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CDU-Umfrage zum Thema Schule: Große Mehrheit der Deutschen will Förderschulen erhalten

BERLIN. „Freude an der Arbeit mit Kindern“ – dies ist aus Sicht der Deutschen die wichtigste Eigenschaft, über die ein Lehrer verfügen sollte. „Fachwissen“ rangiert erst an zweiter Stelle, gefolgt von „Engagement“ und „Belastbarkeit“. Dies ist eines der Ergebnisse einer Umfrage des Instituts Insa-Consulere im Auftrag der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzendenkonferenz. Diese „Schulstudie 2014 – So denkt Deutschland über Schule“ soll ein Comeback einläuten: Die Union will sich, nachdem zuletzt kurzzeitig kein einziger Kultusminister in Deutschland mehr CDU-Mitglied war, neu in der Schulpolitik aufstellen.

Quelle: Insa-Consulere

Quelle: Insa-Consulere

Der Chef der CDU-Fraktion im Thüringer Landtag, Mike Mohring, befand: „Die CDU braucht ein neues Selbstbewusstsein in der Bildungspolitik. Es wird höchste Zeit. Die CDU hat in Koalitionen immer wieder die Kultusministerien abgegeben. Derzeit stellen CDU und CSU drei Kultusminister. Ich möchte, dass aus dieser Skatrunde der Kultusministerkonferenz wieder eine Mannschaft wird.“ Julia Klöckner, seine Amtskollegin aus Rheinland-Pfalz, versuchte zu umreißen, was christdemokratische Schulpolitik künftig auszeichnen soll: „Kontinuität und Verlässlichkeit sind in der Bildungspolitik gefragt, nicht immer neue Experimente. Eigentlich geht es um das, was die Union schon immer verfolgt hat: Qualitäts- statt Strukturdebatten müssen im Mittelpunkt stehen. Und das heißt: Erst einmal volle Unterrichtsgarantie gewährleisten, bevor Neues aus dem Boden gestampft wird. So sieht es auch beim Thema Inklusion aus, die Befragten wollen keine Inklusion mit der Brechstange, sondern auch weiterhin Wahlfreiheit, den Bestand der Förderschulen. Wir müssen vom Kind, nicht von der Quote her denken.“

Mohring gab als Vorsitzender der CDU-Fraktionsvorsitzendenkonferenz die umfassende Studie in Auftrag, um nach eigenen Angaben „zu erfahren, wie die deutsche Bevölkerung über Schule denkt und welche Grundüberzeugungen sie hat“.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Zwei Drittel aller Deutschen wollen Investitionen in Bildung. Mehr als die Hälfte aller Befragten würden dafür auf Steuersenkungen oder Schuldenabbau verzichten.
  • Es gibt keine nennenswerten Unterschiede zwischen Ost und West. Die Deutschen ticken in Bildungsfragen gleich.
  • Fast 80 Prozent der Deutschen sehen große Unterschiede in der Schulbildung zwischen den Ländern. Sie stehen dem Föderalismus durchaus aufgeschlossen gegenüber (besonders die Jüngeren), wünschen sich aber mehr Einheitlichkeit.
  • Die beste Schulbildung gibt es nach Meinung der Befragten in Bayern und Sachsen.
  • Mehr als 90 Prozent sind für den Erhalt des deutschen Gymnasiums. Befragte mit Haupt- oder Volksschulabschluss sprechen sich am deutlichsten dafür aus.
  • Das größte Problem sehen die Menschen im Unterrichtsausfall an deutschen Schulen.
  • Die Deutschen stehen zu Kopfnoten (82 Prozent), zum Lernen von Schreibschrift in der Grundschule (81 Prozent) und der dualen Ausbildung (79 Prozent). Sie stehen zum Leistungsprinzip an den Schulen (73 Prozent), zum Wiederholen von Klassenstufen (76 Prozent für das Sitzenbleiben) und zur Erteilung von Noten für Leistungen (81 Prozent).
  • Eine deutliche Mehrheit will Ganztagsschulen mit freiwilligen Angeboten am Nachmittag (62 Prozent). Nur 20 Prozent wollen eine verpflichtende Ganztagsschule.
  • Die deutliche Mehrheit der Befragten (82 Prozent) hält für die unterschiedlichen Schularten auch unterschiedlich ausgebildete Lehrer für notwendig.
  • Nur 41 Prozent der Befragungsteilnehmer wissen, was Inklusion bedeutet. Genauso viele können das nicht von sich behaupten. Die große Mehrheit der Befragten (89 Prozent) erachtet die Förderschulen als wichtigen Bestandteil eines ganzheitlichen Bildungssystems. Lediglich sechs 6 Prozent wollen Förderschulen abschaffen.
  • Mehr als die Hälfte der Befragten sind mit der Ausstattung der Schulen in ihrer Region eher (45 Prozent) oder sogar sehr zufrieden (13 Prozent).
  • Drei Viertel der Befragten wünschen sich in ihrer Region mehr Investitionen in außerschulische Bildungsangebote. In den neuen und in den alten Ländern ist dieser Wunsch gleichermaßen verbreitet.

