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Umfrage: 79 Prozent der Lehrer sehen Verschlechterung der Handschrift

BERLIN. Die Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland sehen immer häufiger, dass Schülerinnen und Schüler Probleme mit dem Handschreiben haben. Dies geht aus einer Umfrage hervor, die der Deutsche Lehrerverband (DL) gemeinsam mit dem Schreibmotorik Institut, Heroldsberg, durchgeführt hat. Danach meinen vier Fünftel (79 Prozent) der an der Erhebung beteiligten Lehrerinnen und Lehrer an weiterführenden Schulen, die Handschrift ihrer Schülerinnen und Schüler habe sich im Schnitt verschlechtert.

Sogar 83 Prozent der befragten Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer gaben an, dass sich die Kompetenzen, die Schüler als Voraussetzung für die Entwicklung der Handschrift mitbringen, in den vergangenen Jahren verschlechtert haben. Nach Einschätzung der an der Umfrage beteiligten Lehrkräfte haben die Hälfte der Jungen (51 Prozent) und ein Drittel der Mädchen (31 Prozent) Probleme mit der Handschrift.

Immer mehr Schüler haben offenbar Probleme mit dem Handschreiben. Foto: dotmatchbox / flickr (CC BY-SA 2.0)

Immer mehr Schüler haben offenbar Probleme mit dem Handschreiben. Foto: dotmatchbox / flickr (CC BY-SA 2.0)

DL-Präsident Josef Kraus forderte die Kultusminister der Länder auf, das Thema Handschreiben verstärkt in den Blick zu nehmen „Wir benötigen mehr Förderung der Grob- und Feinmotorik schon in den Kindertagesstätten und dann in den Grundschulen.“ Die Erzieherinnen und die Grundschullehrkräfte benötigten dafür angesichts der wachsenden Herausforderungen mehr Unterstützung. Zugleich kritisierte Kraus: „Die zunehmenden Probleme vieler Schüler mit der Schreibschrift muss sich auch eine Schulpolitik ankreiden lassen, die dem Schreiben und insgesamt der sprachlichen Bildung immer weniger Bedeutung beimisst.“ Als Beispiel nannte Kraus den reduzierten Grundwortschatz, die Arbeit mit Lückentexten und Multiple-Choice-Tests sowie die Flut an Kopien, die sich tagtäglich über die Schüler ergießt. Kraus betonte, dass es tendenziell einen Zusammenhang zwischen Lernleistung von Schülern und der Güte ihrer Handschrift gebe. „Wer gut und versiert schreibt, der prägt sich Geschriebenes besser und konzentrierter ein, er ist intensiver bei der Sache, er schreibt bewusster, setzt sich intensiver mit dem Inhalt und dem Gehalt des Geschriebenen auseinander“, erklärte Kraus.

Der Schreibmotorikforscher Dr. Christian Marquardt, wissenschaftlicher Beirat des Schreibmotorik Instituts, erläuterte mit Blick auf die eindeutigen Ergebnisse der Umfrage: „Wir sehen vermehrt Probleme bei den motorischen Grundkompetenzen der Kinder. Aber auch Probleme, wenn es später darum geht, schneller und flüssiger zu schreiben. Schreibenlernen ist in erster Linie Bewegungslernen, und hier brauchen viele Kinder mehr Unterstützung.” Und er erläutert: „die Studien und wissenschaftlichen Erkenntnisse des Schreibmotorik Instituts weisen darauf hin, dass Kinder durch gutes Motoriktraining schneller und besser schreiben. Daher plädieren wir aus wissenschaftlicher Sicht dafür, gemeinsam mit der Pädagogik neue Methoden für den Schreibunterricht in Schulen zu entwickeln – zum Vorteil für Kinder und Lehrkräften.“

