Start Leben Fahren die Länder das Startchancen-Programm vor die Wand? Kompetenz-Chaos, Bürokratie-Irrsinn, Stellenstreichungen – Kritik...

Fahren die Länder das Startchancen-Programm vor die Wand? Kompetenz-Chaos, Bürokratie-Irrsinn, Stellenstreichungen – Kritik wächst

11
Anzeige

BERLIN. 20 Milliarden Euro für 4.000 Schulen mit besonders hohem Anteil sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler – das Startchancen-Programm gilt als das größte Bildungsprojekt in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Ziele sind hoch gesteckt: mehr Chancengerechtigkeit, ein geringerer Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg, bessere Basiskompetenzen in Lesen, Schreiben und Rechnen und damit eine Stärkung der Leistungsfähigkeit des gesamten Bildungswesens. Doch davon ist das Programm weit entfernt. Die Kritik nimmt zu – jetzt auch aus der Wissenschaft. Und ein (erstes?) Bundesland nutzt die Bundesförderung offenbar, um eigenes Engagement zurückzufahren.

Auf der Baustelle. (Symbolbild.) Illustration: News4teachers

„Man hat einen Faden aufgenommen und dann festgestellt, da dran hängt noch eine Million anderer Fäden.“ Mit diesem Satz beschreibt die Bildungsforscherin Martina Diedrich im didacta-Magazin den Beginn des Programms. Oder, zugespitzt formuliert: Am Anfang war Chaos.

Die Wissenschaftlerin erläutert: „Die Säulenstruktur des Programms bringt viele technische Fragen mit sich: Mit wie viel Geld kann eine Schule rechnen? Welche Anträge müssen ausgefüllt sein, damit die Schule an das Geld kommt? Es sind unterschiedliche Töpfe, dementsprechend viele Förderlogiken und Akteure, etwa die Kommunen, die man unter einen Hut kriegen muss. Dann kommt die inhaltliche Ausgestaltung mit ihrer Zielkomplexität, für die es die passenden Angebote braucht. Die Schulen sind ungeduldig, wollen zu Recht loslegen. Viele Länder konnten am Anfang nur sagen: Wir sind noch nicht so weit.”

Diedrich ist am DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation tätig und leitet dort das Governance-Zentrum im sogenannten Chancen-Verbund. Dieser Verbund ist von Bund und Ländern mit der wissenschaftlichen Begleitung des Startchancen-Programms beauftragt. Er entwickelt Qualifizierungsangebote, berät die Länder bei der Umsetzung und wertet aus, wie die Maßnahmen wirken. Diedrich gehört damit zu den zentralen Akteurinnen der Begleitforschung.

„Ehrlicherweise hätte das Programm ein Vorlaufjahr für die Planung gebraucht“

Das Startchancen-Programm läuft von 2024 bis 2034 und wird je zur Hälfte von Bund und Ländern finanziert. Die Auswahl der 4000 geförderten Schulen erfolgte durch die Länder. Rund 60 Prozent der Standorte sind Grundschulen. Die Struktur ist dreigeteilt: In der ersten Säule geht es um Investitionen in eine „zeitgemäße und förderliche Lernumgebung“, also um Sanierungen, Neubauten oder moderne Lernräume. Die zweite Säule umfasst sogenannte Chancenbudgets, mit denen Schulen eigenständig bedarfsgerechte Lösungen für Unterrichts- und Schulentwicklung finanzieren können. In der dritten Säule wird zusätzliches Personal gefördert, um multiprofessionelle Teams zu stärken.

Gerade diese Konstruktion habe das erste Jahr geprägt, sagt Diedrich. Unterschiedliche Fördertöpfe bedeuteten unterschiedliche Logiken, Zuständigkeiten und Verfahren. Kommunen sind bei Baufragen beteiligt, Länder bei Personal und Budgets, hinzu kommen Schulaufsicht, Landesinstitute und Fortbildungsstrukturen. „Ehrlicherweise hätte das Programm ein Vorlaufjahr für die Planung gebraucht. Das Programm ist gestartet und die Erwartungen waren sofort sehr hoch.“

Inzwischen habe sich die Lage konsolidiert. Die Länder hätten „ihre Fäden allmählich entwirrt“ und Klarheit darüber gewonnen, wie sie die einzelnen Programmbestandteile steuern wollten. Mit dem neuen Schuljahr werde das auch an den Schulen spürbarer. Gleichwohl sieht Diedrich darüber hinaus auch noch strukturelle Grenzen, die über organisatorische Anlaufschwierigkeiten hinausgehen.

