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„Das Verhältnis zwischen Eltern und Lehrern ist schwieriger geworden“: Elternrats-Vorsitzender Töpler im News4teachers-Interview

BERLIN. Michael Töpler ist als Vorsitzender des Bundeselternrates so etwas wie der oberste Elternvertreter Deutschlands. Im Interview mit News4teachers spricht er über Kommunikationsprobleme zwischen Schule und Elternhaus, über die zunehmenden Probleme beim Handschreiben – sowie über die pädagogischen Großthemen Inklusion und Integration.

Der Bundeselternratsvorsitzende Michael Töpler regt gemeinsame Fortbildungen von Lehrern und Eltern an. Foto: Bundeselternrat / Alexander Baumbach, www.WeddingSniper.de

Der Bundeselternratsvorsitzende Michael Töpler regt gemeinsame Fortbildungen von Lehrern und Eltern an. Foto: Bundeselternrat / Alexander Baumbach, www.WeddingSniper.de

News4teachers: Die Bundesländer haben grob geschätzt bislang rund 7.000 Lehrerstellen geschaffen, um schätzungsweise 300.000 Flüchtlingskinder allein in diesem Jahr einzugliedern – reicht das Ihrer Meinung nach aus? Was muss geschehen, damit die Schulen die Herausforderung bestehen können?

Töpler: Die Herausforderungen an die Schule mit der Aufnahme von Flüchtlingskindern sind nicht allein über die Einstellung zusätzlicher Lehrkräfte zu bewältigen. Vielmehr braucht es dringend eine fundamentale Weiterentwicklung der Unterstützungssysteme für die Schule. Vorrangig sind hier die Bausteine „Schulsozialarbeit“, „Schulpsychologie“ und die „Schulbegleitung“ zu nennen, ebenso braucht es zusätzliche Kräfte im Bereich „Deutsch als Fremdsprache“. Neben einem länderübergreifenden pädagogischen Konzept (erarbeitet durch die Kultusministerkonferenz) ist hier auch der Bund in seiner Mitverantwortung gefragt! Das schon lange vom Bundeselternrat geforderte Bundesprogramm für Schulsozialarbeit sowie das aktuell debattierte Bundesteilhabegesetz wären hier mögliche Stellschrauben, den Betrieb der allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen auch für Flüchtlingskinder zu öffnen, ohne die Schulen zu überlasten. Es gilt sicherzustellen, dass Flüchtlingskinder ein Recht auf Bildung haben, auch wenn ihr Status noch nicht geklärt ist.

Die pädagogische Übergabe und die Nachbetreuung aus den sogenannten „Sprachen-/Willkommensklassen“ zu den allgemeinbildenden Schulen ist noch nicht gut gelöst. Flüchtlingsklassen sollten die Ausnahme sein und den Übergang in das Regelsystem so schnell wie möglich gewährleisten. Im Rahmen der gesetzlich verankerten Inklusion sollte jedes Kind und jeder Jugendliche unabhängig von seiner Herkunft in die Lage versetzt werden, eine Regelschule zu besuchen. Im Zusammenhang mit der großen Zahl der Flüchtlingskinder wird die Frage nach dem demographischen Wandel und seiner Auswirkung auf das Schulsystem unter einem ganz neuen Blickwinkel zu betrachten sein. Flüchtlingskinder im Regelschulsystem sind nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Chance für die Weiterentwicklung des Schulsystems in Deutschland. Über die Schulzeit hinaus gedacht muss geklärt werden, ob junge Erwachsene in der Berufsausbildung für die Dauer der Ausbildung ein Bleiberecht bekommen- sonst stellt kaum ein Arbeitgeber einen Ausbildungsplatz zur Verfügung.

News4teachers: Vor einigen Monaten hat eine Schülerin einen Tweet abgesetzt und darin beklagt, dass sie zwar Gedichte in vier Sprachen analysieren könne, aber von Versicherungen keine Ahnung habe. Seitdem tobt ein Streit um die schulischen Inhalte? Ist das, was unseren Kindern vermittelt wird, noch zeitgemäß?

