BERLIN. Millionen Menschen in Deutschland sind von Legasthenie betroffen, doch im Schulalltag fehlt oft eine verlässliche Förderung. Wissenschaft, Verbände und Betroffene beschreiben übereinstimmend strukturelle Defizite – mit Folgen für Bildungschancen, psychische Gesundheit und berufliche Perspektiven.

Kirsten erinnert sich noch genau an ihre Schulzeit. „Ich hatte in meiner ganzen Schulzeit das Gefühl, dass ich den Anforderungen nicht gewachsen bin, da es meinen Mitschülerinnen und Mitschülern deutlich einfacher fiel, die Aufgabenstellungen zu bewältigen. Das hat dann dazu geführt, dass ich unter starken Ängsten vor Prüfungen litt und oftmals in den Prüfungen versagt habe, da ich wie blockiert war, etwas aufzuschreiben“, erzählt sie. Heute arbeitet sie als Erzieherin, doch die Erfahrungen aus der Schule wirken nach.
Solche Biografien sind nach Einschätzung der Berliner Professorin Katrin Böttcher kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines systematischen Problems. „Das System lässt sie im Stich“, sagt die Wissenschaftlerin, die sich mit Neurodiversität am Arbeitsplatz beschäftigt. Gemeinsam mit der Erziehungswissenschaftlerin Alexandra Merkert hat sie einen Sammelband zu Legasthenie in Bildung und Beruf vorgelegt. Darin wird beschrieben, wie Bildungswege trotz Schwierigkeiten gelingen können – zugleich aber auch, wie häufig strukturelle Hürden bestehen bleiben. Böttcher spricht in diesem Zusammenhang von einem „strukturellen Systemversagen“. Das deutsche Bildungssystem könne mit Legasthenie „kaum umgehen“ und verbaue damit Chancen.
Die Dimension des Problems ist erheblich. Schätzungen zufolge sind in Deutschland zwischen drei und zehn Millionen Menschen betroffen, im Schnitt zwei Kinder pro Schulklasse. Legasthenie hat dabei nichts mit Intelligenz zu tun und tritt auch bei Hochbegabten auf. Entscheidend ist vielmehr, dass Betroffene deutlich mehr Zeit und Anstrengung benötigen, um Lesen und Schreiben zu erlernen – und dass sie häufig dauerhaft mit den Folgen konfrontiert bleiben.
Unterstützung für diese Schülerinnen und Schüler hängt häufig vom Zufall ab. Zum Tag der Legasthenie und Dyskalkulie am 30. September 2025 erneuerten mehrere Verbände ihre Kritik (News4teachers berichtete). Der Verband Bildung und Erziehung (VBE), der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) sowie die Deutsche Kinderhilfe fordern deutlich mehr Engagement von Politik und Gesellschaft. Sie verweisen darauf, dass etwa jedes siebte Kind betroffen ist, die Förderung aber oft nicht systematisch organisiert wird.
Der baden-württembergische VBE-Landesvorsitzende Gerhard Brand (und frühere Bundesvorsitzende des Verbands) beschreibt die Situation so: „Schülerinnen und Schüler mit Legasthenie und Dyskalkulie stehen in ihrer Schullaufbahn vor enormen Herausforderungen. Was dem Rest der Klasse leicht von der Hand geht, fordert von ihnen Höchstleistungen.“ Es sei nicht länger hinnehmbar, dass notwendige Unterstützung vom Einzelfall abhänge. Brand fordert strukturelle Veränderungen und betont: „Wir müssen endlich alles daransetzen, echte Bildungsgerechtigkeit zu schaffen. Es braucht massive Investitionen, um die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass jedes Kind die Förderung bekommt, die es benötigt – unabhängig von Herkunft, sozialem Status oder individuellen Schwierigkeiten.“
Ein zentrales Problem liegt aus Sicht der Verbände in der rechtlichen Einordnung. Legasthenie gilt häufig lediglich als Teilleistungsstörung. Zusätzliche Ressourcen für Schulen werden daraus in der Regel nicht abgeleitet. Brand warnt deshalb: „Das hohe Maß an individueller Förderung kann nebenbei im normalen Schulalltag oftmals nicht gelingen.“ Gleichzeitig verschärft der Fachkräftemangel die Situation. „Damit werden gerade diejenigen Kinder im Stich gelassen, die schon vor ihrem Schuleintritt auf besondere Unterstützung angewiesen wären.“
Der JOURIST Reader 3.0 unterstützt Kinder und Jugendliche mit Legasthenie dabei, Lesen neu zu erleben – selbstständig, sicher und ohne Druck.