„Die Ziele sind sehr ehrgeizig und es gibt viele Fragezeichen, eines davon ist: Wie mutig sind die Länder?“ Man stoße auf „gläserne Decken“, also unsichtbare Barrieren im System. Ein Beispiel ist der Lehrkräftemangel. „Niemand traut sich momentan, hier voranzugehen und danach zu fragen, wie man das System so umbauen kann, dass Unterricht und Schule auch mit weniger Lehrkräften funktionieren.“ Besonders Startchancen-Schulen litten unter personeller Unterversorgung, während sich neue Lehrkräfte ihre Einsatzorte häufig aussuchen könnten – „und das sind meist nicht die Schulen mit den herausfordernden Schülerschaften“.

Auch die Lehrpläne geraten in den Blick. Startchancen-Grundschulen arbeiten mit denselben curricularen Vorgaben wie Schulen in sozial privilegierteren Stadtteilen – obwohl sie häufig deutlich mehr Zeit für Sprachförderung, individuelle Unterstützung und den Aufbau elementarer Kompetenzen benötigen. „Anpassungen beim Lehrplan sollten möglich sein. Wenn wir nicht mutig an solchen Stellschrauben drehen, hemmen wir die Wirkung des Programms“, sagt Diedrich.

Ein weiteres Problem sieht sie in der Art der Umsetzung. Sprachbildung, Mathematikförderung, sozial-emotionale Kompetenzen und Berufsorientierung würden vielerorts als getrennte Handlungsfelder organisiert – mit eigenen Programmen, Fortbildungen und Zuständigkeiten. „Ohne diese Verbindungen bleiben die Maßnahmen rein additiv“, sagt Diedrich. ine Leseförderung, die nicht mit Sprachbildung verzahnt ist, eine Berufsorientierung, die ohne Training sozialer Kompetenzen auskommt, oder Demokratielernen ohne sprachliche Unterstützung greifen aus ihrer Sicht zu kurz. Wirksam werde das Programm erst, wenn Förderangebote ineinandergreifen und sich im Unterricht konkret verbinden – statt als parallele Projekte nebeneinanderzulaufen.

„Aus dem bundesweit als Bottom-Up-Reform angelegten Programm ist ein stark reguliertes Top-Down-System geworden“

Auch aus der schulischen Praxis wurde zuletzt scharfe Kritik an der Umsetzung des Startchancen-Programms geäußert. In einer Stellungnahme des Startchancen-Netzwerks im Verband Leitungen Niedersächsischer Grundschulen heißt es: „Aus dem bundesweit als Bottom-Up-Reform angelegten Programm ist ein stark reguliertes Top-Down-System geworden. Damit verliert das Programm seinen Kern und seine Wirksamkeit.“ (News4teachers berichtete.)

Die Schulleitungen beklagen zusätzliche Bürokratie beim Mittelabruf, komplizierte Antragsverfahren und verpflichtende Netzwerke ohne erkennbaren Mehrwert. „Das Startchancenprogramm mutiert zunehmend zum Bürokratiemonster für Schulleitungen. Vertrauen in die Professionalität der Schulen fehlt.“ Zudem kritisieren sie, dass Mittel in Verwaltungsstrukturen flössen, während sie im Unterricht fehlten. Bei baulichen Maßnahmen verhindere der kommunale Eigenanteil, dass finanzschwache Schulträger Investitionen umsetzen könnten. „Am Ende profitieren besonders finanzstarke Kommunen von nicht abgerufenen Mitteln – ein klarer Bruch mit der Zielsetzung des Programms: Chancengerechtigkeit.“

Auch in der dritten Säule sehen die Schulleitungen eine Fehlsteuerung. Da ausschließlich sozialpädagogische Fachkräfte eingestellt werden dürften und diese kaum verfügbar seien, erreiche „ein erheblicher Teil des Budgets“ die Schulen nicht. Insgesamt bleibe der Eindruck, „dass die Maßnahmen ihre intendierte Wirkung nicht“ erreichten und „Entwicklungsimpulse für Unterricht und Schulqualität“ ausblieben.

Die Spannungen zwischen programmatischem Anspruch und praktischer Umsetzung erhalten zusätzliche Brisanz, wenn Länder parallel eigene Unterstützungsstrukturen zurückfahren. In Hessen etwa plant die Landesregierung Einsparungen bei rund 300 Lehrerstellen, die bislang nach einem Sozialindex besonders belasteten Schulen zugewiesen wurden (News4teachers berichtete). Elternvertretungen und Gewerkschaften warnen vor negativen Folgen für Unterrichtsqualität und Förderung.

