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SPD-Chef im Ländle droht Grünen: „Rückkehr zu G9 wird Wahlkampfthema“

STUTTGART. Der grün-rote Streit um das Turbo-Abitur spitzt sich zu: SPD-Wortführer Schmiedel will mehr neunjährige Züge durchsetzen und droht den Grünen damit, das Thema in den Wahlkampf zu ziehen.

SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel hat den Grünen damit gedroht, die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium zum Thema im Landtagswahlkampf 2016 zu machen. Schmiedel forderte den Koalitionspartner auf, den Widerstand gegen eine Öffnung des Modellversuchs mit neunjährigen Zügen aufzugeben. «Wer die Augen öffnet, kann beobachten, dass das Zwangs-G8 bundesweit auf dem Rückmarsch ist», sagte der Fraktionschef  in Stuttgart. «Es liegt einzig und allein an den Grünen. Wenn sich nichts ändert, wird es Gegenstand des Wahlkampfs 2016.» Die SPD habe die Bürger, die Direktoren und den Philologenverband auf ihrer Seite.

Die Umfragewerte sinken und Schmiedel vergreift sich im Ton. (Foto: Ailura/Wikimedia CC BY-SA 3.0 AT)

SPD-Chef Schmiedel ist gegen das Turbo-Abi. (Foto: Ailura/Wikimedia CC BY-SA 3.0 AT)

Die Grünen reagierten gelassen auf Schmiedels Vorstoß: «Wenn Claus Schmiedel sich zu viel Zeit für Gedanken über den Wahlkampf im Jahr 2016 nimmt, kommen dringliche Aufgaben zu kurz», stichelte Fraktionschefin Edith Sitzmann. In der Sache blockte sie Schmiedels Ansinnen ab. «Beim achtjährigen Gymnasium gibt es Handlungsbedarf und das hat für uns eine höhere Priorität als Wahlkampfdiskussionen», sagte Sitzmann.

Grünen wollen G8 verbessern
Die Grünen verstünden allerdings auch den Wunsch vieler Eltern nach Entschleunigung. «Verbesserungen am G8 sind der effektivere Weg, damit es weniger Druck und Stress im Schulalltag gibt», zeigte sich Sitzmann überzeugt. Die Grünen-Landesvorsitzende Thekla Walker ergänzte: «Wenn Herr Schmiedel mal die Augen öffnen würde, würde er sehen: Viele Wege führen in Baden-Württemberg zum Abitur.» An Gemeinschaftsschulen und in den Beruflichen Gymnasien könnten Schüler das Abitur innerhalb von neun Jahren machen.

Der Streit in der grün-roten Koalition über die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium schwelt schon länger. Hintergrund ist die große Zahl von Gymnasien, die sich in der letzten Bewerbungsrunde für die Wiedereinführung von neunjährigen Zügen angemeldet haben. Grüne und SPD hatten sich auf den Kompromiss geeinigt, nur 44 Modellschulen mit G9 zuzulassen – in jedem Stadt- und Landkreis eine. Schmiedel verlangt, dass 120 Gymnasien ganz oder teilweise zu G9 zurückkehren dürfen – das wäre knapp ein Drittel.

Sitzmann entgegnete: «Mit Herrn Schmiedel am Tisch hat die Koalition klare Vereinbarungen getroffen – wir müssen auch verlässlich sein.» Ein Ausbau des G9 würde ihrer Meinung nach verhindern, beim G8 für Entlastungen zu sorgen – «dazu gehören der Ausbau von Ganztagsangeboten und individuelle Förderangebote».

Schmiedel erklärte dagegen, im Wahlkampf werde die SPD den Eltern sagen: «Wenn ihr eure Kinder vom Zwangs-G8 befreien wollt, müsst ihr SPD wählen.» Die Argumentation der Grünen, das sogenannte Turbo-Abitur funktioniere überwiegend gut, es müssten nur einige Schwachstellen behoben werden, hält Schmiedel für nicht stichhaltig. «Nirgendwo in der Republik gelingt es, das G8 so zu verändern, dass es für Kinder keine Riesenbelastung ist.» Das grüne Argument, eine Ausweitung der G9-Züge könne den neuen Gemeinschaftsschulen schaden, ließ der SPD-Fraktionschef nicht gelten. «Die Gemeinschaftsschule ist nicht die Fluchtburg für G8-Schüler.»

FDP will mehr Wahlfreiheit
Die FDP-Fraktion hielt Schmiedel vor, den Kompromiss zum Modellversuch mitbeschlossen zu haben. «Dabei war absehbar, dass 44 Modellstandorte für G9 nur zu erheblichem Unfrieden bei den Betroffenen und zu Ungerechtigkeiten vor Ort führen würden», erklärten Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke und der Bildungsexperte Timm Kern. Als Ausweg aus dem «Schlamassel» schlugen die Liberalen erneut eine Wahlfreiheit bei G8 und G9 zu gleichen Bedingungen vor.

Der FDP-Landesverband setzt da einen anderen Akzent. Generalsekretärin Gabriele Heise erklärte: «Die FDP hält die verkürzte gymnasiale Schulzeit G8 nach wie vor für eine Chance.» Bei der Umsetzung müsse jedoch dringend nachgebessert werden. «Wer den Erfolg von G8 will, muss Schüler, Eltern und Lehrer mitnehmen.»

Das G8 erregt seit seiner Einführung im Schuljahr 2004/2005 unter der damaligen Kultusministerin Annette Schavan (CDU) die Gemüter. Kritiker von G8 monieren, beim Turbo-Abi werde nahezu der gleiche Unterrichtsstoff wie im neunjährigen Gymnasium nur in kürzerer Zeit behandelt. Die Folge: viel Nachmittagsunterricht. In immer mehr westlichen Bundesländer gibt es G9-Züge – so in Hessen und Schleswig-Holstein. Auch in Hamburg und Bayern gibt es Diskussionen. Henning Otte/dpa

(6.6.2013)

Ein Kommentar

  1. „Wenn du erkennst, dass du ein totes Pferd reitest, steig‘ ab!“
    Auch bei G8 haben die Indianer recht.

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