicht.

Hier geht es zu Teil zwei des Beitrags.

 

 

 

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Gelbe Tulpe
2 Stunden zuvor

Derzeit werden viele Azubis, die 2025 mit ihrer Ausbildung fertig wurden, nicht von ihrem Ausbildungsbetrieb übernommen. Das trifft in meinem ehemaligen Schülerkreis viele aus dem Bereich Industrie und öffentliche Verwaltung. Da wird schon überlegt, studieren zu gehen.

ed840
2 Stunden zuvor
Antwortet  Gelbe Tulpe

Und dann darauf hoffen, dass sie nicht zu den ca. 30% Studienabbrechern gehören und die Lage sich bis zum Abschluss wieder bessert?

Akademiker ohne Job : Jung, studiert, arbeitssuchend”sud

Gelbe Tulpe
1 Stunde zuvor
Antwortet  ed840

Oder bevorzugt als Absolventen eingestellt zu werden, da sie bereits Berufserfahrung haben.

DienstnachVorschrift
1 Stunde zuvor
Antwortet  Gelbe Tulpe

Naja, wenn man einigermaßen mobil ist und flexibel im Bereich, dann findet man schon etwas. Als abgeschlossener Industriekaufmann gibt es viele Bereiche, in denen man tätig sein kann. Vertrieb und Rechnungswesen wird hier deutlich mehr gesucht. Und auch als Verwaltungsfachangestellter gibt es viele Einsatzbereiche. Da gibt es deutlich schlechtere Ausbildungsberufe.

Hauke Haien
59 Minuten zuvor

Meiner Erfahrung nach quälen sich gute Gesamtschüler zum Abitur, weil sie keinen Ausbildungsplatz bekommen, trotz unzähliger Bewerbungen seit der 9. Klasse.