Die Ergebnisse der Studie würden in Beschlüsse und Richtungsentscheidungen einfließen, versicherte Mohring.

Hier geht es zu den Umfrageergebnissen.

21 Kommentare

  1. Eines kann man feststellen: Die Deutschen wollen das Bildungssystem so, wie sie es selbst als Kind erlebt haben. Sieht man das positiv, dann kann man sagen: So schlecht war es früher gar nicht.

  2. Ich muss gestehen, dass es mich schon etwas verwundert, dass 82 Prozent die Kopfnoten möchte… Und außerdem darüber: “Mehr als die Hälfte der Befragten sind mit der Ausstattung der Schulen in ihrer Region eher (45 Prozent) oder sogar sehr zufrieden (13 Prozent).”
    Gut, es entspricht dem Anspruch der CDU, dass Kopfnoten (wieder) eingeführt werden – aber ich hatte nicht den Eindruck, dass damit alle so glücklich waren. Auch dass so viele mit der Ausstattung der Schulen zufrieden sind, wundert mich etwas…
    Aber gut, vielleicht ist das ja ein lokales Problem hier, dass ich den Eindruck habe, dass die Ausstattung nicht zufriedenstellend ist…

    @ Sofawolf: Möglich, dass es damals nicht gar so schlecht war – möglich aber auch, dass die Menschen nun einmal Gewohnheitstiere sind und sich nur ungern auf Neues einstellen: Lieber das (mehr oder wenige funktionierende) alte Bewährte als etwas (möglicherweise besseres) neues Unbekanntes…
    (Damit will ich nicht sagen, dass das Neue auf jeden Fall besser ist – aber die Menschen behalten nun mal ganz allgemein lieber das, was sie kennen, als sich auf etwas Neues einzustellen, das sie nicht überblicken können – ganz unahbhängig davon, ob es nun besser oder doch vielleicht schlechter ist…)

  3. Kopfnoten würdigen das Verhalten der Schüler unabhängig vom Erfolg in einzelnen Fächern, ich finde es völlig logisch, dass Eltern darüber eine Rückmeldung wollen.
    Sie sind gut, wenn die Notenfindung mit vertretbarem Aufwand geschieht – Rheinland-Pfalz hat dafür ein gutes System (“Mitarbeit”, “Verhalten”, umlaufende Liste, keine ausufernde pädagogische Konferenz).

    • Volle Zustimmung, Reinhard! Aus meinen beruflichen Anfangsjahren kenne ich die Kopfnoten. Sie waren gut und zeigten Wirkung.
      Kira-2 meint: “aber ich hatte nicht den Eindruck, dass damit alle so glücklich waren.” Ihren Worten ist zu entnehmen, dass sie diese Zeit als Lehrerin auch erlebt hat. Darum wundert mich ihre Beobachtung, denn ich kenne keinen Kollegen, der die Abschaffung der Kopfnoten je gutgeheißen hat.

