KIRCHBERG AN DER JAGST. Macht KI Lehrkräfte überflüssig? Soll Schule fehlerfrei funktionieren – und Lernen möglichst effizient getaktet werden? Oder braucht Bildung im 21. Jahrhundert genau das Gegenteil: mehr Menschlichkeit, mehr Mut zum Irrtum und mehr Zeit zum Verstehen? In einer vierteiligen Reihe im Rahmen des News4teachers-Themenmonats „Schule der Zukunft“ (aus Anlass der bevorstehenden didacta) beschreibt Alexander Franz, Schulleiter der Schloss-Schule Kirchberg und langjähriger MINT-Lehrer, zehn zentrale Hebel für eine Schule der Zukunft aus der Perspektive eines Praktikers. Teil drei: Warum KI Lehrkräfte entlasten statt ersetzen sollte, warum Fehler Lernen antreiben – und warum Schule aufhören muss, in 45-Minuten-Häppchen zu denken.
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Zehn Hebel für die Schule der Zukunft (6–8)
6 Nimmt KI Lehrkräften die Arbeit weg? (Hoffentlich!) – Warum Digitalisierung Schule menschlicher machen kann
Die Sorge ist groß: Wenn Künstliche Intelligenz Unterrichtspläne schreibt, Aufsätze korrigiert und Wissensfragen beantwortet – wozu braucht es dann noch Lehrkräfte? Die Antwort ist unbequem, aber befreiend: Wir brauchen Lehrkräfte nicht weniger, sondern endlich für das Richtige. Denn alles, was KI gut kann, war nie der Kern guter Bildung.
Das Paradoxon der Digitalisierung liegt genau hier. Die zentrale Frage lautet nicht, wie wir Schule mit KI effizienter machen, sondern wie wir KI nutzen, um Schule zu humanisieren. Wenn Digitalisierung nur dazu dient, das alte System schneller zu machen – mehr Stoff, mehr Tests, mehr Kontrolle –, verpassen wir ihre eigentliche Chance. Internationale Bildungsanalysen warnen genau davor: Technologie verbessert Lernen nicht automatisch, sie verstärkt lediglich das bestehende System (OECD, 2021). Merksatz: Digitalisierung verstärkt, was da ist – sie ersetzt es nicht.
Richtig eingesetzt kann KI dort helfen, wo Lehrkräfte heute Zeit verlieren, ohne pädagogisch wirksam zu sein. In Klassen mit 25 bis 30 Schüler:innen ist individuelle Förderung oft eine Illusion. Adaptive, KI-gestützte Lernsysteme können hier real unterstützen, indem sich Aufgaben in Echtzeit anpassen, Lernlücken sofort erkannt werden und Feedback unmittelbar erfolgt. Studien zeigen, dass adaptive Lernsysteme Lernfortschritte signifikant erhöhen können, wenn sie didaktisch eingebettet sind (OECD, 2021; Pane et al., 2015).
Auch bei Korrekturen kann KI entlasten. Die Überprüfung von Rechtschreibung, Grammatik und formalen Kriterien ist zeitintensiv, aber pädagogisch nur begrenzt wirksam, wenn sie isoliert erfolgt. KI kann hier vorstrukturieren, Fehler clustern und Muster sichtbar machen. Die Lehrkraft gewinnt dadurch Zeit für qualitatives Feedback – also genau das, was Lernen nachweislich fördert (Hattie & Timperley, 2007). Merksatz: Nicht alles, was Zeit frisst, fördert Lernen.
Der größte Hebel liegt jedoch nicht in der Technik, sondern in der freigesetzten Zeit. Wenn Routineaufgaben automatisiert werden, kann die Lehrkraft das tun, was kein Algorithmus kann: Beziehungen aufbauen, motivieren, coachen, Lernprozesse begleiten und Werte vermitteln. Gerade Beziehung ist einer der stärksten Wirkfaktoren für Lernen (Hattie, 2012; Immordino-Yang, 2016). KI kann Feedback geben – aber keine Beziehung.
Bildungspolitisch zeichnet sich dabei ein klarer Konsens ab. KI soll unterstützen, nicht entscheiden. Die Kultusministerkonferenz betont, dass pädagogische Verantwortung beim Menschen bleibt, KI ein Werkzeug und kein Akteur ist und Entscheidungen über Bewertung, Förderung und Selektion nicht automatisiert werden dürfen (KMK, 2023). International wird dieses Prinzip als „Human-in-the-loop“ bezeichnet. Merksatz: KI darf helfen – aber nicht herrschen.
