FRANKFURT/MAIN. Wo Schulen und Kitas gebaut werden, ist kein neutraler Verwaltungsakt. Eine umfangreiche Datenanalyse der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zeigt: Bildungseinrichtungen konzentrieren sich in Deutschland überdurchschnittlich häufig in wohlhabenden Wohngegenden. Gerade Gymnasien sind für Kinder aus ärmeren Vierteln oft deutlich schlechter erreichbar – mit Folgen für Bildungsentscheidungen und Chancengerechtigkeit.

Wie krass ungleich die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland verteilt sind, hat eine Studie des ifo-Instituts bereits im Jahr 2023 aufgezeigt. Der sogenannte Chancenmonitor des Münchner Leibniz-Instituts kam zu dem Ergebnis, dass die Wahrscheinlichkeit eines Gymnasialbesuchs zwischen rund 20 und über 80 Prozent liegt – je nach familiärem Hintergrund. „Die entscheidenden Faktoren für die Bildungschancen von Kindern in Deutschland sind Bildung und Einkommen der Eltern. Weniger bedeutend ist ein Migrationshintergrund“, sagte der Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik, Prof. Ludger Wößmann, anlässlich der Veröffentlichung (News4teachers berichtete).
Demnach besuchen Kinder aus Haushalten mit zwei Elternteilen ohne Abitur deutlich seltener ein Gymnasium als Kinder aus akademisch geprägten Familien. Liegt kein Abitur der Eltern vor, beträgt die Gymnasialquote 28,2 Prozent. Hat ein Elternteil Abitur, steigt sie auf 57,9 Prozent, bei zwei Elternteilen mit Abitur auf 75,3 Prozent. Besonders gering sind die Chancen für Kinder aus einkommensschwachen Haushalten: Wachsen sie bei einem alleinerziehenden Elternteil ohne Abitur im untersten Einkommensviertel auf, liegt die Wahrscheinlichkeit eines Gymnasialbesuchs bei 21,5 Prozent. Im obersten Einkommensviertel mit zwei Elternteilen und Abitur sind es 80,3 Prozent.
„Wenn Eltern Wahlmöglichkeiten zwischen Schulen haben, gehört die Distanz fast immer zu den wichtigsten Kriterien“
Dabei spielt offenbar auch die räumliche Nähe zu Bildungseinrichtungen eine zentrale Rolle für Bildungschancen. Diesen Aspekt nimmt eine Datenanalyse der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.) in den Blick – und kommt zu dem Ergebnis, dass der Zugang zu Schulen und insbesondere zu Gymnasien in Deutschland sozial höchst ungleich verteilt ist.
Die F.A.S. hat die Standorte sämtlicher allgemeinbildender Schulen in Deutschland mit sozioökonomischen Daten verknüpft. Weil kleinräumige Einkommensdaten nicht öffentlich verfügbar sind, nutzte die Redaktion die Nettokaltmieten aus dem Zensus 2022 als Näherungswert für das Wohlstandsniveau einzelner Wohngegenden. Das Ergebnis: Je höher die Mieten, desto dichter ist das Netz an Schulen – und desto kürzer sind die Wege zum nächsten Gymnasium.
Besonders ausgeprägt ist dieser Zusammenhang bei Gymnasien. Während in Gegenden mit niedrigen Nettokaltmieten der Weg zum nächsten Gymnasium im Durchschnitt fast dreieinhalb Kilometer beträgt, sind es in teuren Wohnlagen weniger als eineinhalb Kilometer. Je höher die Mieten, desto dichter ist das Gymnasialnetz – selbst dann, wenn Unterschiede zwischen Stadt und Land statistisch herausgerechnet werden.
Die F.A.S. stützt sich für ihre Analyse auf Schuldaten aus dem Open-Source-Projekt „JedeSchule“, das nahezu alle allgemeinbildenden Schulen in Deutschland erfasst hat, sowie auf Mietdaten aus dem Zensus 2022. Da für Deutschland keine kleinteiligen Einkommensdaten öffentlich verfügbar sind, dienen die Nettokaltmieten als Näherungswert für das Einkommensniveau eines Wohngebiets.
Die Ergebnisse zeigen, dass mit jedem zusätzlichen Euro durchschnittlicher Nettokaltmiete die Zahl der Schulen im Umkreis von drei Kilometern um rund zehn Prozent steigt. Für Gymnasien ist dieser Effekt besonders stark ausgeprägt. In den ärmsten Wohnlagen sind Kinder teilweise viele Kilometer vom nächsten Gymnasium entfernt. In einzelnen Regionen, etwa im Erzgebirge, beträgt die Luftlinie zum nächsten Gymnasium mehr als 20 Kilometer.