  4. Ursula Prasuhn

    @Kira-2 Zitat aus einer Buchbesprechung: „Für den Bildungsexperten Josef Kraus steht fest: Die größte Bedrohung unseres Bildungswesens ist eine Politik mit der Abrissbirne. Was gestern noch Gebot der Stunde war, wird morgen munter umstrukturiert, umbenannt und umgestoßen. Schulen und Universitäten sind einer Flut von zweifelhaften Testverfahren ausgesetzt, denen eine überhastete Reform auf die andere folgt. (…) Ist die Bildung also noch zu retten? Natürlich. Doch dazu müssten wir uns wieder auf unsere Stärken und auf Bewährtes besinnen.“
    http://www.herbig.net/gesamtverzeichnis/sachbuch/einzelansicht/product//ist-die-bildung-noch-zu-retten.html

    Ich habe diese Worte gewählt, weil sie meiner Meinung und Erfahrung entsprechen. In den letzten Jahrzehnten wurde wahrhaftig nicht zu wenig reformiert – wie Sie vielleicht glauben – sondern viel zuviel. Und die meisten der angepriesenen und im Galopp eingeführten Neuerungen gingen mehr nach hinten als nach vorne los.
    Es ist einfach nicht so, dass den älteren, erfahrenen Lehrern der Blick nostalgisch getrübt ist oder dass sie „nun einmal Gewohnheitstiere sind und sich nur ungern auf Neues einstellen“. Sie haben im Gegenteil mit erstaunlichem Langmut eine verschlimmbessernde Reform nach der anderen mitgemacht und entwickeln erst nach langem Zögern Widerstand und Kritik. Wenn sie das nicht endlich täten, müsste wahrhaftig an ihrer Einstellung gezweifelt werden – nicht aber, wenn sie am Segen alles Neuen zweifeln und diesen lieber nachgewiesen als postuliert haben wollen.
    Ich bin Pensionärin und als solche frei vom Verdacht der Angst vor Unbekanntem. Allerdings gehöre ich zu der Generation, die viel praktisches Erfahrungswissen besitzt und hautnah die Reformwut nebst Auswirkungen miterlebt hat. Billige Behauptungen und hohle Sprüche ziehen bei mir nicht mehr – wie z. B. die These, dass in den Schulen anderer Staaten längst alles gut laufe, was hierzulande noch Skepsis auslöse.

    • Milch der frommen Denkungsart

      Da kann ich Ihnen nur aus vollstem Herzen rechtgeben:

      Jahrelang hat die Bildungspolitik unseren Berufsstand jede pädagogisch-didaktische Sau reiten lassen,
      die aus den Werkstätten und Elfenbeintürmen selbsternannter Experten durch die Schulen getrieben
      wurde – und auf die leider nicht wenige Kollegen sofort kritiklos gesprungen sind.

      Dieses Pendel beginnt glücklicherweise nun zurückzuschwingen und der Unmut sich auch publizistisch
      Bahn zu brechen; die Attitüde jedenfalls, jeder beliebigen Novität, die uns als messianische Heilslehre
      angepriesen wird, erst einmal eine Chance einzuräumen, war in meinen Augen eh nie ein Ausweis von
      Progressivität, sondern vielmehr von organisierter Verantwortungslosigkeit; und das Muster einer der-
      artigen Scheuklappenoptik ist übrigens eben im Begriff, länderweit auf den Müllhaufen der Schulge-
      schichte expediert zu werden, nämlich das ebenfalls blindlings eingeführte G8 !

      • Sie sagen es: „Dieses Pendel beginnt glücklicherweise nun zurückzuschwingen und der Unmut sich auch publizistisch Bahn zu brechen.“
        Das ist nicht nur bei uns so. Auch in anderen europäischen Ländern erinnern sich die Menschen, wie es den Kindern früher ging, wie sie sich benahmen und was sie konnten auf Grund einer “altmodischen” Pädagogik, in der Schaumschlägerei noch nicht das Feld erobert hatte.
        Für mich hätten die Lehrer besser aufpassen müssen. Eine Wende zum Besseren erwarte ich eher von aufgeweckten Eltern, die nicht länger bereit sind, ihre Kinder für Eitelkeiten und Blindgänge verheizen zu lassen.
        „Eltern setzen sich für eine solide Volksschule ein“, heißt es in der Schweiz:
        http://www.zeit-fragen.ch/index.php?id=1826

        • “Für mich hätten die Lehrer besser aufpassen müssen.”
          “Jahrelang hat die Bildungspolitik unseren Berufsstand jede pädagogisch-didaktische Sau reiten lassen, die aus den Werkstätten und Elfenbeintürmen selbsternannter Experten durch die Schulen getrieben wurde – und auf die leider nicht wenige Kollegen sofort kritiklos gesprungen sind.”