Das Fazit dieses Hebels lautet daher: KI ersetzt keine Lehrkräfte, aber sie verändert ihre Rolle. Der fünfte Hebel für die Schule der Zukunft heißt, der Maschine die Maschinenarbeit zu geben und dem Menschen den Menschen. KI wird Lehrkräfte nicht überflüssig machen, aber sie wird jene Schulen abhängen, die an einem Unterricht festhalten, in dem Lehrkräfte vor allem Verwaltungs- und Korrekturkräfte sind. Oder zugespitzt: Die Zukunft gehört nicht der KI, sondern den Menschen, die sie klug nutzen.
7 Warum wir unsere Kinder „falsch“ korrigieren – und Fehler der Treibstoff des Lernens sind
Haben Sie schon einmal das Wort „Fehler“ betrachtet? Es ist ein Anagramm. Stellt man die Buchstaben um, entsteht „Helfer“. In unseren Schulen sind Fehler jedoch oft keine Helfer, sondern Urteile. Der Rotstift markiert Defizite, die Note fixiert einen Status. Das ist nicht nur pädagogisch problematisch, sondern neurobiologisch kontraproduktiv.
Unser Gehirn ist keine Festplatte, sondern eine Vorhersagemaschine. Es sagt permanent voraus, was gleich passieren wird, und überprüft diese Erwartungen laufend. Lernen geschieht genau dann, wenn diese Vorhersage falsch ist. Die Forschung spricht vom sogenannten Prediction Error, dem Vorhersagefehler. Neurobiologisch bedeutet das, dass eine Erwartung verletzt wird, dopaminerge Systeme reagieren, neuronale Modelle angepasst werden und sich Synapsen verändern. Dieser Mechanismus ist zentral für Neuroplastizität (Schultz, 1998; Friston, 2010). Merksatz: Ohne Fehler kein Update.

Wer Fehler vermeidet oder aus Angst vertuscht, verweigert seinem Gehirn genau diesen Lernimpuls. Viele schulische Routinen senden jedoch ein fatales Signal: Mach bloß keinen Fehler. Die typischen Effekte sind Risikovermeidung, oberflächliches Lernen, Abschreiben statt Denken und Angst vor Neuem. Damit sabotieren wir genau den Mechanismus, der Lernen überhaupt erst möglich macht. Merksatz: Angst macht fehlerfrei – aber dumm.
Die Psychologin Carol Dweck unterscheidet zwei grundlegende Denkhaltungen. Im sogenannten Fixed Mindset gilt ein statisches Selbstbild. Aussagen wie „Ich bin halt schlecht in Mathe“ dominieren, Fehler werden als Beweis von Unfähigkeit gedeutet und Anstrengung als Zeichen mangelnder Begabung. Motivation sinkt, Lernbereitschaft bricht ab. Dem gegenüber steht das Growth Mindset, ein dynamisches Selbstbild. Aussagen wie „Ich kann das noch nicht“ prägen diese Haltung. Fehler werden als notwendiger Lernschritt verstanden, Anstrengung als Wachstum. Herausforderungen werden angenommen.
Neurobiologisch ist das plausibel, denn Fähigkeiten sind nicht fix, sondern durch Übung, Feedback und Fehler formbar (Draganski et al., 2004; Kempermann, 2019). Merksatz: Talent ist kein Zustand – sondern ein Prozess.
Eine fehlerfreundliche Schule bedeutet dabei nicht Beliebigkeit, sondern präziseres Lernen. Fehler zu enttabuisieren heißt, Scheitern als Zwischenstation zu begreifen (Hattie & Timperley, 2007). Fehler zeigen, wo Lernen beginnt. Entscheidend ist zudem, Prozesse stärker zu bewerten als Produkte. Lob für Strategie, Anstrengung und Ausdauer statt für vermeintliche Begabung wirkt lernförderlich (Dweck, 2006). Merksatz: Was wir loben, vermehren wir.
Auch Noten müssen neu gedacht werden. Klassische Noten sind oft Momentaufnahmen und bilden Lernentwicklung nur unzureichend ab. Studien zeigen, dass formative Rückmeldungen Lernen stärker fördern als summative Bewertungen (Black & Wiliam, 1998). Lernen ist eine Kurve, keine Punktlandung.