Töpler: Die Frage ist sehr interessant. Es kommt darauf an, welches Ziel mit der Schule erreicht werden soll. Gedichte zum Beispiel braucht man im späteren Beruf nicht, könnte man meinen – aber Moment. Wenn ich mich mit Deutsch später beruflich beschäftigen will, ob als Lehrer oder Redakteur, dann sind Kenntnisse über Gedichte später doch womöglich hilfreich. Andersherum: In der aktuellen Diskussion wird ja stark auf das Gymnasium fokussiert, und die Frage gestellt, ob dort auch Versicherungen oder Kreditverträge thematisiert werden sollen. Warum eigentlich nicht? So lassen sich doch auch im Mathe-Unterricht die zugrundeliegenden Rechnungen aufgreifen. Es geht also im Kern nicht darum, den Schülern mehr Spezialwissen aufzutischen. Es geht um einen stärkeren Praxisbezug.

News4teachers: Also weg mit Humboldt?

Töpler: Es wird immer so getan, als stünde berufliche Bildung im Widerspruch zu humanistischer Bildung. Aber hier wie dort geht es ganz wesentlich darum, die Persönlichkeit der Kinder und Jugendlichen zu entwickeln. Teamfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Selbstreflexion – das sind doch alles Kompetenzen, die im Berufsleben erforderlich sind, und die in der humanistischen Bildung angestrebt werden. Andererseits ist die Schule ja nicht nur dafür da, künftige Rentenzahler zu produzieren. Auch die Vermittlung von Werten ist wichtig. So müssen wir unsere Kinder ja auch für die Demokratie erziehen.

News4teachers: Bundesbildungsministerin Wanka hat ein Fach Alltagswissen vorgeschlagen. Was halten sie von der Idee?

Töpler: Nicht sehr viel. Was sollte denn darin alles unterrichtet werden? Zähneputzen? Autofahren? Mir scheint die Palette der möglichen Themen zu breit zu sein, um sie in einem einzigen Fach abzudecken. Dazu kommt: In den meisten Familien wird Alltagswissen ja vermittelt. Es mag Fälle geben, in denen das nicht passiert – das sind aber weit weniger, als mitunter behauptet wird. Und darunter sind dann Kinder von Eltern, die sich gar nicht kümmern, genauso vertreten wie überbehütete Kinder von sogenannten Helikopter-Eltern. Welche Alltagskompetenz hat ein Kind, das noch nie allein zur Schule gekommen ist? Mir läge ein anderer Ansatz näher: nämlich mit Eltern ins Gespräch zu kommen.

News4teachers: Fortbildungen für Eltern in der Schule?

Töpler: Fortbildungen für Eltern und Lehrkräfte gemeinsam. Wir haben ja in vielen Fragen ein gemeinsames Interesse. Welche Kompetenzen brauchen die Kinder? Wie ist die Arbeitsteilung bei der Vermittlung? Wer ist für was verantwortlich? Das sind entscheidende Fragen, auf die sich Antworten sinnvoll nur gemeinsam finden lassen. Eltern sind in Erziehungsfragen ja oft verunsichert. Dass sich Erziehungsratgeber so gut verkaufen, deutet auf ein starkes Informationsbedürfnis hin. Andererseits stehen auch die Lehrer häufig hilflos vor Problemen mit den Kindern. Hier wäre ein stärkerer Austausch wünschenswert, und zwar auf einer Ebene – also auf Augenhöhe.

News4teachers: Wie steht’s grundsätzlich um das Verhältnis zwischen Lehrern und Eltern?