          Die Crux ist, dass schon die Referendare mit neuem Wissen kommen (was so an Unis und PHs erforscht und ausgedacht wird) und sie in dem Studium nur von dieser Richtung hören. Im Referendariat müssen sie dann in diesem Sinn weitermachen. So werden quasi durch die Hintertür die neuen Ideen verbreitet. Ca. ein Jahr später hört man dann als Lehrer in Fortbildungen davon, doch dann werden solche Ideen auch schon in Schulbücher eingearbeitet. Normale Lehrer haben oft gar keine richtige Chance rechtzeitig ihre Meinung darüber zu sagen, sie werden auch nicht gefragt. Die Lehrerverbände sind das einzigste Sprachrohr. Hier sollten wirklich dringend die Lehrer besser eingeschaltet werden.
          In Fortbildungen werden neue Ideen oft so vermittelt, wie das alles dem neusten Stand der Wissenschaft entspräche. Und wer will sich dem aktuellen Stand der Wissenschaft verschließen? Also probiert man es aus, wenn es gut klingt und schaut, ob es funktioniert. Nach meiner Erfahrung sind oft gute Ideen dahinter, die einem weiterbringen, aber auch Ideen, die nicht so funktionieren. Für mich ist es oft die Sichtweise, wie man an einen Stoff herangeht. In der aktuellen Pädagogik herrscht das pragmatische Denken in Bezug auf die Gesellschaft vor (Kompetenzen erwerben). Die frühere Pädagogik und deren Inhalte hat mehr auf Traditionen (Anhäufung von überprüfbarem Wissen) gebaut.

          Mit dem Engagement einzugreifen ist es so eine Sache: Dafür muss man viel Zeit haben und da wir so mit Arbeit überhäuft sind, ist es für die meisten nicht möglich, an der richtigen Stelle mitzuarbeiten, weil einfach die Zeit fehlt.

  5. Milch der frommen Denkungsart

    @ynsp:

    Wenn ich Ihnen natürlich gerne einräume, daß oftmals der Faktor “Zeit” das Haupthindernis ist,
    sich tätig einzumischen, halte ich es andererseits für geradezu geboten, all jenen phantastischen,
    zuletzt wie Unkraut aus dem Boden sprießenden “Erkenntnissen” der “Bildungsforschung”, deren
    Vertreter nie auch nur eine Stunde Unterricht erteilt haben, mit gesunder Skepsis zu begegnen,
    da wir Experten doch aus Erfahrung wissen, daß zwischen den schönen Theorien dieser Zunft
    und der schulischen Alltagspraxis zuletzt eine immer größere Lücke klafft.
    Die Gesamtkonferenz wäre im übrigen das berufene Gremium, derartig propagierten Unfug zu
    problematisieren wie kritisieren, da man immer die Möglichkeit hat, Schaden zu mindern, indem
    man als absurd erkannte kultusministerielle “Innovationen” in praxi auf kleinster Flamme kocht;
    freilich herrscht in diesem Forum des Gesamtkollegiums leider allzu häufig Leisetreterei vor.

    NB: Die aktuelle Pädagogik per se als pragmatisch, die traditionelle aber unterschwellig als quasi
    antiquiert zu titulieren – solchen Tenor scheint mir ihr dictum jedenfalls zu besitzen – ist meiner
    bescheidenen Meinung nach nicht nur holzschnittartig, sondern vielmehr unreflektiert.

