Startseite ::: Leben ::: Wie im Krimi: Täter gesucht – wer gab das Schavan-Gutachten heraus?

Wie im Krimi: Täter gesucht – wer gab das Schavan-Gutachten heraus?

DÜSSELDORF. Tatort Campus: Die Universität Düsseldorf hat Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Sie möchte herausfinden lassen, wer das vertrauliche Gutachten über Annette Schavans Doktorarbeit an die Presse gab – trotzdem gerät  die Universität immer stärker unter Druck.

Tatort Uni Düsseldorf: Wer gab das vertrauliche Gutachten zu Schavans Doktorarbeit an die Presse? Foto: Tobias Sieben / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Tatort Uni Düsseldorf: Wer gab das vertrauliche Gutachten zu Schavans Doktorarbeit an die Presse? Foto: Tobias Sieben / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Es dürfte dicke Luft geben bei der Sitzung der Promotionskommission. Einer aus diesem Gremium der Philosophischen Fakultät der Düsseldorfer Universität hat womöglich das vertrauliche Gutachten über die angebliche Täuschungsabsicht Annette Schavans bei ihrer Doktorarbeit an die Presse gegeben. Die Hochschule erstattete Strafanzeige gegen Unbekannt. Trotz der Wolke an Kritik, die sich über ihr aufgetürmt hat, hält die Uni an ihrem Verfahren zur Prüfung des Doktortitels fest. Deshalb trifft sich die Kommission morgen.

Schavan sammelt Pluspunkte

Die Zweifel an der wissenschaftlichen Korrektheit der Doktorarbeit sind nicht ausgeräumt – aber der Bundesbildungsministerin fällt es nicht schwer, in der Plagiatsaffäre Pluspunkte zu sammeln. Ohne selbst etwas dafür zu tun. Die Uni, aus der das vernichtende Gutachten gegen die CDU-Politikerin durchgesickert war, sieht sich an den Pranger gestellt. Die Chefs der großen deutschen Forschungsorganisationen – Humboldt-Stiftung, Deutsche Forschungsgemeinschaft, Helmholtz-Gemeinschaft – sind sich in ihrer Kritik an dem Verfahren einig. Unionsfraktionschef Volker Kauder hält die Gutachter für befangen. Er fordert ein Neustart.

Wie konnte das interne Gutachten aus den Mauern der Heinrich-Heine-Universität dringen? Die Nachforschungen, die Rektor Hans Michael Piper angekündigt hat, sind wohl noch zu keinem Ergebnis gekommen. Die Uni äußert sich zwar bedauernd. Aber zugleich hält sie ihre erste offizielle Verlautbarung zum weiteren Vorgehen im Fall Schavan in einem äußerst sperrig formulierten Konjunktiv: Möglicherweise seien Teile einer Sachverhaltsermittlung unter Bruch der Vertraulichkeit an die Öffentlichkeit gelangt.

Doktorvater: Die Arbeit entsprach dem Standard

Trifft das umstrittene Gutachten von Judaistik-Professor Stefan Rohrbacher über die angebliche Täuschungsabsicht Schavans bei ihrer Doktorarbeit die Sache? Dann stellt sich die Frage, warum ihr Doktorvater Gerhard Wehle die Arbeit überhaupt passieren ließ, und zwar mit der Note «Magna cum laude». Schavan erkundete in der vor 32 Jahren erstellten Arbeit «Person und Gewissen», wie Gewissen und eigenverantwortliches Handeln gestärkt werden können. «Die Arbeit entsprach absolut dem wissenschaftlichen Standard», sagt der Pädagogikprofessor noch heute.

Ist das Gutachten überkritisch? Kritik zielt etwa auf die Methode des Gutachters, der ähnlich wie die Plagiatsjäger im Internet Wort für Wort verglichen haben soll. Einzelne Wissenschaftler meinen, Schavans Art des Paraphrasierens sei um den weiteren Zusammenhang Willen in Ordnung. Hat Schavan fremde Texte ohne ausreichende Nachweise übernommen? 60 Beanstandungen auf 351 Seiten der Dissertation hat Rohrbacher nach Medienberichten gefunden.

Hat Schavan getäuscht oder nicht? So schnell wird sich wohl nicht entscheiden, wie die Doktorarbeit Schavans offiziell bewertet wird. Unverdrossen reiste die Betroffene deshalb erst einmal nach Israel, wo sie an diesem Mittwoch bekanntgibt, an welchen Universitäten Zentren zum Thema «Leben unter extremen Bedingungen» eingerichtet werden.

Vorentscheidung vielleicht schon morgen

Wann sich die Ministerin zu den Vorwürfen konkret äußern wird, ist noch unklar. Die Kommission will wohl eine Stellungnahme erbitten – doch einen konkreten Zeitpunkt gibt es noch nicht. Vielleicht gibt es bereits am Mittwochabend eine Vorentscheidung – Genaues verlautet vorerst nicht aus der Uni.

Für einen Abgesang auf Schavan als Ministerin ist es jedenfalls zu früh. Der Schritt käme Kanzlerin Angela Merkel (CDU) alles andere als gelegen. Nicht nur ist die superloyale Schavan eine ihrer engsten Vertrauten. Auch wäre eine neuerliche Kabinettsumbildung ein Quell neuer Unruhe für die ohnehin unter Druck stehende Koalition. dpa
(16.10.2012)

 

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*