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Immer mehr Eltern halten ihr Kind für hochbegabt – und machen Druck auf die Schule

BERLIN. „Seit letzter Woche gehen in Pankow die Hochbegabten um“, so berichtet der Blog Prenzlauerberg-Nachrichten.de aktuell aus Berlin. Mit viel Lärm hätten Eltern darauf aufmerksam gemacht, dass es im Bezirk für ihre angehenden Fünftklässler-Kinder zu wenig Plätze in den Schnelllernklassen gebe – ein Spezialangebot, bei dem in Berlin vor Ablauf der regulär sechs Jahre dauernden Grundschulzeit aufs Gymnasium gewechselt wird. Voraussetzung sei ein guter IQ-Test, so heißt es in dem Bericht. Eltern seien erbost vor das Büro von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) gezogen. Tenor: Es gebe lokal zu wenige Angebote für die Hochbegabten.

Eltern erkennen bei ihren Kindern häufig eine Hochbegabung. Foto: Inspired Photography CT / flickr (CC BY 2.0)

Eltern erkennen bei ihren Kindern häufig eine Hochbegabung. Foto: Inspired Photography CT / flickr (CC BY 2.0)

Offenbar kein Einzelfall. Grundsätzlich scheint von Elternseite der Druck auf die Schulen wieder zu steigen, sich des Themas Hochbegabung anzunehmen – womit in der Regel der eigene Spross gemeint ist. Ein Thema, das in der Vergangenheit immer wieder aufgekommen, zuletzt in der öffentlichen Debatte aber abgeflaut war. Jetzt drängt es wieder mit Macht nach oben. Die Ursache: Ein hochbegabtes Kind zu haben, ist nach Aussage des Marburger Hochbegabtenforschers Detlef Rost, Gründer der Begabungsdiagnostischen Beratungsstelle „Brain” an der dortigen Universität, für viele Eltern mittlerweile zu einer „Prestige-Frage” geworden. „Es gibt Eltern, die sich in der Intelligenz ihres Kindes sonnen”, so zitiert ihn die „Welt“. Dabei existierten oft falsche Vorstellungen von Hochbegabung.

„Viele Eltern denken, dass Verhaltensprobleme ein Indikator sind. Das Gerücht stimmt nicht”, sagt Rost. Stattdessen kämen viele Hochbegabte ziemlich gut durch die Schule und durchs Leben. „Intelligenz ist auch die Fähigkeit, sich anzupassen.” Wenn ein Kind sich im Unterricht langweilt, sei das meistens ebenfalls kein Zeichen für Hochbegabung, „sondern für schlechten Unterricht. Kinder langweilen sich eher, weil sie überfordert sind.” Sicherheit, so sagt Rost, schaffe nur eine solide psychologische Diagnostik.

Rost warnte auch vor einer „Förder-Hysterie” der Eltern. Viele Väter und Mütter fürchteten, dass es ihre Kinder in der Schule nicht schaffen. „Gerade Vorschulkinder brauchen viel freie Zeit, um zu spielen, die Umwelt zu explorieren und mit Gleichaltrigen zusammen zu sein”, sagt der Experte. In einer abwechslungsreichen Umwelt förderten sich die Kinder selbst.

„Es ist davon auszugehen, dass auch Prenzlauer Berger Viertklässler selten den Wunsch nach einem Intelligenztest verspüren“, so kommentiert Prenzlauerberg-Nachrichten.de das Geschehen in Berlin. „Die Elternneigung, sein eigenes Kind als das süßeste und klügste (der ganzen Welt) einzuordnen, ist hinlänglich beschrieben und hier findet es seinen Niederschlag.“ Dass das Phänomen auch ganze Gruppen ergreife, belege die Pressemitteilung der Initiative „Bildung nach Bedarf” (die sich gebildet hat, um in ihrem Bezirk mehr Angebote für Hochbegabte zu fordern). „In Stadtteilen wie dem Wedding”, so heiße es da quasi-analytisch, „hatten sich wesentlich weniger Kinder zum Test angemeldet als in Pankow, wo es offenbar mehr besonders viele leistungsfähige und -bereite Kinder gibt”. „Nein!“, so entgegnet der Kommentator. „Es gibt nur mehr Eltern, die offiziell hochbegabte Kinder haben wollen.“ Womit er Recht haben könnte. News4teachers

Hier geht es zu dem Kommentar “Wer denkt an die Kinder?” auf Prenzlauerberg-Nachrichten.de

Zum Bericht: Vom Fluch und Segen der Hochbegabung

 

8 Kommentare

  1. Das mit der Hochbegabung ist ja eine Hürde, die der Berliner Senat aufgestellt hat.
    Kann es sein, dass Eltern einfach wollen, dass ihr Kind – wie anderswo in Deutschland auch – schon in Klasse 5 zum Gymnasium darf und sich nicht 2 Jahre länger in der Grundschule langweilen muss?

