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Aktionsrat Bildung fordert mehr Ganztagsschulen – aber echte

MÜNCHEN. Der Aktionsrat Bildung fordert in seinem neuen Jahresgutachten einen Ausbau der echten Ganztagsschulen in Deutschland. Nach der Analyse des Wissenschaftler-Gremiums haben Bund und Länder in den vergangenen zehn Jahren zwar fünf Milliarden Euro in den Ausbau der Nachmittagsbetreuung investiert – zumeist aber den traditionellen Halbtagsunterricht beibehalten.

Uhr um 15:27 Uhr

Die Mehrheit der Eltern sieht die schulische Nachmittagsbetreuung als Hilfe, Beruf und Familie zu vereinen. Foto: ChristosV / Wikimedia Commons

Bundesweit nahm dem Gutachten zufolge 2011 zwar ein Viertel aller Grundschüler (26 Prozent) an Ganztagsangeboten teil, aber nur knapp fünf Prozent besuchten eine echte Ganztagsschule mit Unterricht am Nachmittag. Bundesweiter Spitzenreiter bei den Ganztagsangeboten war laut Bildungsrat im Jahr 2011 Thüringen, wo knapp 83 Prozent aller Grundschüler an Ganztagsbetreuung oder -unterricht teilnahmen. Das westdeutsche Bundesland mit dem größten Betreuungsangebot war das Saarland mit 37 Prozent. Schlusslicht war Mecklenburg-Vorpommern mit lediglich gut drei Prozent. An vorletzter Stelle lag Bayern mit etwas über sieben Prozent, das damit ebenfalls weit unter dem Bundesdurchschnitt rangierte. Allerdings sind die Zahlen nicht auf dem neuesten Stand. Ein Sprecher von Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) betonte, dass derzeit bereits 16 Prozent der bayerischen Grundschulen Ganztagsangebote bereithielten und zwei Drittel eine verlängerte Mittagsbetreuung.

Ganztagsbetreuung ohne Unterricht am Nachmittag ist nach Einschätzung der Bildungsforscher aber nicht ideal. Am besten für die Kinder sei die «rhythmisierte Ganztagsschule», in der sich über den Schultag verteilt Unterricht und Freizeit abwechseln. Die „konzeptuelle und inhaltliche Verzahnung von außerunterrichtlichen Angeboten und curricularem Unterricht“ gilt den Bildungsforschern als zentrales Qualitätskriterium von Ganztagsschulen: „Ein umfassendes und integriertes Konzept erweiterter Bildung kann nur umgesetzt werden, wenn die einzelnen Bausteine (zum Beispiel der Unterricht und die ergänzenden Bildungs- und Betreuungsangebote) zielgerichtet aufeinander abgestimmt sind und darüber hinaus eine Zeitstrukturierung umgesetzt wird, die einen rhythmisierten Schultag ermöglicht. Um förderliche Bedingungen für die konzeptuelle Verknüpfung des Unterrichts mit den außerunterrichtlichen Bildungsangeboten zu schaffen, ist ein hohes Maß an außerschulischer und innerschulischer Kooperation notwendig. Im Sinne einer gelingenden innerschulischen Kooperation ist an Ganztagsschulen nicht nur die Abstimmung und Zusammenarbeit der Lehrkräfte untereinander bedeutsam, sondern auch die Kooperation mit dem weiteren pädagogisch tätigen Personal“, so heißt es in dem Bericht.

