BONN. Myrle Dziak-Mahler kennt Schule aus unterschiedlichen Perspektiven – als Förderlehrerin mit schulmüden Jugendlichen, als Deutsch- und Geschichtslehrerin in der Oberstufe, als langjährige Verantwortliche für die Lehrer:innenbildung an der Universität zu Köln, als Kanzlerin der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft und heute als Geschäftsführerin der gemeinnützigen lernlog gGmbH in Bonn. Aus dieser Erfahrung heraus ist sie überzeugt: Das klassische System der Kohortenbeschulung stößt an seine Grenzen. Im Interview erklärt sie, warum alte Rezepte nicht mehr greifen, weshalb selbstgesteuertes Lernen kein pädagogischer Luxus ist – und was all das mit Demokratie zu tun hat.

News4teachers: Individualisiertes Lernen, selbstständiges Lernen – dafür stehen Sie, Frau Dziak-Mahler. Ausgehend von der Situation, wie sie sich im schulischen Regelbetrieb heute darstellt: Wohin möchten Sie darin?
Dziak-Mahler: Unser System Schule, so wie es gestrickt ist, passt nicht mehr. Wir haben es mit zunehmender Heterogenität zu tun. Das weiß jeder, der in Schule unterwegs ist. Allein die Themen Zuwanderung und Inklusion mache deutlich: Wir haben insgesamt viel stärker die Notwendigkeit, individuell auf Schülerinnen und Schüler einzugehen. Dazu gehört auch das Stichwort psychische Belastungen, weil das ebenfalls ein Bereich ist, der die Notwendigkeit deutlich macht, dass wir eine stärkere Individualisierung brauchen.
Das ist unsere Situation – und sie passt nicht zu der klassischen Kohortenbeschulung, die wir im Schulsystem seit Jahrhunderten vorfinden. Das crasht gerade richtig, weil dieser Zustand – zusammen mit den ohnehin mangelnden Ressourcen – dazu führt, dass viele Lehrkräfte sagen: Ich schaffe es so gar nicht mehr.
Baulich ist vieles schlecht, wir haben nicht genug Lehrerinnen und Lehrer, wir haben insgesamt nicht genug Fachkräfte für die Schulen. Zusammengenommen ist es ein Punkt erreicht, an dem viele Lehrkräfte sagen: Selbst wenn ich alles ausblende und versuche, mit Scheuklappen durch meinen Unterricht zu galoppieren, durch meine Lerngruppe, die im gleichen Tempo mit den gleichen Inhalten zu einem Klausur- oder Testtermin getrieben wird – es geht einfach nicht mehr.
“Wir hatten den PISA-Schock 2000 und sind im Grunde seitdem im freien Fall”
Wir konnten uns viele Jahre noch retten durch das Sortieren von Schülerinnen und Schülern nach der vierten Klasse. Damit funktionierte diese Kohortenbeschulung an bestimmten Standorten länger, an anderen ist sie schon viel früher zusammengebrochen. Grundschulen haben sich, so meine Beobachtung, viel früher auf den Weg gemacht, andere Lernwege zu gehen, denn ihre besonderen Situation, alle Kinder beschulen zu müssen, hat früheres Handeln notwendig gemacht. Dagegen konnte das klassische Gymnasium die Kohortenbeschulung noch länger aufrechterhalten. Die vorgenommene Selektion hat dazu geführt, dass dort Kinder und Jugendliche ankamen, die einerseits bereits in der Primarstufe erkennbar das Potenzial für diese Schulform mitbringen, aber eben auch die häuslichen Bedingungen und ein entsprechendes Umfeld, das sie unterstützt. Wir wissen z. B., wie der Nachhilfemarkt boomt. Aber auch am Gymnasium hakt es zunehmend. Diese Faktoren machen schon erkennbar: Das funktioniert nicht mehr gut.
Wir brauchen also Möglichkeiten in Schule – auch unter den Bedingungen der mangelnden Ressourcen, über die ich nicht hinwegsehen möchte –, dass Schülerinnen und Schüler individueller begleitet werden. Das betrifft die Persönlichkeitsentwicklung auf der einen Seite, vor allem aber das Lernen.
