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Studie: Ein Drittel der Jüngeren offen für rechtsextreme Ideologien – Wissenschaftler fordert politische Bildung schon in der Grundschule

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WIESBADEN. Der Anteil der Menschen in Deutschland, die rechtsextremen Ideologien gegenüber aufgeschlossen sind, ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Besonders stark fällt der Zuwachs laut einer neuen Untersuchung bei jüngeren Altersgruppen aus. Gleichzeitig zeigen die Daten große Unterschiede je nach Bildungsniveau. Ein Politikdidaktiker fordert vor diesem Hintergrund, politische Bildung deutlich früher in der Schule zu verankern.

Der Anteil der Menschen in Deutschland, die rechtsextremen Ideologien gegenüber offen sind, hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Das geht aus dem aktuellen „Monitor 2024/25“ hervor, den der Forschungsverbund MOTRA auf seiner Jahreskonferenz in Wiesbaden vorgestellt hat.

Demnach stieg der Anteil derjenigen, die rechtsextremen Ideologien gegenüber aufgeschlossen sind, zwischen 2021 und 2025 von 21,8 Prozent auf 29,6 Prozent. Grundlage sind repräsentative Befragungen, die der Forschungsverbund seit 2020 bundesweit durchführt.

MOTRA steht für „Monitoringsystem und Transferplattform Radikalisierung“. Der Forschungsverbund wird vom Bundesforschungsministerium, dem Bundesinnenministerium sowie dem Bundesbildungsministerium gefördert und untersucht Entwicklungen politischer Radikalisierung in Deutschland.

Besonders stark fällt der Anstieg bei jüngeren Altersgruppen aus. In der Altersgruppe unter 40 Jahren waren 2025 nach den Daten der Studie 27,3 Prozent der Befragten für rechtsextreme Ideologien empfänglich. Zusammen mit 5,7 Prozent manifest rechtsextrem eingestellten Personen ergibt sich damit, dass rund ein Drittel der jüngeren Generation zumindest offen für autoritäres rechtsextremes Gedankengut ist.

Die Forschenden messen solche Einstellungen anhand mehrerer Aussagen, zu denen sich die Befragten positionieren müssen. Dazu gehört etwa die Aussage: „Ein Staat sollte einen Führer haben, der das Land zum Wohle aller mit starker Hand regiert.“ Auch antisemitische Aussagen wie „Juden haben in Deutschland zu viel Einfluss“ werden in den Befragungen verwendet.

„Wenn politischer Fachunterricht, wie es teilweise der Fall ist, erst im Teenageralter systematisch einsetzt, überlässt Schule dieses Feld anderen Sozialisationsinstanzen“

Die Ergebnisse zeigen zugleich deutliche Unterschiede nach Bildungsniveau. Manifest rechtsextreme Einstellungen treten laut Studie deutlich häufiger bei Menschen mit niedrigeren Bildungsabschlüssen auf. Unter Befragten ohne Abschluss oder mit Hauptschulabschluss lag der Anteil manifest rechtsextremer Einstellungen im Jahr 2025 bei 11,1 Prozent. Unter Menschen mit Abitur betrug dieser Anteil dagegen 1,4 Prozent.

Die Untersuchung verweist zugleich auf eine weitere Entwicklung: Parallel zum Anstieg extremistischer Einstellungen hat auch die politisch motivierte Kriminalität zugenommen. Mit 100,7 Delikten pro 100.000 Einwohner wurde 2024 ein neuer Höchststand registriert. Auch die Zahl der polizeilich erfassten Opfer politisch motivierter, vorurteilsgeleiteter Kriminalität stieg deutlich – von 1.221 im Jahr 2020 auf 2.162 im Jahr 2024.

Der Forschungsverbund sieht dabei auch einen Zusammenhang mit zunehmenden Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Mitte 2025 waren laut MOTRA-Monitor 7,2 Prozent der Befragten manifest antisemitisch eingestellt, 28,3 Prozent manifest muslimfeindlich.

Trotz dieser Entwicklungen zeigt die Untersuchung zugleich, dass eine große Mehrheit der Bevölkerung weiterhin grundlegende demokratische Prinzipien unterstützt. Im Jahr 2025 äußerten sich 85,6 Prozent der Befragten positiv zu den Grundprinzipien einer liberalen, rechtsstaatlichen Demokratie. 14,4 Prozent gelten den Forschenden zufolge als demokratiedistant. Dieser Wert liegt allerdings leicht unter dem bisherigen Höchststand von 16,1 Prozent im Jahr 2023.

„Demokratie ist keine Staatsform, die sich selbst erhält. Sie muss gelernt und eingeübt werden“

Vor dem Hintergrund wachsender extremistischer Einstellungen plädieren Fachleute für eine stärkere politische Bildung in der Schule – und zwar deutlich früher als bislang üblich.

Der Oldenburger Politikdidaktiker Prof. Tonio Oeftering spricht sich dafür aus, politischen Unterricht bereits in der Grundschule zu verankern. Kinder entwickelten Vorstellungen von politischen Fragen deutlich früher, als der schulische Politikunterricht meist beginne. „Kinder haben längst Vorstellungen von Macht, Gerechtigkeit oder Krieg, bevor sie Politikunterricht bekommen. Sie hören Nachrichten, erleben Diskussionen zu Hause, sind in sozialen Medien unterwegs“, sagte Oeftering der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“.

Wenn politischer Fachunterricht erst im Teenageralter systematisch einsetze, überlasse die Schule dieses Feld anderen Einflüssen. „Wenn politischer Fachunterricht, wie es teilweise der Fall ist, erst im Teenageralter systematisch einsetzt, überlässt Schule dieses Feld anderen Sozialisationsinstanzen“, sagte der Professor.

Dabei gehe es nicht darum, Kinder früh mit Parteipolitik zu konfrontieren. „Es geht nicht um das Auseinandernehmen von Parteiprogrammen“, betonte Oeftering. „Es geht um Fragen wie: Was ist gerecht? Warum gibt es Krieg? Warum dürfen nicht alle Kinder zur Schule gehen?“ Solche Themen könnten altersgerecht behandelt werden – etwa über Mitbestimmung, Kinderrechte oder unterschiedliche Lebensformen.

Nach seiner Einschätzung wird politische Bildung in der Schule bislang deutlich zu knapp bemessen. Politikunterricht mache in Niedersachsen je nach Schulform lediglich zwei bis drei Prozent der Unterrichtszeit aus. „Und trotzdem erwarten wir von Schule, mündige Bürgerinnen und Bürger hervorzubringen. Das passt nicht zusammen. Demokratie ist keine Staatsform, die sich selbst erhält. Sie muss gelernt und eingeübt werden.“

Zugleich warnt Oeftering vor dem Einfluss sozialer Medien auf junge Menschen. Kinder würden dort früh mit radikalen Narrativen konfrontiert. Deshalb zeigt sich der Wissenschaftler inzwischen offen für strengere Regeln beim Zugang zu Plattformen. „Wir akzeptieren Altersgrenzen bei Filmen selbstverständlich. Warum sollten Kinder ungefiltert alles auf Tiktok oder YouTube sehen dürfen?“ Ein Verbot für unter 14-Jährige könne zwar nicht alle Probleme lösen, sagte Oeftering. „Aber die derzeitige Ungeschütztheit halte ich für problematisch.“ News4teachers / mit Material der dpa

Hier lässt sich die Studie herunterladen. 

Warum Lehrkräfte im Kampf gegen Rechtsextremismus so wichtig sind (wieso sie aber kaum eine Chance haben)

 

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