Doch davon kann in der Praxis oft keine Rede sein. So verfügen lediglich ein Drittel der Ganztagsgrundschulen laut Studie über ein Konzept zur Verzahnung von zusätzlichen Angeboten und Unterricht. Andersherum bedeutet das: In zwei Dritteln der Ganztagsgrundschulen laufen der Unterricht vormittags und das Betreuungsangebot am Nachmittag nebeneinander her. Fazit der Forscher: „Die dargestellten Befunde zeigen, dass die von der KMK gestellten (strukturellen) Anforderungen an eine Ganztagsschule gegenwärtig nur zum Teil an den Ganztagsgrundschulen realisiert werden.“ So gibt es denn auch noch keinen wissenschaftlichen Beleg darüber, dass die Ganztagsschule grundsätzlich bessere Ergebnisse hervorbringt als die Halbtagsschule – beispielsweise ist unklar, ob die Förderung schwacher Schüler aus armen Familien und von Einwandererkindern gelingt. «Wir wissen bislang nicht, ob Kinder auf Ganztagsschulen besser gefördert werden als Kinder auf Halbtagsschulen», sagte der Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos, Direktor des Instituts für Schulentwicklungsforschung. Im Bericht heißt es dazu: „Positive Auswirkungen auf die Schülerleistungen können nur bei individualisierter, auf den Lernstand abgestimmter Förderung sowie bei einer sinnvoll durchdachten Lernkultur erwartet werden, die sich sowohl im Unterricht als auch in den außerunterrichtlichen Angeboten niederschlägt.“

Ein flächendeckender Ausbau des Angebots an „echten“ Ganztagsschulen würde vier Milliarden Euro kosten, so rechnete Bos bei der Präsentation der Studie vor. «Meine Güte, das ist doch kein Geld», sagte er – und verwies auf die viel höheren Summen, die Bund und Länder 2008 und 2009 zur Rettung der Banken aufgebracht hatten. «Im Vergleich sind das Peanuts.» Bos monierte, dass die Eltern für die Ganztagsbetreuung zahlen müssen. Das führt nach Bos‘ Einschätzung dazu, dass arme Familien ihre Kinder nicht in eine Ganztagsschule schicken.

Der Aktionsrat fordert einen flächendeckenden Ausbau der rhythmisierten Ganztagsschulen und verbindliche Ziele der Kultusministerkonferenz für die nächsten zehn Jahre. Finanziert wird der Aktionsrat – dem unter anderem mit den Professoren Bos, Dieter Lenzen, Ludger Wößmann und Manfred Prenzel die renommiertesten Bildungsforscher in Deutschland angehören – von der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft. Deren Vorsitzender Alfred Gaffal forderte ebenfalls höhere Investitionen in die Qualität der Betreuung in Kindergärten und Ganztagsschulen. «Nur dann werden Eltern ihre Kinder gerne in derartige Einrichtungen geben», sagte Gaffal.

„Ganztagsschulen aus einem Guss“ forderte ebenfalls der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel. Zu einem sinnvollen Konzept gehöre es, dass Hausaufgaben und Vorbereitungen für den nächsten Schultag in der Schule erledigt werden können. „In solchen gebundenen, also rhythmisierten Ganztagsangeboten, wechseln sich Unterricht und Freizeit ab, die Ausstattung lässt nicht zu wünschen übrig und es ist für ein gesundes Mittagessen ebenso gesorgt wie für Rückzugsmöglichkeiten für Lehrerinnen und Lehrer.“ Solche Schulen würden regelmäßig mit Preisen wie dem „Deutschen Schulpreis“ ausgezeichnet. Wenzel: „Ihr pädagogischer Wert steht außer Zweifel.“ In der Realität gebe es aber – auch gerade in Bayern – viel zu wenige davon. News4teachers / mit Material der dpa

Hier geht es zum Gutachten des Aktionsrates Bildung.

 

2 Kommentare

  1. Wir haben eine „echte“, rhythmisierte Ganztagsschule. Besuchen Sie uns mal in einer solchen Nachmittagsstunde mit Fachunterricht. Sie werden staunen, was Lehrer so alles aushalten.

    • Kann ich mir vorstellen. Schätze aber, dass die Schüler auch so einiges aushalten trotz ihres Benehmens. Ganztagsschule ist eine politisch gewollte Zumutung für alle Betroffenen.

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