Wir hatten den PISA-Schock 2000 und sind im Grunde seitdem im freien Fall. Es gab um 2010 eine kleine Verbesserung, aber seitdem geht es wieder bergab. Mittlerweile sehen wir den Ergebnissen der nächsten Bildungsmonitoring-Studie mit Sorge entgegen, da wir befürchten müssen, erneut eine Klatsche zu bekommen – an verschiedenen Stellen ist keine Verbesserung erkennbar, vielmehr sind in einigen Bereichen weitere Rückschritte zu verzeichnen. Wie gelingt es uns, das zu drehen?
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Wie können Lehrkräfte selbstgesteuertes Lernen praktisch organisieren? Hier setzt die Web-App lernlog an. Entwickelt von der gemeinnützigen lernlog gGmbH in Bonn, einer Initiative der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft, unterstützt das digitale Tool Schulen und Lehrkräfte dabei, individuelle Lernprozesse zu strukturieren und zu begleiten.

lernlog fungiert als digitales Logbuch: Schülerinnen und Schüler planen ihre Lernziele, dokumentieren Fortschritte und reflektieren ihre Arbeit. Lehrkräfte erhalten Werkzeuge für Feedback und Lernberatung. Für die Primarstufe gibt es „lernlog kids“. Schulen werden bei der Einführung begleitet und können sich in einer Community vernetzen. E KI-gestützter Service wird gerade integriert, der individuelles Feedback weiter datengestützt verbessert.
Selbstständiges Lernen optimal begleiten, im Team zusammenarbeiten, Ressourcen besser verteilen und nutzen! lernlog macht selbstgesteuertes Lernen einfach, wirkungsvoll und zukunftsfähig.
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News4teachers: Jetzt spiele ich mal den Advocatus Diaboli und sage: Vielleicht liegt das alles daran, dass Eltern sich nicht mehr kümmern, dass insgesamt zu wenig Leistungsanforderungen gestellt werden. Müsste man nicht die Zügel wieder enger ziehen, strenger selektieren – vielleicht sogar früher selektieren?
Dziak-Mahler: Man könnte das tun – wenn man nicht genau hinschauen möchte. Ich nutze mal einen Satz, den ich neulich gelesen habe: Die Nachspielzeit ist vorbei. Also das, was Sie schildern – mit alten Maßnahmen neue Situationen in den Griff zu bekommen –, das ist im Grunde zu Ende gespielt.
Es ist ja vielerorts und immer wieder so versucht worden. Aber ich glaube, diese Nachspielzeit ist nun zu Ende. Wir können immer wieder versuchen, mit alten Methoden eine neue Situation zu bewältigen. Nur: Das funktioniert nicht.
Wir erleben dieses Phänomen des Endes der Nachspielzeit ja nicht nur im Bildungssystem, sondern gesamtgesellschaftlich. Immer gleiche Versuche, etwas in den Griff zu bekommen, angewendet auf neue Situationen – das trägt nicht. Und das hat viel mit der Geschwindigkeit der Veränderungen zu tun, denen wir ausgesetzt sind, das hat mit disruptiven Entwicklungen – ich nenne nur das Schlagwort KI – und schlussendlich auch mit einer veränderten globalen Weltlage zu tun.
Deshalb glaube ich nicht, dass ein Mehr an Selektion oder ein Zurück zu früheren Rezepten Antworten sein können.
“Wir stellen fest, dass viele Kinder nicht sicher lesen, schreiben oder rechnen können. Das ist ein großes Thema”
News4teachers: Was macht denn die Situation für Schülerinnen und Schüler so anders als vor 50 Jahren? Oder war vielleicht vor 50 Jahren gar nicht alles in Ordnung?
Dziak-Mahler: Das wäre tatsächlich meine erste Anmerkung: Vielleicht war vor 50 Jahren gar nicht alles so in Ordnung, wie wir es rückblickend manchmal wahrnehmen. Es gibt viele Bereiche, in denen wir heute einfach genauer hinschauen und deshalb auch mehr wissen – über Kinder und Jugendliche und darüber, was ihnen möglicherweise schon in den 1960-er- oder 70-er-Jahren nicht gutgetan hat.