    • @ Milch
      Ich habe meine Einschätzung der Lage völlig wertfrei geschrieben. Viellleicht sollte ich näher darauf eingehen, was ich meine; ich kann nur für die Grundschule sprechen: Beispiel: die Kompetenz “nachschlagen können, wo etwas steht und das zu verstehen” ist nach der aktuellen Pädagogik wichtiger als die Information selbst auswendig zu können. Oder: In Mathematik ist es wichtiger, sich mit einer Aufgabe zu beschäftigen und nach Lösungen zu suchen als eine gelernte Musterlösung auf einen Aufgabentyp anzuwenden. Ich sehe mich nicht in der Lage die verschiedenen Ansätze gegeneinander aufzuwiegen. Alles hat sein Gutes. Das eine bereichert das Wissen, das andere bereichert die Möglichkeit flexibel zu sein und sich eigenständig zu helfen wissen.

  6. @ysnp Was Sie über die Hochschulen, das Refrendariat und die Fortbildungskurse sagen, kann ich gut nachvollziehen.
    Hier möchte ich Ihnen widersprechen: “In der aktuellen Pädagogik herrscht das pragmatische Denken in Bezug auf die Gesellschaft vor (Kompetenzen erwerben).”
    Pragmatisches Denken bedeutet für mich, die Kulturtechniken gut zu beherrschen lernen und Wissen zu erwerben in Erdkunde, Geschichte, Fremdsprachen usw.
    “Pragmatisches Denken in Bezug auf die Gesellschaft” hört sich phantastisch an, ist aber zum Großteil nur Indoktrination der jeweils herrschenden Führung.
    Außerdem: Wenn die Förderung des pragmatischen Denkens “in Bezug auf die Gesellschaft” im Mittelpunkt der aktuellen Pädagogik steht, warum lese ich dann dauernd von zunehmenden Grenzüberschreitungen der Schüler, von Aggressionen, Rücksichtslosigkeiten, Ellbogenmentalität, Mobbing, Sachbeschädigung, Verschmutzung, Schwänzen …? Die Schüler müssten doch dann fit sein in gesellschaftlich erwünschten Fähigkeiten.
    Nein, ysnp, in der aktuellen Pädagogik laufen Dinge ab, die weiß Gott nicht einem sozialen Kompetenzerwerb dienen, im Gegenteil. Man schaue aufs Ergebnis und nicht auf die Proklamation hehrer Zielsetzungen.

    • @ Aufmüpfer
      Das pragmatische Denken, das Sie aufführen, das steckt tatsächlich noch in den Kinderschuhen bzw. war eine ganze Zeitlang nicht im Fokus. Ich meinte das eher so: (siehe auch Kommentar weiter oben), sich zu helfen wissen, kreative Lösungsmöglichkeiten, Teamwork, präsentieren … Solche “Kompetenzen” sind u.a. später im Berufsleben gefragt.

      • Ja, das ist gefragt. Können das die Schüler aber, die immer weniger die Grundtechniken beherrschen und immer unfähiger zur Teamarbeit werden, weil diese Selbstdisziplin erfordert?
        Kreativ zu malen geht z. B. nicht ohne solide Beherraschung der Farbenlehre und Maltechnik, also abfragbares Wissen und trainiertes Können. Und in Mathematik kann man sich noch so sehr mit einer Aufgabe beschäftigen und nach Lösungen suchen, wenn die “sturen”, abfragbaren Rechenarten nicht durchschaut und beherrscht werden.
        Bei der Kompetenz “nachschlagen können, wo etwas steht und das zu verstehen”, kann keiner auf abfragbares Wissen und Können im Lesen und Schreiben verzichten.
        Warum also einer Pädagogik das Wort reden, die Flexibilität und Kreativität fordert, aber die nötigen abfrag- bzw. nachprüfbaren Vorausssetzungen vernachlässigt und verachtet? Zu Höherem braucht es nun mal ein solides Fundament, das die moderne, ach so fortschrittliche Pädagigik zunehmend aus den Augen verliert. Und dann wundern sich ihre Anhänger, warum die flexiblen, kreativen Luftschlösser immer wieder demaskiert werden und zusammenfallen.