Das Fazit des siebten Hebels lautet daher: Fehler sind keine Schwäche, sie sind der Beweis von Mut. Der siebte Hebel für die Schule der Zukunft heißt, Fehler nicht zu bestrafen, sondern Lernen daraus sichtbar zu machen. Ein Fehler zeigt, dass jemand ausprobiert, die Komfortzone verlassen und gelernt hat. Oder zugespitzt: Wer keine Fehler macht, lernt nichts Neues.
8 Warum die Welt nicht in 45-Minuten-Häppchen passt – und Lernen Zeit braucht
Klingeling. Mathe vorbei. Buch zu. Klingeling. Deutsch. Jetzt sind wir Dichter. Klingeling. Bio. Jetzt Forscher. Unser Schulalltag ist vielerorts noch immer getaktet wie ein Fließband der Industrialisierung. Das Problem ist offensichtlich: Die echten Probleme unserer Zeit halten sich nicht an Fächergrenzen. Der Klimawandel ist Physik, Politik, Ethik und Wirtschaft zugleich. Demokratie ist Geschichte, Sprache, Psychologie und Medienkompetenz. Keines dieser Themen passt in 45-Minuten-Häppchen.
Aus lernpsychologischer und neurodidaktischer Sicht ist Tiefenlernen kein Sprint, sondern ein Prozess. Verstehen braucht Zeit, Transfer braucht Wiederholung und Bedeutung entsteht durch Anwendung. Studien zu Deep Learning und projektbasiertem Lernen zeigen, dass komplexes Denken vor allem dort entsteht, wo Lernende zusammenhängend, problemorientiert und selbstgesteuert arbeiten können (Bransford et al., 2000; OECD, 2018). Der permanente Fach- und Themenwechsel verhindert genau das. Merksatz: Was wir ständig unterbrechen, kann sich nicht vertiefen.
Das klassische Format erzeugt stattdessen häufig kurzfristiges Auswendiglernen, schnelles Vergessen und geringe Transferleistung. Die Lernforschung spricht hier von oberflächenorientiertem Lernen, das zwar prüfungsrelevant, aber kaum nachhaltig ist (Marton & Säljö, 1976). Merksatz: Was man nur für die Stunde lernt, ist nach der Stunde weg.
Ein erprobtes Gegenmodell ist der FREI DAY, initiiert unter anderem von Margret Rasfeld und Schule im Aufbruch. Zentral ist hier zunächst Zeit. Schulen stellen regelmäßig mehrere zusammenhängende Stunden pro Woche zur Verfügung, häufig drei bis vier. Zeit ist dabei keine Randbedingung, sondern der eigentliche Hebel. Ohne Zeit kein Denken. Inhaltlich orientiert sich die Arbeit an den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen. Die Projekte sind damit global relevant, gesellschaftlich bedeutsam und anschlussfähig an Bildung für nachhaltige Entwicklung (UNESCO, 2017). Sinn erweist sich hier als stärkster Motivator.
Gleichzeitig zeichnet sich der FREI DAY durch Freiheit aus. Es gibt keine Noten, keinen engen Lehrplan und keine vorgegebenen Lösungen. Die Lehrkraft agiert als Lernbegleiter:in, Coach und Reflexionspartner. Das fördert Selbststeuerung, Verantwortung und intrinsische Motivation (Deci & Ryan, 2000). Freiheit erzeugt Verantwortung, nicht Chaos.
In diesen Formaten erleben Schüler:innen Selbstwirksamkeit statt Passivität. Sie erfahren, dass sie etwas bewirken können, dass ihre Ideen zählen und ihr Handeln Wirkung hat. Sie gründen Schülerfirmen, organisieren lokale Umweltprojekte, entwickeln soziale Initiativen oder politische Aktionen. Dabei trainieren sie Kompetenzen wie Projektmanagement, Teamarbeit, Durchhaltevermögen und den Umgang mit Scheitern. Das entspricht zentralen Dimensionen von Selbstwirksamkeit (Bandura, 1997) und den 4Ks (OECD, 2018). Wer Verantwortung erlebt, lernt nachhaltig.
Für Schule bedeutet das: Formate wie der FREI DAY sind keine nette Ergänzung am Rand des Systems. Sie sind ein Strukturbruch – und genau deshalb wirksam. Sie zeigen, dass Lernen Zeiträume braucht statt Zeitfenster, Verantwortung durch Freiheit entsteht und Zukunftskompetenzen durch echte Probleme wachsen. Oder zugespitzt: Die Schule der Zukunft denkt in Projekten, nicht in Stunden.