Wir hatten in den 1970-er-Jahren allerdings auch einen ganz anderen Blick auf Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit. Es gab einen bildungspolitischen Aufbruch. Menschen wie ich wären ohne diesen Aufbruch niemals auf dem Gymnasium gewesen. Es existierte eine andere Haltung dazu, Potenziale heben zu wollen, ein anderes Verständnis von Chancengleichheit: Jungen Menschen aus allen Schichten sollte der Zugang zu Bildung ermöglicht werden. Und er wurde: Flächendeckend gelang es, dass die sogenannten Arbeiterkinder Abitur machten und studierten. Das ist heute nicht mehr selbstverständlich – ganz im Gegenteil, möchte man sagen. Wir verlieren viel zu viele Schülerinnen und Schüler im Schulsystem.
Und wir haben einen weiteren signifikanten Unterschied: Wir stellen fest, dass viele Kinder nicht sicher lesen, schreiben oder rechnen können. Das ist ein großes Thema. Ob das früher weniger der Fall war oder ob wir es einfach nicht getestet haben – das kann man diskutieren. Aber neben diesem Befund haben wir inzwischen ganz andere Anforderungen an die Kompetenzen, mit denen Schülerinnen und Schüler unsere Schulen verlassen.
Die Kompetenzen, die wir in den 1970er-, 80er- oder vielleicht noch frühen 90er-Jahren gelernt haben, waren auf eine Industriegesellschaft ausgerichtet. Heute leben wir in einer digitalen Welt. Wir brauchen andere Kompetenzen, andere Formen des Problemlösens. Schülerinnen und Schüler sind mit Künstlicher Intelligenz konfrontiert, mit einer digitalen Öffentlichkeit, mit Fake News und einer enormen Bubble-Bildung.
Es gab schon immer falsche Informationen, aber es gab nie einen so leichten Zugang dazu und nie eine solche Geschwindigkeit der Verbreitung. Schülerinnen und Schüler müssen sich permanent damit auseinandersetzen, prüfen, was sie da eigentlich vor sich haben – und wir wissen, dass sie das oft nicht ausreichend können.
Unsere Schülerinnen und Schüler werden sich darauf einstellen müssen, mehrere sehr unterschiedliche Berufe in ihrem Leben auszuüben. Und ich meine damit nicht nur einen Arbeitsplatzwechsel, sondern tatsächlich andere Tätigkeiten. Die Geschwindigkeit der Veränderungen ist enorm. Die damit einhergehende Dynamik ist Realität – und darauf bereiten wir unsere Schülerinnen und Schüler bislang nicht ausreichend vor. Sie erwerben nicht systematisch Zukunftskompetenzen, etwa Veränderungskompetenz oder Resilienz.
News4teachers: Kritiker sagen: Kompetenzen ohne Wissen sind nichts…
Der zweite Teil des Interviews erscheint morgen auf News4teachers. Transparenzhinweis: News4teachers und die gemeinnützigen Montag Stiftungen arbeiten in verschiedenen Projekten zusammen (etwa beim Bürgerrats-Podcast).
Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats “Schule der Zukunft”.









“Flächendeckend gelang es, dass die sogenannten Arbeiterkinder Abitur machten und studierten.“
Wenn meine Informationen stimmen, lag die Studienanfängerquote im Jahr 1985 bei ca. 20%, darunter müssten dann auch die oben genannten Arbeiterkinder gewesen sein, die in den 1970er Jahren aufs G9 gewechselt sind.
“Das ist heute nicht mehr selbstverständlich – ganz im Gegenteil, möchte man sagen.“
Um das beurteilen zu können, müsste man wissen, ob der Anteil Arbeiterkinder bei den aktuell ca. 56% eines Jahrgangs, die ein Studium beginnen, niedriger ist als im Jahr 1985.
“Wenn meine Informationen stimmen”
Welche sind diese, dass Sie sich nicht darauf verlassen möchten?