Wie gravierend sind die Probleme mit dem Handschreiben in der Schule? Und was lässt sich dagegen tun? Um diese Fragen zu klären, hatte der Deutsche Lehrerverband (DL) gemeinsam mit dem Schreibmotorik Institut, Heroldsberg, die Umfrage gestartet. Sie wurde zwischen Dezember 2014 und März 2015 online durchgeführt. Dabei wurden Lehrkräften aus Grundschulen und aus weiterführenden Schulen getrennte Fragebögen vorgelegt. An der Umfrage haben sich insgesamt mehr als 2.000 Lehrerinnen und Lehrer aus ganz Deutschland beteiligt. Die Umfrage ist die erste ihrer Art in Deutschland; erstmals lassen sich damit qualifizierte Aussagen zur Entwicklung der Handschrift von Schülern treffen.

Die Ergebnisse im Einzelnen:
• Das Problem der schlechten Schrift wird in der weiterführenden Schule sehr deutlich. Sind in der Grundschule noch 58 Prozent der befragten Lehrer mit der Entwicklung der Handschrift ihrer Schüler „sehr zufrieden“, „zufrieden“ oder nennen sie „befriedigend“, so sind dies in der weiterführenden Schule nur noch 22 Prozent.
• Und ein Großteil der Schülerinnen und Schüler leidet darunter: Mehr als die Hälfte der befragten Lehrerinnen und Lehrer an weiterführenden Schulen beobachten gerade mal bei höchstens 38 Prozent ihrer Schülerinnen und Schüler, dass diese 30 Minuten oder länger beschwerdefrei schreiben können.
• Es geht dabei auch um Bildungschancen: Nur die wenigsten befragten Lehrer (0,7 Prozent an weiterführenden Schulen, 1,4 Prozent an Grundschulen) sehen keinen Zusammenhang zwischen der Handschrift eines Schülers und seinen schulischen Leistungen.
• Die häufigsten genannten Ursachen aus Lehrersicht sind in der Grundschule: „Schlechte Feinmotorik“ (84 Prozent), „Zu wenig Übung zu Hause“ (61 Prozent) und „Fortschreitende Digitalisierung der Kommunikation“ (53 Prozent). In der weiterführenden Schule: „Wenig Interesse der Schüler an handschriftlichem Schreiben“ (69 Prozent), „Fortschreitende Digitalisierung der Kommunikation“ (69 Prozent) und „Zu wenig Übung zu Hause“ (65 Prozent). Dabei waren Mehrfachnennungen möglich.
• Die Schreibmotorik hat sich im Durchschnitt in den vergangenen Jahren verschlechtert, meinen schulformübergreifend 87 Prozent der befragten Lehrkräfte.
• Als Gegenmaßnahmen fordern jeweils drei Viertel (74 Prozent) der befragten Grundschullehrkräfte ein „Spezielles motorisches Schreibtraining“ sowie „Mehr Zeit zur Förderung im Unterricht“. An den weiterführenden Schulen sind dies 61 Prozent bzw. 67 Prozent.
• „Handschreiben lernen ist wichtig“ oder sogar „sehr wichtig“ – dies meinen 98 Prozent der befragten Lehrerinnen und Lehrer.

Hier geht es zu den detaillierten Umfrageergebnissen.

8 Kommentare

  1. mehrnachdenken

    Alles gut und richtig. Die Lehrkräfte konnten sich vier Monate an der Umfrage beteiligen. Am Ende waren es etwas mehr als 2000.
    Diese geringe Anzahl erstaunt mich. Wieso erfuhr die Umfrage so eine geringe Resonanz?
    Fällt den Lehrkräften bezüglich der Handschrift nichts Besonderes auf, und sehen sie deshalb keinen Handlungsbedarf oder hat die Handschrift für sie keinen besonderen Stellenwert mehr?
    Dann wird es nicht mehr lange dauern, bis sie wie in Finnland auch hierzulande abgeschafft wird.

    • Ich denke, die geringe Resonanz resultiert daraus, dass die Umfrage zu wenig publik gemacht wurde. Ich bin nur durch Zufall über 4teachers darauf gestoßen.