„Wenn ein Arbeiterkind direkt gegenüber ein Gymnasium hätte, würde es vielleicht hingehen. Wenn es dafür zehn Kilometer fahren muss, macht man es eher nicht“
Diese räumliche Distanz ist aus Sicht von Bildungsökonomen kein nebensächlicher Faktor. „Wenn Eltern Wahlmöglichkeiten zwischen Schulen haben, gehört die Distanz fast immer zu den wichtigsten Kriterien“, sagt Wößmann gegenüber der F.A.S.. Studien aus Deutschland und anderen Ländern zeigen demnach übereinstimmend: Je weiter der Schulweg, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder höhere Bildungsabschlüsse anstreben oder erreichen. „Wenn ein Arbeiterkind direkt gegenüber ein Gymnasium hätte, würde es vielleicht hingehen. Wenn es dafür zehn Kilometer fahren muss, macht man es eher nicht“, so Wößmann.
Wie stark Standortentscheidungen Bildungschancen beeinflussen können, zeigt auch ein Beispiel aus Frankfurt am Main. Dort wurde 2015 ein neues Gymnasium gegründet, das ursprünglich im eher einkommensschwachen Stadtteil Nied angesiedelt werden sollte. Ziel war es, Gymnasialangebote gezielt in Regionen mit bislang niedrigen Übergangsquoten zu schaffen. Tatsächlich lag der Anteil der Kinder, die dort ein Gymnasium besuchten, deutlich unter dem Frankfurter Durchschnitt.
Nach Protesten von Eltern aus anderen Stadtteilen, denen längere Schulwege drohten, wurde die Standortentscheidung jedoch revidiert. Das Gymnasium wurde schließlich dauerhaft im wohlhabenden Westend angesiedelt – einem Stadtteil, in dem bereits zuvor ein sehr hoher Anteil der Jugendlichen ein Gymnasium besuchte. Der ursprüngliche Plan, Bildungsangebote räumlich auszugleichen, wurde damit aufgegeben.
Die F.A.S.-Analyse deutet darauf hin, dass es sich dabei nicht um einen Einzelfall handelt. Vielmehr folge die Bildungsinfrastruktur häufig bestehenden sozialen Mustern. Wo viele Gymnasialkinder leben, entstehen neue Gymnasien – was aus Sicht der Bedarfsplanung plausibel erscheint, die Ungleichheit der Zugangsmöglichkeiten aber weiter verstärkt.
Ähnliche Mechanismen lassen sich bereits im frühkindlichen Bereich beobachten. Eine Untersuchung des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung zu Kita-Standorten kommt zu dem Ergebnis, dass Einrichtungen freier und kirchlicher Träger überdurchschnittlich häufig in Gegenden angesiedelt sind, in denen bessergestellte Familien leben. Der Soziologe Leon Wansleben erklärt dies in der Studie unter anderem mit Defiziten in der kommunalen Bedarfsplanung. Diese bevorzuge offenbar Bevölkerungsgruppen, die ihre Interessen besonders wirksam artikulieren können.
Die räumliche Konzentration von Kitas, Schulen und Gymnasien in wohlhabenden Vierteln verschärft nach Einschätzung von Bildungsforschern bestehende Ungleichheiten im deutschen Bildungssystem. Kinder aus einkommensschwachen Familien sind nicht nur statistisch seltener auf Gymnasien vertreten, sie haben auch strukturell schlechtere Zugänge zu diesen Schulen.
Die Autoren der F.A.S.-Analyse kommen zu dem Schluss, dass staatliche Bildungsausgaben ihre ausgleichende Wirkung verfehlen, wenn die Standorte von Schulen und Kitas soziale Ungleichheit reproduzieren. Eine gezieltere Standortplanung könnte demnach die Bildungschancen verbessern, ohne dass dafür höhere Ausgaben nötig wären. Voraussetzung wäre allerdings, dass politische Entscheidungsträger Standortkonflikte mit privilegierten Wohnlagen in Kauf nehmen. News4teachers
Hier geht es zu der vollständigen Datenanalyse der F.A.S.









“Diese bevorzuge offenbar Bevölkerungsgruppen, die ihre Interessen besonders wirksam artikulieren können.”
Ja, klar. Der NIMBY lässt grüßen.
“Liegt kein Abitur der Eltern vor, beträgt die Gymnasialquote 28,2 Prozent.”
Wie war denn die Quote vor 10, 20, 30, 40, 50 Jahren. Mein Tipp: geringer.
“Während in Gegenden mit niedrigen Nettokaltmieten der Weg zum nächsten Gymnasium im Durchschnitt fast dreieinhalb Kilometer beträgt…”
Wie viele Minuten sind denn das mit dem Rad, dem Bus, der S-Bahn?
Wenn das ausschlaggebend sein soll, scheinen eher andere Aspekte im Vordergrund zu stehen.
Das Kriterium der Nettokaltmiete im Zusammenhang mit der Infrastruktur finde ich nicht so geeignet: Henne, Ei.
Zumal die meisten Schulen 50 Jahre oder älter sind.
Gilt auch diese Aussage:
„Wenn ein Akademikerkind direkt gegenüber eine Stadtteilschule hätte, würde es vielleicht hingehen. Wenn es dafür zehn Kilometer fahren muss, macht man es eher nicht“
Ich frage für Schulplanwirtschaftler.