Der digitale Vorlesestift ist leicht zu bedienen: Einfach über den Text führen, und schon wird er klar und deutlich vorgelesen.
Gedruckte Texte, Arbeitsblätter oder Inhalte vom Bildschirm, Smartphone oder Tablet werden zuverlässig erkannt. Die integrierte Sprachausgabe liest Texte in Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und Niederländisch vor.
Besonders im Schulalltag zeigt der Reader seine Stärke: Schülerinnen und Schüler können Aufgaben und sogar Prüfungen eigenständig bewältigen – ohne zusätzliche Unterstützung. Da der Stift offline arbeitet und keine Daten speichert, ist er datenschutzkonform und ideal für den Einsatz in Schulen geeignet. Für den gemeinsamen Einsatz ist auch ein Klassenset mit 10 Geräten in robuster Transporttasche erhältlich.
Jourist Verlags GmbH
www.jouristreader.de
Auch der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) verweist auf konkrete Defizite im Schulalltag. Typische Anzeichen einer Legasthenie zeigen sich beim Lesen etwa in einer niedrigen Geschwindigkeit, häufigem Stocken oder dem Vertauschen von Buchstaben und Wörtern. Beim Schreiben treten unter anderem anhaltend hohe Fehlerquoten, Probleme bei der Lautzuordnung sowie Schwierigkeiten in Grammatik und Zeichensetzung auf. Diese Probleme bleiben über längere Zeit bestehen und betreffen alle Fächer, in denen Lesen und Schreiben vorausgesetzt werden.
Was Legasthenie im Kern ausmacht, beschreibt die medizinische S3-Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung von Lese-Rechtschreibstörungen präzise. Demnach liegt eine Störung vor, wenn die Lese- und Rechtschreibleistungen „deutlich unter dem Niveau“ liegen, das aufgrund von Alter, Klassenstufe oder Intelligenz zu erwarten wäre, und wenn dadurch die Bewältigung schulischer und alltäglicher Anforderungen beeinträchtigt ist. Entscheidend ist dabei die sogenannte Diskrepanz: Die Schwierigkeiten stehen nicht im Verhältnis zu den übrigen Fähigkeiten des Kindes.
Die Leitlinie betont zugleich, dass die Ursachen sorgfältig abgegrenzt werden müssen. So ist auszuschließen, dass die Probleme etwa auf eine allgemeine Entwicklungsverzögerung, mangelnde Beschulung oder Sinnesbeeinträchtigungen zurückzuführen sind. Die Diagnose soll sich auf standardisierte Tests stützen, die Lesegeschwindigkeit, Textverständnis und Rechtschreibleistungen erfassen. Darüber hinaus fordert die Leitlinie ausdrücklich eine umfassende Perspektive: „Die Diagnostik […] muss daher interdisziplinär von Fachleuten durchgeführt werden“, wobei auch die psychische und soziale Entwicklung sowie die familiäre und schulische Situation einzubeziehen sind.
Auffällig ist, dass die Leitlinie damit einen hohen fachlichen Standard formuliert, der eine enge Zusammenarbeit verschiedener Professionen voraussetzt. Genau diese strukturellen Voraussetzungen fehlen nach Einschätzung vieler Praktiker jedoch häufig im Schulalltag.
