BERLIN. Der Lehrkräftemangel in der heutigen Dimension ist kein kurzfristiger Engpass, sondern das Ergebnis einer Entwicklung, die seit rund zehn bis fünfzehn Jahren anhält – und seit etwa 2015 in eine strukturelle Schieflage übergegangen ist. Eine Auswertung aktueller Daten des Statistischen Bundesamtes durch die GEW Hessen zeigt, wie stark sich der Mangel inzwischen in der Qualifikation des Personals niederschlägt. Ein neues „Krisenbuch Schule“ der Rosa-Luxemburg macht das Problem aus Sicht der Beschäftigten im Schuldienst anschaulich – sie sind zermürbt.

„Ich sitze vor meinem Laptop im Lehrerzimmer eines Berufskollegs in Nordrhein-Westfalen und frage mich einmal mehr, wie lange wir – und damit meine ich vor allem uns als Gesellschaft – das noch durchhalten. Seit fünf Jahren bin ich jetzt im Schuldienst, unterrichte unter anderem in internationalen Förderklassen und begleite Jugendliche, die kurz davor sind, ihren ersten Schulabschluss zu schaffen. Ich liebe meinen Beruf, doch jeden Tag stoße ich auf dieselben Mauern: zu wenig qualifiziertes Personal, eine Flut an Bürokratie und Lehrpläne, die mit der Lebensrealität unserer Jugendlichen nichts zu tun haben.“
Persönliche Frustration einer Lehrkraft – und ein strukturelles Problem, das seit fast einem Jahrzehnt das Bildungswesen in Deutschland prägt: die Personalnot. Das und die folgenden Statements entstammen einer aktuellen Publikation der Linken-nahen Rosa-Luxemburg-Stiftung mit dem Titel „Krisenbuch Schule – ein System am Limit“. Eine Auswertung aktueller Daten des Statistischen Bundesamtes durch die GEW Hessen zeigt, wie der Lehrkräftemangel zunehmend auch in der Qualifikation des eingesetzten Personals sichtbar wird.
Wie groß ist der Lehrermangel? Als Maßstab dient nicht allein die Zahl unbesetzter Stellen, sondern auch der Anteil der Lehrkräfte ohne anerkannte Lehramtsprüfung beziehungsweise ohne DDR-Lehrerqualifikation – also sogenannter Seiteneinsteiger. „Diese Kategorie bildet jährlich den Mangel an ausgebildeten Lehrkräften im jeweiligen Bundesland ab“, heißt es in der Mitteilung der GEW Hessen. Bundesweit liegt dieser Anteil über alle Schulformen hinweg bei 12,0 Prozent. In Hessen beträgt er 13,9 Prozent und ist damit der höchste Wert unter den westdeutschen Bundesländern. Noch höhere Anteile finden sich in ostdeutschen Bundesländern, etwa in Brandenburg mit 25,9 Prozent oder in Berlin mit 19,7 Prozent.
„Die Lehrpläne sind teilweise überholt, prall gefüllt mit Inhalten, die wir nie vollständig vermitteln können“
Der Mangel zeigt sich also nicht nur in unbesetzten Stellen, sondern zunehmend darin, wer überhaupt vor der Klasse steht. Was ist mit den von Bildungsministern immer wieder versprochenen multiprofessionellen Teams? Sind nach wie vor Mangelware. „Wir brauchen dringend mehr Kolleginnen mit spezifischer Expertise – Psychologinnen, Sozialpädagoginnen, Sprachförderkräfte –, doch in unserer Institution sind multiprofessionelle Teams eher die Ausnahme“, schreibt eine Lehrkraft aus Nordrhein-Westfalen. Stattdessen verschiebe sich der Arbeitsalltag immer weiter weg vom Unterricht. „Jede Minute für unnötige Dokumentation, die dann nur im Archiv landet, frisst Zeit, die eigentlich in Beziehungsarbeit fließen müsste.“
Auch die Vorgaben geraten unter diesen Bedingungen in den Blick. „Die Lehrpläne sind teilweise überholt, prall gefüllt mit Inhalten, die wir nie vollständig vermitteln können.“ Raum für Projekte oder individuelle Förderung bleibe kaum. Stattdessen dominierten Verwaltungsaufgaben: „Oftmals bleibt keine Zeit für gut geplanten Unterricht, da man z. B. mit der Formulierung und Begründung von Bußgeldverfahren wegen Schulabstinenz beschäftigt ist.“
