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„Im Kern sind wir uns einig“: Kein Streit mehr über die Struktur

HANNOVER. Die neue Einigkeit auf der „didacta“: NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne), Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) und Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD) mochten sich in einer Diskussionsrunde über die Schulstruktur nicht streiten. 

Setzt auf Konsens: NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne). Foto: Schulministerium NRW

Setzt auf Konsens: NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne). Foto: Schulministerium NRW

 „Schwächere Schüler lernen von stärkeren – und umgekehrt. Darin ist sich die Bildungsforschung einig.“ Dieses Plädoyer fürs gemeinsame Lernen kam von jemandem, der bislang nicht als Vorkämpfer für Gesamtschulen oder andere integrative Systeme aufgefallen war: von Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann nämlich. Er versuche auf diese Weise Eltern von Realschülern zu beruhigen, die wegen des gemeinsamen Unterrichts ihrer Kinder mit ehemaligen Hauptschülern in Sorge seien und deshalb das niedersächsische Modell der „Oberschule“, eben einem Zusammenschluss von Haupt- und Realschule, ablehnen. Der Christdemokrat erzählte dies in einer Diskussionsrunde mit der nordrhein-westfälischen Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) und dem Präsidenten der Kultusministerkonferenz, dem Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD) – und erntete verständnisvolles Nicken seiner Gesprächspartner.

Was als Streitgespräch zum Thema Schulstruktur auf der „didacta“ angekündigt worden war (und noch vor wenigen Jahren bei der parteipolitischen Besetzung garantiert auch geworden wäre), entpuppte sich als harmonischer Austausch, bei dem auch mal über die jeweiligen Wahlchancen des Gegenübers gescherzt werden durfte. Die Botschaft ist nach mehr als 30 Jahren ideologischen Streits um die Schulen beachtlich: Zwischen den großen Parteien – zumindest zwischen ihren pragmatischen Vertretern – gibt es mittlerweile tatsächlich einen Konsens in der Schulpolitik. Und der sei, so betonte Löhrmann, vom Rückgang der Schülerzahlen und dem damit verbundenen Ausbluten  der Hauptschule sowie dem geänderten Schulwahlverhalten befördert worden. „Die meisten Eltern wollen, dass die Bildungswege länger offengehalten werden“, sagte die Grüne. „Viele wollen diese Schicksalsentscheidung nach der 4. Klasse nicht mehr.“ Kein Widerspruch, auch nicht vom Christdemokraten Althusmann.

„Im Kern sind wir uns einig“

So konnten sowohl Rabe wie auch Löhrmann davon berichten, dass den Schulstrukturveränderungen  in ihren Bundesländern – in Hamburg gibt es neben dem Gymnasium nur noch die Stadtteilschule, in NRW darf die neue integrierte Sekundarschule jetzt von den Kommunen eingeführt werden – Vereinbarungen zwischen den großen Parteien vorausgegangen waren. „Ein zweigliedriges System ist langfristig der Weg der Zukunft“, sagte Althusmann, der sich damit im unionsinternen Streit um das gegliederte Schulsystem als Unterstützer von Bundesbildungsministerin Annette Schavan und als Gegner der Konservativen aus Bayern und Hessen zu erkennen gab. „Im Kern sind wir uns über die Ländergrenzen hinaus darüber einig“, betonte der Minister. Unterschiede, so wurde in der Diskussion deutlich, gibt es augenscheinlich nur noch im Kleingedruckten. In NRW solle die Struktur nicht vom Land vorgegeben werden, sondern von den Kommunen aus wachsen, betonte Löhrmann – was aber in der Praxis ganz ähnliche Ergebnisse hervorbringe. In Hamburg könne an den meisten Stadtteilschulen auch das Abitur gemacht werden, was den Vorteil habe, dass jüngere Schüler gute Vorbilder vor Augen hätten, meinte Rabe. In Niedersachsen und NRW finden die Oberstufen dann andernorts statt, was aber kein Problem sei, befand Löhrmann, solange der Weg zur Hochschulreife offen sei.

Auch kein Streitthema: die Forderung nach einer Aufhebung des so genannten Kooperationsverbotes zwischen Bund und Ländern in Sachen Schule. „Bildung ist so wichtig, dass der Bund mit dabei sein muss“, sagte Rabe, betonte allerdings: „Politisches Management braucht auch klare Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten.“ Löhrmann ergänzte, ein Hineinregieren in die Landesschulgesetze sei nicht zu befürchten, wenn sich der Bund an der Lösung von Problemen beteilige, die alle Länder beträfen: dem Ausbau des Ganztags etwa oder bei der Inklusion. Der Argumentation mochte sich auch Althusmann nicht verschließen, der in der neuen Einigkeit auch eine Chance für den Föderalismus sieht. Wenn sich Standards wie die Zweigliedrigkeit bundesweit durchsetzten, werde die Länderhoheit in der Schulpolitik von den Bürgern wieder besser akzeptiert, sagte er voraus. Zustimmendes Nicken allenthalben. NINA BRAUN

(16.2.2012)

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