  2. Die Umfrage war publik, sie tauchte in verschiedenen online-Medien auf, immer im Zusammenhang mit Artikeln, die schon in Überschrift und Text darauf verwiesen, dass die Handschrift schlecht sei.
    Innerhalb der Umfrage gab es dann die o.g. Kriterien zum Ankreuzen (Nach dem Motto: links oder rechts? geradeaus wurde nicht angeboten) Aus den letzten Umfragen auf 4teachers und den Diskussionen im Forum ist bekannt, dass Lehrkräfte Umfragen abbrechen, die ihnen nicht objektiv genug erscheinen.
    Man konnte auch als Privatperson teilnehmen und auch eine mehrfache Beantwortung der Fragen war möglich.

  3. Statt dass Sie mal froh sind, dass ein Lehrerverband sich mal für Inhalte interessiert (und nicht nur für Tarifverhandlungen oder Strukturdebatten) – und die Lehrer mal zur Abwechslung zu ihren Erfahrungen befragt! -, gibt’s von Ihnen nur Gemecker und Gemotze. Die Umfrage bot Teilnehmern natürlich auch die Möglichkeit festzustellen, dass es aus ihrer Sicht keine Probleme mit dem Handschreiben gibt. Und natürlich gab es im Vorfeld die Vermutung, dass es Probleme mit der Handschrift gibt – sonst hätte man ja eine solch aufwendige Aktion gar nicht machen brauchen. Aber mal ernsthaft gefragt: Zweifelt hier jemand an der Aussage, dass sich die Schreibfähigkeiten der Schüler verschlechtert haben? Oder an der Forderung, dass mehr Zeit für die Förderung in den Kitas und GS nötig ist? Ich nicht.

    • Ich zweifle auch nicht daran.

    • mehrnachdenken

      Wow, diesese Aussage von Ihnen überrascht mich positiv.
      Immerhin handelt es sich nach Meinung nicht weniger Zeitgenossen beim DL um einen “stockkonservativen Verein”. Dagegen stehe die GEW angeblich für Bildungsfortschritt und -gerechtigkeit.

      Damit kein falscher Eindruck entsteht, ich stimme Ihnen ja voll zu und möchte bezogen auf die GEW hinzufügen, dass ich gerade SIE für die Verflachung in der Bildung und der immer weiter um sich greifenden Erleichterungspädagogik mit verantwortlich mache.

      Darum freut mich, dass die Umfrage so eine Resonanz in den Medien erhält.

  4. Die Generation der heutigen Senioren übte “Schönschrift” oder besser gesagt, sie wiederholten und festigten das Gelernte. Ich habe in der Erwachsenenbildung Unmengen aus Fachbüchern an die Tafel geschrieben; die Teilnehmer schrieben ab. Mindestens die s.g. visuellen Typen hatten hiervon einen großen Vorteil im Erlernen. Der Stoff ließ sich besser merken.
    Heute bekommen die Lehrgangteilnehmer das gesammte aufbereitete Lehrmaterial in einem armdicken Ordner. Engagierte Teilnehmer machen sich noch Notizen, aber der Rest……? Erleichterungspädagogik – nur nicht den Lernenden überfordern!
    Und wir wundern uns über Schulabgänger mit einer miserablen Handschrift.
    Digitalisierte Welt und Schreibschrift schießen sich doch nicht gegenseitig aus. Die Abschaffung währe ein herber Verlust der persönlichen Identität und sehr kurzsichtig gedacht.

  5. Josef Kraus fordert, dass Grundschulen in Zukunft frei von digitalen Inhalten sein sollen – da #Waldorfschulen das schon immer so handhaben, könnte sich hier (mal wieder) an Beispiel an ihnen genommen werden: http://www.waldorfschule.de/waldorfpaedagogik/medienmuendigkeit-an-waldorfschulen/

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