„Für uns ist es nicht länger tragbar, dass Schülerinnen und Schüler mit Legasthenie und Dyskalkulie in den Schulen weiterhin so stark benachteiligt werden“
Der Verband Bildung und Erziehung sieht deshalb insbesondere die Politik in der Verantwortung. Neben zusätzlichen Lehrkräften fordert er multiprofessionelle Teams, in denen auch Schulpsychologen, Sozialarbeiter und therapeutische Fachkräfte zusammenarbeiten. Nur so könnten sowohl Lernprobleme als auch psychische Belastungen frühzeitig aufgefangen werden.
Dass es dabei nicht allein um individuelle Bildungswege geht, betonen die Verbände übereinstimmend. Rund 15 Prozent der Bevölkerung seien von Legasthenie oder Dyskalkulie betroffen. Wenn deren Potenziale nicht genutzt werden, habe das auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen. Entsprechend fordert der VBE, das Thema stärker in den Mittelpunkt bildungspolitischer Entscheidungen zu rücken und strukturell abzusichern.
In die gleiche Kerbe schlägt Tanja Scherle, Bundesvorsitzende des BVL. Sie betont: „Für uns ist es nicht länger tragbar, dass Schülerinnen und Schüler mit Legasthenie und Dyskalkulie in den Schulen weiterhin so stark benachteiligt werden.“ Notwendige Maßnahmen wie ein konsequenter Nachteilsausgleich könnten sofort umgesetzt werden, „ohne Mehrkosten oder erhöhten personellen Aufwand“. Sie fordert zudem externe Förderkräfte, die Basisfertigkeiten im Lesen, Rechtschreiben und Rechnen gezielt stärken. Lehrkräfte allein seien mit der Situation überfordert. News4teachers
Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats „Sprache bilden“.









Da sehe ich bei uns das Problem im “Fühli fühli” und “jeder lernt in seinem Tempo”. Die Aussage ist häufig gewesen, Ihr Kind kann noch nicht lesen, geben Sie ihm Zeit, das kommt noch. Das verunsichert uns Eltern – müssen wir also nichts tun, ist alles ganz normal? Nun können aber einige immer noch nicht richtig lesen und jetzt will man schauen – besteht eventuell eine Legasthenie? Ich glaube, da muss viel früher etwas passieren. Man verpasst wichtige Zeiträume, um zu fördern oder weitere Maßnahmen zu besprechen und auch dem Kind dann wieder etwas Ruhe zu geben, was ja selber das Gefühl hat, es kann nicht das, was andere können. Gleichzeitig wirkt sich dieses Warten auf das Niveau der ganzen Klasse aus. Das ist für alle Kinder unbefriedigend. Und später wird das dann häufig damit “erschlagen”, dass man für Arbeiten einfach 15 Minuten länger Zeit hat – während man andernorts auch mal eine schriftliche in eine mündliche Prüfung umwandeln kann. Es ist gut, wenn das Thema mehr Aufmerksamkeit bekommt!
Welches Bildungssystem?
An den GemS in SH ist das ein sehr großes Thema. Ich habe während meiner langjährigen Dienstzeit so viele Legastheniker*innen auch sehr gut durchs Abi und andere Prüfungen gebracht, dass ich diese Schlagzeile in Ihrer Pauschalität so nicht stehen lassen kann.
Zwei Legastheniker pro Klasse wären etwa acht Prozent. Wenn tatsächlich 15% an Legasthenie oder Dyskalkulie litten, kämen noch einmal zwei Kinder mit Dyskalkulie dazu.
Nun, das widerspricht meinen Erfahrungen aus über zwei Jahrzehnten Mathematikunterricht.
Es sei denn, in den Nicht-Gymnasien säßen deutlich mehr Schüler mit den genannten Schwächen.