Töpler: Ich glaube schon, dass es in den letzten Jahren etwas schwieriger geworden ist. Es gibt Unsicherheiten auf beiden Seiten. Lehrkräfte sehen sich enormen Herausforderungen gegenüber und fühlen sich dafür oft genug nicht genug wertgeschätzt. Und Eltern verstehen nicht immer, was in der Schule passiert. Eltern orientieren sich an dem, was sie kennen. Neuerungen stehen sie oft skeptisch gegenüber. Dazu kommen Ängste, die mit der Globalisierung zusammenhängen: Können unsere Kinder beispielsweise später den Wettbewerb mit Koreanern bestehen, die angeblich 20 Stunden am Tag lernen? Früher war sicher: Wer studiert, wer eine gute Bildungskarriere macht, bekommt auch einen guten Arbeitsplatz. Heute erscheint gar nichts mehr sicher. In der Zusammenarbeit von Lehrkräften und Eltern liegen allerdings große Potenziale, die wir alle im Interesse der Kinder und Jugendlichen nutzen sollten.

News4teachers: Wie sieht es bei den digitalen Medien aus? Leisten Schulen Ihrer Meinung nach hier genug, um die Schüler zukunftsfähig zu machen? Ist, wie die SPD fordert, ein Pflichtfach Informatik notwendig?

Töpler: Auch das sehe ich eher als Querschnittsthema. Es ist wichtig, Schülern eine grundsätzlich kritische Haltung gegenüber Informationen aus dem Netz zu vermitteln. Wie entsteht eine Internetseite? Was passiert im Hintergrund bei Wikipedia? Wie kommt die glatte Haut von den Models auf den Hochglanzfotos zustande? Schüler, die einmal selbst eine Internetseite gebaut haben, die selbst einen Beitrag auf Wikipedia bearbeitet oder mit Fotoshop gearbeitet haben, wissen das. Es geht um Medienkompetenz. Medienkompetenz ist die Fähigkeit, Medien den eigenen Bedürfnissen und Zwecken entsprechend zu nutzen, sowie der verantwortungsvolle Umgang mit ihnen. Generell besteht Medienkompetenz aus Mediengestaltung, Medienkunde, Mediennutzung und Medienkritik. Das lässt sich meines Erachtens aber kaum in nur einem Fach verorten.

News4teachers: Müssen die Schulen dafür nicht viel besser technisch ausgestattet werden?

Töpler: Erstmal müssen die Lehrer kompetent gemacht werden. Der Schule nützt die schönste Ausstattung mit Laptops wenig, wenn die im Unterricht dann nur von einem oder zwei Lehrern genutzt wird.

News4teachers: Eine Umfrage unter Lehrern ergab unlängst, dass je nach Schulform zwischen 80 und 90 Prozent feststellen, dass die Schüler zunehmend Probleme beim Handschreiben haben. Brauchen wir im Zeitalter der Tastatur überhaupt noch das Handschreiben?

Töpler: Handschreiben ist für mich unverzichtbar. Die Handschrift ist ein Ausdruck von Individualität, von Persönlichkeit. Die sollten unsere Kinder auch hier entwickeln dürfen. Die dafür notwendige Feinmotorik brauchen Menschen ja auch nicht nur zum Schreiben. Ich möchte nicht wissen, wie Handwerker oder Chirurgen später arbeiten, wenn sie als Kinder niemals ihre Fingerfertigkeit trainiert haben. Was passiert, wenn darauf in der Schule nicht mehr so viel Wert gelegt wird, erleben wir ja bei der Rechtschreibung. Die verkümmert, weil viele offenbar meinen, wir haben ja die Word Korrekturfunktion. Wie sollen‘s die Kinder denn auch lernen? Selbst einige Deutschlehrer nehmen es ja nicht mehr so genau.

News4teachers: Ein weiteres bildungspolitisches Großthema ist die Inklusion. Lehrer klagen massiv über eine unzureichende Personalausstattung – zu Recht?

Töpler: Dass es Probleme geben würde, war absehbar. 2009 wurde die UN-Behindertenrechtskonvention vom Bundestag ratifiziert, aber offenbar war vielen lange nicht klar, was das heißt: nämlich ein komplett anderes Schulsystem einzuführen. Inklusion bedeutet, dass alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden – so zumindest ist das Ideal. Doch davon sind wir weit entfernt.