Die Erfahrungen aus anderen Schulformen bestätigen dieses Bild. Eine Lehrerin an einer Haupt- und Realschule beschreibt ihren Berufsalltag als permanentes Spannungsfeld: „Ich fühle mich oft gefangen, machtlos und hilflos, all den Aufgaben gewachsen zu sein.“ Die Zusammensetzung der Klassen stelle hohe Anforderungen, die personell kaum aufgefangen werden könnten. „Das Ziel, alle mitnehmen zu können, ist kaum erreichbar, und ich frage mich manchmal, kann es das überhaupt?“
Der Unterricht ist mit den vorhandenen Ressourcen nicht zu bewältigen. „Denn wie soll ein Lehrer mit einer Klasse von 25 und mehr Kindern und selbst mit nur 16 Kindern alleine all diesen Herausforderungen gerecht werden? Es ist unmöglich!“ Differenzierung auf mehreren Niveaus sei Standard, zusätzliche Unterstützung aber bleibe aus. „In der Regel kämpfe ich allein im Klassenraum.“
Die Schilderung macht die Gleichzeitigkeit der Anforderungen sichtbar: Während einzelne Kinder bereits weit fortgeschritten sind, benötigen andere grundlegende Unterstützung. „Kind 3 ist müde, weil zu Hause wieder viel Geschrei war, und Kind 4 und 5 verstehen aufgrund ihrer Sprache oder ihrer Lernschwäche immer noch nicht, wie sie die Aufgaben bearbeiten können.“ Innerhalb weniger Minuten müssten mehrere unterschiedliche Bedürfnisse gleichzeitig aufgefangen werden – ohne zusätzliche personelle Ressourcen.
Besonders deutlich wird die strukturelle Überforderung am Beispiel der Inklusion. „Wie kann man ein Konzept starten, das grundsätzlich mehr als wichtig und gut ist, ohne ausreichend Personal dafür vorzusehen?“ Die wenigen zur Verfügung stehenden Stunden würden der Realität nicht gerecht. „Wertvolle Stunden, die als Tropfen auf den heißen Stein oft verpuffen.“
„Datenerhebungen, Anträge, Verteilpläne, Digitalisierungsrichtlinien, Sicherheitskonzepte. Immer komplexer, immer technokratischer“
Die Perspektive der Schulleitung zeigt, wie sich diese Situation auf die gesamte Organisation von Schule auswirkt. Eine ehemalige Leiterin einer Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen, einer Brennpunktschule, beschreibt ihren Arbeitsalltag als kaum planbar. „Man plant ihn mit klarem Kopf, gutem Willen und einem vollen Kalender – doch kaum hat die erste Stunde begonnen, bricht die Realität herein.“ Personalausfälle, Konflikte, organisatorische Anforderungen – alles müsse gleichzeitig bewältigt werden.
Dabei verschärfen sich soziale Ungleichheiten. „Gerade an diesen Schulen gibt es zu wenige Lehrer*innen.“ Unterricht werde unter diesen Bedingungen teilweise zur „Verwahrung“. Gleichzeitig nehme der administrative Druck zu. „Datenerhebungen, Anträge, Verteilpläne, Digitalisierungsrichtlinien, Sicherheitskonzepte. Immer komplexer, immer technokratischer – und immer weniger Zeit bleibt für das, was wir eigentlich tun wollen: Bildung gestalten.“
Die Belastung erreicht dabei nicht nur Lehrkräfte, sondern das gesamte System. In manchen Schulen sei das soziale Klima so angespannt, dass zusätzliche Maßnahmen notwendig seien. „Der Widerstand ist so groß, dass Security-Kräfte eingestellt werden müssen.“ Die Ursachen sieht die Schulleiterin nicht bei den Schülern allein, sondern – eben – in den strukturellen Bedingungen.
Auch im Grundschulbereich führt der Personalmangel zu direkten Einschnitten in den Unterricht. Eine Lehrerin aus Berlin berichtet: „Du musst heute zwei Klassen gleichzeitig unterrichten. Am besten gehst du mit denen in die Turnhalle.“ Unterricht werde in solchen Situationen zur Aufsicht. „Wenn diese Stunde dann rum ist, dann mache ich drei Kreuze, dass sich keiner verletzt hat.“ Inhaltliches Lernen trete in den Hintergrund.
Förderangebote brechen weg, obwohl der Bedarf steigt. Eine Beratungslehrerin beschreibt die Konsequenzen so: „Resultat: Getestet, für förderbedürftig befunden, aber leider, leider können wir GAR NICHTS anbieten, vorschlagen, helfen.“ Diagnostik führe nicht mehr automatisch zu Unterstützung, weil die entsprechenden Ressourcen fehlten.