Das Fazit des achten Hebels lautet daher: Zukunft lässt sich nicht takten. Wer will, dass Schüler:innen morgen Verantwortung übernehmen, muss ihnen heute die Räume geben, sie zu üben. News4teachers
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„Schule der Zukunft: Nimmt KI Lehrkräften die Arbeit weg?“
Darauf ein fröhliches Hoffentlich! Schließlich könnte KI ja endlich das leisten, was jahrzehntelange Reformen zuverlässig verhindert (äh vorbereitet) haben.
Dann blubberts wieder in bekannten Worthülsen:
„Wenn Digitalisierung nur dazu dient, das alte System schneller zu machen – mehr Stoff, mehr Tests, mehr Kontrolle –…“ Häää?
Von welchem alten System ist hier die Rede?
Die fachliche Bildung wurde doch über Jahre so gründlich entkernt und IQB‑konform kompetenzorientiert weichgekocht, dass man sie nur noch an den Pisa‑Kurven erkennt – in Schieflage wie der Turm von Pisa aber ähnlich stabil.
Mehr Stoff, mehr Anstrengung, Leistung um der Leistung willen? Das ist doch längst museal.
Natürlich darf die pädagogische Zauberformel nicht fehlen:
„Eine fehlerfreundliche Schule bedeutet präziseres Lernen.“
Klar. Fehler enttabuisieren – aber bitte ohne Noten, ohne Konsequenzen und ohne die gegen Exen demonstrierenden Amelies oder die Bürgerräte gegen Hausaufgaben und Leistungsdruck zu irritieren.
Intrinsische Motivation regelt das schon, zumindest in den Präsentationen der Idealisten.
„Ein Fehler zeigt, dass jemand die Komfortzone verlassen hat.“
Ein hübsches Bild.
Nur liegt die “bestellte”schulische Komfortzone seit Jahren so tief und weich, weil man sie als pädagogisches Schongebiet installiert hat. Und ausgerechnet die Lernenden, die ja förmlich vor innerem Antrieb strotzen, sollen sie freiwillig verlassen?
„Studien zu Deep Learning und projektbasiertem Lernen zeigen, dass komplexes Denken vor allem dort entsteht, wo Lernende zusammenhängend, problemorientiert und selbstgesteuert arbeiten können.“
Wunderschön.
Selbststeuerung als Zauberwort – als hätte Generation Daddelfix nur darauf gewartet, endlich selbstgesteuert, selbstdiszipliniert und hochfokussiert präziser zu lernen.
Besonders in einem System, in dem Scheitern keine spürbaren Konsequenzen hat und jede Form von Rückmeldung sofort als „Leistungsdruck“ etikettiert wird.
Die intrinsische Motivation wird’s schon richten.
Die schlummert ja angeblich in jedem Jugendlichen – tief, tief drinnen, irgendwo zwischen TikTok‑Feed und 47 geöffneten Browser‑Tabs.
Als guter Lehrer muss man sie nur „aktivieren“.
Am besten mit noch mehr Projekten, noch weniger Struktur und der festen Überzeugung, dass Selbststeuerung schon irgendwie passiert, wenn man sie nur oft genug beschwört.
Das ist ungefähr so realistisch wie die Vorstellung, KI würde die Schule „menschlicher“ machen.
Am Ende bleiben wieder große Visionen:
Digitalisierung als Heilsbringer und KI als empathische Partnerin.
Alles wird individueller, gerechter, menschlicher!
Na dann: auf zu neuen Ufern – das Wasser ist flach genug, dass man sie zumindest problemlos als „angstfrei“ ausweisen kann.
Wir brauchen die Roboter dringend zur Unterstützung!!
Dann haben wir mehr Personal, Hilfe und können uns auf das Wesentliche konzentrieren. Z.B. Streit schlichten!
Dann geht auch die 35h Woche und Homeoffice!!
Ihre Frau und Hasi können sich beim Tee auf Tetras Terrasse ja darüber unterhalten.
Ach Homeschooling fände ich super, wenn das dann kommt.
Wir hatten letzte Woche Distanzunterricht wegen Glätte und das war ein Träumchen 🙂
1 Mal pro Woche oder 2, ich bin dabei 🙂
Die Väter sind ja auch schon oft im Homeoffice.
Warum hat der Roboter im Bild Zähne? Was isst der? (gruselig)
Ölsardinen