“klassischen Kohortenbeschulung”
– Wie genau ist dieser Begriff im Artikel gemeint?
laut Duden ist eine Definition von Kohorte folgende:
“Schar, Gruppe (von gemeinsam auftretenden, agierenden Personen)
Gebrauch
bildungssprachlich abwertend”
siehe auch folgenden link:
Kohorte (Sozialwissenschaft) – Wikipedia
Auch ich hätte nie ein Gymnasium von innen gesehen ohne die 70er Jahre. Aber selbst wenn man die These akzeptiert, ein Ende der alten Wege sei erreicht: wir haben nicht nur Kinder, die nicht gut lesen, schreiben und rechnen können. Das könnte (!) die KI halbwegs ausgleichen, gruselig für mich, aber nun gut. Was sie nicht ausgleichen kann, ist die Einstellung, sich jedem eigenen Nachdenken zu verweigern, bei fast allen Problemen! Wie wird Denken und Kreativität trainiert, wenn das nie stattfindet? Orientierung in einer Stadt, innere Karte der eigenen Umgebung? Warum, es gibt Maps. Energiewende durch Erneuerbare? Frag’ die KI… Sind deren Argumente schlüssig und logisch, die Fakten korrekt? Warum, das steht doch da, das ist doch nur eine Zusammenfassung. Ich bin gespannt, ob und wie sie das im zweiten Teil lösen kann. Wie bringen wir Schüler, die das Denken nicht mehr üben dazu, über ihren Denkersatz nachzudenken?
Wir verlieren viel zu viele Schülerinnen und Schüler. Wir brauchen die Potenziale.“
Alaaarm, Alaaaarm – Potenziale in Gefahr!
Frau Dziak‑Mahler beschreibt völlig korrekt, dass Schulen unter massivem Ressourcenmangel leiden: zu wenig Lehrkräfte, marode Gebäude, fehlende Fachkräfte. Und unmittelbar danach fordert sie individuellere Begleitung, Persönlichkeitsentwicklung und selbstständiges Lernen. Eine bemerkenswerte Logik: Erst das Eingeständnis, dass das System kaum noch atmet – dann die Forderung nach einer Therapie, die noch mehr Personal bräuchte.
Ähnlich elegant wird der Zusammenbruch der frühen Sortierung erklärt. Die Kohortenbildung sei „nicht mehr zeitgemäß“. Das klingt nach natürlichem Verschleiß, nicht nach einem System, das jahrelang durch Reformprogramme überlastet wurde. Kompetenzorientierung, selbstgesteuertes Lernen, Lernlandschaften, individualisierte Lernwege – alles Konzepte, die ohne Ressourcen zwangsläufig scheitern mussten. Das Ergebnis ist bekannt: fachliche Bildung ausgedünnt, Leistungsansprüche relativiert, Schülerleistungen geschreddert. Individualisierte Lernpläne haben vielerorts nicht zu mehr Selbstständigkeit geführt, sondern zu inhaltlicher Beliebigkeit und einem schleichenden Verfall ernsthafter Fachlichkeit.
Und nun zum Mangel an personellen Ressourcen (früher Lehrkräfte genannt): Wer sich nicht zum Moderator oder Lernbegleiter degradieren lassen wollte, verabschiedete sich – durch Langzeiterkrankungen, innere Kündigung oder vorzeitige Flucht aus dem Beruf. Dass diese Abwanderung das Ressourcenproblem verschärft hat, wird heute gern als bedauerlicher Nebeneffekt dargestellt, nicht als direkte Folge eines Systems, das Unterricht zur Nebensache erklärt hat.
Heute singen viele Reformierer unbeirrt weiter das bekannte Lied von der immer gleichen Medizin, die Schulen ja so „dringend brauchen“, obwohl gerade diese Gesänge sie bereits überlastet und fachlich ausgehöhlt haben.
Wir verlieren die Potenziale der Schülerinnen und Schüler an Lernlandschaften, die Denken durch Atmosphäre ersetzen und individualisiertes Lernen in Eigenverantwortung vor allem als Lustbetonung und Spaß verkaufen wollen – würden renitente, rückwärtsgewandte Oldschool‑Konservativlinge behaupten.
Und wie erklärt man, dass in anderen Staaten man erfolgreich in eine ganz andere Richtung geht? Zum Beispiel in England und USA in Richtung Doug Lemov?