Gleichzeitig steigt die Belastung der Lehrkräfte selbst. Eine Lehrerin aus Thüringen beschreibt ihren Arbeitsalltag mit konkreten Zahlen: „Allein für die Unterrichtsvorbereitung wende ich wöchentlich etwa 28 Stunden auf – damit ergibt sich eine Arbeitszeit von mindestens 56 Stunden, ohne administrative Aufgaben, Elterngespräche oder Dokumentationspflichten einzurechnen.“ Die Grenzen der Belastbarkeit seien längst erreicht. „Viele Lehrkräfte sind psychisch und physisch erschöpft.“
Auch die materielle Ausstattung wird zum Thema. Lehrkräfte finanzierten Unterrichtsmaterialien teilweise selbst, Gebäude seien sanierungsbedürftig. Gleichzeitig nehme der Krankenstand zu, und immer mehr Kolleginnen und Kollegen verließen den Beruf. Der Personalmangel verstärke sich damit selbst.
„Ich habe oft das Gefühl, den Kindern nicht gerecht zu werden“
Am Gymnasium zeigt sich eine andere Facette des Problems. Eine Lehrerin beschreibt die Verschiebung ihrer Tätigkeit: „Ich bin mit der Idee an die Schule gekommen, Kindern etwas beizubringen. Mittlerweile besteht 1/3 aus Unterrichtsvorbereitung, oft bis spät in die Nacht, 2/3 für alle Organisationen.“ Die eigentliche pädagogische Arbeit werde von organisatorischen Aufgaben überlagert. Die ständige Erreichbarkeit verstärke diesen Eindruck. Digitale Systeme, die eigentlich entlasten sollten, führten teilweise zu zusätzlichen Belastungen. Gleichzeitig fehle es an grundlegender Infrastruktur. Der Schulalltag werde so von Widersprüchen geprägt.
Auch junge Lehrkräfte erleben diesen Einstieg als Bruch zwischen Anspruch und Realität. „Der Lehrkräftemangel ist überall spürbar – und wir, die da sind, sollen das irgendwie ausgleichen“, schreibt eine Berufseinsteigerin. Die Vielzahl der Aufgaben wachse kontinuierlich. „Ich habe oft das Gefühl, den Kindern nicht gerecht zu werden.“
Eine Berliner Grundschullehrerin beschreibt die Situation so: „Es ist an der Tagesordnung, dass wir Lehrkräfte zwei Klassen gleichzeitig (in unterschiedlichen Räumen!) zu beschulen haben, Förderstunden fallen fast ausnahmslos aus.“ Gleichzeitig seien auch Jugendämter und Unterstützungsangebote überlastet. „Beratungstermine […] können oft erst nach Monaten stattfinden.“
Die Folgen reichen über die Schule hinaus. Wenn Unterstützungssysteme nicht greifen, verschiebt sich die Verantwortung weiter in die Schulen hinein. Lehrkräfte übernehmen Aufgaben, für die sie weder ausgebildet noch zeitlich ausgestattet sind. Der Lehrkräftemangel verstärkt damit bestehende strukturelle Defizite.
Die Berichte aus dem „Krisenbuch Schule“ zeigen, wie sich der Mangel konkret auswirkt: in Unterrichtsausfall, in gekürzter Förderung, in wachsender Belastung und in einem Alltag, der zunehmend von Improvisation geprägt ist. So konkretisiert sich ein Bild, in dem der Lehrkräftemangel nicht mehr nur eine Frage der Personalplanung ist, sondern die Funktionsfähigkeit des Systems insgesamt betrifft. „Wir brauchen sofort mehr qualifiziertes Personal, echte multiprofessionelle Teams, moderne Lehrpläne und vor allem Bürokratieabbau“, schreibt die Lehrkraft aus Nordrhein-Westfalen. „Gebt uns den Freiraum, zum Beispiel um mehr Beziehungsarbeit zu leisten!“ News4teachers
Hier lässt sich das „Krisenbuch Schule“ herunterladen.
Lehrermangel weitet sich aus – Schulministerium ordnet Lehrkräfte verstärkt ab









Wo gibt es Lehrermangel? In RLP läuft nach Aussagen unseres Schulrats alles super. Immer mehr Lehramtsstudenten, die man als PES Kräfte einstellen kann… Verbeamten muss man trotz 1er Schnitt nicht mehr und A13 ist für uns Grundschullehrer auch noch in weiter Ferne.
Die Realität sehen wir leider täglich im Klassenraum. Ich bin nach mehr als 27 Jahren Dienst im Überlebensmodus angekommen. Ich denke jetzt immer zuerst an mich.