Damit entsteht ein bildungspolitischer Widerspruch: Während über das Startchancen-Programm Milliarden gezielt an Schulen in schwieriger Lage fließen sollen, werden landesseitig Ressourcen für genau diese Schulen reduziert. Das Bundesprogramm ist als Zusatz gedacht – nicht als Ersatz. Doch zumindest im Fall Hessen drängt sich der Eindruck auf, dass das Startchancen-Programm genutzt wird, um eigenes Engagement für besonders belastete Schulen zurückzufahren. News4teachers 

Überforderte Schulträger: Wie Bürokratie das Startchancen-Programm aufzufressen droht

 

Anzeige

Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei

11 Kommentare
Älteste
Neuste Oft bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
Katze
30 Tage zuvor

Man könnte fast meinen, das Startchancen‑Programm sei der Versuch, ein brennendes Haus mit einer Duftkerze zu beruhigen: Es riecht kurz besser, aber das Feuer lodert weiter – und alle tun so, als sei das ein Fortschritt. „Kompetenz‑Chaos“ schon in der Artikelüberschrift – ich liebe es. Der Rest liest sich wie eine Sammlung politischer Selbstparodien, die man eigentlich für zu plump gehalten hätte, um wahr zu sein.
Die Ziele seien „sehr ehrgeizig“ und es gebe „viele Fragezeichen“. Das klingt nach dem klassischen Bildungsministeriums‑Mantra: Wir haben keinen Plan, aber wir haben ein Programmheft. Gleichzeitig erklärt man ernsthaft, „niemand traut sich momentan, danach zu fragen, wie man das System so umbauen kann, dass Unterricht und Schule auch mit weniger Lehrkräften funktionieren“. Natürlich traut sich das niemand – weil jeder weiß, dass die Antwort so unangenehm offensichtlich wäre, dass man sie nicht mal im Flüsterton sagen möchte: Es funktioniert nicht.
Dann die große Überraschung, die offenbar niemand kommen sah: „Startchancen‑Schulen leiden unter personeller Unterversorgung“, während neue Lehrkräfte sich ihre Einsatzorte aussuchen können – und „das sind meist nicht die Schulen mit den herausfordernden Schülerschaften“. Heute mal wieder ein bisschen Brennpunktromantik! Überraschenderweise zieht es junge Lehrkräfte nicht magisch an Orte, an denen man täglich zwischen Unterricht, Sozialarbeit und Krisenmanagement jongliert. Wer hätte das kommen sehen?
Und als wäre das alles nicht schon absurd genug, wagen es die verbliebenen Lehrkräfte auch noch, eine Vier‑Tage‑Woche oder Teilzeit zu wollen. „Wegen der Blümchenterrasse und Hasi“ – selbstverständlich! Denn wer kennt sie nicht, diese völlig überprivilegierten Menschen, die nach Dauerstress, Vertretungsroulette und 50‑Stunden‑Wochen tatsächlich versuchen, nicht komplett durchzudrehen.
Der Höhepunkt der Realitätsverweigerung kommt aus Hessen: „Einsparungen bei rund 300 Lehrerstellen“, ausgerechnet an Schulen, die nach Sozialindex am stärksten belastet sind. Das ist ungefähr so, als würde man einem Ertrinkenden den Rettungsring wegnehmen, um Gummi zu sparen – und anschließend stolz verkünden, man habe „effizient umverteilt“.

Weiter so – Wand in Sicht!

447
30 Tage zuvor

Anekdotische, nicht faktenzertifiziert durch eine für Presseveröffentlichungen zuständige Kontrollbehörde (© ein gewisser Miniprä in einer ÖRR-Talkshow):

Unsere Schule ist in dem Programm.
War sofort drinnen. (Ist keine offizielle Brennpunktschule, alles ganz normal verrottet wie überall halt, aber nichts besonders schlimmes oder so)

Mehrere KuK und die (sehr engagierte) SL schlagen sich Abende und Wochenenden mit immer neuen “Nachfragen” um die Ohren. Seit 2 Jahren oder so.

Teil A: Ekelhafte Fake-News-Realität:

Was bisher konkret IN DER REALITÄT SICHTBAR geschah:

ANFANG DER LISTE A
-plus EINE neue Schulsozialarbeiterin, unbefristet
-minus eine Schulsozialarbeiterin (befristet), da dauerkrank/schwanger/ins JA versetzt
– ENDE DER LISTE A

Teil B: Bildungsverwaltungswissenschaftlich faktengecheckt und ehrenwortversprochen:

ANFANG DER LISTE B
– plus drei Stunden Zeitverschwendung für ca. 100 Lehrkräfte=300 Arbeitsstunden, während uns auf einer LK zwei Bildungsfrauen (nie ne Schule von Innen gesehen, wirtwörtlich) AUSGERECHNET PER ZOOM AUS DEM HOME OFFICE HERAUS frontal per PPT erklären, was “wir” alles so “weiterentwickeln” müssen für diese “große Unterstützung”, die wir großzügig erhalten
Und ja, das Wort “offene Lernlandschaften” fiel. Ab da dem Schwachsinn nicht mehr zugehört.
-plus einen (wohl in den kommenden Wochen regelmässig zweiwöchentlich aufschlagenden) “hoch renommierten Schulberater”. Ich hab ihn gegoogelt – für einen Samstag moderieren nimmt der vierstellig PLUS Hotel & Reisekosten. Na, da wissen wir ja, wo auch ungezählte Schulmilliarden noch versenkt werden können, OHNE AUCH NUR ‘NEN MÜDEN PFENNIG an die “Frontschweine” oder SuS zu verschwenden
– plus eine “SEW-Gruppe”, wo beratungsresistente Burnout-Altlehrer und unerfahrene Ref-Küken bisher ca. 120 Arbeitsstunden mit moderierten Plakaten verschwendet haben…natürlich OHNE Beförderungsämter, Bezahlung oder Freizeitausgleich, alles on top…versteht sich.
Na ja, das wird der vierstellige Profimoderator denen noch zurechtmoderieren, deren “Wünsche”, da bin ich mir sicher 😀
– plus insgesamt MINDESTENS 200 unbezahlte Arbeitsstunden des SL-Teams
– plus folgende Versprechungen: “nach ca. 8-10 Jahren” haben sich SuS “an freie Arbeitsformen gewöhnt”, dann setzt die “Entlastung für Lehrkräfte” ein…ganz großes Indianerehrenwort 😀
– plus Versprechung, dass man mit unserer städtischen Brandschutztussi in einen “konstruktiven Dialog” gehen wird, wegen Sofas für SuS und Brandschutz 😀
– plus Versprechung: Wir kriegen EINE weitere Schulsozialarbeiterin – yeah, MPT incoming 😀 Wann? “Die Info folgt noch.” – Hmmh-hmmh, ja klar 😀 Ich halte so lange lieber nicht die Luft an.
ENDE DER LISTE B

Bildungsdrohne aktiviert Hassfaktenmodul und rechnet:
A minus B = L O L

GBS-Mensch
29 Tage zuvor
Antwortet  447

Na, wenn nach all den Milliarden ein schwer entflammbar es, brandschutzgeprüftes Sofa übrig bleibt, ist ja schon etwas gewonnen.
Wahrscheinlich wird das dann als “Büro” für die neue Sozialarbeiterin fungieren.

447
29 Tage zuvor
Antwortet  GBS-Mensch

Quasi eine …
open office org
hö hö hö…
….ok, minus zehn Wortwitzpunkte für mich.

Realist
30 Tage zuvor

während sich neue Lehrkräfte ihre Einsatzorte häufig aussuchen könnten”

Tja, einfach einmal machen, was überall sonst auch gemacht wird: Anreize setzen, z.B. Zuschläge, Prämien, Incentives (z.B: reduzierte Stundenzahl).

Aber nein, Lehrkräfte müssen ja “intrinsisch motiviert” sein und allen weltlichen Verlockungen abschwören. Sonst sind es ja ganz “böse” Lehrkräfte, oder?

447
29 Tage zuvor
Antwortet  Realist

*bösartig-tiefrotes Blinken der optischen Sensoren*
*entschwebt surrend*

dickebank
29 Tage zuvor
Antwortet  447

Allergisch? Ja, diese blöden Frühblüher plus Klimawandel …

Rüdiger Vehrenkamp
30 Tage zuvor

Mich überrascht absolut nichts an diesem Artikel. Da Kommunen gerade bei baulichen Maßnahmen Geld hinzugeben müssen, das sie aber oft nicht haben, bleibt dieser Punkt in Startchancenschulen eben einfach auf der Strecke.

Hans Malz
30 Tage zuvor

„Ehrlicherweise hätte das Programm ein Vorlaufjahr für die Planung gebraucht“

Ich finde eine Woche reicht. Dann kommt die Mail: Bitte bis nächste Woche Konzept XY einreichen, aber ZackZack… Wird bestimmt der Brüller bei solchen Koniferen in der Politik.
Immerhin zeichnet sich langsam ab, wie viel Geld wir bekommen und wie wir es einsetzen werden. Und ChatGPT schreibt auch fleißig Konzepte, wenn die gebraucht werden.

Canishine
29 Tage zuvor

Niemand traut sich momentan, hier voranzugehen und danach zu fragen, wie man das System so umbauen kann, dass Unterricht und Schule auch mit weniger Lehrkräften funktionieren.“
Tatsächlich habe ich diese Überlegung in den Visionen von der Schule der Zukunft bisher nicht gefunden. Dabei klingt die Aussage so, als hätte man wohl schon, Realitäten anerkennend, vertiefter darüber nachgedacht.