        • mehrnachdenken

          Es ist mittlerweile in Diktaten üblich, SchülerInnen die Benutzung des Wörterbuches zu erlauben. Sie dürfen also ca. 5′ nach dem Diktieren im Wörterbuch nachschlagen, wie dieses oder jenes Wort geschrieben wird.
          Das sieht aber nur auf den ersten Blick wie eine Hilfe aus. Konkret können viele SchülerInnen damit überhaupt nichts anfangen, weil sie einerseits das Alphabet nicht beherrschen und andererseits oft nicht wissen, wo sie so manches Wort suchen sollen.
          Für die Kompetenz “nachschlagen” fehlen ihnen oftmals eben ganz einfach die notwendigen “Grundtechniken”.

          • Stimme ich zu. Je besser ein Schüler das Alphabet kann und mit ihm umgehen kann und weiß, wie ein Nachschlagwerk oder in dem Fall ein Wörterbuch aufgebaut ist, um so schneller ist er beim Nachschlagen. Wer das ABC nicht richtig beherrscht, nicht weiß, wie sich das mit dem 2. und 3. Buchstaben verhält und das auch nicht eingeübt hat, der kann in keinem Nachschlagewerk richtig nachschlagen und verliert schnell die Lust. Diese Fähigkeit, nämlich der Umgang mit dem Wörterbuch, ist schon länger in der Grundschullehrplänen festgeschrieben. Ich erinnere mich noch daran, dass es vor ca. 25 – 30 Jahren noch keine Wörterbücher in der Schule gab, heute sind sie, zumindest in meinem Bundesland, selbstverständlich.
            Bei Internetmedien braucht man das ABC allerdings nicht zwingend, aber sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

  7. Milch der frommen Denkungsart

    Dann habe ich Sie mißinterpretiert – doch kommt mir dennoch Ihre neutrale Haltung diesbezüglich zu wachsweich und indifferent daher. Daß nämlich die Vermittlung “pragmatischen Denkens” im über-
    kommenen Unterricht keine Rolle gespielt habe, ist natürlich nicht die Wahrheit; allerdings drängt sich
    mir vor der Folie von über 200 (!) “Kompetenzen”, womit die Schüler durch die diversen curricula der
    Bundesländer versehen werden sollen, längst der Eindruck auf, als verberge sich hinter diesem Tanz
    ums goldene Kalb nichts anderes als bramarbasierend vernebelte tätige Unwissenheit.
    In diesem Zusammenhang sei auch der Einwand erlaubt, daß Schulbildung zuvorderst eben nicht als
    “training on the job” zu begreifen ist, sondern als Basis eines kultivierten, kritischen Menschen (aber
    vielleicht gilt ebendies ja inzwischen als eine manchen suspekte Fähigkeit in unserer durchökonomisierten
    Gesellschaft).
    Im übrigen hat die Kompetenzenhuberei in jenen Ländern, in denen sie vorschnell zum Heilmittel gegen
    alle schulischen Gebrechen hochstilisiert wurde, noch nirgends ihre Überlegenheit über die traditionelle Pädagogik erwiesen (bei allen Schwächen, womit auch diese behaftet ist); vielmehr läßt sich an der
    unsäglichen “Bachelorisierung” unserer einstmals beneideten deutschen Hochschullandschaft – und um
    nichts anderes handelt es sich inhaltlich auch bei dem Götzenglauben an Kompetenzen – studieren, in
    welche Sackgasse dieser Irrweg an den Schulen führen wird, kehrte man nicht rechtzeitig um.

  8. kritischer Neuling

    Ich finde es äußerst interessant, wie sie als erfahrene Kolleginnen und Kollegen zu dieser Debatte für mich wirklich wichtige Erfahrungen und zum Teil auch Fakten beisteuern, ähneln sie doch sehr auch den Berichten von Kollegen während meines Praxissemsters (ich selbst bin Lehramtsstudent und studiere auf Staatsexamen ohne den meines Erachtens nach unsinnigen Bachelor und Master). Doch möchte ich gerne auch meine Perspektive einbringen. Wir als Lehramtsstudenten werden, wie es auch schon gesagt wurde, im Rahmen der “neuesten und angeblich besten” Lehrmethoden und Theorien ausgebildet. Sollen demnach auch Unterricht nach diesen planen und in der Praxis auch umsetzen. Das selbst wir als Studenten bereits an der Uni viele von denen nicht nur kritisch betrachten, sondern auch offen hinterfragen, wird uns an so mancher Stelle fast schon als Frevel an der Wissenschaft und an den Lehrenden ausgelegt. Kommen wir dann an Schulen, um uns auszuprobieren und den Theorien die Praxis gegenüber zu stellen, erleben wir oft (ich kann durch viele Gespräche mit Kommilitonen von “Wir” sprechen), dass uns ältere Kollegen gleich mit dem Satz entgegentreten: “Vergesst eure Theorie, die funktioniert in der Praxis nicht!” Dahingehend möchte ich aber gerne den Kollegen widersprechen! So einiges funktioniert nämlich genau dann, wenn sich erfahrene Kollegen bereit erklären, sich gemeinsam mit den Neuen hinzusetzen und gemeinsam diskutieren wie es umgesetzt werden könnte.