  2. S.Hurt-Görne

    Entweder wurde Herr Rost nur sehr einseitig zitiert oder er hat sich nicht wirklich mit dem Problem begabter Kinder beschäftigt! Diese Kinder sind eben nicht in einer Schublade zusammenzufassen. Deswegen wurden ihre Probleme jahrelang verkannt. Glücklicherweise gibt es genügend Studien, die das Thema ernst nehmen und eben nicht den Eltern die Schuld für diese Problemaik zuschieben. Hierbei empfehle ich den Film : Good will hunting!!!
    Selbstverständlich gibt es sicherlich vereinzelte Elternteile, für die die Aussage des Artikels zustimmt, aber hierbei handelt es sich ganz klar um Ausnahmen! So gibt es auch beispielsweise solche und solche Handwerker, Zahnärzte, Busfahrer, Chirurgen, ich könnte die Liste endlos fortsetzen.

  3. Nett geschrieben, super. In der Sache leider falsch.

    Richtig ist, jeder kann sein Kind zum Aufnahmetest anmelden. Wenn dann aber der in der Sache anspruchsvolle Test bestanden ist, mit voller Punktzahl, ist es keine Frage des elterlichen Ehrgeizes mehr, sondern der Bereitschaft der Verwaltung, bestehende Angebote auch umzusetzen. Das sich Herauswinden aus der Verantwortung, das wird zu Recht angegriffen.
    Pankow hat in den letzten zwei, drei Jahren erheblich an Wohnqualität gewonnen, was sich im wachsenden Zuzug zeigt. Insofern geht es hier im Interesse der Bürger um Standortqualität und Infrastruktur, nicht um Ideologie und Parteipolitik.
    Der Vorschlag, man könne 10-jährige doch einfach frühmorgens allein zur Schule von Pankow nach Neukölln schicken, ist an Zynismus kaum zu überbieten. Offenbar ist das, was in Pankow “garnicht” geht, nämlich eine weitere 5. Gymnasialklasse einzurichten, deshalb in Neukölln möglich, weil man das dort noch als sehr spezielle Standortförderung vorzeigen kann.
    Übrigens, neureiche “Turboeltern” habe ich -in Kenntnis der Zusammenhänge- keine getroffen. Für die gäbe es dann auch die gebührenpflichtigen Privatschul- Angebote.

    Thema verfehlt, liebe Redaktion !

  4. Ich nehme interressiert zur Kenntnis mit welcher Vehemenz versucht wird den Kindern ihre Intelligenz abzusprechen und sich dabei der diffamierung der Eltern bedient wird. Es ist in unserer Gesellschaft selbstverständlich dass Eltern (wie auch Lehrer und Schulpsychologische Dienste), die Schwächen und Stärken der Kinder erkennen und ihnen die entsprechende Bildung und Förderung bereitgestellt wird. Niemand regt sich über musikalisch oder sportlich begabte Kinder in speziell für sie eingerichteten Förderzügen und Schulen. Nur bei Allgemeiner überdurchnittlicher Begabung soll das plötzlich eine Spinnerei der Eltern sein. Es ist auch Konsens dass diese Kinder einer Förderung bedürfen – dafür sind ja auch die Schnellernerklasse vom Senat eingerichtet worden. Und bitte, bleiben Sie bei der Berichterstattung zu dem Testverfahren bei den Tatsachen. Alle Kinder, die eine Eignung für den Schnellernergang erbracht haben, haben an EINEM TAG in ABWESENHEIT der Eltern den gleichen international anerkannten Test geschrieben. Dieser wurde vom Schulpsychologischen Dienst ausgewertet. Die Eltern haben somit keinerlei Einfluss auf das Ergebnis. Dass es in Pankow so viele für diesen Bildungsgang geeignete Kinder gibt liegt einfach in der Tatsache Begründet, dass es sich um den mir Abstand Kinderreichten Bezirk handelt und wenn Sie die Statistik bemühen und einfach nachrechnen, dann werden Sie feststellen dass dass bei Pankow mit 25000 Kindern im Alter von 6-15 Jahren eben ein um 65% höherer Wert herauskommt als z.B. bei Neukölln oder Friedrichsh.- Kreuzberg mit jeweils ca. 15000 Kindern in dieser Altersgruppe. Auch das hat nichts mit Elternwillen, sondern mit demografischen gegebenheiten zu tun. Dass die Eltern dementsprechend eine Erweiterung des Angebotes auf den dem Bezirk angemessenen Umfang fordern ist doch nur zu verständlich und im übrigen für jede Form der Förderung wünschenswert.

  5. Von Hochbegabung spricht man ab einem IQ von 130 und der wird definitionsgemäß nur von ca. 2 % der Bevölkerung erreicht. Bei angenommenen 300.000 Schülern in Berlin erreichen diesen also 6000 davon. Diese sind dann noch auf sämtliche Jahrgangsstufen verteilt, also kommen auf jede Jahrgangsstufe ca. 500 hochbegabte Schüler.

  6. Der Test, der in Berlin angewandt wird, findet Kinder, die schulisch hochleisten können. Ein Intelligenztest prüft größtenteils kognitive Fähigkeiten ab, die schulisch nicht trainiert werden können. So ein Test wird in Berlin nicht gemacht. Deshalb findet man eine ganze Reihe hochleistender Kinder. Und nur ein geringer Teil von ihnen wird hochbgebt sein.

    Ausführlich dargelegt auf der verlinkten Website.

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