Wir müssen in der Tat eine Ressourcendebatte führen. Das Bildungssystem war auch vor der Debatte um Inklusion schon unterfinanziert. Viele Probleme werden jetzt besonders deutlich. Wenn Schüler mit besonderen Förderbedarfen in Klassen mit 25 oder sogar 30 Kindern eingegliedert werden sollen, wenn es keine Doppelbesetzungen in den Klassen gibt, wenn zu wenige Sonderpädagogen in den Regelschulen sind, dann wird es schwierig, in ein inklusives Schulsystem umzusteigen. Darüber hinaus geht es auch um Fortbildungen: Lehrer benötigen mehr und andere Kompetenzen, um mit heterogenen Lerngruppen umgehen zu können. Dabei handelt es sich zum großen Teil um allgemeine pädagogische Kompetenzen, dieser Bereich muss im Studium und in der Fortbildung verstärkt werden.

Wir müssen aber auch eine Grundsatzdebatte führen. Wie geht beispielsweise das Gymnasium mit der Inklusion um – öffnet es sich, etwa auch für geistig Behinderte, oder bleibt es dabei außen vor? Wie geht das Gymnasium insgesamt mit zieldifferentem Unterricht um? Das gilt es zu klären. Wichtig ist mir, dass wir im Zuge der Inklusion den Unterricht für alle Schüler verbessern und dabei auch das soziale Lernen stärken.

News4teachers: Benötigen wir weiterhin eine Parallelstruktur aus Regel- und Förderschulen, damit Eltern die Wahl haben?

Töpler: Wir brauchen eine Parallelstruktur, aber nur in wenigen ausgesuchten Fällen. Für manche Kinder mit besonderen Behinderungen, etwa in den Bereichen Sehen und Hören, mag eine Förderschule richtig sein. Allerdings besteht dabei immer die Gefahr, dass sich das System den Bedarf selbst schafft – und sich die Schüler, die es braucht, rekrutiert. Dann werden Kinder für die Schule gesucht, und nicht die passende Schule für das Kind. Ich bin deshalb etwas vorsichtig, was die Forderung nach einer Parallelstruktur betrifft. Auch Elternwünsche gehen manchmal in die falsche Richtung. Aber ich möchte das nicht ideologisch begründen. Es muss immer um das einzelne Kind gehen. Dabei steht das Bildungsziel ein möglichst selbständiges und selbstbestimmtes Leben zu führen im Vordergrund.

Hintergrund: Michael Töpler ist studierter Philosoph, Vater einer Tochter und Hausmann. Seit der Kindergartenzeit seiner Tochter engagiert sich der heute 40-Jährige in der Elternmitwirkung. Über die Mitarbeit in der Pflegschaft der Grundschule kam er zur Landeselternschaft der Grundschulen NRW, und von dort zum Bundeselternrat, wo er zunächst zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden und im vergangenen Jahr zum Vorsitzenden gewählt wurde. Töpler versteht den Bundeselternrat als „Lobby für die Interessen der Kinder, vertreten durch die Eltern“.

Ein Kommentar

  1. Lieber Herr Töpler, aus meiner Sicht gibt es keinen Grund, weshalb sehbehinderte oder taube Kinder eine Regelschule _nicht_ besuchen können sollen. Ein Dolmetscher und das Ansehen des tauben Kindes reichen aus. Die geistig behinderten und besonders die erziehungsschwierigen machen eine heterogene Klasse noch viel heterogener und damit schwieriger. Gerade diese brauchen einen geschützten Raum, in denen sie den Anfeindungen pubertierender nicht-behinderter Schüler nicht ausgesetzt sind bzw. keine Gefahr für sich, die Mitschüler, den Lehrer und den Ablauf des Unterrichtes sind. Die individuelle Betreuung z.B. durch Doppelbesetzung wird kaum durchgeführt werden können.

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