    Das Problem und dahingehend stimme ich ihnen vollkommen zu, findet die Rückmeldung zu den Theoretikern und vermeintlichen “Experten” scheinbar oft nicht statt oder nur verzerrt (es gibt siherlih Ausnahmen). Genau an diesem Punkt muss angesetzt werden. Kein blindes Vertrauen in Neues, aber auch keine trotzige Ablehnung, auch wenn sie sicherlich erfahrungsgemäß an so mancher Stelle gerechtfertigt sein kann. Die Verzahnung von Schule als Praxis und der Universität als Theoriestandort muss noch mehr ausgebaut werden. Nur dann kann auch bildungstechnisch an einem Strang gezogen werden, der nicht nur Lehrern und Lehrerinnen einen sinnvolles Instrument an die Hand gibt, sondern auch, und das empfinde ich als viel wichtiger, den Schülern die Erfahrungen der Erfahrenen und die neuen Ideen der Neuen zu Gute kommen lässt.

    • Milch der frommen Denkungsart

      @kritischer Neuling:

      Natürlich muß Schule sich bewegen und nicht nur auf alten Trampelpfaden einhermarschieren; freilich muß jede Innovation im vorhinein auf ihre Sinnhaftigkeit abgeklopft werden, um Altbewährtes ergänzen, ver- bessern oder gar ablösen zu können – ein bedauerndes Achselzucken ist nämlich wohlfeil, haben unsere Schüler, von einem reformatorischen Durchlauferhitzer durch den nächsten gejagt, einmal erst Schaden genommen.
      Und was Ihr Postulat an die Kollegenveteranen anlangt: diese sind zumeist schon ernüchtert und des- iillusioniert durch einen jahrzehntelangen Wust an hymnisch gepriesenen wie mit Kränzen von Vorschuß-lorbeeren umwundenen Neuerungen aus der pädagogisch-methodisch-didaktischen Alchemisten- oder besser: Sudelküche, infolgedessen man ihnen ihre oft abwinkende Skepsis tatsächlich nachsehen sollte.

      @Mutter:

      Ich bin heilfroh, daß Eltern wie Sie zuhause noch ein Korrektiv bilden, das ihren Kindern, die im Schulall-
      tag einem allzu experimentierfreudigen Versuchsfeld wehrlos ausgesetzt sind, wenigstens in den eige-
      nen vier Wänden vermittelt, daß man erst auf Fakten gegründete solide Kenntnisse erwerben muß,
      bevor man es überhaupt kompetent zu gebrauchen wie anzuwenden vermag. Leider pflegt dieses
      Klientel nonchalant als “bildungsbürgerlich” diffamiert zu werden.

    • @ kritischer Neuling
      Ich stimme Ihnen in fast allem voll und ganz zu! Selbst mir erging es schon auf Fortbildungen als ich kritisch hinterfragte so ähnlich wie Sie das schilderten. Da wird von gewissen Leuten schon eine bestimmte Selbstverständlichkeit – ich habe auch schon arrogantes Verhalten erlebt – gezeigt.
      Wo ich doch das Bild zurechtrücken möchte ist, dass ältere Kollegen prinzipiell sagen, Neues funktioniere nicht. Es gibt da ganz unterschiedliche Einstellungen. Und: Wie ich schon oben indirekt erwähnte: Durch Fortbildungen wird man ja in gewisser Weise in die gewünschte Richtung fortgebildet, dann wird es mit der Zeit schwierig, sich den Ideen zu verschließen.

  9. @ysnp Sie sagen: „Ich sehe mich nicht in der Lage die verschiedenen Ansätze gegeneinander aufzuwiegen.“
    Ich war zum Aufwiegen und zur Prioritätsfindung gezwungen, nachdem ich merkte, wie „kompetent“ einer meiner beiden Söhne seine Schulaarbeiten erledigte. Sehr flexibel und kreativ, das muss ich schon sagen, leider aber auch sehr schludrig und falsch.
    Dass ich ihm zu Hause erst elementare Dinge (unter viel Gezeter) zum Wohle seiner Kompetenz beibringen musste, hat mich schmerzhaft gelehrt, welcher Ansatz wohl der richtige ist.
    Nun bin ich trotz Studium das berühmte Heimchen am Herd, das seinen Kindern beibringt, was sie für ihr späteres, selbstständiges Leben brauchen. Dort wird sich zeigen, womit sie weiterkommen und womit nicht.
    Wenn ich aber an andere Kinder denke, deren Eltern beide berufstätig sind und die sich darauf verlassen (müssen), dass in der Schule gewissenhaft gearbeitet und nicht viel heiße Luft verströmt wird, dann sehe ich für die Zukunft unserer Gesellschaft schwarz.
    Es gibt keine Kompetenz, wenn Schritt B vor A getan wird. Auch Fußballer können nicht kompetent und erfolgreich kicken, wenn sie nicht vorher durch die jahrelange Schule konsequenten Einübens und Trainings gegangen sind. Ohne abrufbares Wissen und Können sind sie auf dem Spielfeld nur Nieten.

  10. @ysnp Richtig, was Sie heute um 16:17 gesagt haben. Ältere Kollegen erteilen Neuem nicht prinzipiell eine Absage, sie sind allerdings meist auf der Hut und messen “neue Erkenntnisse” an ihren Erfahrungen mit Kindern und Methoden. Wenn es da große Differenzen gibt, äußern sie vorsichtig Zweifel. Vorsichtig deshalb, weil in den Schulen Kritik an Neuem oft negativ auf die Person zurückfällt, die sie äußert.
    Ein deutlicher Unterschied zwischen Alt und Jung besteht meiner Beobachtung nach in der Gewichtung von Lernzielen und Arbeitstugenden. Für die älteren Lehrer hat die Beherrschung der Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen eine wahrscheinlich größere Bedeutung als für die jungen, ebenso die sorgfältige und gründliche Bearbeitung einer Aufgabe.
    Eine Geschichte aus meinem Bereufsanfang: Im Fach Deutsch war eine ältere Lehrerin meine Mentorin. Ich sah bei manchen Kindern oft Qualitäten, die ich gern sehen wollte, auch weil sie meinen Unterricht bestätigten. In nachfolgenden Gesprächen, für die sie sich viel Zeit nahm, forderte mich Frau Sch. unermüdlich zur Begründung meines Urteils auf. Dabei wurde mir im Laufe der Zeit klar, dass ich vorwiegend bei Kindern mit Schwächen im Lesen und Rechtschreiben oder auch in der äußeren Form nach versteckten Juwelen suchte und sie auch fand. Ich wertete den Inhalt ihrer Geschichten (Aufsätze) unbewusst auf, während ich bei den sauberen, guten Rechtschreibern an Inhalt und sprachliche Gestaltung höhere Ansprüche stellte.
    Bei den mündlichen Leistungen verfuhr ich ähnlich, worauf mich meine Mentorin ebenfalls aufmerksam machte. Ich unterschätzte im Urteil Schüler, die sich zurücknahmen und Gesprächsregeln einhielten, weil sie unauffälliger waren, und wertete die Spontanredner bzw. „Großmäuler“ auf. Dabei war die Erarbeitung von Gesprächsregeln das erste Thema meines Unterrichts gewesen.
    Hoffentlich wird deutlich, was ich mit dem Erlebten zum Thema „junge Lehrer – alte Lehrer“ sagen will. Gut ist auf jeden Fall, dass es sowohl jung als auch alt gibt.

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